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Full text of "Marginalien und Regisiter zu Kants Kritik der reinen Vernunft"

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^ 



Harjinalien und Rejisler 



ZU 



Kants Kritik der reinen Ternunft 

von 

George Samuel Albert Mellin, 

zweitem Frediger der deutschreformierten Gemeine zu Magdeburg. 

ZüUichau 1794. 



Neuherausgegeben und mit einer Begleitschrift 

Zar Wflrdipn^ der Kritik der reinen Vernunft 

versehen von 

Dr. Ludwig Qoldschmidf^ 

mathematischem Beyisor der Lebensversieherangsbank f. D. in Grotha. 




Gotha. 

E. F. TlLienemann. 
1900. 



Vorwort des Herausgebers. 



Die Neuherausgabe der ,,Marginalien und Re- 
gister zu Kants Kritik der reinen Vernunft" 
von G. S. A. Meilin bedarf kaum des begründenden 
Wortes. In dem lebhaften Kampfe um das Erbe des 
Königsberger Philosophen kann die treue und fleifsige 
Arbeit des bescheidenen Magdeburger Predigers in 
mancher Hinsicht für den Erblasser zeugen. Mit 
unwiderstehlicher Gewifsheit lehrt Immanuel Kant, 
dafs der Streit um die metaphysischen Objekte 
so sinnlos ist, wie das Verlangen, von ihnen Be- 
stimmtes zu erkennen. Sein fleifsigster Schüler 
flihrt uns durch sein schlichtes Büchlein zu Gemüte: 
Die ob ihrer Dunkelheit vielbeschrieene Vemunftkritik 
ist so verständlich wie die eigene Vernunft. Man muf» 
nur die an den entschlossenen Leser gestellten Voraus- 
setzungen zu erfüllen gewillt und gegen die „herku- 
lische Arbeit des Selbsterkenntnisses der Vernunft*' 
gerecht sein. Das transscendentale wie das transscen- 
dcDte „Objekt" kann in keiner menschlichen Er- 
fahrung gegeben, es kann also auch durch keinen 
menschlich eingeschränkten Verstand erkannt und be- 
stimmt werden. Es ist nur ein vermeintliches Obj ekt. 
Seltsamer noch als jener durch eine immerhin natür- 
liche Täuschung hervorgerufene Streit ist der schier 
endlose Kampf um einen Gegenstand, der wie die 
Kantische Kritik in unverrückbarer Bestimmtheit vor 
unseren Augen gegeben und an derselben Vernunft, 

96173 



M3^ 



Vorwort des Herausgebers. 



Die Neuherausgabe der „Marginalien und Re- 
gister zu Kants Kritik der reinen Vernunft" 
von G. 8. A. Meli in bedarf kaum des begründenden 
Wortes. In dem lebhaften Kampfe um das Erbe des 
Königsberger Philosophen kann die treue und fleifsige 
Arbeit des bescheidenen Magdebm*ger Predigers in 
mancher Hinsicht flir den Erblasser zeugen. Mit 
unwiderstehlicher Gewifsheit lehrt Immanuel Kant, 
dafs der Streit um die metaphysischen Objekte 
so sinnlos ist, wie das Verlangen, von ihnen Be- 
stimmtes zu erkennen. Sein fleifsigster Schüler 
führt uns durch sein schlichtes Büchlein zu Gemüte: 
Die ob ihrer Dunkelheit vielbeschrieene Vemunftkritik 
ist so verständlich wie die eigene Vernunft. Man mufs 
nur die an den entschlossenen Leser gestellten Voraus- 
setzungen zu erfüllen gewillt und gegen die „herku- 
lische Arbeit des Selbsterkenntnisses der Vernunft" 
gerecht sein. Das transscendentale wie das transscen- 
dente „Objekt" kann in keiner menschlichen Er- 
fahrung gegeben, es kann also auch durch keinen 
menschlich eingeschränkten Verstand erkannt und be- 
stimmt werden. Es ist nur ein vermeintliches Objekt 
Seltsamer noch als jener durch eine immerhin natür- 
liche Täuschung hervorgerufene Streit ist der schier 
endlose Kampf um einen Gegenstand, der wie die 
Kantische Kritik in unverrückbarer Bestimmtheit vor 
unseren Augen gegeben und an derselben Vernunft, 



— IV — 



die hier beschrieben wird, von jedermann zu kontrol- 
lieren ist Was man nicht versteht, besitzt man nach 
Goethischem Worte nicht. Aber was hält uns zurück, 
mit dem trefflichen Mellin jene Arbeit auf die Kritik zu 
verwenden, die der Vorgeschichte des einzig gearteten 
Buches gerecht wird ? Mehr als ein Jahrzehnt war 
das grofsartige Problem erwogen, mit dessen Lösung 
der gewissenhafteste philosophische Forscher der Nach- 
welt eine völlig neue Wissenschaft zu hinterlassen hoffte. 
„Mehr als ein Jahrzehnt" — heute freilich hat unter 
Umständen schon der Student sein Urteil über dies Buch 
fertig. Kant vertraute auf das „unwiderstehliche Gesetz 
der Notwendigkeit", das die „Resultate" eines unwissen- 
schaftlichen Herumtappens , die „papiernen Systeme" 
ebenso wegfegen würde, wie es die Schaumblasen der 
Astrologie und Alchemie beseitigt hatte. Kein Neu- 
ling auf seinem Gebiete, überblickte der bejahrte, in 
metaphysischen Spekulationen wie kein andrer hei- 
mische Königsberger Universitätslehrer die Arbeiten 
scharfsinniger, fttr die höchsten menschlichen Inter- 
essen ehrlich ringender Vorgänger. Seine Zeitgenossen 
vermochten zunächst den an Tiefe unübertroffenen 
Gedanken nicht zu folgen, mit denen der uner- 
schrockene Denker ein scheinbar ewiges Keich des 
Irrtums und der Einbildung in seinem wahren Lichte 
zeigte. Kant wandelt dabei eine völlig neue, auf 
verwildertem Boden angelegte Bahn. Er hat sich 
nicht allein von einer Schule losgerissen, sondern 
die Schulen allesammt werden vor das Gericht der 
ihren freien, vorurteilslosen Blick zurückgewinnenden 
Vernunft gezogen. Vor unseren Augen entwickelt 
der Denker die Genesis aller Probleme der dog- 
matischen Metaphysik ; mit der ganzen Feinheit 
seiner Abstraktionsgabe zeigt er die Versuchungen 
und Täuschungen, in die unser Abstraktionsvermögen 






selbst uns führt. Alle vorkantische, dogmatische Meta- 
physik löst sich hier in der wahren Einsicht auf — 
alle Versuche, in jenseitige Gebiete auszuschweifen, 
müssen schliefslich zur Selbsterkenntnis leiten; sie 
bringen den kritischen Denker notwendig auf die 
Untersuchung, Prüfung und Erkenntnis des Ursprungs 
zurück, in dem sie ihre Wurzeln haben. 

So sicher der Denker seinen Weg gegangen, so 
wandelbar und schwankend erscheinen seine Gedanken 
in der Auffassung und Beleuchtung seiner Anhänger 
und seiner Gegner. Mehr als je stören uns heute die 
durch Generationen fortgepflanzten Vorurteile. Wie ein 
immer mehr sich ausbreitendes Schlinggewächs wuchert 
Mifsverständnis auf Mifsverständnis empor, die wahr- 
haften Gedanken zu ersticken. Es scheint, als ob 
man gar nicht sehen könnte, dafs jeder Gebrauch 
unseres Erkenntnisvermögens und jede Kritik meta- 
physischer Versuche eben die Thatsachen selbst, und 
zwar notwendig, voraussetzt, die Kant in peinlicher 
Gewissenhaftigkeit beschreibt. Man spottet der feinen 
Arbeit und nimmt doch nicht Anstand, selbstgefällig mit 
dem philologischen Seziermesser kleinlichste Anatomie 
an Gedanken zu treiben, die man häufig nicht ver- 
standen hat und auch, so lange man immer noch tastet, 
nicht verstehen kann. Während das Buch noch lebt, 
wird es wie ein toter Körper behandelt. Und doch 
predigt es unvergängliche Wahrheit : Die gutgemeinte 
Hilfe der wissenden Vernunft, den höchsten Interessen 
der nach Idealen ringenden, frei handelnden Mensch- 
heit zugedacht, hat ihre Kräfte verkannt und über- 
schritten. Philosophische Künste haben einer an sich 
guten Sache nicht gedient. Der Zweck heiligt die 
Mittel nicht; menschlicher Scharfsinn und Witz sollen 
sich nicht vermessen, durch vernünftelnden Trug zu 
beglaubigen, was in die Seele eines jeden Menschen 



gelegt ist Der Philosoph weifs von übersinnlichen 
Dingen nicht mehr, als der gemeine Verstand; es ist 
der „Selbsterhaltungstrieb" der wahrhaften, allen 
Zauberkünsten abholden, immer bescheidenen Wissen- 
schaft, der in der Kritik alles vermeintliche Wissen 
mit dem Mafsstabe wahrer Erkenntnis mifst Niemand 
kann die Natur des ünerforschlichen ergründen ; aber 
kein Wissen giebt ein Recht, den Glauben an das 
Walten einer ünerforschlichen Macht zu bestreiten» 
Dieser ewige Gedanke der Menschheit enthält keinen 
Widerspruch; aber wir verfallen unvermeidlich in 
Widersprüche und Zweifel, wenn wir das Uner- 
gründliche erkennen, das Unbegreifliche be- 
greifen wollen. 

Dem Bcheinwissen, das trotz uralter Gegensätze in 
der dogmatischen Metaphysik in schulgemäfser Form 
lehrhaft auftrat, wollte Kant mit der Einsicht in die 
Quelle des Truges wehren. Für alle Forschung sollte 
die Kritik — die zunächst nur der spekulierenden 
Vernunft die Zügel anlegt — einen sicheren, unver- 
fehlbaren Horizont bestimmen. Noch heute aber be- 
gegnen wir Versuchen, die im Gewände der Wissen- 
schaft widersinniger Weise das ünerforschliche zu er- 
gründen vorgeben. Wenn doch die Philosophen einmal 
einsehen wollten, dafs der Mensch in eine Welt eintritt, 
die, wie sie auch immer an sich gegründet sein mag, 
schon da ist; dafs ihm eine Sphäre der Erkenntnis 
zugewiesen und dafs ihm auch die eigene Vernunft 
zu erkennen möglich ist. Für ihren ünerforschlichen 
Ursprung wie für den Bestand der Welt trägt kein 
Sterblicher die Verantwortung. Und doch legt man 
sie sich gewissermafsen auf, wenn man, besorgt um 
die Festigkeit der Welt, dem Räume und der Zeit 
eine absolute Eealität zuspricht. Sie sind nichts, 
wenn es keine Wesen giebt, die in diesen Formen 



: VII -r- 



anzuscbaiien , in ihnen Empfindungen zu ordnen und 
Vorstellungen zu bestimmen, d. h. voneinander zu 
unterscheiden gezwungen sind. Diese Lehre ist so sicher 
wie irgend ein mathematischer Satz ; sie ist bescheiden 
trotz des tyrannischen Anspruchs, mit dem sie sich 
geltend macht. Bedeutet sie doch nur eine kritische 
Erinnerung an die menschliche Eingeschränktheit 
unseres Wissens. Dafs die Welt ohne zwei solche an 
sich seiende Undinge bestehen kann, würde nur den 
befremden können, der verschiedene Welten miteinander 
vergleichen, d. h. mit einer von Eaum und Zeit unab- 
hängigen Vernunft anzuschauen veimöchte. Niemand 
kann ohne Baum und Zeit anschauen, ohne Verstand 
denken. Das giebt kein Eecht, unseren Verstand in 
die Welt an sich zu legen, und kein Recht, eine 
solche unabhängig vom erkennenden Subjekte nur 
gedachte Welt mit Raum und Zeit zu begaben. Nament- 
lich das Fundament der Kantischen Lehre , die in 
Raum und Zeit ursprüngliche, allgemeine, notwendige 
Grundbedingungen unserer Sinnlichkeit und damit 
jeder menschlichen, auf sie notwendig eingeschränkten 
Erkenntnis entdeckt, ist seit dem Erscheinen der Kritik 
tausendmal bekämpft und noch öfters mifsverstanden 
worden. Und doch hat ihr Verfasser unermüdlich 
darauf hingewiesen, dafs diese Lehre so sicher sei, 
wie die menschliche Vernunft selbst. Mit einem 
Schlage befreit diese Einsicht von dem Alp der 
Skepsis; sie hebt zugleich den Schleier, mit dem 
sich die historischen metaphysischen Systeme dem 
Verständnis entziehen. Alle Mifsverständnisse , die 
sich an die Kritik der reinen Vernunft knüpfen, 
haben dennoch ihren Grund in dem Verkennen dieser 
Lehre. Man übersieht geflissentlich oder unbewufst 
den Unterschied, der Kants Idealismus von allen 
früheren Systemen dieses Sektennamens scheidet. 



VIII — 



Alle haben naturgemäfs dieselben Thatsacben und das- 
selbe Ziel, nur eines aber kann die Einsiebt herstellen. 
Es ist kein Zweifel, dafs die Entstehungsgescbiclite des 
langsam ausgereiften Werkes selbst einen Grund ffir die 
Schwierigkeiten enthält, die sich seinem Verständnis ent- 
gegenstellen. Wer so lange wie Kant mit seinen tiefen, 
die ganze Schärfe seiner isolierenden Einbildungskraft 
auf einen Gegenstand richtenden Gedanken allein ist, 
verliert eine rechte Schätzung der Schwierigkeiten, 
die auch dem eigenen Denken zunächst widerstrebt 
haben mögen. Wir vermissen auch die Beispiele — 
und doch sind sie wohlweislich dem Buche femge- 
halten. Kant wandte sich mit seinem Buche an Philo- 
sophen, nicht an den im Gebrauch „abgezogener" 
Begriflfe ungeübten Verstand des gemeinen Mannes* 
Nur zu oft haben die wenigen Illustrationen — die 
Gängelwagen der Urteilskraft — voreiliges Urteil irre- 
geführt ! Man hat das Beiwerk nicht hinwegzublenden, 
den Blick nicht auf die wesentlichen- Punkte einzu- 
stellen vermocht. 

Vor hundert Jahren war das Verstehen der Kritik 
naturgemäfs leichter als heutzutage. Und doch traten 
damals hervorragende Männer, die in der metaphysischen 
Spekulation so heimisch waren, wie wir es nicht mehr 
sind, bescheiden zur Seite und bekannten offen, dafs sie 
dem Königsberger Denker nicht zu folgen vermochten. 
Das giebt zu denken, wenn man heute — während sich 
die Lehrer der Philosophie noch um Kant streiten — 
auch dem Schüler die Beurteilung der Kantischen 
Arbeit an die Hand giebt. Dabei kann keine auf 
Einsicht ruhende philosophische Überzeugung, sondern 
nur die Einbildung eines überlegenen Standpunkts 
und die Aneignung fremder „Ansichten" herauskommen. 
Kann man doch nicht einmal dogmatische, skeptische, 
kritische Philosophie scharf auseinanderhalten. Es ist 



IX 



eine Täuschung, wenn wir hier, geblendet von einem 
eben durch die Vernunftkritik mitbedingten Fortschritt 
auf anderen Gebieten, ein reiferes Urteil unserer Zeit flir 
uns in Anspruch nehmen. In den Fragen der Vemunft- 
kritik hat kein Jahrhundert vor dem anderen, kein Ein- 
zelner vor dem begierigen Schüler früherer Zeiten etwas 
voraus. Sie mafst sich keine Autorität an, sondern 
appelliert an das eigene Verständnis ; sie erwartet vom 
Jjeser eine Resonanz auf Tone, die allezeit dem philo^ 
sophischen Bewufstsein vertraut gewesen sind. Mufste 
man nach verfehltem Wege im 19. Jahrhundert zu 
Kant zurückkehren, so war man inzwischen nicht vor- 
wärts, sondern mit dem Ausbiegen von der geraden, 
neugeebneten Heeresstrafse zurückgegangen. Man kann 
in den Fragen der Vernunftkritik zu immer gröfserer 
Deutlichkeit, zu immer klarerer Einsicht, aber nicht 
zu einem Mehrwissen gelangen. Vor allem aber haben 
wir kein Recht, heute mit überlegener Weisheit dem 
grofsen Denker des vorigen Jahrhunderts gegentiber- 
zutreten. Er war mit seiner gründlichen Arbeit kein 
auf den Beifall der Menge spekulierender Modephilo- 
soph, und er behandelte Probleme, die sich ewig gleich 
bleiben. Sie lassen nur eine Antwort zu oder keine- 
Der philosophische Boden war zu Kants Zeiten besser 
durchpflügt; die Atmosphäre des Kantischen Jahr- 
hunderts hat vor der unserer Zeit wenigstens die 
Klarheit über Wege und Ziele voraus. So hoch er- 
haben die Kritik über die Popularphilosophie seiner 
Zeit sich hinausschwingt, so legt sie doch auch für 
den Geist der Gründlichkeit ihres Jahrhunderts ein 
Zeugnis ab. Mögen wir nicht mit Unrecht über 
die Subtilitäten der Wolfischen Schule spotten; ihre 
Gründlichkeit war schliefslich doch eine Schutzwehr 
gegen Schlagwort und Phrase, in denen eine schnell- 
fertige philosophische Journalistik sich nicht genug 



thun kann. Die Pflicht des zwingenden Arguments 
legt man sich heute erst gar nicht mehr auf. Das 
Bonmot, das Paradoxon, das mifsverständliche Gleich- 
nis drohen in der Philosophie die wissenschaftliche Ar- 
beit zu ersticken. Ernste Arbeit von unvergänglicher 
Wahrheit mufs darauf gefafst sein, mit ein paar Schlag- 
worten gerichtet zu werden. Wer sehen kann, dafs 
Kant in der Kategorienlehre an Aristoteles, in seiner 
Lehre von den Ideen an die Platonische Weisheit an- 
knüpft, der achte auch auf den Zeitraum, in dem 
ein blindes Herumtasten die richtige, von Kant an 
das Tageslicht geförderte Einsicht verfehlen liefs. 

Der Leser der Kritik mag sich übrigens lange 
und geduldig als Schüler fühlen; er soll sein ent- 
scheidendes Urteil vorsichtig zurückhalten, bis er die 
Gedanken des Philosophen zu treffen sicher ist. Schon 
der Grundgedanke der Kritik, nach dem Eaum und 
Zeit als Bedingungen der Eezeptivität unseres Gemüts 
(der Sinnlichkeit) unsere Begriffe von Gegenständen 
(und somit den Verstand) jederzeit a f f i z i e r en müssen, 
ist nicht so leicht erfafst. Und doch kann man sich 
leicht davon überzeugen, dafs eine Ausschaltung der 
Sinnlichkeit aus unserer Überlegung uns der Fähigkeit 
berauben müfste, die rechte von der linken Hand im Be- 
griffe zu unterscheiden. Mit Eecht lehrt der Philosoph, 
dafs man es in der Erfahrung nicht mit blofsen G-e- 
dankendingen zu thun habe, dafs durch eine Ver- 
wechselung unserer Keflexionsbegriffe sich „Ein- 
schränkungen zeigen, die allen empirischen Gebrauch 
verkehren"!). Wir machen hiermit an dieser Stelle 

1) In einem modernen Buche über Statistik behandelt ein Schrift- 
steller das Problem der gleichwahrscheinlichen Falle. Vom Umenschema 
sagt er etwa folgendes: Wären die Engeln wirklich alle gleich, wie auch 
die Bedingungen, unter denen jetzt eine gezogen werden soll, so müfsten 
sie bei dem Zuge alle erscheinen. Man kann an diesem Beispiele er- 
kennen, wie die falsch gewertete logische Reflexion den empirischen 



X! 



besonders auf das Kapitel : „Von der Amphibolie der 
Reflexionsbegriffe** aufmerksam. Es kann einen Prüf- 
stein für das eigene Verständnis abgeben, und es ist 
im Grunde zu bedauern, dafs dies Kapitel von Kant 
nicht an die Spitze der Kritik gestellt worden ist 
Es giebt den Schlüssel für Kants Absage, mit der er 
sich von der dogmatischen Philosophie abwandte und 
in die sichere Bahn der Kritik einlenkte. 

Hat Kant darauf verzichtet, erst in geglättete 
Form zu bringen was er so lange als Gedankenlast 
getragen, so haben wir mit dankbarem Fleifse hin- 
zunehmen, was er geboten. Man suche erst nach der 
Wahrheit in seinem Buche, ehe man sich anmafst, 
Irrtümer zu entdecken. Immanuel Kant war ein be- 
scheidener und wahrhafter Mann; möge man sich 
durch voreilige, oberflächliche Scheinkritiken das Ver- 
trauen in diese Eigenschaften nicht rauben lassen. 

Die Unsicherheit in der Beurteilung der Kantischen 
Biesenarbeit hat offenbar ihren Höhepunkt erreicht. 
Ist es möglich, dafs ein jüngst erschienenes Buch von 
Professor Dr. Fr. Paulsen: „Immanuel Kant" die 
Kritik der Philosophen passieren konnte, ohne all- 
seitige Zurückweisung zu erfahren, so ist das ein be- 
schämendes Zeugnis für das heutige Verständnis des 
deutschen Universitätslehrers in Königsberg, dessen 
Name mit dem Ruhm deutscher Gedankenschärfe und 
Gründlichkeit für immer verknüpft sein wird. Dafs man 
diesen Schriftsteller mifs verstehen kann, mufs heutzutage 
jedermann verziehen werden ; in diesem Punkte hat so 

Gebranch der Begriffe „verkehrt". — Als Kuriosum führe ich bei dieser 
Gelegenheit an, dafs dem Schreiber daraus von der „philosophischen" 
Kritik ein Vorwurf gemacht worden ist, dafs er bei der Anwendung der 
Wahrscheinlichkeitsrechnung vom gesunden Menschenverstände geredet 
hat, d. h. von der Fähigkeit, seinen Verstand richtig zu gebrauchen. Und 
doch kommt bei jedem bestimmten Urteil alles darauf an , dafs man das 
gegebene Besondere unter allgemeine Verstandesregeln richtig subsumiere. 



XII — 



wenig der Nachbar dem Nachbarn etwas vorzuwerfen, 
wie vor der Kritik ein Metaphysiker den andern ob 
seiner Irrtümer schelten durfte. Kein Mensch kann 
sich historisch gewordenen Vorurteilen entziehen, ob- 
wohl er sie überwinden kann. Es sind „beschämende 
Zurechtweisungen", die der Schreiber dieser Zeilen 
bei fortgesetztem Studium Kants sich selbst erteilen 
mufste; sie haben ihn schliefslich genötigt, sich jeder 
Lektüre über Kant zu entschlagen, um in den Geist 
seiner Philosophie einzudringen. Er hat dabei vieles 
abstreifen müssen, was er zuvor von anderen ange- 
nommen hatte ; er ist aber, ohne von den Auslegungs- 
künsten Gebrauch zu machen, den Kantischen Ge- 
danken näher gekommen. Nur diesem unmittelbaren 
Verkehr mit dem Schriftsteller hat er es zu verdanken, 
dafs er in den Werken Mellins, die kaum sehr viel länger 
als ein Jahr in seiner Hand sind, den Wert auch dieses 
Mannes erkennen konnte. Jene Mifsverständnisse allein 
würden also kein Eecht des Vorwurfs gegen Paulsen 
geben , sind sie doch nicht ganz ohne Schuld Kants 
iervorgerufen. Indessen hätte man ihnen und einer an 
sie geknüpften, alles besser wissenden Kritik ausbiegen 
können, wenn man der Vorgeschichte des Buches und 
den um Verständnis (nicht um nur zensieren- 
des Lob) ringenden späteren Erklärungen ein ver- 
trauensvolles Gehör geschenkt hätte. Paulsens Kant- 
buch setzt sich mit souveräner Nichtachtung über alle 
die wahrhafte Natur seiner Lehre vertretenden Beteue- 
rungen Kants hinweg. Der Leser wird auch an der 
eigenen Überzeugung Kants irre gemacht. Selbst 
ohne ein sicheres Fundament in den wichtigsten Fragen, 
beurteilt das Buch eine dem Verfasser fremde und 
unverständliche, ihm in tiefster Seele unsympathische 
Persönlichkeit. Einer Wucht von Gründen stellt 
Paulsen seine persönlichen Meinungen gegenüber. 



XIII — 

Alle Zerfahrenheit und Unsicherheit unserer Zeit 
wird in die Person des Mannes tibertragen, der sich 
dereinst erkühnt hatte, zweitausendjährigen Irrtum 
aufzudecken. Der moderne Schriftsteller schildert uns 
einen „subjektiven" Kant und erweckt den An- 
schein, als ob er in den tiefsten Falten seines Gemüts 
gelesen hätte. Seine Belesenheit geht bis zur Peri- 
pherie des Kantischen Gedankenkreises, und er korri- 
giert ihm gelegentlich auch sinnlos in den Merkzettel 
hinein, den Kant für sich allein geschrieben hat. Nur 
in die Tiefe der Kantischen Gedanken ist er nicht 
eingedrungen; seine Zensuren sind daher ohne den 
AVert, den er ihnen selbst beimifst. Für das blofse, 
nicht durch Einsicht gestützte Gedächtnis wird die 
Last Kantischer Worte zu schwer, und so erhält man 
überdies ein peinigendes Schauspiel des Tastens und 
Tappens. Die Lektüre gemahnt beständig an das 
Gleichnis vom Splitter und Balken. Wie würde der 
Porträtist über einen späteren Forscher denken, der 
behauptete: das Bildnis trägt vielfach nicht die Züge 
des Weisen von Königsberg, sondern die Fr. Paulsens ? 
War z. B. die ünentschiedenheit des Denkens auf Seiten 
K ants oder seines Meisters ? Man suche nur einmal dessen 
Buch nach sicheren Urteilen ab. Nicht Kant verklausu- 
liert seine Sätze, sondern Fr. Paulsen. Mit Recht schreibt 
Paulsen gegen einen seiner Kritiker, dafs man im litte- 
rarischen Verkehr nicht in den Ton persönlicher Mifs- 
achtung verfallen soll. Was aber hat der lebende Geg- 
ner vor dem dahingeschiedenen voraus? Darf man 
nicht mehr für den Verstorbenen eintreten? Paulsen 
hat för jeden Zeitgenossen eine höfliche Verbeugung ^) ; 

1) Ein Schalk dichtet in den „Fliegenden Blattern": 

Von den Toten soll man nichts Böses sagen — 
Das heilst, von den Lebenden kann man es thun. 
Es scheint mir aber doch eigentlich nun, 
Die Toten können's doch besser vertragen. 

In dieser „Glosse" liegt ein derbes Stück Wahrheit. 



— XIV — 



sein Held kommt aber trotz aller Anerkemiung im Be- 
sonderen ebenso schlecht weg, wie seine Arbeit. „De 
mortuis nil nisi bene" ist ein von Kant als falsch er- 
kanntes Wort, aber Gerechtigkeit und einen minder 
„herablassenden Ton" hätte der Mann wohl verdient, an 
dessen Namen sich alle wissenschaftliche Arbeit unserer 
Zeit anknüpfen läfst Trennung der Aufgaben, Teilung 
der Arbeit, scharfe Scheidung der Metaphysik und der 
empirischen Physik, worauf führen sie zurück, wenn 
nicht auf die Lebensarbeit jenes Mannes? Waren die 
spekulativen Phantasien des „objektiven Idealismus" 
mächtig genug, mit der Zauberei apriorischer Welt- 
konstruktion der Physik zu imponierten? — PauLsen 
hat weder der Person noch der Lehre dieses Mannes 
gerecht werden können. Allenfalls im StU ist er 
Kant überlegen. Er kämpft mit den Grundbegriffen 
der Kritik, ohne Voraussetzungen und Ziel des Philo- 
sophen zu kennen, und stellt sich dabei doch die 
Aufgabe, andere in die Kantische Lehre einzuführen. 
Welche Eichtungslinien giebt er nun seinem Publikum 
für das Verständnis? Kant selbst hält in der Kritik 
für wichtig 

1) den Unterschied der analytischen und syn- 
thetischen Urteile; die Frage: wie sind syn- 
thetische Urteile a priori möglich? (das Problem 
des Buches); 

2) das System (den Plan zu seiner vollständigen 
Ausführung) ; 

3) die kritische Grenzbestimmung (das Ziel). 
Paulsen beanstandet alle drei Punkte, Damit kann 
er den Lernenden nur irre führen ; oder soll man nicht 
vorerst bei einem Schriftsteller voraussetzen, dafs er 
über das eigene Ziel im Klaren gewesen ist? Woher 
nahm Paulsen nur den Mut, das alles besser zu wissen 
als der Autor? Nach einer solchen höchst originalen 



— XV — 

„Auffassung" fehlt nur noch eines, dafs nämlich 
jemand entdeckt, Kaut habe mit der Kritik seine Leser 
nur zum Besten halten wollen*). 

Dafs Widersprüche in der Kritik sind, fängt man 
an, demselben Philosophen, der Konsequenz für 
die vornehmste Bedingung aller Wissenschaft aus Be- 
griffen hielt, zum Verdienst machen zo wollen. So 
sucht man sich und dem in genialer Verwirrung ver- 
strickten Philosophen zugleich gerecht zu werden. Man 
sucht also die Kritik auf Widersprüche ab, um den 
Philosophen ganz würdigen zu können. Solange man 
aber selbst nur musivische Arbeit leistet, solange 
man nicht Herr der Gedanken geworden ist, die bei 

^) In einem Aufsatze „Kants Voraussetzungen und Prof. Dr. Fr.Paulsen" 
(Archiv für systematische Philosophie, V. Bd., 3. Heft, 1899) hahe ich das 
Buch Paulsens einer Kritik unterzogen, die seinem Verfasser sachlich 
nachweist, dafs er über Voraussetzungen und Ziele der Kritik im Un- 
klaren geblieben ist. In meiner Annahme, dafs der Verfasser mit seinem 
urbi et orbi verkündeten „profiteor" ohne Ansehen der Person auch vor 
seiner eigenen nicht Halt machen werde, sehe ich mich durch eine B^ 
merknng in einem Journale, das Kants Namen an der Stime trägt, ent- 
täuscht. Da der Verfasser sachlich nichts zu erwidern fand, so hat er 
hochfahrend geantwortet. £r sagt über verschiedene ungünstige Kritiken 
seines Buches, auch über die meinige: „Von der Notwendigkeit, Kant 
nicht den orthodoxenKantianern allein zu überlassen, haben diese 
Proben ihrer kritischen Leistungen mich aufs neue überzeugt '^ Da mir 
die Möglichkeit einer Antwort in jener Zeitschrift durch die Kedaktion ab- 
geschnitten worden ist, so mufs ich mich hier gegen die Vorstellung ver- 
wahren , die Fr. Paulsen bei den Lesern jener Blätter hervorrufen will. 
In meiner Kritik Paulsens kommt es auf meine persönliche Stellung 
zu Kant gar nicht an. Ich habe nachgewiesen, dafs Paulsen mit seiner 
persönlichen Auffassung und Beurteilung Kants — gleichviel, ob sie Zu- 
stimmung oder Ablehnung bedeutet — auf objektiv unzutreffenden Vor- 
aussetzungen baut. Kant hat oft geltend gemacht, dafs man nicht ohne 
Verständnis kritisieren soll. Es handelt sich aber hier um einen An- 
sprach, den auch der gemeine Verstand jederzeit geltend macht; man 
braucht deshalb noch kein orthodoxer und überhaupt kein Kantianer 
zu sein. Mit Orthodoxie liat der Nachweis grober Mifs Verständnisse 
nichts zu thun. — Erfreulich bei der Sache ist immerhin , dafs sowohl 
Paulsen als der Redakteur der Kantstudien von meinen in „herablassendem 
Tone vorgetragenen Belehrungen" Nutzen gezogen haben. Ich kann in- 
dessen versichern, dafs von mir Empfindungen unterdrückt sind, die einen 
ganz anderen Ton verlangt hätten. 



— XVI — 



Kant zur Einheit verbunden waren, hat man auch 
kein Eecht zur Kritik. Das ist eine ebenso einfache 
Wahrheit wie die andere: Existieren jene Widersprüche, 
so ist Kant ein Metaphysiker unter vielen ; wir haben 
ihm dann nichts zu verdanken, als einen neuen Kampf- 
und Spielplatz, auf dem immer der die Siegespalme 
vor sich her trägt, der gerade das Wort hat. Der 
ganze Kantkultus ist dann sinnlos. Es sind merk- 
würdige Erscheinungen, die sich dem Blicke bieten. In 
einem Buche, das man erklärt und kritisiert, macht^unser 
Jahrhundert Entdeckungen. So entdeckt man, dafs die 
idealistische Kritik die empirische Eealität der Aufsen- 
welt lehrt und dafs nun dieser Zwiespalt (empirische 
Eealität und transscendentale Idealität) durch das 
ganze Buch gehe. Man sieht Schriftsteller, die vor 
vielen Jahren schon mit ihrem Urteil über die 
Kritik der reinen Vernunft fix und fertig waren, noch 
heute nach den Grundbegriffen der Kritik tasten. 
Ist denn aber der Gedanke so femliegend: Wie, 
wenn der Irrtum nicht an dem Buche, sondern an 
dem mangelnden eigenen Verständnis liegen sollte? 
Wie, wenn ein häufig vorkommendes subjektives 
Phänomen über die eigenen und fremden Leistungen zu 
täuschen imstande wäre? Kann man den richtigen 
Standpunkt Kant gegenüber nicht wiedergewinnen? 
Man blicke nicht auf ihn herab, sondern zu ihm 
empor, dann wird es anders werden. Man mufs sich 
in wichtigen Fragen beständig korrigieren und merkt 
doch nicht, dafs man sich und anderen nutzlose Mühe 
ersparte, wofern man nur die Arbeit leisten wollte, 
die jeder Mathematiker sich auferlegt Ehe der über eine 
Materie urteilt oder ehe er andere zu belehren versucht, 
beherrscht er sein Gebiet. Lichtenberg sagt spottend: 
Einer stellt eine Theorie auf, der andere stöfst sie nm. 
Das Publikum wird dabei doppelt betrogen. — Welchen 



— XVII 



Sinn aber hat das ganze Spiel, wenn es überhaupt 
keine Einsicht in den Fragen der Kritik giebt? Ver- 
wickelt man sich dabei notwendig in Widersprüche, 
wie will man Widersprüche entdecken? Man tanzt 
gelassen seinen Eiertanz; kann man sich aber nicht 
klar machen, dafs man mit unsicherem Schritte einem 
Manne wie Kant nicht gegenübertreten darf? Welchen 
Sinn hat schliefslich der Streit um eine Philo- 
sophie, die voller Widersprüche ist? Wer soll ihn 
entscheiden, wenn die Vernunft selbst in Zweifel zu 
ziehen ist? Hat man sich einem Machtwort zu fügen, 
das jeder aussprechen kann, der gerade die Feder in 
der Hand hat? Man mache nur einmal Ernst mit 
der Arbeit; mag sich immerhin ein Seufzer bei dem 
Studium des so spröden Buches einstellen; unüber- 
windlich sind seine Schwierigkeiten nicht. — Wir 
appellieren an die Gerechtigkieit unserer Zeit fttr einen 
Mann, der nur den einen Wunsch hatte, verstanden 
zu werden. Auf „mildernde Umstände" kann dabei 
verzichtet werden. Solange aber im Verständnis noch 
Lücken sind, hat man zur Kritik kein Recht. 

Es ist wahr, die äufsere Anordnung des Buches 
erschwert ebenso wie seine Weitläufigkeit nicht blofs 
für den Anfänger den Überblick des Ganzen. Eben 
deshalb werden die Marginalien Mellins hiermit 
von neuem dem Studium und der Benutzung empfohlen. 
In Mellins Urteil liegt übrigens eine Zustimmung vor, 
die sich auf volles Verständnis gründet; sie ist also 
wertvoller als jede moderne Kritik, so lange man 
noch von „dunklen" Kapiteln des Buches redet. 
Ebenso lange kann man auch da nicht von einem 
Weiterschreiten sprechen. Durch eine Philosophie kann 
man nicht hindurchschreiten, wenn man sie 
noch nicht vollständig kennt. Die Marginalien nehmen 
dem Leser Kants eine Arbeit ab, die jedermann sich 

aoldschmldt-Mellln. b 



XVIII — 



sonst selbst auferlegen müfste. Wenn man den Auf- 
bau nicht übersieht, wenn man das ganze System in 
seinem festgefügten, organischen Zusammenhange nicht 
erkennt, so kann man über die Kritik nicht mit Sicher- 
heit urteilen. Die Kritik bleibt so lange ein völlig 
unverstandenes, siebenfach versiegeltes, wenn nicht 
gar ein mifsverstandenes Buch. Wer mit der „Radier- 
nadel" arbeitet, hat ein Recht darauf, dafs man auf 
die feinen Unterschiede achtet, die seine Arbeit von 
der anderer scheidet. Kant ist mit allen Idealisten 
bis zu einem Punkte auf „einem Bekenntnis"; man 
hat also kein Recht, wie es seit Feders berüchtigter 
Leistung immer wieder geschehen, sich über diesen 
Punkt hinwegzusetzen und Kant mit dem dogma- 
tischen Idealismus in eine Reihe zu stellen. Es 
kommt hier gar nicht darauf an, was ein jeder dieser 
Philosophen gewollt, sondern was er geleistet hat. 
Ein jeder von ihnen zielt auf Wahrheit in der Er- 
kenntnis und auf Vernunft im Handeln ab. Kant aber 
trägt den Kampf aus, in den die theoretische Er- 
kenntnis mit den Voraussetzungen der praktischen Ver- 
nunft gerät, und der die eigene Vernunft mit sich 
selbst entzweit. Er zeigt zwingend, dafs die Natur- 
erkenntnis mit den problematischen Möglichkeiten, zu 
denen das Denken immer geführt worden ist, in keinen 
logischen Widerspruch geraten kann, und hierin liegt 
die Verbindung zwischen seiner Kritik der reinen Ver- 
nunft und der Kritik der praktischen Vernunft. Man 
mufs Kant zuvor zum dogmatischen Philosophen 
künstlich gemacht haben, wenn man ihm in der 
Kritik der reinen Vernunft Widersprüche nachweisen 
will. Das ist ebenso oft geschehen, als man die von 
ihm scharf getrennten Gebiete der empirischen Physik 
und das der Metaphysik gegeneinander ausgespielt 
hat Wenn Kant klar und überzeugend zeigt, dafs 



— XIX — 



wir hinsichtlich metaphysischer Objekte auf dieselben 
Begriffe angewiesen sind, die wir in der Erfahrung 
immer gebrauchen, so kann in dem nach reinen Be- 
griffen nur gedachten Ding an sich ihm kein Wider- 
spruch erwachsen — erklärt er doch ausdrücklich, 
dafs und vor allem warum er hier von jenen Begriffen 
einen theoretischen Gebrauch weder machen könne 
noch wolle. Es ist immer wieder dieselbe Täuschung, 
die der scharfsinnige Mann aufdeckt, von der man 
sich selbst blenden läfst, wenn man ihm die soeben 
aufgedeckten Widersprüche vorwirft. Es geht dabei 
ebenso zu, als ob man dem Physiker vorwerfen wollte, 
dafs ein Stab im Wasser auch fiir ihn gebrochen sein 
(nicht blofs erscheinen) müsse, weil er wohl den Irr- 
tum, aber nicht die Täuschung aufzuheben vermag. 
Der Physiker kennt die Ursache der Täuschung, wie 
Kant den Trug der Metaphysik mit klarem, sicherem 
Blick erkannt hat. Nun warnt er beständig seinen 
Leser, den er vor Fehltritten des Urteils hüten möchte; 
er ändert dabei nichts an der „Sache'*, von der 
er ja selbst nichts zu wissen erklärt. Man sieht aber 
trotz veränderten „Tons" eine Kenntnis der „Sache'* 
und folgert daraus, dafs Kant sich selber auch 
fernerhin getäuscht habe. Und doch hatte er warnend 
gelehrt, dafs man den subjektiven Grund des Urteils 
nicht objektiv nehmen müsse, d. h. fttr den vorliegen- 
den Fall, dafs man den eigenen Irrtum nicht auf 
Kantische Eechnung setzen dürfe. Vor dieser neuen, 
vermeidbaren Täuschung kann man sich schützen. 
Jene andere Täuschung verschwindet nicht, obwohl 
man sich vorsehen kann, dafs sie nicht trüge. Diese 
Täuschung aber schwindet mit dem Irrtum zugleich. 
Und beide zu überwinden, hat man nur nötig, 
ganze Arbeit zu leisten, die Kritik bis ins Einzelnste 
zu studieren, wofern man sich das Verständnis ihrer 



XX 

Gedanken nicht blofs einbilden will — es heifst hier 
wirklich: Alles oder nichts. 

Man achte dabei besonders auf die systematische 
Ordnung, die zu den wesentlichen Punkten des Buches 
gehört ; man lasse keines der Momente aus dem Auge, 
auf die der sicher einherschreitende und daher sicher 
geleitende Philosoph selbst Wert legt. Es rächt sich, 
wenn man seineWeisungen nicht ernst nimmt Man lasse 
sich nicht durch Oberflächlichkeit „in Freiheit setzen". 
Auch auf den Buchstaben hat man zu achten; es 
stehen hinter diesen Zeichen Begriffe, in die man 
nicht einzudringen vermag, wenn man sich vornehm 
über sie hinwegsetzt. Man hüte sich, gleich an Schreib- 
oder Druckfehler zu denken, weil man eine Stelle 
nicht verstehen kann, Waren Druckfehler angesichts 
des früher schwierigen Verkehrs zwischen Autor und 
Druckerei kaum vermeidlich, so darf man doch den 
Setzer so lange nicht verantwortlich machen, als man 
selbst noch nicht sicher ist Man hat überdies von 
der eigenen Unsicherheit, von den Mängeln des eige- 
nen Verständnisses ein deutliches Bewufstsein ; eben- 
so deutlich stellt sich die IJberzeugung ein, wenn 
man später den Schriftsteller verstanden hat. Die 
Setzer hätten alle Ursache, sich gegen die Interpreten 
aufzulehnen ; vielleicht schreibt einmal einer von ihnen 
eine „Psychologie" der Ausleger. 

Angesichts so strenger Anforderungen ist die 
Phrase leicht bei der Hand, die von sklavischer 
Arbeit spricht. Dieser getreuen Arbeit, wie sie vor- 
liegt, kann man in anderer Weise nicht gerecht 
werden. „Geniemäfsige" Freiheit im Denken ist das 
Geschwisterkind der Willkür im Handeln, die sich 
an nichts bindet. Auch die Freiheit der Kritik hat 
an der Wahrheit ihre Grenze. Es kann niemand ge- 
zwungen werden, eine Philosophie zu bekennen, aber 



— XXI — 



man kann von jedermann verlangen, dafs er sie ver- 
stehe, ehe er über sie aburteilt Wie ein mathema- 
tisches Buch hat man auch die Kritik der reinen Ver- 
nunft zu studieren; dies Studium ist schwieriger, 
weil es verlangt, auch bei den Teilen immer das ganze 
Problem im Auge zu haben. Man vergesse nie, dafs 
der Philosoph von Seiten der Metaphysik und nicht 
von Seiten der Physik herkommt. Der Physiker be- 
handelt Erscheinungen (Phänomene) wie „Gegenstände 
an sich selbst"; daran thut er auch ganz recht. Der 
Metaphysiker fragt sich, was kann ich von den 
Gegenständen noch denken, wenn ich vom er- 
kennenden Subjekt, d. h. von den Bedingungen ab- 
sehe, unter denen es „Objekte" haben kann. In 
dieser zwiefachen Auffassung liegt kein Widerspruch, 
wohl aber ein verschiedener Standpunkt, von dem 
aus die Unerkennbarkeit des unserer Abstraktion (von 
Raum und Zeit) verdankten Gedankendings 
zwingend folgt. Das ist kein Ding, das denkt, son- 
dern ein Ding, das gedacht wird, ohne dafs man weifs, 
welche Bestimmungen man ihm positiv in der Er- 
kenntnis beilegen soll. Es ist eben ein X, etwas 
UnerforschHches , auf das jede Vernunft mit Not- 
wendigkeit geführt wird. Will man von ihm etwas 
aussagen, so überträgt man das, was man kennt, auf 
etwas, das man nicht kennt und nach der Natur 
unseres Erkenntnisvermögens auch nicht ergründen 
kann. Man kann es nur nach reinen Verstandes- 
begriffen denken, durch die man nur dann unter- 
scheiden kann, wenn es etwas zu unterscheiden giebt. 
Das Vermögen objektiv zu unterscheiden hat man 
aber mit Eaum und Zeit zuvor selbst aufgehoben. 

Mellin zeigt uns den freilich mühsamen, durch 
Geniesprünge nicht abkürzbaren Weg, den der un- 
erschrockene Leser der Vernunftkritik mutig beschreiten 



— XXII — 



soll. Er lasse sich durch Schlagwort und Phrase 
nicht zurückhalten !)• Dieser Weg ist lohnend für 
den Schüler, dem es um Selbsterkenntnis in Fragen 
zu thun ist, die wie ein unausrottbarer Drang in 
eines jeden Menschen Brust gelegt sind. Er wird 
jeden von sinnlosen Zweifeln befreien — wenn 
auch die Gewifsheit unberechtigte Ansprüche zu 
Boden schlägt. Nichts gleicht dem Genufs, den man 
der Vemunftkritik gegenüber empfindet, wenn sich 
der Schleier allmählich löst und wenn man mit dem 
grofsen Denker sich in Fühlung weifs. Man wird 
es nicht zu beklagen haben, dafs mit dem Verständnis 
der Kritik ein scheinbarer Verlust verbunden ist. 
Auch manche moderne Erscheiimng wird man dann 
nicht mehr verstehen; aber man wird den Wunsch 
Kants teilen, dafs der von ihm gebahnte Weg zur 
Heeresstrafse werde. Den Verlust an „gepriesenem 
Wahn" wird man verschmerzen; von jenem Weg aber 
wird man nicht zurückzuschreiten nötig haben, wenn 
man nicht von der Philosophie „Zauberkünste" ver- 
langt, auf die sich der grofse Königsberger „nicht 
verstand". 



1) Solche Phrasen lauten: Es befriedigt nicht. Ich kann mich nicht 
damit befreunden. Es entspricht nicht den Bedürfhissen unserer Zeit. 
Es ist nicht begreiflich (wo von Kant eine ünbegreif lichkeit festgestellt 
wird). Es ist nicht fruchtbar (womit man an Zauberkünste appeUiert, 
weil man mehr verlangt, als man nach der Aufgabe zu fordern ein Hecht 
hat). Ich kann diesen Weg nicht gehen (für: Ich habe nicht recht ver- 
standen). Es sind scholastische Spitzfindigkeiten oder Firlefanzereien (wie 
vorhin). Ein sicheres Wissen kann es in diesen Dingen nicht geben (weil 
man selbst noch keine Klarheit erlangt hat). Kant „schillert oder er 
„schielt" mit seinen Worten (wo die Unsicherheit im eigenen Organ liegt). 
Kant ist in Verlegenheit (weil man es selbst ist). — Wo die persönliche 
Meinung direkt Kants Vernunftkritik entgegentritt, ist dieses Meinen 
immer unbescheiden; es ist, als ob man ihm entgegenhielte: Ich ver- 
stehe dich zwar nicht, ich kenne auch die Sache nicht, aber du wirst wohl 
im Unrecht sein. — Vor allem habe man bei modernen Philosophen auf 
jedes „Wenn" und „Aber" acht; aus der blofs logischen Möglichkeit folgt 
nichts, und man kann auch heute aus Häckerling keinen Hafer machen. 



XXIII 



über den Gebrauch des Hilfsmittels, das von 
nenena dem Kant studierenden Publikum angeboten 
wird, liat man den eigenen, in der Vorrede enthalte- 
nen Äufserungen seines verdienstvollen Urhebers kaum 
ein Wort hinzuzuftigen. In unbedingter Treue und 
Zuverlässigkeit läfst er die Kantischen Gedanken 
vor uns hintreten. Man wird sich davon selbst 
überzeugen. Ich hoflfe somit, den Freunden und auch 
solchen Gegnern der Kritik, denen die Erkenntnis- 
lehre keine Parteisache ist, durch Wiederherausgabe 
des Mellinschen Auszugs einen Dienst zu leisten. Für 
das Studium und beim Nachschlagen leistet er eine 
wertvolle Hilfe. Das angefügte sorgfältige Wortregister 
versagt kaum bei einem BegriflFe, der in dem Haupt- 
werke des Philosophen und aller Philosophie von 
Wichtigkeit ist. 

Der von der Verlagshandlung in dankenswerter 
Bereitwilligkeit übernommene Neudruck zeigt nur 
wenige und bedeutungslose Abweichungen vom Origi- 
nal; die Orthographie allerdings ist überall durch 
moderne Schreibweise ersetzt. Die Seitenhinweise am 
Eande und die Nummern der Abschnitte beziehen 
sich auf die zweite Originalausgabe der Kritik; 
man kann sich indessen ohne Schwierigkeiten auch 
bei jeder anderen leicht orientieren. Kehrbachs Aus- 
gabe (Reclam) enthält die Seitenangaben für die 
Originalkritiken, wie auch für die von Hartenstein, 
Rosenkranz und Kirchmann revidierten Abdrucke. 
Sie kann also beim Gebrauch der einen oder anderen 
als Brücke dienen. In der soeben erschienenen Aus- 
gabe von K. Vorländer sind übrigens die Seitenzahlen 
der 2. Auflage am Rande vermerkt. 

Die Herausgabe der Marginalien zu den anderen 
Kantischen Kritiken ist in Aussicht genommen. 

Über die interessante Persönlichkeit Mellins ist 



XXIV — 



leider sehr wenig bekannt. In Halle am 13. Juni 
1755 geboren, studierte er in seiner Vaterstadt. Er 
wirkte als Prediger in Magdeburg und ist daselbst 
am 14. Februar 1825 als Superintendent gestorben. 
Von der theologischen Fakultät der Universität Halle 
ist ihm 1816 die Doktorwürde verliehen worden. In 
der Allgemeinen Deutschen Biographie, der ich diese 
kargen Notizen entnehme, wird bei den Angaben über 
den Sohn berichtet, dafs der Geistliche neben seinen 
Berufsgeschäften mit Vorliebe mathematische Studien 
betrieben habe. In der That liegen mathematische 
Veröffentlichungen von ihm vor. Auch dafs er mit 
Kant persönlich befreundet gewesen sei, führt der 
Artikel über den in den verschiedensten Stellungen 
verdienstvoll thätigen Sohn, den preufsischen General- 
bauinspektor Friedrich Albert Immanuel Mellin 
(t 1859), an. 

Mit der folgenden zwanglosen Darstellung der 
Hauptgedanken der Vemunftkritik hoffen wir auch 
dem Mellinschen Büchlein Treue zu erweisen. Ihr 
Hauptzweck ist, tiefeingewurzelten Vorurteilen ent- 
gegenzutreten, die in neuerer Zeit nicht selten mit 
neuen Arabesken des Irrtums und Mifsverständnisses 
„geistreich'^ verziert werden. Unsere Ausfuhrungen 
sind von einem dankbaren Schüler Kants geschrieben, 
sollen aber keiner berechtigten Kritik zu nahe treten. 
Immerhin mag im Hinblick auf das Verständnis der 
Kritik die Wendung Lessings für viele zutreflFen : „Sie 
haben es noch nicht, weil sie es schon lange gehabt 
zu haben glauben". 

Gotha, im Mai 1900. 

Ludwig Goldschmidf. 




Zur Würdigung 

der 

Eliitik der reinen Vernunft 



1. Mellin bekennt sich als einen unbedingten Anhänger 
der Kritik; die historisch angeeignete Kenntnis ist bei ihm 
iü Vernunfterkenntnis, d. h. in Einsicht übergegangen. Hier- 
für sengt nicht blofs das kleine vorliegende Buch. Auch sein 
umÜEingreiches Werk „Encyklopädisches Wörterbuch der kri- 
tischen Philosophie^' ist dafür zu nennen* Gelegentlich mrä 
es als „immer noch wertvoll '^ bezeichnet , eine von oben 
herab erteilte, von mehr Wohlwollen als Verständnis zeugende 
Zensur, die nur aus einem gewissen Vorurteil der Leben- 
den hervorgeht. Während wir heute das Verständnis der 
Kritik zurückzuerwerben bestrebt sind, verfügt der Schriflr 
stdler des vorigen Jahrhunderts mit scharfem Erfassen ihrer 
Begriffe und Gedanken über alle Zweige der kritischen Philo- 
sophie. Ich keime, was das Verständnis der Vemunftkritik 
angeht, kein nachkantisches Werk, das sieh mit jenem Wörter- 
buch vergleichen liefse. 

Mellin zählt nicht zu den „ selbständigen '^ Philosophen^ 
indessen gehört unter Umständen mehr Selbständigkeit dazu, 
die Lehren eines anderen anzuerkennen, als sie gewaltsam 
durch neue Erfindungen zu ersetzen. Die Rückkehr zu einer 
absoluten Philosophie nach Lnmanuel Kant war ein Beweis 
des Mifsverständnisses, nicht wahrhafter philosophischer Ein- 
sicht. Unsere Vernunft hat es sehr leicht, mit transscendenten 
Einbildungen zu spielen, die der Widerlegung ebensosehr als 
der Bestätigung spotten. Trotz des Einflusses und eines nur 
ZB getreuen Anhangs kann man in gewissem Sinne Originalität 
den illustren Philosophen unseres Jahrhunderts nicht nach- 
sagen. Sie folgen nur dem Beispiele aller der Männer, die 
in der 2000jährigen Geschichte der Philosophie dichtend und 

Goldschmidt -MeUin. 1 



— 2 — 

grübelnd vorausgegangen sind. Wer kann in einer absoluten 
Metaphysik Entdeckungen machen, die sich nicht mit irgend 
einem früheren Gedanken nahe berührten? Kant kritisiert 
nicht weniger als alle nur möglichen Richtungen; nicht 
ruhmredig, sondern seiner Einsichten gewifs, macht er sich 
anheischig, in jedem dogmatischen Beweise den Fehler auf- 
zudecken. Man darf überzeugt sein, dafs es für ihn ein Leichtes 
gewesen wäre, die möglichen „Prinzipien" neuer dogmatischer 
Versuche zu diskutieren und seinen allgemeinen kritischen 
Untersuchungen einzuordnen. Es ist auf diesem Gebiete nicht 
gut mehr möglich, Neues zu erfinden; der Entdecker 
aber hat in übersinnlichen Gefilden nichts zu hoffen. „Der 
Irrtum liegt an der Oberfläche, die Wahrheit verbirgt sich in 
der Tiefe".- Es ist leicht zu kritisieren, schwer die Wahrheit 
zu finden. Aber bei Kant vereinigt sich beides: er kritisiert 
allgemein, jeder Fehltritt der Vernunft oder der Urteils- 
kraft findet in seinem System eine Stelle, aber weit darüber 
hinaus belehrt er uns über den Ursprung und die Quelle 
von Täuschungen und Truggebilden, denen sich frühere Ver- 
suche nicht zu entziehen vermochten. 

Der Einflufs der Kritik macht sich heute weit mehr durch 
das geltend, was wir nicht sehen, was verschwunden ist, 
als durch das, was sich dem Auge bietet. Ein Blick auf die 
metaphysischen Schriften des vorigen Jahrhunderts läfst uns 
leichter verstehen, wie nötig die Kantische That war. Finden 
die metaphysischen Lächerlichkeiten, mit denen in jener Zeit 
die Akademieen behelligt worden sind, keine Statt mehr, so 
hat dennoch der scharfe Kantische Besen noch heute sein 
Arbeitsfeld. Moderne Metaphysik tritt freilich vorsichtiger 
auf, aber wo sie mit Mutmafsungen und Wahrscheinlichkeiten 
in übersinnlichen Gebieten operiert, ist sie die Widerlegung 
nicht wert. Diese „Hypothesen" verwechseln samt und son- 
ders Erscheinungen (und was für sie gilt) mit Dingen an sich, 
auf die unsere Begriffe keine Anwendung haben. Die Kritik 
der reinen Vernunft kann durch sie nicht umgestofsen werden, 
und so sicher sich ihr Urheber seinen Platz neben Aristo- 
teles bestimmt hat, so sicher werden ihre Fragen nicht eher 
zur Ruhe kommen, als man nicht mehr von Kantianern, 
d. h. von den Anhängern einer Partei reden wird. Kant war 
Partei für alle edlen Interessen der Menschheit, wo es sich 



— 3 — 

aber um die Fragen des Wissens handelte, war der wahr- 
heitsliebende Philosoph so wenig ein Parteigänger wie Euklid. 
Die Kritik der reinen Vernunft steht über den Parteien. Dafs 
nicht alles Kantisch ist, was sich dafür ausgiebt, braucht 
nicht erst gesagt zu werden; wenn es verschiedene Auffassungen 
der Kritik giebt,. so können sie nicht aUe recht haben. Die 
Kritik der reinen Vernunft ist aus einem GuTs und kann nur 
auf eine Weise verstanden werden. 

Mit einer vollständigen Fassungslosigkeit gegenüber ihren 
Zielen und Zwecken erscheint heute nicht selten eine Gönner- 
und Freundschaft der Kritik, für die sich Kant selbst hätte 
bedanken müssen. Man macht sich mit leichter Phrase vom 
Buchstaben frei, tritt in allen „haltbaren" Positionen forden 
Königsberger ein und eröffnet sich damit nur das Recht, den 
Philosophen ohne grofse Bedenken mifszuverstehen. Man lasse 
sich durch schöne Redensarten nicht blenden. Die Kritik 
läfst sich nur durch eine systematisch vollständige Gegen- 
kritik ersetzen, sie ist aber nicht durch Argumentationen ab- 
zuthun, die mit einem ganzen Lexikon von Schlagworten den 
geschmeichelten Leser präokkupieren. Die Kritik bildet ein 
festes Gefüge; Es geht ihr gegenüber nicht an, das eine Mal 
ja und an anderer Stelle nein zu sagen, wenn man das Gleich- 
gewicht des Systems nicht stören will. Kant hat das selbst 
häufig genug ausgesprochen, aber man scheint seine Versiche- 
rungen nicht ernst zu nehmen. In jenem Gleichgewicht lag 
für Kant eine Gewähr seiner Arbeit. Es gehört zu den ersten 
Bedingungen des Verständnisses der Kritik, dafs man die Not- 
wendigkeit des Systems und die mit ihm verbundene Selbst- 
kontrolle der Gedanken nicht glauben, sondern einsehen lerne. 

Wenn der so rechthaberische Kant sich keine Mühe ver- 
driefsen läfst, zu überzeugen, wenn er unermüdlich mit Grün- 
den der Vernunft vor dem freien Gerichtshof der Vernunft 
plädiert, so hat man heutzutage vielfach das Vertrauen zu 
seiner eigenen Vernunft vollkommen verloren. Man spottet 
über eine reine Vernunft und hat die Sinnlosigkeit des nur 
„wahrscheinlichen" Kausalgesetzes, d. h. eines unsicheren Ver- 
standes erfunden. Die Kantische Revolution der Denkungsart 
hat man aus Worten kennen gelernt, und es ist häufig nur 
beim unbegriffenen Worte geblieben. Man hat nicht einmal 
die „Teile in der Hand", geschweige dafs man das „geistige 



— 4 — 

Band^' zu schlingen imstande wäre. Von dem transscendental 
gebrauchten Verstandesbegriff des dogmatischen, vom 
naiven Bewufstsein verleiteten Philosophen sich loszulösen und 
zur Einsicht in das formale Gesetz unseres Denkens über- 
zugehen, das fordert allerdings kritisches Denken. Man mufs 
sich davon frei machen, zwischen beiden entgegengesetzten 
Polen hin und her zu schwanken, um einen festen Standpunkt 
einzunehmen. Man soll nur sich selber recht verstehen lernen. 
Wer von der Sinnlichkeit, vom Verstände, von der Einbildungs- 
und Urteilskraft und von der Vernunft spricht, der scheidet 
von ihnen in Gedanken alles Besondere aus, was ihnen je- 
mals anheimfällt ; alle diese Vermögen sind mit Gegenständen 
von unendlicher Verschiedenheit beschäftigt. Aber dennoch ver- 
langt der Nachbar vom Nachbarn, dafs er bei demselben objek- 
tiv bestimmten Gegenstande dieselben Bestimmungen an- 
erkenne. Sieht man von diesen besonderen Bestimmungen 
ab, so hat man ein Recht, von den Bestimmungsmöglichkeiten 
selbst als von den notwendigen Gesetzen einer gemein- 
samen allgemeinen Vernunft zu sprechen. Man kann diese 
Gesetze als schlechthin allgemeine, d. h. formale ableiten ; sie 
kommen sofern nicht von den Dingen, sondern von dem Sub- 
jekt, dem sie als Bedingungen der Erkenntnis von Gegen- 
ständen, d. h. aber als Bedingungen der Gegenstände selbst 
seinerseits innewohnen. Wofern es nur eine einzige sichere, 
für alle geltende Aussage giebt, so mufs sich mit Rücksicht 
auf sie auch die Gesetzlichkeit der Vernunft als eine not- 
wendige einsehen lassen. 

Kant kennt nur ein Wissen von empirischen Objekten, 
aber für dies Wissen enthält die Vernunft die Bedingungen. 
Der gedankenlose Empirismus möchte diese Vernunft gleich- 
sam mit Händen greifen und mit seinen Augen sehen, und 
doch macht er selbst von der hier geforderten Abstraktion in 
allen seinen Untersuchungen Gebrauch. Das Einmaleins ist 
eine solche schon dem Kinde zugemutete Abstraktion; für sich 
ohne jede Bedeutung, gilt es doch für alles, was jemals ge- 
zählt und gerechnet werden kann. Bei dieser unmittelbaren 
Einsicht kümmert uns die Mannigfaltigkeit der Objekte gar 
nicht, wir sind nicht blofs der Apodiktizität , sondern auch 
der Geltung jener einfachen Zahlformeln gewifs, was wir ihnen 
auch einordnen. Nur zählbar mufs das sein, was wir hier 



— 5 - 

einordnen. Ein mit fünf multiplizierter Bechtsgrmidsatz giebt 
einen Nonsens ebenso wie ein fiinfinal genommenes Ding 
an sich. — Man kann uns noch so oft beschreiben, wie das Kind an 
Gegenständen jene Formeln zuerst anwenden lernt, so berührt 
uns diese Frage in der Erkenntniskritik gar nicht, wo wir 
nur nach der MögUchkeit fragen, auf der dieses mit einem 
unzweideutigen, unausweichhchen Zwange der Vernunft vor 
sich gehende Erlernen beruht. 

Dafs eine solche reineVernunft für sich bedeutungslos 
und nur mit Bücksicht auf die Erkenntnis realer Objekte oder 
auf die praktische Verwirklichung ihrer Ideen in der Erfahrung 
selbst zu begreifen ist, wufste niemand besser als Immanuel Kant. 
Die Kritik verdankt dieser natürlichen Auffassung ihre Ent* 
stehung. In jeder reinen, d. h. allgemeinen und notwendigen 
Erkenntnis ruht nur die Möglichkeit der Erfahrung. Eben 
diese Einsicht schränkt unser Erkenntnisvermögen auf Gegen- 
stände ein, die uns gegeben werden können. Von dieser Ein- 
schränkung befreit, werden alle unsere Begriffe sinnlos, d. h. 
sinnenleer. Alle jene reinen Quellen der Erkenntnis fliefsen 
nur zu dem einen Zwecke, reale, in der Anschauung gegebene 
Objekte zu bestimmen und ihre empirische Erkenntnis zu 
wissenschaftlicher, systematischer Einheit zu verknüpfen. Wenn 
man aber das Gesetz irgend einer isoliert gedachten Erschei- 
nung, wie z. B. des freien Falles, bestimmt, obwohl niemals 
dieser ireie Fall rein zu beobachten ist, so hat man auch ein 
Recht, alle jene Erkenntnisfaktoren mit Rücksicht auf ihren 
Zweck abgesondert zu denken und so sich selbst im Gebrauche 
seiner Vernunft verstehen zu lernen. 

Kant hatte die Bekämpfung seiner Lehre nicht zu fürchten, 
was ihr allein Gefahr bringen konnte, war das Mifsverständnis. 
Er hat dem spekulativen Philosophen als „Depositar der Ver- 
nunftkritik" ein Vermächtnis hinterlassen. Verdient die Philo- 
sophie den Namen einer Wissenschaft, so mufs sie dafür Sorge 
tragen, dafs Lob und Tadel der Kritik sich auf ein voll- 
ständiges Verständnis der Gedanken stützt, die jeweils dem 
Urteil unterhegen. Dafs jedermann seine eigene Privat-Welt- 
anschauung habe, kann man viel eher ertragen, als dafs sich 
jedermann seinen Privat-Kant konstruiert, dem er anhängt 
oder gegen den er zu Felde zieht. Es ist eine Pflicht der 
Philosophie, den Streit um Kant vollständig auszutragen; das 



— 6 - 

kann nur geschehen, wenn an die Stelle einer nicht selten 
voreiligen „Kantkritik" oder einer die „intimste" Kenntnis 
der Absichten und Gedanken affektierenden „Kantforschung" 
zunächst einmal ein viel gründlicheres und tieferes Kantstudium 
tritt. Nur zu oft trägt der Kantkritiker nichts anderes als die 
Lücken des eigenen Verständnisses zur Schau. Kein Wunder, 
dafs man sie in die Kritik der Vernunft selbst verlegt. Bevor 
man zur Kritik der Kantischen Gedanken oder gar 
zur „historisch-genetischen" Entwickelung des 
Philosophen übergehen kann, mufs man die von 
ihm öffentlich vertretene Lehre mit Sicherheit 
beherrschen. Dafs man noch tastet, dafs man über 
Kants Voraussetzungen und Ziele noch nicht einig 
ist, macht alle kritischen und entwickelungs- 
geschichtlichen Versuche überaus problematisch. 
Wohin geht die Entwickelung? Man weifs es nicht 
sicher. Wovon geht sie aus? Man streitet darüber. 

2. Vor hundert Jahren hoffte der Königsberger Philosoph 
nach den unblutigen und aussichtslosen Kämpfen der Meta- 
physik auf einen Friedensschlufs. Er bewies, dafs man um 
Schatten sich gestritten hatte. Wo eine Entscheidung unmög- 
ist, verbietet sich der Streit. Er wird sinnlos, und die Unter- 
haltung, die er gewährt, ist dem Aufwand an Witz und Scharf- 
sinn nicht angemessen, den man besseren Zwecken vorbehalten 
sollte. Indessen sind es ewige Fragen, die den denkenden 
Menschen nicht zur Euhe kommen lassen. In einer Hinsicht 
wenigstens müssen wir also uns Rechenschaft zu geben ver- 
mögen. Was Vernunft uns unablässig aufnötigt, darüber mufs 
sie uns auch selber Rede stehen. Der Ursprung jener Fragen 
mufs sich entdecken lassen. Wie entspringen sie in der 
menschlichen Vernunft? Wenn man sich vermifst, auf jene 
Fragen selbst eine Antwort zu versuchen, so mufs man auch 
diese viel bescheidenere Aufgabe als berechtigt anerkennen. 

Der Polyhistor Casaubonus fragte im Disputiersaal der 
Sorbonne: Was hat man nun hier ausgemacht ? So fragt auch 
Kant, und das Recht auf diese Frage ist bis zum heutigen 
Tage nicht verwehrt. Was kann ein ewiger, jeder Entschei- 
dung spottender Streit der Wissenschaft nützen? Sollen wir 
uns mit dem Schlagwort abfinden lassen, dafs er der Vater 
aller Dinge sei? Man fordert Resultate, aber man fährt fort, 



- 7 — 

sich im Kreise zu drehen. Nie verlegener Witz belehrt uns, 
dafs es zwar rundum, aber doch in der Spirale vorwärts gehe. 
Woran aber kann man diesen Fortschritt selbst erkennen? 
Wo sind die sicheren, untrüglichen Merkmale, die uns. das 
kund thun? Sind sie nicht selbst ein Gegenstand des Streites? 

An aller metaphysischen Erkenntnis verzweifelnd, hatte 
ein Mann wie David Hume der Welt zugerufen: „Enthält ein 
Buch abstrakte Untersuchungen über Gröfse und Zahl? Nein. 
Oder Untersuchungen der empirischen Vernunft über Fakta 
und existierende Dinge? Nein. Nun so werft es in das Feuer: 
denn es kann nichts als Sophistereien und Blendwerk ent- 
halten." Das ist der gerechtfertigte Protest des scharfsinnigen 
und ehrlichen Skeptikers wider die grundlose dogmatische 
y ernunftschwärmerei , die selbst der ausgesprochene und 
dennoch in dogmatische und rationalistische Beweise ein- 
mündende Empirismus eines Locke nicht zu bannen vermochte. 
Die Vernunft läfst sich nicht durch „unbestimmte An- 
preisungen der Mäfsigung in Schranken halten". Die Grenz- 
bestinamung der Vernunft ist eine ihrer eigenen, notwendigen, 
wenn auch erst spät zu leistenden Aufgaben. 

Humes Einflufs auf Kant ist eine bekannte Thatsache; aber 
es ist ein Unrecht, sich mangels eigener Klarheit für seine 
Zweifel gegen Kant auf Hume zu berufen. Bei aller Skepsis 
ist auch dieser Mann kein Vernunftverächter, wenn er die 
Hoffnung ausspricht, die Frage nach der Natur der mensch- 
lichen Erkenntnis könne vielleicht doch einer glücklicheren 
Lösung entgegengehen. Humes Skepsis bedeutet nicht mehr 
und nicht weniger als einen konsequenten Empirismus; sie 
ahnt Schranken, die sie nicht zu bestimmen vermag, aber sie 
selbst hält sich vorsichtig in dem Gebiete der Erfahrung, 
deren Horizont erst der Nachfolger mit unbedingter Sicherheit 
ansmifst. Zwischen der phantasierenden Schwärmerei, wie 
sie auch Locke nicht zu beheben vermochte, und der auf 
völlige Einsicht verzichtenden Skepsis nimmt die Kritik ihren 
Platz ein. 

Der Name der Kritik (der Beurteilung) ist wohlweislich 
gewählt. Beurteilt der Kritiker metaphysische Versuche mit 
seiner eigenen Vernunft, so will er doch ein allgemeines Votum 
der Wissenschaft abgeben, die er vertritt. Dazu gehören Prin- 
zipien, die man also auch feststellen kann. Kant will freilich 



— 8 — 

nicht „Bücher und Systeme" kritisieren, aber er verlangt 
einen „Gerichtshof", der „grundlose Anmafsungen nicht durch 
Maohtsprüche, sondern nach den ewigen und unwandelbaren 
Gesetzen" der Vernunft abfertige; dieses Tribunal ist die 
Kritik der reinen Vernunft. 

Vor diesem Gericht erweisen sich die dogmatischen Ver- 
suche einer sich über alle Erfahrung erweiternden Vernunft 
als das, was sie in Wirklichkeit sind: Täuschungen, die ein 
schier unüberwindlicher dialektischer Schein uns vorspiegelt 
Der oberflächliche Empirismus aber wird schon an der 
Schwelle abgewiesen. Hebt alle Erkenntnis mit der Erfahrung 
an, so entstammt ihr doch nicht eine jede. Wenn der Em- 
pirist seine Verstandesbegriffe als von Erfahrungen abstrahiert 
ansieht, so müssen sie eben in diesen Erfahrungen schon ge- 
wesen sein. Wie sind sie hineingekommen? Welches sind 
die ursprünglichen, nicht weiter zerlegbaren Elemente unseres 
Anschauens und Denkens, die sich in aller Erkenntnis 
vorfinden? Wie sollte man sie von den Gegenständen ge- 
winnen, wenn sie diese selbst erst bedingen? Gleichviel wie 
sich der Entwickelungsprozefs des Individuums oder der Wissen- 
schaft selbst vollzieht: Allgemeine, für das Denken eines jeden 
Gegenstands ohne empirischen Unterschied notwendige Be- 
griffe entstammen dem Erkenntnisvermögen und nicht den 
Dingen. 

3. So sicher wir ohne Erfahrung von nichts, und nicht ein- 
mal von uns selbst eine Kunde haben würden, so berechtigt sind 
wir, sie selbst nach ihren Elementen zu scheiden. Das giebt 
eben den Unterschied reiner und empirischer Erkenntnis. Die 
Erfahrung als solche lehrt uns nur, was wir in der Wahr- 
nehmung durch Empfindung erhalten. Das ist für jedes In- 
dividuum verschieden; wir können auch von keiner Erschei- 
nung das a priori wissen, was sie von jeder anderen als diese 
bestimmte trennt. Nur um die Möglichkeit dieser Be- 
stimmungen selbst ist es der Kritik zu thun. Dafs der Donner 
dem Blitze folgt, dafs der Schall eine langsamere Art der 
Fortbewegung hat als das Licht, kann man nicht a priori 
wissen, obwohl in unseren physikalischen Erklärungen dieser 
Erscheinungen a priorische Elemente enthalten sind. In der 
Erkenntnis begegnen sich zwei Faktoren, von denen der eine 
einen zufälligen, der andere einen notwendigen Charakter hat. 



— 9 - 

Die reine Erkenntnis läfst sich von der zufalligen, ander» 
denkbaren scheiden, und ihre Möglichkeit bedeutet eben eine 
allgemeine Menschenvemunft , die sich in ihrem reinen, von 
der Zufälligkeit der Objekte unabhängigen Gebrauche nur in 
einer gesetzmäfsigen Weise entwickeln kann. Sie ist das alle 
erkennenden Wesen unserer Art umschlingende Band, das eben- 
sosehr die völlige Übereinstimmung in der Logik und Mathe- 
matik, wie den Streit über irgend welche wissenschaftliche 
Fragen möglich macht. Selbst dieser Streit wäre ohne die 
Möglichkeit, richtiges Denken vom Irrtum zu trennen, sinnlos. 
Sicherlich ist jede eingesehene Wahrheit in gewissem Sinne 
auch Erfahrung. Der geometrische Satz, den ich jetzt denke, 
ist mir historisch überliefert, und dafs ich ihn jetzt denke, 
ist eine Thatsache meiner inneren Erfahrung. Indessen sehe 
ich ihn mit Notwendigkeit und Allgemeinheit ein, 
und das giebt ihm einen ganz anderen Charakter als der That- 
sache selbst. Diesen mächtigen Unterschied, der keinerlei 
mystische Vorstellungen vom Apriori bedingt ^ kann niemand 
in Abrede stellen. Der mathematische Satz kann nicht ebenso 
von Erfahrungen, von einzelnen Beispielen, abgezogen sein, wie 
die Regel der Aufeinanderfolge von Blitz und Donner. Wir 
sehen nur als notwendig und allgemein ein, was in der eigenen 
Vernunft begründet ist, und es ist nur ein Resultat beschei- 
dener Vernunft, das in der Kantischen Kritik sich geltend 
macht: Unsere reine Vernunft lehrt uns den Anteil kennen, 
den wir an jeglicher Erkenntnis von realem Inhalt beisteuern. 
Jede Erkenntnis von Objekten hat zwei Elemente, eine Form 
und einen Inhalt, eine Materie; diese wird uns aufgenötigt, 
jene geben wir hinzu. Alles, was zum reinen Erkenntnis- 
vermögen gehört, läfst sich unabhängig von einem Inhalt be- 
sonderer Natur für sich betrachten und erkennen. Die Mathe- 
matik ist sofern nichts anderes als eine Art der Selbsterkennt- 
nis, die Notwendigkeit und Allgemeinheit ihrer Sätze ist ein 
Kennzeichen für die Beisteuer unserer eigenen Vernunft, die 
aber nur formale Kriterien geben kann. Eben der andere 
Faktor giebt ihr erst einen Inhalt, der ihren Formen gemäfs 
sein, aber doch erst, wie die Erscheinungen des Blitzes und 
Donners, gegeben sein mufs, wenn man die Formen auf ihn 
anwenden will. 

Wo jemals eine reine Wissenschaft von dem beliebigen 



— 10 — 

Inhalt sich frei gemacht hat, da legte sie ein Zeugnis ab für 
eine allgemeine Vernunft. Die letzte Frage, die uns hier zu 
lösen möglich ist, stellt sich noch über jene reinen Disziplinen 
und will wissen, wie sie möglich sind, d. h. wie man aus reiner 
Vernunft von möglichen Gegenständen etwas wissen könne. Die 
Antwort giebt transscendentale Einsichten, die sich auf 
keinen besonderen Gegenstand, sondern auf seine allgemeine 
Möglichkeit als Erkenntnisobjekt beziehen. Den Anlafs zu dieser 
Frage giebt die Metaphysik selbst, sofern sie nicht blofs unsere 
eigenen, keiner Erfahrung entnommenen BegriflFe deutlich 
machen, sondern auch von jenseitigen Objekten Bestimmtes apriori 
zu wissen vorgiebt. In diesem Problem knüpft Kant an die skep- 
tischen Untersuchungen seines englischen, ebenso scharfsinnigen 
als geistreichen Vorgängers an. Bei Beiden ist dieMetaphysik 
mit ihren Schlüssen auf Übersinnliches in Frage gestellt, nicht 
die Physik. Gleichviel, ob der Metaphysiker nur im Reiche 
der Ideen sich bewegt, oder ob er von der Erfahrung ausgeht 
und von ihr seinen Absprung in andere Regionen bewirkt, seine 
Schlüsse sind ein Gebrauch a priorischer Begriffe. Mit em- 
pirischen Begriffen kann man nicht ins Jenseits wandern. Das 
ist sinnlos ; eben deshalb ist auch für die Kritik nur in Frage, 
was reine Begriffe zu leisten vermögen. 

4. Hume behandelt in seinem berühmten Essay wie sein 
Nachfolger die Frage der Metaphysik. Was Hume in der 
Erforschung eines einzigen Begriffes, der Kausalität, zu leisten 
versucht, das findet in der Kantischen Kritik eine allgemeine, 
systematische und an der Hand eines glücklich entdeckten 
Prinzips eine erschöpfende Lösung. 

Was kann die reine Vernunft in der theoretischen Er- 
kenntnis leisten? Das ist die Kantische Frage, deren Beant- 
wortung über die Metaphysik notwendig zu entscheiden 
hat, sofern sie übersinnliche Objekte zu erkennen, d. h. unter 
bestimmten Prädikaten zu denken sich vorsetzt. Die Frage 
ist zur Hälfte beantwortet, wenn man die reine Vernunft - 
leistung der formalen Logik, die blofse Erwägung leerer 
Denkformen, richtig einschätzt. Die Gesetze der Logik sind 
schlechthin allgemein und gelten für alles, was wir auch zu 
denken uns vorsetzen, ob empirische oder transscendentale 
oder überhaupt erdichtete Gegenstände. Die blofsen Denk- 
formen setzen immer schon einen Gegenstand voraus; wir 



— 11 — 

ordnen und vergleichen in ihnen unsere Vorstellungen, 
oder auch unsere Urteile selbst, aber wir bestimmen durch 
sie keine Objekte. Eine Wissenschaft, die für alles Denken 
ohne Unterschied Normen giebt, kann nur auf logische Ord- 
nung der Gedanken abzielen und mufs einen jeden nur denk- 
baren Gregenstand gut heifsen. Die logische Ordnung der Ge- 
danken allein kann aber nicht für die Wahrhaftigkeit ihres 
Inhalts einstehen. Die reine Erkenntnis hat an der allgemeinen 
Logik kein Organen, wenngleich diese ihr eine oberste Be- 
dingung stellt. Es bleibt also von jener Frage noch ein Teil 
übrig, der das Wesen der Kritik ausmacht. Wie ist es mög- 
lich, durch reine Vernunft Erkenntnis von Objekten zu 
bewirken? Diese Frage ist transscendental und läfst nur eine 
Lösung zu. 

Man vergesse nie, dafs der Philosoph seine Arbeit im 
Interesse der Metaphysik und erst in zweiter Linie zu gunsten 
der Physik und Mathematik leistet, die ihren eigenen „ Probier- 
stein" der Wahrheit haben. Physik und Mathematik als wirk- 
üche, anerkannte und zweifellos in stetigem Fortschritt be- 
findliche Wissenschaften müssen im Gegenteil als Zeugen 
dienen. Kant will sie trotz seiner Abwehr philosophischer 
Chikanen nicht stützen ; wenn er ihr von der reinen Vernunft 
gesponnenes Gewebe blofslegt, so will er zeigen, dafs man 
mit ihren reinen Begriffen um deswillen nicht über alle Er- 
fahrung sich hinauswagen darf, weil sie nur in der Erfahrung 
allein Sinn und Bedeutung erhalten können. Reine Begriffe 
und Urteile sind nur mit Rücksicht auf mögliche Erfahrung 
als gültig einzusehen. Auf den unsinnigen Zweifel unserer 
Zeit, der auch dem empirischen Gebrauch der Begriffe zu 
nahe tritt, war Immanuel Kant noch nicht gefafst. Ihm er- 
scheinen „Gleichgültigkeit und Zweifel" gegenüber der dogma- 
tischen Metaphysik als „Beweise einer gründlichen Den- 
kimgsart", während er Klagen über „Seichtigkeit" seinerzeit 
mit dem Hinweis auf die von der Metaphysik skeptisch sich 
abwendende Mathematik und Physik und ihren „alten 
Ruhm der Gründlichkeit" zu widerlegen suchte. 

Kein Zweifel, dafs der Gedanke einer reinen, für sich er- 
kennenden Vernunft schon der dogmatischen, d. h. aus reinen 
Begriffen entwickelnden Metaphysik völlig klar gewesen ist. 
Dafür ist das System Spinozas, die Philosophie eines Leibniz 



— 12 — 

Zeuge. Man wufste sehr wohl, dafs man über jenseitige Ob- 
jekte, die sich der Wahrnehmung entziehen, nur in der 
menschlichen Vernunft Aufschlufs zu suchen hatte. Das ist 
eben das Wesen des dogmatischen Rationalismus, durch reines 
Denken sich auch über Dinge zu belehren, wie sie in den 
Sinnen nicht vorgefunden werden. Was man bei diesen Be- 
mühungen übersehen hat und was keinem der Intellektual- 
Philosophen vor Kant völlig klar geworden ist, bezieht sich 
auf die Natur der Logik und der Mathematik, reiner Vernunft- 
wissenschaften , deren Bedeutung die Kritik endgültig zur 
Einsicht bringen will. Man bemerkte nicht, dafs die formale 
Logik, als Organen mit Bestimmungsgründen objektiver Natur 
ausgestattet, notwendig dialektisch wird, man verkannte, dafs 
die Mathematik samt den reinen Begriflfen, in deren Gebrauch 
sich die Metaphysik mit einer reinen Physik berührt, nur Be- 
deutung hat, sofern durch sie mögliche Objekte bestimmt 
werden. Wenn es dem Mathematiker gelingt, eine Wissen- 
schaft aus seinem Haupte zu spinnen — so bildet man sich 
ein — warum sollte nicht auch der Metaphysiker mit Axiomen, 
Definitionen und Demonstrationen auf den Plan rücken dürfen ? 

Diesem überaus naheliegenden Vorurteil macht die Ver- 
nunftkritik ein Ende. Sie ist nicht thöricht genug, der auf 
unmittelbar einleuchtenden Axiomen ruhenden Mathematik den 
Charakter einer reinen Vernunftwissenschaft abzusprechen, 
aber sie läfst sich nicht dadurch irreführen, dafs im mathe- 
matischen Beweisgange die Regeln des formalen Denkens in 
ihrer schematischen Form die Führung übernehmen. Wir 
haben hier nicht nur eine reine Verstandesoperation, sondern 
auch ein reines, in der Anschauung mögliches Objekt, das 
uns a priori zur Bestimmung gegeben ist. Wenn man aus 
dem Begriffe eines Körpers, der vor unseren Augen gegeben 
ist, alles hinwegnimmt, was von ihm empfunden wird, so 
bleibt als Rest der Begriff eines mathematischen Körpers, der 
für sich bestimmbar ist. Auch dies Bestimmbare gehört 
zur reinen Vernunft, aber die Bestimmung des a priori ge- 
gebenen Faktors hat nur einen Sinn, weil dieser Faktor unsere 
reine Sinnlichkeit selber ist, die aller empirischen notwendig 
zu Grunde liegt. Diese reine Sinnlichkeit ist eine Abstraktion^ 
die so legitim ist wie die andere, für deren Verständnis sie 
sorgt, nämlich wie die Abstraktion der Mathematik selbst. 



— 13 — 

Wie der Verstand die Möglichkeit bedeutet, Objekte all- 
gemein zu denken, so hat er die Funktion, reine Gesetze 
möglicher Objekte zu entwickeln, weil auch der Sinnlichkeit 
allgemeine, von der Einzelerfahrung unabhängige Formen zu 
Grunde liegen. Der Mensch erhält vom Räume und von der 
Zeit keine Kunde durch die Dinge, sondern umgekehrt, 
er kann von Objekten etwas erfahren, weil Baum und Zeit in 
seinem Erkenntnisvermögen als a priori gegebene Formen der 
Sinne schon gegeben sind. Und kehren wir die Beziehung, 
um, so kann auch von einer reinen Anschauung nicht die 
Bede sein, wenn es nichts giebt, das in ihr angeschaut werden 
kann. „Wenn nicht ausgedehnte Wesen wahrgenommen werden, 
80 kann man sich auch keinen Baum vorsteDen." Nur weil 
es Reales giebt oder weil es gegeben ist, kann auch von einer 
Form die Bede sein, in der es angeschaut wird. Das Apriori 
und Aposteriori bedingen sich gegenseitig, aber die Form geht 
dem Inhalt voraus, weil sie für sich mit Allgemeinheit und 
Notwendigkeit erkannt, d. h. antizipiert werden kann*). 

Raum und Zeit sind mit dem Subjekt notwendig verbunden, 
es kann sich von ihnen nicht lösen, und wenn der Verstand 
die unbezweifelbare Fähigkeit hat, von ihnen zu abstrahieren, 
d. h. räum- und zeitlose Dinge zu denken, so soll er sich 



^) Es ist überaus wichtig, beständig das Eantische Problem vor Augen 
zu haben. Leibniz fragt, wie alle Intellektualpliilosoplien, nach dem 
Wesen der Dinge, nach dem Bleibenden, an sich Seienden. In seinen 
Monaden, die nicht als physikalische Einheiten gedacht werden dürfen, 
glaubte er es entdeckt zu haben. Eine solche Lehre spottet jeder Be- 
stätigung dnrch Erf abrang und schreibt sich der reinen Vernunft zu, 
die also auch über die Wahrheit zu entscheiden hat Kant behandelt 
also als Yorantersuchung für eine solche Behauptung die Natur des Er- 
kenntnisyermögens überhaupt. Die Monade ist weder räumlich noch zeit- 
lich und ein richtig gebildeter metaphysischer Begriff. Es ist also die 
Frage, was wir durch einen solchen Begriff erkannt und ob wir mit 
ihm selbst ein Olijekt bestimmt haben. 

Zeigt sich, dafis unserem Verstände niemals ein Objekt unmittelbar, 
d. h. ohne die Vermittelang der Sinne gegenübertreten kann, dafs unsere 
Begriffe nur bei gegebenen Objekten Sinn erhalten können , so bleibt ein 
solcher metaphysischer Begriff' für uns leer und unbestimmbar. Leibniz 
glaubte, dafs das Sinnenwesen sich von der Sinnlichkeit frei denken liefse 
und dennoch etwas Bestimmbares übrig bliebe. Eant zeigt, dafs damit 
eine Bedingung der Erkenntnis und also das Objekt selbst aufgehoben 
wird. 



— 14 — 

hüten, die logische Operation mit einer realen oder mit einer 
solchen zu verwechseln, die ein Erkenntnisobjekt übrig läfst. 
Er denkt dann noch ein Etwas überhaupt, aber dieses Etwas 
ist völlig unbestimmt und unbestimmbar. Bestimmte Ob- 
jekte giebt es nur in den Sinnen. Ohne Raum und Zeit unter- 
scheiden wir nur Begriffe des Verstandes, d.h. die Begriffe, 
durch die unterschieden wird, wofern es etwas giebt, das 
zu bestimmen ist. 

Man erschwert sich das Verständnis dieser Gedanken, wenn 
man mit seinen Fragen auch nur einen Schritt weiter geht, 
als das Problem des Philosophen es zuläfst. Kant will in der 
Kritik nur das Verständnis des eigenen Erkennens herbei- 
fuhren. Man soll sich selbst verstehen lernen, die Bedingungen 
einsehen, durch die etwas als mein Objekt gedacht und er- 
kannt, zugleich aber auch ein Objekt für jeden unter den- 
selben Bedingungen erkennenden Verstand werden kann. 
Diese unseren eigensten Besitz betreffende Aufgabe ist mit 
unbedingter Sicherheit lösbar trotz aller gedankenlosen Skepsis 
unserer Tage, die völlig vergifst, dafs sie auf dieselbe Frage, 
deren Lösbarkeit sie zu bestreiten nicht müde wird, eine apo- 
diktische Antwort giebt. Indem Kant Bedingungen der Er- 
kenntnis feststellt, macht er diese Bedingungen relativ auf 
die empirische Erkenntnis begreiflich, in deren unangefochtenem 
Besitze die Wissenschaft und der gemeine Verstand seit Jahr- 
tausenden ist. Aber er geht nicht weiter. Wie diese Be- 
dingungen an sich selbst möglich sind, nach dem jenseitigen 
Grunde fragt er nicht. Gleichwohl sind seine kritischen Ein- 
sichten nicht empirisch; was nur als allgemeine Bedingung der 
Erfahrung eingesehen werden kann, ist eine transscendentale, 
nicht aus Erfahrungen selbst ableitbare, sondern diese selbst 
allgemein beurteilende Erkenntnis. 

Kant opfert nichts von dem immer behaupteten Zwang 
mathematischer Lehren, wenn er sie nicht auf der Logik allein 
ruhen läfst; hier ist der Philosoph so oft mifsverstanden wor- 
den, als man auf Grund der logischen Möglichkeit andere als 
die Axiome Euklids behauptet oder nur als möglich hingestellt 
hat. Kant erklärt jenen Zwang nur anders und zwar zum 
ersten Male so, dafs die alten Zweifel an der Wirklichkeit 
der Aufsenwelt ebenso wie die philosophischen Chikanen gegen- 
über der Mathematik ihren Sinn völlig einbüfsen. Der Mathe- 



- 15 — 

matiker bestimmt a priori die Möglichkeit von Objekten im 
Räume und in der Zeit, er bestimmt durch seinen Verstand 
eine reine Anschauung nach den Begriffen der Gröfse und 
Eigenschaft (Gestalt), und diese reine Anschauung liegt aller 
empirischen notwendig zu Grunde. Nur für die in den Sinnen 
gegebene Welt hat unsere reine Vernunft konstitutive Prin- 
zipien, und nur auf uns gegebene oder für uns mögliche 
Gegenstände beziehen sich alle Regeln, nach denen wir un- 
serem Erkenntnisvermögen gemäfs urteilen. 

Man lasse sich durch empirisch-psychologische Erwägungen 
nicht in dieser Aufgabe irreleiten. Alle Erscheinungen, die 
man hier erörtert, setzen für die Beurteilung Raum und Zeit 
schon voraus, wie sie von Kant erwogen werden. Es wäre 
keine Sinnestäuschung feststellbar, wenn nicht schon Gesetze 
des Raumes und der Zeit anerkannt würden. Man kann den 
empirischen Gebrauch apriorischer Begriffe und Formen beim 
Einzelnen wiederum empirisch untersuchen; aber man kann 
daraus nichts gegen diese Begriffe und Formen ableiten, weil 
man sich ihrer selbst schon immer notwendig bedient. 

Raum und Zeit sind nicht Eigenschaften irgend welcher 
Dinge an sich, die unabhängig von unserer Sinn- 
lichkeit dem Verstände gegenübertreten; unser 
Verstand bezieht vielmehr alle seine Begriffe auf Erscheinungen, 
d. h. auf Gegenstände, die im Räume und in der Zeit, also 
in unseren Sinnen anzutreffen sind. Und von Raum und Zeit 
hat der Verstand den Gegenstand loszulösen, wenn er ihn mit 
dem Metaphysiker als ein reines Gedanken ding denken will. 
Solchen Gedankendingen aber entsprechen keine möglichen 
Objekte. Weit entfernt, dafs diese von Kant ein- für allemal 
festgestellte Thatsache die Objekte unserer Erkenntnis in 
Schein verwandelte oder dafs auch nur ein solcher Unsinn aus 
Kantischer Lehre folgte, wird vielmehr durch sie zum ersten 
Male in der Philosophie klar erkannt, wie reine Mathematik 
möglich und wie durch sie der Gegenstand der Erkenntnis 
nach apriorischen Gesetzen bestimmbar ist. Man erörtert 
zuweilen das Problem, wie eine reine Sinnlichkeit mit der 
empirischen koinzidieren könne. Das erweckt das komische 
Bild des zerstreuten Gelehrten, der seine Brille auf der Nase 
hat und sie dennoch sucht. Mit der reinen, allgemein gültigen, 
notwendig mit uns verbundenen Anschauung ist eben die 



- 16 — 

Thatsache erklärt, dafs wir für die Erkenntnis der mathema- 
iischen Gesetze der empirischen Anschauung nicht bedürfen, 
Aals diese Gesetze von allen empirischen Unterschieden un- 
abhängig und dennoch fiir alles gültig sind, was wir ihnen 
jemals einzuordnen yermögen. 

Wenn wir, wie oben geschehen, von einem physikalischen 
Körper alles absondern, was ihn zu diesem bestimmten Körper 
macht, so bleibt der Begriff eines mathematischen Körpers. 
Aber hier behalten wir nicht den Begriff eines Begriffs, einer 
Verstandeshandlung, sondern den Begriff einer von allem Em- 
pirischen gesonderten, d. h. einer reinen Anschauung übrig. 
Es bleibt kein reales, an sich seiendes Objekt, ein geheimnis- 
volles Etwas, das für sich existierte und ein an sich seiendes 
Ding als erste materiale Grundlage möglich machte. Nur 
^ieForm eines möglichen Gegenstandes der Erfahrung bleibt 
übrig. Niemals hätte Kant bezweifelt, dafs wir zu di^er Ab- 
straktion zeitlich nur nach gemachten Erfahrungen gelangen 
können. Aber seine Frage ist eben etwas tiefer liegend: Wie 
ist es möglich, dafe man jene Abstraktion nicht allein vollziehen, 
sondern dafs man sie in der Aufstellung einer sich beständig 
erweiternden Wissenschaft, der Mathematik, aufrecht erhalten 
und dennoch für alle möglichen Gegenstände der Erfahrung 
Oesetze a» priori entwickeln kann? Für diese Frage kann 
Allein die Kantische Antwort befriedigenden An&chlufs geben. 
Und an ihr ist wesentlich Kantisch, dafs Raum und Zeit Be- 
stimmbares und nicht Bestimmendes, dafs sie Anschauungen 
tmd nicht Begriffe, weder empirische noch allgemeine Yer- 
standesbegriffe (wie Subsistenz und Inhaerenz), sind. Es bleibt 
bei jener Abstraktion weder eine geheimnisvolle Substanz noch 
^ine Eigenschaft übrig, die der eine Körper auszieht, um sie 
bei der Ortsveränderung dem Nachfolger zu cedieren. Der 
Best ist wirklich eine in Gedanken von aller Empfindung frei 
gedachte Anschauung, d. h. aber nichts als die Möglichkeit 
empirische Anschauung. Die mathematischen Begriffe haben 
samt den mathematischen Grundsätzen nur sofern objektive 
<jrültigkeit, als sie sich auf empirische Anschauungen beziehen 
können. 

Die Mathematik hat sich auch ohne diese klare Einsicht 
entwickelt, und die „Chikanen" einer „seichten'^ Philosophie 
mit ihren bis auf den heutigen Tag ängstKch konservierten 



— 17 — 

kritiklosen Sorgen um die Grtiltigkeit der apodiktischen Sätze 
haben niemals yermocht, ihrem Fortschritt Einhalt zu gebieten. 
Aber wie gesagt, nicht über die keinem Zweifel unterliegende 
Mathematik, sondern über die nicht hinreichend konsolidierte 
Metaphysik soll entschieden werden. Wenn Baum und Zeit 
nur Formen der Sinnlichkeit sind, so kann man mit ihnen 
nicht mehr über alle Erfahrung hinaus wollen. Keine Metaphysik 
femer, die mit blofsen Begriffen operiert, kann sich auf Mathe- 
matik berufen, wenn für diese reine Erkenntnis ein Gegen- 
stand als Inhalt nachgewiesen ist, der a priori dem Subjekt 
zugehört und für sich kein Dasein führen kann. Ein yöUig 
unsinniger Gedanke, der Baum und Zeit zu an sich bestehenden 
Undingen und damit jede konsequente Auffassung der eigenen 
Vernunft unmöglich macht. 

5. Aus Kants Lehre vom Baume und von der Zeit folgt 
seine Unterscheidung von Dingen an sich und Erscheinungen 
mit Jfotwendigkeit. Wir beurteilen und bestimmen nur, was 
in den Bannkreis des Subjekts eintritt, was wir im Baume 
und in der Zeit vor uns hinzustellen und in ihnen zu ver- 
binden vermögen ; die Dinge an sich aber, von unseren Sinnen 
befreite Wesen, können nicht voneinander unterschieden, also 
auch nicht bestimmt, d. h. erkannt werden. Wir haben kein 
Objekt ohne Baum und Zeit, d. h. ohne sinnlich feststellbare 
Unterschiede; jede empirische Erkenntnis setzt Baum und Zeit 
immer schon voraus, also sind Baum und Zeit apriorische Bedin- 
gungen der Objekte. Denken wir noch einen transscendentalen, 
unerforschlichen Grund der Erscheinungen und nennen wir ihn 
Ding an sich, so können wir freilich sagen: das Ding an sich 
liefert der Sinnlichkeit in der Empfindung den Stoff zu 
Anschauungen, unser Verstand aber hat es mit diesem 
Stoff und nie mit seinem Ursprung zu thun, er erhält von 
der Sinnlichkeit sei es reine oder ihnen notwendig gemäfse 
empirische Anschauungen, und sie allein bilden den Stoff 
fiir unseren urteilenden, durch Begriffe bestimmenden Ver- 
stand. Es tritt also kein für sich seiendes Ding in einen 
unmittelbaren Bapport mit unserem Verstände. Man sollte 
denken, dafs bisher keine Thatsache diese Lehre verleugnet 
und kein begründetes Bedenken dawider unsere Wirklichkeit 
anzutasten vermocht hatte. Was wir beurteilen, das ist unsere 
Vorstellung, und „alle Vorstellungen haben, als Vorstellungen, 

OoldBchxnidt • Hellin. 2 



-- 18 — 

ihren Gegenstand und können selbst wiederum Gegenstände 
anderer Vorstellungen sein ". Aber wir kommen niemals auf 
ein Letztes, Yon dem wir sagen könnten: Hier haben wir nun 
den Urgrund aller Erscheinung, der auch unabhängig von unse- 
rer Sinnlichkeit in bestimmbarer Weise da ist. Immer finden wir 
in der Erkenntnis yon Gegenständen „blofse Verhältnisse", sei 
es der „Örter in einer Anschauung (Ausdehnung), Verände- 
rung der Örter (Bewegung) und Gesetze, nach denen diese 
Veränderung bestimmt wird (bewegende Kräfte). Was aber in 
dem Orte gegenwärtig sei oder was aufser der Ortsveränderung 
in den Dingen selbst wirke, wird dadurch nicht gegeben". Zum 
Ding an sich gelangen wir auch bei der Bestimmung des eignen 
Gemütis nicht. In dem reinen Selbstbewufstsein ist nichts Mannig- 
faltiges gegeben; die Art, in der es gegeben wird, ist für innere 
Erscheinungen der äuTseren Sinnlichkeit analog undkein selbst- 
t h ä t i g e s Hervorbringen durch eine intellektuelle Anschauung. 
Körper und Seele sind Erscheinungen, d. h. in den Sinnen 
Gegebenes; was sie an sich, d. h. gegenüber einem nicht auf 
die Sinne eingeschränkten Verstände sein mögen, wissen wir 
nicht. Es läfst sich durch keine theoretische Spekulation 
herausbringen, ist aber auch für das Wissen von keinem 
Interesse. 

Wir können so weit denken, wie es die Philosophie jeder- 
zeit gethan hat, aber die Gedanken finden nichts mehr, dessen 
sie sich zu bemächtigen imstande wären, sie sind mit sich 
allein. Was wir vermöge reiner Sinnlichkeit im mathe- 
matischen Begriffe bestimmen können, läfst sich in empirischer 
Sinnlichkeit konstruieren und ist niemals ein blofses Ge- 
dankending. Was aber nicht in empirischer Sinnlichkeit gege- 
ben werden und auch nicht in einen Zusammenhang mit 
unserer Wahrnehmung treten kann, ist kein Objekt für uns 
und kann es niemals werden. Das Wesen solcher übersinn- 
lichen Dinge kann man ganz auf sich beruhen lassen, in der 
Erkenntnis unserer Wirklichkeit wird danach niemals gefragt; 
hier findet sich hinreichende Arbeit, und das Wissen findet 
keine Schranke, 

Schon mit Kants transscendentaler Ästhetik, der 
Lehre von einer reinen Sinnlichkeit, auf der alle mathe- 
matische Erkenntnis beruht, ist Kants urteil über die dogma- 
tische Metaphysik entschieden. Nicht ohne zwingenden Grund 



— 19 - 

steht diese Lehre an der Spitze aller Untersuchungen. Wir 
schauen mit den Sinnen an und denken mit dem Verstände. 
Das sind verschiedene, wenn auch immer verbundene Leistungen 
des Erkenntnisvermögens, die von einer Theorie der reinen Er- 
kenntnis nach ihrem Anteil zu scheiden sind. Wir haben alle 
Ursache, uns bei allen Begriffen von Gegenständen zu fragen, ob 
sie vor den Sinnen verknüpft sind oder nur vor dem Verstände. 
Kant nennt das eine transscendentale Reflexion, eine Über- 
legung, die seine Vorgänger versäumt oder in irriger Weise 
angestellt haben. Eine Verwechslung der Reflexionsbegriffel 
hat Leibniz verleitet, nach Prinzipien für Verstandesdinge 
zu suchen, da er den eigenen Anteil an der Erkenntnis von 
Erscheinungen lediglich im Verstände begründet sah. Die 
Erscheinungen, alles, was Gegenstand der Physik ist, glaubte 
er von den Fesseln der Sinnlichkeit frei, d. h. an sich durch 
den Verstand erkennen zu können, er übersah, dafs in den 
Sinnen ursprüngliche Bedingungen liegen, die den Ver- 
stand nicht etwa verwirren, sondern ihn selbst erst als ein 
erkennendes Vermögen möglich machen. Die Sinne 
schränken den Verstandesgebrauch auf mögliche Objekte ein; 
sie allein können ihm objektive Bedeutung verschaffen. Auch 
Leibniz vertritt die Idealität von Raum und Zeit, aber bei 
ihm ist die Stelle verfehlt, die er ihnen anweist. Er kann als 
dogmatischer Rationalist in ihnen nur Verhältnisbegri f f e 
sehen, durch die eine Gemeinschaft (Wechselwirkung) und 
eine Aufeinanderfolge von Gründen und Folgen gedacht wird ; 
Leibniz „dachte sich den Raum als eine gewisse Ordnung 
in der Gemeinschaft der Substanzen und die Zeit als die 
dynamische Folge ihrer Zustände"; er „intellektuierte" also 
Formen der Sinne und bemerkte nicht, was erst Kants Re^ 
flexion entdeckt. In einer ursprünglich gesetzmäfsigen Sinn- 
lichkeit wird uns ein jeder Gegenstand gegeben. Wir haben 
nicht die Fähigkeit, diesen Gegenstand von ihr frei zu denken, 
ohne ihn selbst als erkennbares Objekt zu vernichten. 

Die Anschauung geht dem Denken, das Bestimmbare seiner 
Bestimmung voraus. Raum und Zeit sind vor dem, was in 
ihnen angetroffen werden kann, ein Vorzug, der nicht zeitlich, 
sondern transscendental ist. Transscendental aber heifst nicht, 
wie schon bemerkt wurde, eine Erkenntnis des Gegenstandes 
^Ibst, sondern eine Einsicht, die sich auf die allgemeine 

2* 



— 20 - 

Möglichkeit eines jeden Gegenstandes, wie er auch als ein 
besonderer beschaffen sein mag, beziehen soll. Die transcen- 
dentale Reflexion ist der blofs logischen entgegengesetzt. Diese 
geht nur auf den Gedanken und setzt den Gegenstand schon 
Yoraus, jene fragt nach seiner Möglichkeit selbst. Wie die Physik 
bei ihren Untersuchungen und Feststellungen davon absieht, 
wo ihre Erscheinungen sich abspielen und welche nebensäch- 
lichen Umstände sie jeweils begleiten mögen, so sieht die Er- 
kenntniskritik von allen empirischen Unterschieden krafC 
ihrer allgemeinen Aufgabe ab. Auf andere Weise war und ist 
diese Kritik nicht möglich. Und man sieht auch, dafs sie in 
erster Linie die Metaphysik und nicht die Physik mit dem 
unumstöfslichen Resultate belehren will. Giebt es keinen be- 
stimmbaren Gegenstand, der nicht im Räume oder in der 
Zeit wäre, so kommen Raum und Zeit unseren Gegenständen 
als Erscheinungen notwendig zu. Man kann sich keine Vor- 
stellung davon machen, dafs Raum und Zeit nicht wären; 
aber man kann von dem in ihnen gegebenen Inhalt ab- 
sehen, ohne mit dieser Abstraktion selbst die Bedingungen 
eines Gegenstandes zu vernichten. Beweis: die Mathematik, 
die sich nur um räumliche und zeitliche Beziehungen be- 
kümmert und dennoch Erkenntnis liefert. 

6. Verhält sich das erkennende Subjekt in jeglicher Art der 
Anschauung rezeptiv, so ist dagegen alles Denken Hand- 
lung, Spontaneität oder, wie Kant sich ausdrückt, 
Funktion, die immer reine oder empirische Anschauung 
voraussetzt, wo erkannt werden soll. Raum und Zeit sind 
Anschauungsformen und nicht Funktionen. Man halte das 
auseinander wie Rezeptivität und Spontaneität. Das Denken 
besorgt der Verstand, von dem Kant als oberstes Erkenntnis- 
vermögen mit besonderen Leistungen die Vernunft scheidet. 
Im Gebrauche des Wortes Vernunft ist bei dem Schrift- 
steller immer leicht zu ersehen, wo er diesen Terminus in 
allgemeiner und wo er ihn in jener besonderen Einschränkung 
verwendet. 

In der Lehre vom Verstände stellt der Philosoph fest, 
was menschlicher oder vielleicht allgemeiner, was ein auf sinn- 
liche Anschauung angewiesener reiner Verstand zu leisten 
vermag. Niemand hat wohl bisher bestritten, dafs der Ver- 
stand eine notwendige Erkenntnisbedingung ist. Eine solche 



— 21 — 

ausdrückliche Anerkennung des Verstandes könnte geradezu 
lächerlich erscheinen, wenn es nicht gerade die Kategorien- 
lehre wäre, die beständigem Spotte yoreiliger Kritik preis- 
gegeben scheint. Hat aber der Mensch Verstand, so mufs 
sich YÖUig unabhängig von der Entwicklung des Einzelnen 
und der Gesamtheit angeben lassen, welche Leistungen man 
ihm in der Erkenntnis zusprechen darf. Diese Funktionen, 
letzte nicht weiter spaltbare Akte unseres Denkens, denen 
weder etwas Empirisches noch ein anschaulicher Inhalt zu- 
kommen kann, müssen sich in endlicher Zahl Yorfinden, wenn 
auch von ihnen ein unendlich vielfacher Gebrauch im ein- 
zelnen möglich ist. Sie müssen sich in allem auf Erfahrung 
angewandten Denken vorfinden, aber man kann sie nicht 
empirisch erwerben. Man setzt sie immer schon voraus, 
wo auch Erfahrung anhebt. 

Schon dieThatsache der formalen, nur auf Ordnung der 
Gredanken abzweckenden Logik legt hier ein vollgültiges Zeugnis 
ab; Kant ergänzt sie durch eine Logik des verbindenden 
Denkens, eine Logik der Synthesis, die auf die Hand- 
lungen des Verstandes acht hat, durch die wir Vorstellungen 
erwerben und mit einander verknüpfen. Die analytischen 
Operationen, die im Vergleich der Vorstellungen zu Be- 
griflfen fuhren, die Ordnung, die im analytischen Urteilen 
und Schliefsen die Deutlichkeit der Erkenntnis fordert ,5 sie 
setzen schon eine Thätigkeit des Verstandes voraus , die 
Kant mit dem Namen der Synthesis bezeichnet. Das 
Mannigfaltige der Anschauung — eine Abstraktion so- 
wohl im Sinne der reinen Faktoren Kaum und Zeit als 
mit Rücksicht auf einen empirischen Inhalt — mufs erst 
vom Verstände durchgenommen und zur Einheit des Be- 
wufstseins verbunden, vereinigt werden, ehe der Verstand 
es in analytischer Weise ordnen kann. Verbindung und Ord- 
nung, Synthesis und Analysis sind verschiedene, aber doch die 
Funktionen ein und desselben Verstandes. 

Was lehren uns nun alle Denkformen, diese Vorstellung 
von leeren Verstandeshandlungen, denen ein jeder Inhalt ge- 
nehm ist? Geben sie nicht einen Begriff vom Verstände 
selbst, wenngleich man ihn nur in Gedanken isolieren kann? 
Ohne zeitlich vorhergehende Erfahrungen würde kein Mensch 
jene Formen aufeustellen vermögen. Das ist nicht allein 



— 22 — 

unbedingt richtig, sondern auch von Kant niemals bestritten 
worden. £r lehrt ja gerade, dafs Anschauen und Denken not- 
wendig verbunden sein und sich immer auf mögliche Erfahrung 
beziehen müssen, wenn von Erkenntnis die Rede sein soll. 
Eine solche Lehre ist aber gar nicht möglich, wenn nicht Er- 
fahrung vorausgegangen ist. Man lese doch nur aufmerksam 
die ersten Worte der Kritik: „Dafs alle unsere Erkenntnis 
mit der Erfahrung anfange, daran ist gar kein Zweifel; denn 
wodurch sollte das Erkenntnisvermögen sonst zur Ausübung 
erweckt werden, geschähe es nicht durch Gregenstände , die 
unsere Sinne rühren und teils von selbst Vorstellungen be- 
wirken, teils unsere Verstandesthätigkeit in Bewegung bringen, 
diese zu vergleichen, sie zu verknüpfen oder zu trennen und 
so den rohen Stoff sinnlicher Eindrücke zu einer Erkenntnis 
der Gegenstände zu verarbeiten, die Erfahrung heifst? Der 
Zeit nach geht also keine Erkenntnis in uns vor der Erfahrung 
vorher, und mit dieser fangt alle an." Das Empirische ist 
nach Kant überhaupt die Bedingung für die Anwendung des 
Intellektuellen ; das aber nimmt uns nicht das Recht, die Fak- 
toren, die den Inhalt der Erkenntnis betreffen, von solchen 
zu scheiden, die nur zu ihrer Form gehören, unsere reine 
Anschauung mufs sich auf empirische, unser Denken mufs 
sich auf Anschauung und auf Gegenstände in ihr beziehen 
können, wofern Erkenntnis zustande kommen soll. Wofern 
nun die Erfahrungsurteile und inhaltsvolle Urteile überhaupt 
unendlich verschieden und nach ihrem Inhalt zufällig sind, 
so wird man nicht sagen dürfen, dafs man jene Formen all- 
gemeinster Natur von den Erfahrungen habe, sondern man 
wird umgekehrt behaupten müssen: es ist ein allgemeiner 
Verstand, der sich in allen Urteilen vorfindet, dessen Formen 
also immer in den Urteilen wiederkehren müssen. Wann wird 
man einmal restlos einsehen lernen, dafs man apriorische 
Formen als Bedingungen zu gewissen Leistungen behaupten 
darf, auch wenn man sie ohne diese Leistungen, in denen 
«ich noch andere Bedingungen erfüllen müssen, nicht haben 
würde? Im Grunde verfahren wir ja niemals anders, wenn 
wir durch Absonderung, durch Abstraktion, irgend einen Gegen- 
stand für sich betrachten, der isoliert vielleicht gar nicht 
möglich, also immer mit anderen Elementen verbunden ist, 
4ie unser Interesse mitzuerwägen gerade verbietet. 



— 23 — 

Wenn man will, so geht die Kritik nur auf alle die Fälle, in 
denen unsere Abstraktion noch die Erkenntnis wenigstens 
eines möglichen Gegenstandes zuläfst. So war die in der 
Mathematik vorliegende Abstraktion nicht allein erlaubt, sondern 
auch fruchtbar, weil sie sich auf einem möglichen empirischen 
Gebrauch bezieht. Diese Abstraktion war um deswillen mög- 
lich und sie war notwendig; ohne sie hätten wir keine Mathe- 
matik als Wissenschaft. Ebenso ist die Isolierung des reinen 
Verstandes in einer allgemeinen Logik erlaubt, weil sie sich 
auf alles Denken bezieht. Aber man mufs yon den Iso- 
lationen nicht mehr verlangeu, als sie bieten können. Die 
angewandte Mathematik giebt nur sofern Gewähr, als der 
jeweils vorliegende Gegenstand ihren besonderen Sätzen ge- 
mäfs ist. Das zu entscheiden ist eine Sache der Urteilskraft, 
des gesunden Verstandes ; er hat zu befinden, ob den Formeln 
das Objekt entspricht, auf das ich sie gerade anwende. Reine 
Mathematik ist von objektiver Gültigkeit, weil sie sich 
jederzeit einen Gegenstand geben, d. h. weil sie ihre Begriffe 
wirklich machen, konstruieren kann. Die allgemeine Logik 
giebt nur Formen des richtigen Denkens überhaupt, deii 
Gegenstand selbst richtet und beurteilt sie nicht; ihr ist eben 
jeder Gegenstand genehm, wofern er nur nicht schon im 
Begriffe widersprechend gedacht, d. h. undenkbar ist. Sofern 
stellt sie oberste Bedingungen, aber sie giebt keine Kriterien 
objektiver, sondern nur logischer Wahrheit. 

Zugestanden nun, dafs ein Denkvermögen mit Formen, in 
die ein jeder Inhalt hineinpafst, nicht diesem Inhalt, sondern 
dem denkenden Subjekt zugesprochen werden mufs, so ist 
nicht ein jedes Denken zugleich ein Erkennen. Nicht 
jeder Gedanke bestimmt einen wirklichen oder auch nur einen 
möglichen Gegenstand, auch wenn dieser Gedanke den Regeln 
unseres Denkens gemäfs ist* Aber alles Erkennen ist un-^ 
zweifelhaft immer ein Denken. Das Erkennen für sich, d. h. 
allgemein gedacht, bedeutet das reine Denken eines möglichen, 
d. h. eines beliebigen Gegenstandes, sofern er erkannt, d. h. 
als ein Objekt bestimmt und von anderen unterschieden werden 
kann. Er soll sich sofern von einem blofsen Hirngespinst 
unterscheiden. 

Denken und Erkennen bedeuten beide so viel als Urteilen, 
aber das Erkennen ist ein Denken, das seinen Gegenstand 



— 24 — 

durch Begriffe, d. h. durch Prädikate möglicher Urteile für 
jedermann, d.h. objektiv bestimmen will. Im Begriffe ver- 
einigen wir verschiedene Vorstellungen zu einer einzigen ; wir 
bringen diese Vorstellungen zur Einheit unseres Be- 
wufstseins, das nun jene mannigfaltigen Vorstellungen in einer 
einzigen Vorstellung denkt (begreift). Im Urteil beziehen 
wir verschiedene gegebene Vorstellungen auf einen Gegenstand, 
wir erkennen den Gegenstand mittelbar durch Vorstellungen, 
indem wir einen Begriff, der für viele gilt, eben auf diesen 
Gegenstand beziehen. Begriff und Urteil sind für sich he* 
trachtet Handlungen, Funktionen des Verstandes, durch 
die Einheit des Verstandes in bestimmter Weise gedacht wird. 

Kant zeigt uns nun, wie eine jede Handlung des Verstandes 
auf ein Urteil zurückgeführt werden kann. Der Begriff be* 
deutet sofern nichts anderes als das Prädikat zu einem mög* 
liehen Urteile. So viele Arten es giebt, zu urteilen, d. h. durch 
Begriffe einen Gegenstand zu erkennen, so viele Arten mufs 
es auch geben, die Einheit des Verstandes in unsere An- 
schauungen zu bringen. Mit anderen Worten: Die Formen 
des Urteils und die Formen aller Begriffe des Verstandes 
stellen uns dieselben Verstandeshandlungen allgemein vor. 
Sie lassen sich nicht auf einfachere Formen reduzieren; sie 
sind nicht von Anschauungen bestimmter Art abgezogen, son- 
dern umgekehrt, dafs wir bestimmte, in der Einheit des Be- 
griffs zum Bewufstsein gebrachte Vorstellungen haben können, 
verdanken wir dem Verstände, der in jedem möglichen Gegen- 
stande ebensowohl von uns stillschweigend mit vorausgesetzt 
wird wie die reine Anschauung selbst, in der er gegeben 
werden kann. 

Wenn man die Formen des Urteils als Verstandesleistungen 
bezeichnen darf, so sind es auch die Begriffe, durch die wir 
sie unterscheiden. Von jenen ist jeder Inhalt abgeblendet; 
es kann sich also auch kein empirischer Zusatz in den Be- 
griffen mehr vorfinden. Die Eantische Eategorienableitung 
ist apodiktisch und jeder Zweifel ist mifsverständlich. 

In jenen Urteilsformen, die wir eben durch so viele Mo- 
mente des Denkens zu unterscheiden pflegen, als es ihrer 
überhaupt giebt, erschöpfen sich die Leistungen unseres reinen, 
d. h. für alles Denken und Erkennen mafsgebenden Verstandes. 
Die Tafel der im Verstände entspringenden Urteilsformen war 



- 25 — 

lÜT Kant als ein uralter Besitz der Logik gegeben. Wer ein- 
zusehen vermag, dafs dieser Besitz kein blanker Zufall, son« 
dem zum Denken und Erkennen notwendig ist, hat sich auch 
der Eantischen Eategorienlehre gefangen zu geben. Wer be- 
ständig von seinem gesamten Verstände, also von allen seinen 
Funktionen Gebrauch macht, der darf um deswillen nicht 
verbieten, dafs man sie sondert, soweit das möglich ist. Man 
mache sich nur einmal klar, dafs man selbst die Verpflichtung 
hat, seine Begriffe zu bestimmen. Solange man die Leistungen 
des Verstandes nicht angeben kann, hat man seine Natur nicht 
bestimmt. Hier kam es also darauf an, zu wissen, was dem 
Verstände ursprünglich und nicht der Anschauung eigen ist, 
und die Untersuchung war nötig, um die Verstandesbegriffe 
und die aus ihnen entspringenden Grundsätze des Verstandes, 
synthetische Urteile a priori, einmal als von objektiver Gültig- 
keit, fürs andere aber als solche, zu erweisen, die nur mit 
Rücksicht auf mögliche Erfahrung Sinn und objektive Bedeu- 
tung haben. 

7. Jene Urteilsformen der formalen Logik setzen, wo man sie 
auch in der Erkenntnis anwendet, schon auf Begriffe gebrachte 
Vorstellungen voraus. Sehen wir von dem Einzelinhalt der 
Vorstellungen ab, so bleibt nichts als der Gedanke an ein 
Mannigfaltiges der Anschauung überhaupt, in das der Verstand 
synthetisch seine Einheit hineinträgt. Diese reine Synthesis, 
die für alle unsere Vereinigung des gegebenen Mannigfaltigen 
gedacht werden mufs, giebt also den reinen yerstandesbegriff. 
Tausendfaltig beim Einzelnen und bei allen nach dem Inhalt 
verschieden, ist diese Synthesis immer nur so weit zu son- 
dern, als es Momente des Denkens giebt. Sie ist wirksam, 
wo der Mathematiker den reinen Baum a priori und wo jeder- 
mann seine empirischen Anschauungen denkend bestimmt. Der 
Mathematiker findet seine Formen nicht im Baume, sondern 
umgekehrt, er bestimmt sie a priori nach Begriffen, und er 
kann das nur, wenn ihm sowohl die Anschauung a priori ge- 
geben und die hier als Elemente des Verstandes allein in 
Frage kommenden Begriffe der Gröfse und Qualität ursprüng- 
lich zu eigen sind. Man hat nicht erst den Begriff der Gröfse, 
den von Gestalten im Räume und die Anschauung überhaupt 
in Erfahrungen zu suchen, sondern man bringt das alles schon 
mit, wenn man Mathematik treiben will. Der Lehrer setzt 



- 26 — 

das alles bei seinen Schülern Yorans, wenn er sie zu unter- 
richten beginnt, und er ist nicht einmal in der Lage, seine 
Begriffe durch reine, ihnen völlig adäquate Konstruktionen 
deutlich zu. machen. Dennoch verlangt er vom Schüler, dafs 
er ihn versteht, und was Lehrer und Schüler im Unterrichte 
eint, kann nichts anderes sein, als die gemeinsame Form der 
Anschauung und die Möglichkeit, sie durch Begriffe zu be- 
stimmen. 

Es ist derselbe Verstand und es ist dieselbe Leistung des 
Verstandes, lehrt Kant, die verschiedene Vorstellungen in 
einem urteil vereinigt, die auch der Synthesis verschiedener 
Vorstellungen in einer Anschauung Einheit giebt. Diese 
Lehre rechtfertigt die besonders aufgestellte Erkenntnis- 
theorie, sofern sie die spontane, von uns kaum bemerkte 
Thätigkeit der Einbildungskraft entdeckt, die nicht 
blofs in der Reproduktion ^von Vorstellungen, sondern schon 
mit aller Auffassung der Wirklichkeit immer verbunden ist. 
Wir kommen hierauf zurück. Schwierigkeiten macht die 
abstrakte Form der Darstellung und das Ansinnen, zu tren- 
nen, was bei uns immer verbunden ist. Anschauungen ohne 
Begriffe sind blind, Begriffe ohne Anschauungen sind leer. Wir 
haben immer beides vereint, denn wir denken immer zugleich, 
wenn wir mit BewufstsQin anschauen. Aber wenn auch der Ver- 
stand selbst sich nicht wegdenken läXst, so können wir doch 
von jeder Anschauung abstrahieren, und das heifst weiter 
nichts als : wir kpnnen Verstandeshandlungen für sich denken, 
wie es in der allgemeinen, für die richtige Abstraktion 
eines reinen Verstandes zeugende Logik immer geschehen 
ist. Die Kritik ist nur zu dem Zwecke geschrieben, uns auf 
die Täuschung aufmerksam zu machen, die sich mit diesem 
leeren Denken verbindet, wenn man mit dem formalen Verstände 
allein ein Urteil über Dinge wagt, die in keiner Erfahrung 
gegeben und also auch nicht durch jene Begriffe allein er- 
kannt werden können. Wie man mit sinnlichen Formen der 
Anschauung die Erfahrung nicht überfliegen und das an sich 
Seiende also nicht als räumlich und zeitlich sich vorzustellen 
versuchen soll, so ist es auch verlorene Liebesmüh, mit reinen 
Verstandesformen dahin auszuschweifen, wo diese reinen Ver- 
standeshandlungen so rein bleiben müssen, wie sie nun ein- 
mal für sich sind. 



— 27 — 

Die Schwierigkeiten des Verständnisses, die sich anfangs 
jenem Gedanken einer notwendigen Korrespondenz zwischen 
Urteilsformen und Verstandesbegriffen entgegenstellen, heben 
sich, wenn man nur an den alltäglichen Gebrauch sich er- 
innern will, den man mit ihnen unwillkürlich verbindet. Wenn 
die Urteilsformen sich nach der Gröfse des Umfangs, der 
logischen Qualität (der Eigenschaft), nach dem Verhältnis (der 
Relation) der logischen Elemente und nach dem Verhältnis 
der Aussage zu unserem Denken selbst scheiden lassen, so 
sind es dieselben Momente des Denkens, unter denen wir je- 
weils irgend welche gegebenen Anschauungen durch Begriffe 
bestimmen. Kein möglicher Gegenstand bietet andere Be- 
stimmungsmöglichkeiten, als die der Gröfse (des irgendwie 
durch eine Einheit, durch ein Mafs bestimmten Umfangs), der 
Eigenschaft, der Verhältnisse und der Beziehung, die der Gegen- 
stand zu unserem Erkenntnisvermögen selbst beansprucht. 
Diese Bestimmung der Eategorieen nach ihrer Anzahl ist eine 
mathematische, und es ist begreiflich, dafs ihr Entdecker über 
sie besondere Genugthuung empfand. Überlegene Weisheit 
hat die Eategorieen als blinde Fenster bezeichnet; sie sind so 
durchsichtig, dafs man Mühe hat, sie zu bemerken, und dabei 
ist der Kantische Gedanke so einfach, wie es alle grofsen Ent- 
deckungen sind; sie entziehen sich leicht darum dem Blicke, 
weil sie ims gar so nahe liegen. Wir begreifen das frohe tvQtjxa^ 
mit dem der Philosoph den Gedanken begrüfst haben mag, 
80 schwer es dem Leser auch zunächst wird, dem grofsen 
Manne zu folgen. In dieser Eategorieenableitung liegt die 
Möglichkeit, mit Sicherheit zu lehren: Ein Gegenstand ist 
in objektiver Weise nur dann erkennbar, wenn er in der An- 
schauung gegeben und nach reinen Verstandesbegriffen be- 
stimmt werden kann. Wo diese Bestimmung sich als sinnlos 
verbietet, da hat auch unser Verstand ein Ende, d. h. da 
können wir auch nichts mehr yerstehen. Das mag bedauer- 
lich sein, aber die Klage ist so unnütz, wie die Einsicht auch 
in die Grenzen unseres Könnens wertvoll ist. 

8. Es ist nun gar kein Wunder, dafs jene Beziehung 
zwischen formal logischen und den beim Erkennen geübten 
Verstandesleistungen besteht. Wovon sollten denn jene Urteils- 
formen schon in aller Frühe philosophischer Betrachtung ab- 
strahiert sein, wenn nicht von inhaltsvollen Urteilen? Unser 



— 28 — 

Verstand mufs erst einen Inhalt gedacht haben, ehe er sich 
daran wagen konnte, von diesem Inhalt zu abstrahieren. Unter 
allen Umständen ist Erfahrung die erste Erkenntnis, die sich 
uns zeitlich bietet. Man mag auch in einer empirischen 
Mathematik lange herumgetappt haben, bis man bemerkte, dafs 
man hier der Erfahrung nicht erst bedürfe. Überhaupt ist alles 
Wissen älter, als die Frage nach seinen Elementen und die 
nach seiner eigenen Möglichkeit. 

Und so ist es auch begreiflich, dafs die genaue und pein- 
liche Rechenschaft, die sich die Philosophie durch Kant über 
das eigene Erkenntnisvermögen giebt, sehr lange auf sich hat 
warten lassen. Diese Arbeit konnte nicht anders geleistet 
werden, als unter Einwirkung der Idee einer zum Erken- 
nen bestimmten Vernunft, die der Fragestellung ein rich- 
tiges Geleise gab. Man befreie sich nur einmal von dem 
alleinseligmachenden Problem der Entwickelung der Fähig- 
keiten im Einzelnen und in der Gesamtheit. So nützlich es 
sonst wohl sein mag, hier kann es nichts leisten. Es liegt 
in allen Zweifeln an der kritischen Methode nur ein Mangel 
der Reflexion oder eine falsche Vorstellung vom Apriori. 
Erkenntnis, die jedermann anerkennen soll, kann — allgemein 
gesprochen — nur auf eine Weise wirklich sein, jene Ent- 
wickelung aber als solche ist zufällig und von besonderen Ver- 
hältnissen abhängig. Die Begriffe des Verstandes aber sind 
ebenso notwendig, wie der Zwang, den uns die eigene An- 
schauung auferlegt; ist Erkenntnis wirklich, so kann sie als 
solche nicht von zufälligen, für das erkennende Subjekt anders 
denkbaren Bedingungen abhängen. Enthält unsere Auffassung 
der Dinge im Einzelnen Irrtum, so ficht das die allgetneine 
Beurteilung in den formalen Bedingungen nicht an. Ohne 
formale Kriterien der objektiven Wahrheit aber ist keine Er- 
fahrung, am wenigsten wissenschaftliche, denkbar. Wissen- 
schaftliche philosophische Kritik überhaupt wäre ohne sie so 
sinnlos, wie sie es nicht selten ohnedies ist, wenn nur die 
Person des Kritikers redet. 

Kant holt in seiner Kritik nur nach, was die Logiker durch 
Jahrtausende versäumten. Sie haben bei ihren allgemeinsten 
Abtraktionen den Gegenstand des Denkens selbst in seiner 
unauflöslichen sinnlichen Verbindung mit dem Subjekte aus 
den Augen verloren. Für das bestimmbare Objekt hat sich 



- 29 — 

das Subjekt samt seinen Erkenntnisbedingungen immer mit- 
zudenken. Das Subjekt setzt sich nicht selbst, und es stellt 
sich auch kein Nichtich gegenüber; aber es findet sich samt 
dem äufseren Objekt unter Bedingungen vor, von denen es 
sich nun einmal nicht durch den Gedanken zu befreien ver- 
mag. Es tritt in eine Welt ein, die es zu erkennen vermag, 
weil es mit Sinnen, einem Verstände und mit Vernunft aus- 
gestattet ist, die sich alle an zufalligen Objekten entwickeln, 
aber sich mit einem Zwange geltend machen, von dem es sich 
nicht frei machen kann und in dem es sich mit allen anderen, 
vernünftigen Menschen einig weifs. Nun konmit ihm die Ein- 
sicht freilich spät: Alle spekulative Vernunft kann nichts 
ausrichten, als die Möglichkeit der Erfahrung zu verstehen und 
einzusehen, wie in die Gesamtheit der Erfahrungen eine Einheit 
hineingetragen wird, zu der die Vernunft selbst uns rät. Man 
kann nur das a priori erkennen, was selbst als unser Anteil in den 
Erfahrungen liegt. Eben deshalb darf man aber auch nicht von 
apriorischen Bedingungen abstrahieren, ohne die Möglichkeit 
des Gegenstands selbst aufzuheben. Kant inventarisiert die 
Bedingungen der Erkenntnis, damit man sich darüber ver- 
gewissern könne, wo sie fehlen. 

Während die vorkantische Philosophie mangels einer trans- 
scendentalen Überlegung für ihre logischen Gesetze jeden nur 
möglichen Gegenstand, sofern er ihnen nur nicht zuwider war, 
zulassen mufste, fafst Kants transscendentale Logik den Gegen- 
stand selbst nach seiner realen Möglichkeit ins Auge. Es 
giebt keine Erkenntnis ohne einen Gegenstand, der erkannt, 
bestimmt und von allen anderen unterschieden wird. Alles 
aber, was in den Bannkreis des Subjekts eintritt, wird eben 
dadurch erst ein Objekt, dafs es eben angeschaut und in der 
Anschauung als bestimmt gedacht werden kann. Alle die 
Akte des Denkens, durch die ein Gegenstand bestimmt werden 
kann, sind so viele notwendige Bedingungen, und zwar die 
einzigen, die wir als solche einzusehen vermögen. Alle unsere 
Erkenntnis ist eine mittelbare, d. h. durch die Sinne bedingte; 
ihre Formen sind relativ auf Erkenntnis notwendig, wie es 
auch die Gedankenformen sind. Kein Erkenntnisvermögen 
kann uns an sich betrügen, der Irrtum und die Täuschung 
entsteht erst, wenn wir nicht auf die formalen Bedingungen 
eines jeden einzelnen acht haben und nicht trennen, was auf 



— 30 — 

Bechnung der Sinne, was auf die des Verstandes kommt, die 
in der Abstraktion zu scheiden, in Wirklichkeit aber immer 
verbunden sind. Der reine Verstand, dem der dogmatische 
Metaphysiker Dinge an sich unmittelbar gegenüberstellt, 
denkt noch nach seinen reinen Verstandesbegriffen, aber er kann 
nun mit ihnen. nichts mehr verstehen. Er kann nur noch 
nach blofsen Begriffen, d. h. transscendental unterscheiden; dabei 
bemerkt der dogmatische Philosoph nicht, dafs in diesen Unter- 
schieden Verstandeshandlungen sich trennen, durch die man 
dann unterscheidet, wenn etwas Bestimmbares gegeben ist. — 
Eine Übereinstimmung unseres Denkens mit einem schlecht- 
hin vom Subjekt losgelösten Sein wird häufig und fast trotzig 
gefordert, obwohl sie nicht verständlich ist. Wie alle anderen 
Kategorieen hat auch die des Daseins nur einen bestimmten 
Sinn, wenn sie auf einen Gegenstand der Erfahrung bezogen 
wird. Die Erfahrung ist aber ein vom Subjekt abhängiges 
Produkt; was in ihr erkannt wird, ist also nicht an sich 
existent. Das Sein besteht nicht im Wahrgenommen werden*, 
aber wir erkennen nur unsere Wirklichkeit. Das an sich 
Seiende geht keine Erkenntnis etwas an. Läfst sich eine 
Koinzidenz von Denken und absolutem Sein weder behaupten 
noch verstehen, so ist die notwendige Übereinstimmung der 
Denkformen und der Formen des Erkennens einerseits und 
ihre Anwendung a,uf einen ihnen gemäfsen empirischen Inhalt 
vollkommen begreiflich; für eine Erkenntniskritik sind jene 
das Einzige, was der Untersuchung Handhaben giebt. Wo 
wir auch das absolute Sein zu denken versuchen, da be- 
schreiben wir nicht dafs Unerfafsbare, sondern den eigenen 
reinen Verstand. Geistreiche und dunkle Phantasien ver- 
suchen immer wieder das Wesen des Ansichseins zu erfassen. 
Aber hier affektiert unbescheidener Menschenwitz ein Wissen, 
wo die Ahnung und Mutmafsung nur durch das Drängen einer 
unbefriedigten Vernunft entschuldigt wird. Die vorkantische 
Metaphysik beschrieb unter dem stolzen Titel einer Ontologie 
Momente des Seins; die nachkan tische , die sich auf den von 
Kant bewegten Wogen schaukelte, sah die an sich seiende 
Welt durch den Nebel mystischer Vorstellungen. Momente des 
Denkens und Erkennens aber beziehen sich nur auf unsere 
Wirklichkeit, die uns durch die Sinne gegeben und in der an 
lösbaren Rätseln, vernünftigen Aufgaben der Forschung, 



— 31 — 

kein Mangel ist. Eine Welt a priori zu konstruieren, können 
wir uns ersparen; es liegt nicht in unserer Aufgabe und in 
unserer Macht, wenn wir nur einmal verstanden haben, dafs 
jedes Apriori seine objektive Realität in der möglichen Er- 
fahrung nachzuweisen und in der Erfahrung einen vorgefunde- 
nen, nicht a priori erzeugten Inhalt zu bestimmen hat. 

Man kann leicht verstehen, wie die reine Anschauung den 
Gegenstand bedingt, sofern er uns gegeben wird. Diese Lehre 
hat gleichsam einen anschaulichen Charakter. In der Eategorieen-» 
lehre tritt uns aber der Grundgedanke der Kritik in seiner 
abstraktesten und seiner schwierigsten Ausführung entgegen. 
Man hat sich also vorerst darüber Klarheit zu verschaflFen, 
dafs man a priori die Natur als Gegenstand der Erfahrung 
nicht ohne Irrtümer kritisch untersuchen kann. So gestellt führt 
das Problem leicht auf die Verwechslung von an sich seienden 
Dingen und Erscheinungen. Kant erforscht die allgemeinen, 
subjektiven Begriffe und Gesetze, unter denen Erfahrung 
als Erkenntnis formal möglich ist, um danach die Möglichkeit 
einer Natur zu bestimmen. Von dieser anderen Seite kommend, 
mufs man derselben Aufgabe gerecht zu werden vermögen, da 
unser erkennendes Bewufstsein jeder Erfahrung und also auch 
den Gegenständen, die sie umschliefsen kann, seine Bedingungen 
stellt. Es ist immer und bei jeglicher Erkenntnis mitzu- 
denken 5 es kann sofern auch von seinen eigenen Bedingungen 
nicht absehen, als diese am Gegenstande notwendig beteiligt 
sind. Wie in letzter Linie die Erfahrung zu ihrem Inhalt 
kommt, das ist keine lösbare Frage. Man kann auch nie 
ergründen, wie man zu Raum und Zeit oder zu Verstand 
kommt. Wofern aber der erkennende Mensch sich selbst 
fiber die Thatsachen seines Bewufstseins Rechenschaft 
zu geben vermag, so mufs er von seiner Seite mit apo- 
diktischer Gewi&heit entscheiden können, unter welchen for- 
malen Bedingungen überhaupt ihm Gegenstände gegeben und 
unter welchen allein sie als bestimmte gedacht werden kön- 
nen. Kann er nur durch Kategorieen den Gegenstand als 
Objekt erkennen, so ist eben die Kategorie, durch die er 
Mannigfaltiges der Anschauung im Begriff zum Objekt nicht 
Mofs für sich, sondern für jedermann vereinigt, eine not- 
wendige Bedingung der Erfahrung und also auch des Objekts, 
das in ihr gedacht wird. 



— 34 — 

Tingen; sie sind ein apriorischer Besitz, aber dieser leitet 
seinen Rechtsgrund nur aus dem einzigen Gesichtspunkte ab, 
dafs er zum empirischen, keinem Zweifel vernünftiger Menschen 
unterliegenden Gebrauche notwendig ist. „Erfahrung" sagt 
Kant mit bestimmter Fixierung dieses Begriffs „besteht in 
der synthetischen Verknüpfung der Erscheinungen (Wahr- 
nehmungen) in einem Bewufstsein, sofern dieselbe not- 
wendig ist." 

Das Resultat der Kategorienlehre ist also ein positives, so- 
fern es für den Verstand nachweist, was ihm notwendig zugehört^ 
es ist hinsichtlich der Metaphysik negativ, sofern es ihn auf den 
Erfahrungsgebraüch eingeschränkt zeigt. Gegenstände können 
uns nur in der Sinnlichkeit durch Anschauung gegeben und 
sie können nur in den Kategorien bestimmt gedacht werden. 
Anschauung und Begriff, Raum, Zeit und die Kategorien sind 
somit die Bedingungen der Erfahrung nach ihrer formalen 
Seite, sie sind somit die Konstituenten eines jeden möglichen 
Gegenstandes, sofern er erkannt werden soll. Man weifs damit 
von dem besonderen Objekt noch nicht, was dieses Objekt 
von jedem anderen unterscheidet; das zu bestimmen ist eben 
Sache des jedesmaligen Urteils, dessen empirischer Inhalt zu- 
fällig, d. h. anders denkbar, ist. Er kümmert uns auch hier 
nicht, wo nur in Frage ist, durch welche Begriffe Unter- 
scheidung und somit Bestimmung möglich ist. Sieht man aber 
von aller, auch von der reinen Anschauung im Erkenntnis- 
vermögen ab, so isoliert man den Verstand; man behält dann 
mit ihm nur den Gedanken an mögliche Objekte, ihre logische 
Form, nicht aber ein mögliches Objekt übrig. Der ana- 
lytische Verstand, dessen Leistungen die formale Logik er- 
schöpft, hat es nur mit der Ordnung und den Vergleichen 
der Vorstellungen zu thun, wenn sie schon erworben sind. 
Die transscendentale (synthetische) Logik beschäftigt sich mit 
den Begriffen und Urteilen von möglichen Objekten, die ana- 
lytische mit möglichen Begriffen und Urteilen, deren Inhalt 
samt seiner realen Möglichkeit ihr gleichgültig ist; die Mathe- 
matik hat es mit möglichen Anschauungen zu thun, die sie 
nach willkürlichen selbst bestimmten Begriffen konstruieren 
kann, weil sie a priori des Raumes und der Zeit sicher ist. 

10. Wenn nun der dogmatischen Metaphysik das wahre 
Wesen der Logik nicht minder als das der Mathematik und 



— 35 — 

ihres in den Sinnen allgemein gegebenen -Gegenstandes ent- 
gangen war, so hatte sie mit den Verstandesbegriffen ein Spiel 
getrieben, dessen tiefe Begründung in der Vernunft der kri- 
tische Philosoph zugleich mit dem Scheine entdeckt, der uns 
der Ruhe vor metaphysischen Gaukelwerken zu berauben droht. 
Jene Kategorien erhalten nur einen Sinn, wenn man durch 
sie ein Mannigfaltiges der Anschauung zur Einheit bringt, 
d. h. wenn man einen Gegenstand möglicher Erfahrung be- 
stimmt; sie werden sinnenleer, d. h. sinnlos, wenn man sie 
auf nichtsinnliche, vermeintliche Objekte anwendet. Das sinnen- 
leere, nur gedachte „Objekt** ist der problematische Gegen- 
stand, der für eine unsere Einsichten über alle Erfahrung 
erweiternde Metaphysik übrig bleiben würde, er ist das Ding 
an sich. Wir haben die Fähigkeit, die Kategorien für sich 
zu denken, wie wir auch die leeren Formen der Urteile und 
überhaupt eine reine Vernunft in Gedanken abzusondern ver- 
mögen. Trotz allcip Scharfsinns der vorkantischen dogmatischen 
Metaphysiker hat aber keiner von ihnen bemerkt, dafs man 
durch reine Kategorien zwar denken müsse, wenn man dem 
Gegenstande alle Sinnlichkeit ausgetrieben hatte, dafs man 
durch sie aber nichts Bestimmtes mehr zu denken vermöge. 
Wir sagen : der Ofen ist die Ursache der erhöhten Temperatur 
im Zimmer. Hier ist durch die Kategorie der Ursache eine 
Aufeinanderfolge von Wahrnehmungen bestimmt. Was aber 
behaupten wir noch, wenn wir irgend eine Veränderung auf 
eine transscendentale (in die Dinge an sich verlegte) oder eine 
transscendente (aufserhalb der Dinge überhaupt wirkende) Ur- 
sache beziehen? Wir haben zur Bestimmung immer nur Wahr- 
nehmungen, d. h. in den Sinnen Gegebenes, dessen wir uns 
bewufst sind, unser Urteil bezieht sich in objektiv bestimmter 
Weise niemals auf etwas, das nicht wahrgenommen werden 
könnte oder nicht mit der Wahrnehmung in einen Zusammen- 
hang zu bringen wäre, und wenn die in den Wahrnehmungen 
gegebenen Vorstellungen objektiv zu verknüpfen sind, so 
suchen wir die allgemeinen Bedingungen für diese synthe- 
tischen Behauptungen in dem erkennenden Subjekt, nicht aber 
in einem Objekte, das von unserer Sinnlichkeit losgelöst eben 
kein Objekt mehr für uns ist. Was vermöchten wir ohne 
Beharrliches in der Anschauung von einer Substanz zu 
prädizieren, welche Bestimmungen vermögen wir über eine 



— 36 — 

causa sui zu treffen? Dafs die dogmatische Metaphysik mit 
den Verstandesbegriffen einen transscendentalen Gebrauch ver- 
suchte, beruhte auf einem Irrtume, den sie mit dem naiven 
Realismus gemein hat. Das gemeine Urteil bemerkt nicht, dafs 
es seinen Inhalt — den Stoff, die Materie des Urteils — aus 
Wahrnehmungen schöpft, und glaubt es mit Dingen zu thun zu 
haben, die dem Verstände unmittelbar und an sich gegen- 
überstehen; es gebraucht auch die Begriffe vom Räume und 
von der Zeit transscendental, d. h. es glaubt durch sie Eigen- 
schaften an sich seiender, aufser der Sphäre des Subjekts be- 
findlicher Wesen zu erkennen. Man übersieht, dafs man sich 
selbst immer in der Erkenntnis mitdenken mufs und dafs ohne 
das Subjekt nichts für sich Erkennbares übrig bleibt. Für 
dies naive Urteil ist die Eantische Einsicht gleichgültig, weil 
und sofern es immer nur mit Gegenständen möglicher Erfahrung 
sich befafst; erst der spekulierende Verstand will wissen, was 
er von den Dingen, sofern er vom Subjekt absieht, zu halten 
hat. Will er auf ihre Natur schliefsen, so bedient er sich 
eben derselben Begriffe, die er auch in der Erfahrung ge- 
braucht. 

Kein Zweifel, dafs der Metaphysiker den Gedanken an 
solche Dinge noch denken kann. Wie wären denn sonst 
metaphysische Versuche mit ihrem vermeintlichen Zwange 
möglich gewesen? Wenn man aber von sinnenfreier Gröfse, 
von intelligiblen Eigenschaften und Beziehungen in ähnlicher 
Weise spricht, wie man diese Begriffe auf in den Sinnen 
gegebene Gegenstände anwendet, so wird man nicht gewahr, 
dafs man entweder nichts Bestimmtes mehr denkt, oder 
dafs man Prädikate aus der empirischen Welt der Erscheinungen, 
d. h. aus unserer Wirklichkeit in eine sinnenfreie, intelligible, 
d. h. nur denkbare und eben deshalb unerforschliche Welt 
anthropomorphistisch überträgt. Wir verlangen in der Er- 
kenntnis von einer jeden Ursache, dafs wir ihr eine Stelle in 
der Zeit anzuweisen, dafs wir sie durch Prädikate zu be- 
stimmen, d. h. von einer jeden anderen zu unterscheiden ver- 
mögen. Das ist ohne sinnliche Merkmale nicht möglich, der 
Verstand ist ohne sie mit seinen Handlungen allein, er denkt 
noch ein Etwas überhaupt und gleicht dem Vogel, der im Käfig 
die Flügel spannt, aber über seine Schranken nicht hinaus kann. 
Jenes Etwas überhaupt kann er von keinem Etwas derselben 



— 37 — 

Art unterscheiden, und wenn er dieses Etwas von allem 
Erkennbaren absondert, so sagt er damit nur, welche Merk- 
male er an seinem Gegenstande nicht zu finden vermag. Er 
fällt immer nur limitative urteile , die ihre Prädikate ein- 
grenzen, aber den Begriff des Subjekts nicht vermehren. Das 
Ding an sich ist nicht im Baume und nicht in der Zeit, es 
ist nicht in möglicher Erfahrung. Sieht er aber diesen Ge- 
danken völlig ein, so erwächst ihm die Einsicht der Kritik, 
dafs er mit seinem Erkennen auf der Grenze an- 
gelangt und weitere Bemühung nutzlos ist. 

Wir bezweifeln nicht, dafs Dinge an sich gegeben sind 
und allen Erscheinungen zu Grunde liegen, aber damit be- 
haupten wir eben, dafs sie nur an sich und nicht für uns 
gegeben sind. Für unseren Verstand sind sie Nichts, was 
zu erforschen bliebe, und keiner der theoretischen Versuche, über 
den jenseitigen Grund der Erscheinungen etwas auszuklauben, 
kann zu einem Erfolg fuhren. Nach der Kantischen Kritik 
stehen sie auf dem Niveau der Entdeckungen , die das perpe- 
tuum mobile oder die Quadratur des Zirkels herzustellen ver- 
meinen. Es ist möglich, von allen empirischen Unter- 
schieden abzusehen und damit die Möglichkeit eines reinen 
Objekts zu erwägen ; eben das ist die Aufgabe der Kritik, die 
hier Möglichkeiten behauptet, die von der Erfahrung realisiert 
werden können. Wenn man aber auch von allen sinnlichen, 
d. h. räumlichen und zeitlichen Unterschieden überhaupt 
abstrahiert, so hat man im Begriffe eines Dinges überhaupt, 
das jede Sinnlichkeit ausstöfst, noch einen möglichen Begriff, 
aber keinen möglichen Gegenstand übrigbehalten. Von dieser 
Art ist z. B. die Leibnizsche Monade, wie oben bemerkt, ein 
völlig richtiger metaphysischer Begriff, dem man nicht anders 
innere Eigenschaften andichten könnte, als Leibniz das 
gethan hat. Aber Realität läfst sich einem solchen Begriff 
nicht verschaffen ; logisch völlig einwandsfrei, bleibt nichts als 
das blanke Hirngespinst, das seine inneren Bestimmungen 
von unseren Vorstellungen und die Möglichkeit seiner Wirkungs- 
xaöglichkeit überhaupt, einer Gemeinschaft mit anderen Sub- 
stanzen, durch eine von uns aus Gnaden unserer reinen 
Vernunft vorgesehene praestabilierte Harmonie erhält. Erkannt 
hat man aber auf diese Weise nichts. 

Wer das Wesen der Dinge auf materialistische Prinzipien 



- 38 — 

zurückzuführen sucht, wie der dogmatische Atomistiker, 
begeht denselben Irrtum, wie sein spiritualistischer Gegner. 
Das Ansichseiende läXst sich so wenig mit unseren Begriffen 
erfassen, wie es auch ohne Widersprüche sich dann nicht mehr 
denken läfst, wenn man ihm Baum und Zeit als seine materialen 
Bedingungen anhaften läfst. Es hätte mehr philosophische 
Einsicht bedeutet, wenn man nicht leichthin über Kant hin- 
weggeschritten wäre, aber das Bedürfnis des Einzelnen verlangt 
immer wieder, gegenüber dem Vorgänger seine Überlegenheit 
zu zeigen; und doch giebt es bessere Gebiete als das fruchtlose, 
dürre Feld metaphysischer Grübeleien. Bei aller Achtung vor 
Geist, Scharfsinn und vor einer staunenswerten Phantasie aller 
der Männer, die ihre Zeit mit sich fortgerissen haben, kann 
man geistreiche Irrtümer nur als das einschätzen, was sie sind. 
Für die unkritische Menge ist jener fascinierende Einflufs, 
dem sie sich jeweils willen- und gedankenlos hingegeben hat, 
nicht schmeichelhaft, aber er ist leicht zu begreifen. Jeder- 
mann fühlt sich durch metaphysische Einbildungen selbst 
geschmeichelt. Will man aber alle menschlichen, meta- 
physischen Leistungen auf Rechnung der sich offenbarenden 
Vernunft setzen, so mag man erst sieben — es mag für „ den 
Vater der Lügen" dabei auch ein hinreichender Anteil übrig 
bleiben. Macht und Anhang des blödesten Aberglaubens 
stehen aber dem „metaphysisch grofser Männer" nicht nach, 
und Kant mag nicht so unrecht haben, wenn er sagt, dafe 
um sie gemeiniglich viel Wind ist. War Kant im Recht, 
wenn er seiner Kritik das bescheidene Verdienst beimafs, Irr- 
tümer zu verhüten, was bleibt dann von jenen Versuchen, die 
nach ihm die Geschichte der Irrtümer mit neuem Material 
versorgen? Sie sind ja schon der „historischen Bedeutung" 
verfallen, ehe sie das Licht der Welt erblickt haben. 

Das Ding an sich ist ein Grenzbegriff, in dem alle Be- 
stimmungsmöglichkeit für uns aufgehoben ist. Die Fähigkeit, 
dieses Gedankending mit seinen Phantasien auszuschmücken, 
oder die schier unverwüstliche Ausdauer, sich durch Ver- 
mutungen vom Jenseits Aufschlüsse ungehört und unbeant- 
wortet zu erbetteln, mag einem jeden gegönnt sein — mit 
der Erkenntnis von Gegenständen haben transscendentale Er- 
dichtungen nicht das mindeste zu thun. Einem Manne 
wie Kant gegenüber sich hier originaler Gedanken zu be- 



rühmen, wäre sinnlos ; an der nötigen Phantasie hätte es ihm 
nicht gefehlt. Wer indessen die Fehler mit dem kritischen 
Kantischen Auge sieht, der freut sich nicht mehr der schillern- 
den Seifenblasen, auch wenn er „in Metaphysik verliebt" wäre. 

Ist denn nun aber das Ding an sich nicht der leibhaftige 
Rückstand der alten Metaphysik, die Kant glücklich über- 
wanden hat? Gewifs: Kant bestimmt mit ihm den Begrift 
eines metaphysischen „Objekts" und zeigt damit, wo unsere 
Einsichten am Ende sind. Es sagt sofern gar nichts mehr, 
als was uns so geläufig ist: Unsere Erkenntnis reicht nicht 
weiter, als unsere Sinne reichen, diese Erkenntnis zu kontrol- 
lieren. Und das Jenseitige haben wir nicht die Gedanken- 
losigkeit zu leugnen. Man kann es in bestimmter Weise 
ebensowenig bestreiten, als man es bejahen kann. Genug, 
dafs wir nach der kritischen Beurteilung unserer eigenen 
Fähigkeiten wissen, dafs es sich unserer Erkenntnis ver- 
schUefst. 

Man hat hier und da Schwierigkeiten, die Idealität des 
Raumes und der Zeit zu verstehen. Wenn man nur bedenken 
wollte, dafs alle Versicherungen, mit denen man dafür anrückt, 
dafs z. B. der Baum den Objekten an sich zukommen müsse, 
oder wie wir jüngst als kühne Phrase gelesen haben, dafs er 
beim „Bau der Welt" mitbeteiligt gewesen sei, eben denselben 
Argumenten entspringen, auf die Kants Lehre sich stützt. 
Gewifs, es ist uns durchaus unmöglich, noch etwas aufserhalb 
des Subjekts vorzustellen, wenn wir den Raum hin weg- 
denken. Es will ganz und gar «nicht gelingen, und die Dinge 
bleiben vor und in unserem Bewufstsein immer, wie sie er- 
scheinen, und weil dieser Zwang, der uns den Raum aufdringt, 
sowenig zu überwinden ist, als der Zwang geometrischer 
Sätze, hat man ein Recht, ihn dem Subjekt selbst als mit 
ihm notwendig verbunden und nicht an sich seienden Dingen, 
die wir nur denken, zuzusprechen. Es ist eine Schrulle, 
in der kein Korn, sondern ein Scheffel Überhebung steckt, 
wenn uns ohne einen an sich seienden Raum die Festigkeit 
der Welt Sorge macht. Der Gedanke will uns sogar nicht 
in den Sinn, dafs diese Welt ohne ein Unding von Raum 
existieren könne. Wenn wir damit sagen wollen, wir können 
sie ohne den Raum nicht mehr verstehen, so haben wir damit 
sehr recht, denn in der That, was sie ohne den Raum, d. h. 



— 40 — 

ohne uns zu bedeuten hat, das ist es, was wir mit Recht nicht 
begreifen. Wir können ja unsere AuTsenwelt nicht denken, 
ohne uns immer mit im Sinne zu behalten, die wir sie an- 
schauen. Im übrigen ist doch niemand von uns Sterblichen 
beim „Bau der Welt" zugegen gewesen, und bis einmal die 
Frage an uns herantritt, eine Welt selbst zu erschaffen, könnten 
wir den an sich seienden Baum und auch das greuliche Ge- 
spenst einer ziemlich langweiligen, immer in gleichem Schritt 
marschierenden Zeit ganz auf sich beruhen und den seine 
Kinder verzehrenden Chronos dem Dichter lassen. Es handelt 
sich doch bei der ganzen Frage nur darum, mit uns selbst 
einig zu werden, nicht aber um Möglichkeiten, die völlig anfser 
unserem Horizonte liegen. 

Kant tastet mit seiner Lehre kein empirisches Erkenntnis 
an, wenn er uns hier zur Einsicht verhilft ; mit dieser ist not- 
wendig auch der Gedanke an eine an sich seiende Welt ver- 
bunden, und das heifst nichts anderes als die Anerkennung 
des Unerforschlichen , die uns die Vernunft aufnötigt. Man 
spricht zuweilen von einem mystischen Zuge der Kantischen 
Philosophie, der sich im Dinge an sich kund thue. Es ist 
völlig unverständlich, wenn man von Mystik redet, wo man 
so nüchternen Gedanken folgt. Wer in dieser Welt der Er- 
scheinungen nur forscht und auf ein Wissen von über- 
sinnlichen Dingen verzichtet, der wird nicht zum Mystiker, 
wenn er in einer philosophischen Kritik ausdrücklich feststellt, 
dafs man über jenseitige Dinge weder Bestimmtes behaupten 
noch dafs man sie in bestimmter Weise leugnen dürfe. Ge- 
heimnisse sind noch keine Wunder, sagt Goethe. Wir vergessen 
heute zuweilen, dafs wir starke Bückstände eines völlig ge- 
dankenlosen Materialismus zu überwinden haben. Das Ding 
an sich hält hier eine Grenzwacht. Der dogmatische Mate- 
rialismus vermeint das Ding an sich zu erkennen. Wenn ferner 
der dogmatische Pneumatismus sich verleiten läfst, von einem 
empirischen unterschiede unserer inneren und äufseren Vor- 
stellungen auf die besondere Natur einer an sich seienden 
Seele zu schliefsen, so urteilen beide, Materialismus und Pneu- 
matismus, über den unerforschlichen Grund von Erscheinungen. 
Kants Lehre vom Ding an sich belehrt sie beide, es ist über 
diese dogmatischen Probleme sowenig auszumachen, als über 
jene nutzlose Frage nach der Gemeinschaft von Seele und 



- 41 — 

Körper. Ist doch die Frage nach der Gemeinschaft von Sub- 
stanzen überhaupt unbeantwortbar. Kants transscendentaler 
Idealismus gestattet zum ersten Male in der Philosophie einen 
empirischen Kealismus, der den verschiedenen Arten von 
Objekten, den äufseren und den Erscheinungen der Seele, nach 
ihrer besonderen Art gerecht zu werden vermag. Kant ist 
sofern empirischer Dualist, aber der unterschied ist nur für 
unsere ErfiJirung vorhanden; die Thatsache innerer und 
äufserer Erfahrung scheidet unsere Naturerkenntnis in Psycho- 
logie und Physik, die gleichen Erkenntnisprinzipien unter- 
worfen werden. Kants Lehre verbietet somit jeden Versuch, 
das Wesen der Dinge an sich, die der Seele oder dem Körper 
zu Grunde liegen, zu bestimmen, und schliefst ebensosehr 
mystische wie oberflächlich materialistische Vorstellungen und 
eine dogmatische Vereinigung beider vollständig aus. 

Aber die Kantische Philosophie läfst sich das Recht nicht 
nehmen, das Ding an sich als intelligiblen , unerforschlichen 
Grund der Erscheinungen, der sie als Vorstellungen bestimmt, 
zu denken. Nur eine absolute Einsicht könnte uns be- 
rechtigen zu sagen: In dem Inbegriffe unserer Erfahrung ist 
das Wesen aller Dinge überhaupt abgeschlossen. Diese Be- 
hauptung kann nur gedankenlose Vermessenheit wagen. Kant 
ist bescheidener, wenn er überall nur eine relative Be- 
greiflichkeit lehrt. Was uns unmittelbar gewifs ist, wie die 
Axiome der Geometrie, werden wir zu bezweifeln keinen 
Anlafs haben; aber wir begreifen auch ihre Möglichkeit nur 
mit Rücksicht auf die Erfahrung, die auf diesen Axiomen 
ruht. Jede wissenschaftliche Bemühung wird ohne Voraus- 
setzung einer allgemeinen Gesetzlichkeit sinnlos. Aber in 
unbedingter Weise sehen wir kein Gesetz und auch diese 
Voraussetzung nicht ein, denn Gesetze bestehen nur relativ 
auf das Subjekt, das sie und durch sie erkennt. Kant fragt 
in der Kritik der reinen Vernunft von „dem Standpunkte 
schwacher Menschen**: „Was kann ich wissen?** und er hat 
ein Recht zu lehren: Unser Wissen ist eingeschränkt auf alles, 
was im Räume und in der Zeit uns erscheinen kann. Das ist 
der Inbegriff einer Natur, der unsere Vernunft das Gesetz 
vorschreibt, nach der wir sie erkennen. Ein paradox scheinen- 
der Satz, der sich leicht einsehen läfst, wenn man nur bedenkt, 
dafs es sich um lediglich formale Gesetze handelt, die erst 



— 42 — 

eines Inhalts durch Gegebenes gewärtig sind. Es sind die 
Gesetze von Erscheinungen, die unseren Erkenntnisbedingungen 
notwendig gemäfs und eben deshalb erkennbar, d. h. allgemein 
bestimmbar sind, das Ding an sich bleibt uns unbekannt. Wir 
sollen mit Begriffen, die nur in unserer Erfahrung Sinn haben, 
nicht ins Jenseits wandern, das sagt uns Kants Ding an sich. 

Aber, wird man sagen, diese Lehre wird in Kants Kritik 
der praktischen Vernunft verleugnet? Auch das ist nicht 
richtig. Kant stellt in der Kritik der reinen Vernunft, wie 
wir noch sehen werden, fest, dafs die Gesetze einer Natur, in 
der alles nach ewigen Normen bestimmbar ist, keineswegs in 
einem logischen Widerspruch stehen mit den Ansprüchen 
unserer Vernunft, die dennoch behauptet: Dieses Ereignis hätte 
nicht sein sollen. Das formale Naturgesetz, ohne das keine 
Erfahrung denkbar ist, und das Gesetz des sittlichen Handelns 
widerstreiten sich nicht; sie konkurrieren nicht einmal mit- 
einander. Wir beurteilen nur in beiden Fällen etwas im 
Fundament Verschiedenes. In der Natur wollen wir ein Ob- 
jekt erkennen, wie es geworden ist, und hier fragen wir nach 
den Bestimmungsgründen eines wollenden Subjekts, um zu 
entscheiden, was sein soll. Dort vollzieht sich alles nach 
Gesetzen, die keine Ausnahme zulassen, und wir erkennen 
auch für jenes Ereignis keine an, dennoch stellen wir fest, 
dafs Gesetze verletzt sind. Auf diese Beurteilung haben wir 
ein vernünftiges Recht nur, wenn wir hier nicht über blofse 
Erscheinungen uns äufsern, sondern auch über die freie 
Handlung, die nicht in der Anschauung, sondern nur nach 
Begriffen bestimmbar ist. Wir urteilen hier nur nach der 
Analogie mit Naturgesetzen und nehmen das Recht zu 
diesem sittlichen urteil aus Ideen, die wiederum nur prak- 
tische Realität in der Erfahrung selbst erhalten sollen. 
Es ist ein anderes, dem Begriff durch Bestimmung des 
Objekts in der Erkenntnis, ein anderes, ihm durch die 
That, die sittliche Handlung, Realität zu verschaffen. 
Dort machen wir einen theoretischen, hier einen prak- 
tischen Gebrauch von den Begriffen. Das sind verschiedene 
Gebiete, die in keinen logischen Konflikt miteinander kommen 
können, wenn man sich nur über die eigene Vernunft Rechen- 
schaft gegeben hat. Allerdings hat Kant durch den Begriff 
des Dinges an sich und durch die Bedeutung, die er den Nou- 



— 43 — 

menen in praktischer Absicht beilegte, Zweifel gelöst, die sich 
den praktischen Ideen von skeptischer und empiristischer 
Seite entgegenstellten. Aber er hat seinen auf Vernunft ge- 
gründeten Empirismus, das „Bathos der Erfahrung" nicht ver- 
leugnet, und eben deshalb ist er in seinen religiösen Anschau« 
angen mystischer Schwärmerei nicht anheimgefallen. Er wufste 
and erkannte an, dafs die praktischen Interessen bei den ratio- 
aalistischen Vernunftschwärmern, die theoretischen empirischer 
Forschung bei den Vertretern der philosophischen, konsequent- 
empiristischen Skepsis besser gewahrt sind. Aber die Extreme 
in Fragen, die eine unbedingte Lösung heischen, weisen auf 
eine dritte Möglichkeit; Kant hat beide Gegensätze vermieden, 
indem er sie in seinem grofsartigen Prozesse — den Anti- 
nomien — für immer ausgeglichen hat. 

11. Wir kommen nochmals auf die Stellung der Kantischeu 
Kritik zur empirischen Realität der Aufsenwelt zurück. Die 
seit dem Erscheinen der Kritik geäufserten Bedenken gegen 
die Idealität von Raum und Zeit nehmen kein Ende. Bald 
macht man diese Lehre zum Illusionismus, bald läfst man den 
Illusionismus aus ihr folgen. Kant selbst sagt treffend: Es 
wäre meine eigene Schuld, wenn ich aus Erscheinungen blofsen 
Schein machen wollte. Man hat zunächst zu bedenken, dafs 
Kant, wie jeder Mensch von gesundem Verstände, die empi- 
rische Realität der Dinge anerkennt. Er beruft sich nicht 
auf den gesunden Verstand, wo er die Verpflichtung des 
Philosophen auf sich nimmt, Gründe zu geben; aber er ver- 
leugnet den gesunden Verstand niemals. Man kann heutzu- 
tage nicht selten den Eindruck gewinnen, als ob ein Gedanke 
schon deshalb philosophisch sein müfste, weil er dem gesunden 
Verstände zuwider ist. Bei Kant ist das anders, wenn er die 
empirische Realität und die Erkenntnis der Objekte zur 
Einsicht bringen möchte. Das ist ja zum Teil sein Problem, 
das ihm von den Konsequenzen eines transscendentalen Realis- 
mus durch die Philosophie eines Cartesius und Berkeley ge- 
stellt wird. Kann die Kritik den Gedanken des blofsen Traum- 
lebens überwinden, die reine Mathematik zur Einsicht bringen 
und endlich die Antinomien, scheinbare Widersprüche in 
unserer Vernunft, lösen, so sollte man meinen, dafs damit dem 
gesunden und philosophischen Verstände zugleich gedient sei. 
Eine Konkurrenz findet bei der Kantischen Kritik nur zwischen 



— 44 — 

dem transscendentaleii Realismus und dem transscendentalen 
Idealismus statt. Ein Drittes giebt es nur in den Mifsver- 
ständnissen der Philosophen. Es bleibt ja nur die unlösliche 
Frage, ob die Gegenstände auch anders als sinnlich, im Räume 
und in der Zeit, angeschaut werden können. Wer lehrt, daXs 
man sich in der Erkenntnis der Erscheinungen der Erkenntnis 
des Dings an sich nähere, der ist transscendentaler Beaüst. 
Die Grenze, die das Ding an sich bezeichnet, ist das ünerforsch- 
liche, ein Nullwert für die Erkenntnis, aber kein Ziel, dafs man 
zu erreichen vermöchte. Wir erkennen entweder Erscheinungen 
oder Dinge an sich-, ein Drittes giebt es nicht. Alle 'Ver- 
mittelungsversuche hat man hier auszuschlagen. Es ist eine 
Thatsache, dafs unserem Urteil über Gegenstände immer nur 
Wahrnehmungen zur Verfügung stehen. Sind sie den Gesetzen 
von Raum und Zeit unterworfen, haben wir von diesen 
a priori Erkenntnis, so kommt den uns gegebenen An- 
schauungen Raum und Zeit notwendig zu. Die Phänomene, 
eben die Dinge, die der Physiker bestimmt, sind räumlich und 
zeitlich; das „Etwas überhaupt", das wir denken, können wir 
nur sinnlich bestimmen, und wofern wir uns in der Abstrak- 
tion von den sinnlichen Bestimmungen frei zu machen suchen, 
kommen wir erst auf den Gedanken eines „Etwas überhaupt", 
das nur durch den reinen Verstand bestimmt werden könnte, 
wie es ohne sinnliche Unterschiede, d. h. ohne räum- 
liche und zeitliche Bestimmung, für sich ist. Wo menschliches 
Denken anhebt, bringt man seine Vorstellungen auf Begriffe. 
Man befreit durch Abstraktion den Gegenstand von zufalligen 
Merkmalen und hebt schliefslich in Gedanken alle empi- 
rischen Unterschiede auf. Geht man noch einen Schritt 
weiter, so macht man in Gedanken den Gegenstand auch vom 
erkennenden Subjekt frei und denkt nur noch Dinge schlecht- 
hin, wie sie an sich sein mögen. Damit sind wir eben in 
einem jenseitigen Gebiete, in dem für uns jede Möglichkeit 
der Unterscheidung aufgehoben ist. Hier beginnt die firucht- 
lose Spekulation, die mit metaphysischen Prinzipien hilfreich 
der Gottheit unter die Arme greift. Was sie thun und lassen 
mufste, schreibt ihr die menschliche Vernunft bestenfalls in 
unbewufstem Dünkel vor. 

Über diese Künste entscheidet eben die bescheidene Ein- 
sicht der transscendentalen Ästhetik, sofern sie mit dem 



- 45 — 

Rechte der Selbsterkenntnis dem reinen Verstände eine reine 
Sinnlichkeit unterliegend zeigt; beide können nur in empirischer 
Erkenntnis realisiert werden. Die Wirklichkeit der Äufsenwelt 
wird aber nicbt angetastet, wenn man ihre Erkenntnis zur 
Einsicht bringt. Man mufs sich wundern, wie zäh die Mensch* 
heit an dem Mifsverständnisse hängt, das sich zuerst dem 
Worte Erscheinung entgegengestellt hat. 

Entweder der Raum ist an sich, sei es als Substanz oder 
Accidenz der Dinge an sich, wirklich oder er ist nur wirklich 
als ein notwendiger Zubehör zum Subjekt, d. h. aber er kommt 
nur den Erscheinungen zu, die nur mit Rücksicht auf ein 
Subjekt Sinn und Bedeutung haben. Dem transscendentalen 
Realismus folgt ein empirischer Idealismus auf dem Fufse, 
der die Äufsenwelt nicht geradezu leugnet, aber bezweifelt. 
Ist der Raum an sich wirklich, so hat ihn doch noch niemals 
jemand wahrgenommen, wir denken ihn blofs und können 
die Vorstellung räumlicher Objekte von der Vorstellung innerer 
Erscheinungen, der Gedanken, als Vorstellungen nicht 
unterscheiden, d. h. wir finden keinen Grund, für die einen 
aufs er uns (im transscendentalen Sinne, d. h. aufser der 
Erkenntnissphäre des Subjekts) Objekte zu erschliefsen. Dieser 
Schlufs von der Wirkung auf eine bestimmte Ursache ist 
bestreitbar. Es kann sich ja alles im inneren Sinne ab- 
spielen. Kant hat diesen Schlufs als unnötig nachgewiesen, 
indem er zeigte, dafs uns die Äufsenwelt auf das unmittelbare 
Zeugnis unseres Bewufstseins, mit dem Raum und Zeit not- 
wendig verbunden ist, und nicht auf Grund eines Schlusses 
von der Wirkung auf die Ursache sicher ist. Er hat die 
logische (problematische) Möglichkeit, mit der man noch heute 
spielt und die im Solipsismus ihren unsinnigsten Ausdruck 
findet, als das erwiesen, was sie ist, als einen Mangel philo- 
sophischer Einsicht. Bei Kant bleibt somit die Wirklichkeit 
der gegebenen Gegenstände nicht offen, und er kann den Raum 
unseren Gegenständen zusprechen, eben weil sie notwendig in 
ihm als Erscheinungen wirklich sind. Wir haben a priori 
nur die Kenntnis des Raumes und können nichts antizipieren, 
was wir in ihm empirisch wahrnehmen. Die Erscheinungen 
sind somit nicht zweifelhaft, und im einzelnen Falle haben wir 
die „Augen aufeuthun", um den Traum von Wachsein, die 
Täuschung von der Wirklichkeit, wie das immer nach empirischen 



— 46 — 

Gesetzen möglich ist, zu unterscheiden. Wie man nun aus 
Kants Lehre den Illusionismus folgen lassen will, ist YÖllig 
rätselhaft, zumal auch mit dem Begrifie der Erscheinung not- 
wendig etwas gedacht wird, das ihr in letzter Linie zu Grunde 
liegt und das eben selbst nicht erscheinen kann. Man schreibt 
das eben so hin: die Welt ist nichts, wenn der Raum und die 
Zeit nicht den Dingen an sich ankleben. Aus dem Eantischen 
Idealismus folgt aber nur mit aller Notwendigkeit : Man kann 
solche Dinge, die aufs er der Sphäre des Subjekts, aufser- 
halb des Inbegriffs einer möglichen Erfahrung liegen, nicht 
erkennen. Der Raum gehört zum Subjekt selbst, er ist 
mit ihm so notwendig verbunden, wie jedermann das an 
sich selbst feststellen kann. Dieser Gedanke ist nur zu ver- 
stehen, wenn man sich klar gemacht hat, dafs der transscen- 
dentale Standpunkt in einem völlig anderen Sinne von Gegen- 
ständen spricht, die aufser uns wären, als wir es im 
empirischen Gebrauch gewöhnt sind. Die empirischen Objekte 
scheinen im Räume aufser uns zu schweben, aber sie sind 
doch immer nur durch sinnliche Wahrnehmungen und was 
mit ihnen räumlich und zeitlich zusammenhängt, gegeben. Es 
ist mehr als hundert Jahre nach Kant geradezu sinnlos, die 
Frage nach der Räumlichkeit und Zeitlichkeit der Dinge an sich 
zu erörtern. Man beweist damit nur, dafs man den Begriff des 
Dings an sich nicht erfafst hat, denn im Grunde ist es nur die 
Erscheinung, von der man nicht einsieht, dafs sie ohne Raum 
und Zeit nicht möglich sei. Wenn man sich nur selbst ge- 
nauer prüfen wollte. Das Ding an sich ist ja nur ein Ver- 
standeswesen, das eben vor dem Verstände und nicht vor den 
Sinnen möglich wäre. Eben dies Ding an sich bleibt bei 
Kant als ein mögliches Ob j ek t auch für einen anderen Verstand 
problematisch, an der Räumlichkeit und Zeitlichkeit der Dinge, 
die in der Erfahrung bestimmt werden, zweifelt Kant so wenig, 
dafs er der erste genannt zu werden verdient, der sie begreiflich 
machen kann. Dinge an sich denken wir nur durch die reine 
Kategorie; wir haben einen Begriff von dem, was wir somit aus- 
scheiden, aber keinen Begriff von Dingen an sich als möglicher 
Objekte. Es existiert etwas, das unserer Sinnlichkeit den Stoff 
zu Anschauungen liefert, aber wir haben eben nur diesen Stoff 
in unseren Wahrnehmungen und kommen mit seinem Lieferanten 
in keinen unmittelbaren Rapport, der unmöglich ist. Wir denken 



— 47 - 

einen solchen Grund der Erscheinungen notwendig, wissen 
aber nur, was er nicht ist; er giebt uns somit eine sichere 
Grenze, die uns von fruchtlosen Bemühungen zurückhalten soll. 

Man könnte sich allenfalls darüber beschweren, dafs die 
Idealität Ton Raum und Zeit die empirische Bealität der 
Erscheinungen nicht schlechthin erklärt, dafs wir die 
letzte Wurzel nicht erreichen können. Man würde wohl gern 
wissen, wie es möglich ist, dafs wir in Raum und Zeit anzu- 
schauen und in gewissen Begriffen zu denken gezwungen sind; 
darauf ist aber, wie sehr man sich auch anstrengen mag, 
keine Antwort möglich. 

Genug, wir können niemals a priori mit Begriffen, die ihre 
objektive Realität nur in der möglichen Erfahrung nachzu- 
weisen vermögen, auf Dinge an sich in bestimmter Weise 
schliefsen, wir wissen mit unbedingter Sicherheit, dafs wir 
mit unseren Begriffen keinen transscendentalen Gebrauch ver- 
binden dürfen ; er mufs immer gleich fruchtlos ausfallen. Die 
Dinge an' sich sind aljso für uns keine möglichen Objekte; 
aber die Erfahrung fragt auch gar nicht nach ihnen. Wo- 
durch soll uns nun die Realität der Aufsenwelt zweifelhaft 
werden, wenn man hier nur eine Frage offen hält: Können 
Dinge an sich mögliche Objekte für einen andersgearteten 
Verstand sein? Haben wir ein Recht, diese Möglichkeit zu 
leugnen, und kann der Gedanke unser Gemüt beunruhigen: 
alle die Verhältnisse, in denen wir die Körper und uns selbst 
wahrnehmen, können denkbarer Weise für ein anders geartetes 
Subjekt verschwinden, wenn den transscendentalen Objekten ein 
Wesen gegenübertritt, das nicht, wie wir, an Raum und Zeit 
gefesselt ist. Wenn man sich überlegt, was man selbst bei der 
Angst vor dem Illusionismus denkt, so ist es eine Sorge um 
Wesen, denen die Pracht unserer Natur nicht vergönnt wäre. 
Uns ist sie ja sicher, und wir lassen sie uns nicht verkümmern^ 
auch wenn uns ein Schleier das Jenseits verbirgt. Wir 
können eben transscendentale Objekte nicht voneinander 
nnterscheiden, haben es auch gar nicht nötig, wenn wir das 
Etwas überhaupt, das wir ein Ding nennen, empirisch von 
jedem anderen sondern können. Über ein göttliches, intel- 
lektueller Anschauung fähiges Wesen ist aber ebensowenig 
ein Streit möglich , wie über das Ding an sich selbst. Kant 
sagt von beiden im Grunde nur Negatives aus ; es sind nicht 



— 48 — 

iiBsere Gegenstände und es ist nicht unser Verstand, der 
«ie bestimmen könnte. Hierüber ist wahrlich nicht zu streiten. 
Beide Begriffe sind nur problematisch gedacht, sie bezeichnen 
nur logische Möglichkeiten, die einen Übergang zur realen Mög- 
lichkeit völlig ausschliefsen. Die logische Möglichkeit ist aber 
das wenigste, was man von einem Begriffe sagen kann, noch 
weniger würde den logischen Widerspruch, d. h. das innerlich 
Unmögliche bedeuten. Wo liegt aber in jenen Begriffen ein 
Moment, gegen das die blofse Einheit unserer Gedanken Protest 
einlegte? Das blofse Denken des Übersinnlichen kann keine 
Philosophie verbieten, und in Widersprüche geraten wir erst, 
wenn wir Raum und Zeit mit an sich seienden Dingen ver- 
wechseln, wenn wir Gesetze des Verstandes, die nur im Dies- 
seits ihre Realität nachweisen können, auf Jenseitiges über- 
tragen. ' Erkennt man die Verpflichtung der menschlichen 
Vernunft an, sich über sich selbst Rechenschaft zu geben, so 
kann man Kant nicht ausweichen. So sind die Widersprüche 
der Antinomien nur durch seinen Lehrbegriff lösbar. Die 
Frage nach der Endlichkeit und Unendlichkeit der Welt tritt 
völlig unabhängig von der historischen Lehre Kants an jeden 
denkenden Menschen heran, und die zwingenden Beweise, die 
Kant in dogmatischer (begrifflich ableitender) Methode für These 
und Antithese giebt, lassen nur eine Lösung zu : Es ist sinnlos, 
eine an sich gegebene, nach Zeit und Raum unendliche Welt 
oder ihr endliches Wider spiel zu denken. Wiefern aus diesem 
über die Natur von Raum und Zeit entscheidenden Resultate 
aber ein Zweifel an der empirischen Realität der Aufsenwelt 
folgen sollte, ist nicht zu verstehen. 

12. Man kann die Spekulation überhaupt verbieten, und 
wird dann alle diese Fragen als müfsige abweisen. Dann soll 
man sich aber des Rechts ganz begeben, über metaphysische 
Systeme ein Urteil zu sprechen. Kant hat diesen FaU wohl- 
erwogen, und er hält die empiristische Skepsis, wie sie etwa 
in Humes konsequent negierender Philosophie vorlag, für die 
Euthanasie, den sanften, erlösenden Tod der reinen Ver- 
nunft. Kant ahnte freilich nicht, wieweit sich diese Zweifel 
noch versteigen würden. Aber trotz der modernen Ausartung 
der Skepsis werden sich Physiker und Mathematiker nicht 
bindern lassen , ihre Aufgaben zu vollziehen. Die moderne 
Skepsis sucht ihnen den Boden zu entziehen und ihren Wissens- 



- 49 — 

stolz zu dämpfen. Die Kritik zeigt ihnen ihren sicheren 
Boden, aber es ist auch ihnen dienlich, wenn sie sich der 
Grenzen ihrer Forschung bewufst bleiben und die Begriffe und 
Grundsätze, die sie alltäglich gebrauchen, nach ihrer Natur 
and nach ihren Grenzen schätzen lernen. Der Streit um die 
empirische Natur der geometrischen Axiome wäre ebenso 
unmöglich gewesen, wie die Frage nach einer nur wahrschein* 
liehen Kausalität, wenn man sich nicht über Kants Riesen* 
arbeit gleichgültig hinweggesetzt und hier von der Mathe- 
matik selbst Aufschlüsse erwartet hätte, die sie so wenig wie die 
empirische Psychologie geben kann. Dafs die Erfahrung von 
letzten Prinzipien getragen wird, ist a priori einzusehen. Für 
diese letzten Thatsachen jeder Erkenntnis ist eine empirische 
Ableitung unmöglich; man kann sie in Erfahrungsurteilen fest- 
stellen und auch die Gelegenheiten aufspüren, bei denen das 
Individuum anfängt sich ihrer zu bedienen. Aber man kann 
jene Sätze nicht durch Induktion verifizieren, weil die Induk- 
tion selbst schon jene Prinzipien voraussetzt. Es giebt keinen 
anderen Weg, allgemeingültige Sätze, auf die man schliefslich 
notwendig kommt, zu erweisen, als dafs man zeigt, dafs sie 
die Erfahrung selbst bedingen; dafs durch sie die an sich 
subjektiTe Natur unserer Wahrnehmungen in objektiven Be- 
stimmungen überwunden wird. 

Philosophische Arbeit pflegt dem Physiker und Mathe- 
matiker nicht selten gleichgültig zu sein, aber man hört es 
nicht ungern, wenn der Philosoph das Lied von der allein- 
seligmachenden Erfahrung anstimmt, aus der alles Wissen 
abstamme. Woher sie selbst stanmit und wie man ihre Quellen 
scheiden müsse, fragt man sich nicht. Alles vrird dann an- 
gesichts des uneingeschränkten Spielraums der Gedanken un- 
sicher, und die a priori zwingende Vernunft bleibt ein Akt 
naiver Selbstberäucherung. „Die Welt ist eng und das Gehirn 
ist weit." Während man früher die von der Philosophie übrig 
gelassenen Zweifel als einen Mangel ansah, erkennt man heute 
nicht selten in den so billigen Möglichkeiten, die man behauptet, 
ein Zeichen überlegenen, reifen Nachdenkens. Man prahlt förm- 
lich, indem man die Vernunft ihren Manifestationseid leisten 
läfst. Der Naturforscher schätzt seine Ergebnisse bescheiden 
^ nur wahrscheinliche ein, und er nickt zustimmend, wenn der 
Philosoph sich für seine nur wahrscheinliche Kausalität, d. h^ 

aoldscbmldt-MeUln. 4 



— 50 — 

seinen nur wahrsdieinlichen Verstand den „Beglaubigungs- 
schein" des empirisch forschenden Nachbarn erbittet. £8 ist 
allerdings nicht jedermanns Sache, die äufsersten Konsequenzen 
seiner noch so sicher vertretenen Oedanken zu ziehen. Der von 
solipsistischen Phantasien geplagte Philosoph ist nicht grau- 
sam genug, seine Familie hungern zu lassen; der Pessimist geht 
dieser bösen Welt nicht aus dem Wege und läfst sich's zuweilen 
recht wohl ergehen ; der Physiker, dem man den Kausalbegriff 
mit seiner Genehmigung amputiert, würde nicht wenig über 
eine Kritik seiner Beobachtungen erbost sein, wenn man 
ihm seine Schlufsfolgerungen oder gar die Wahrheit seiner 
Erscheinungen mit einem solchen Argument streitig machte. 
Und selbst der Philosoph, der mit überlegener Weisheit Kants 
Räderwerk der Kategorien verspottet, der ihr Register lang- 
weilig und sich durch das Konzert dieser logischen Spieluhr 
angeödet findet, wird es nicht hindern können, dafs der Stahl, 
auf dem er seine Weisheit verkündet, und der Himmel, den er 
gedankenvoll anschaut, und sein eigenes von ihm mifsver- 
standenes Inneres sich nicht anders bestimmen lassen als nach 
Prädikaten der Gröfse, Eigenschaft, Relation und Modalität. 
Und mit diesen Kategorien ist auch sein • erkennender Ver- 
stand erschöpft. Es ist wunderbar, dafs man sich noch nicht 
in derselben Weise über die Langeweile beklagt hat, die in der 
Mathematik durch den beständigen Gebrauch derselben Sätze 
hervorgerufen wird. — Hätten der Physiker und Mathematiker 
auch alle Ursache, die Kantische Lehre nicht aus dem Auge 
zu veriieren, so haben immerhin beide einen eigenen Prüfetein 
für ihre Untersuchungen. Dem Mathematiker bestätigt die eigene 
Vernunft durch den unmittelbaren, unausweicnlichen Zwang 
der Anschauung die Wahrheit seiner Lehren, und auch die 
Zweifel an den Axiomen halten die Arbeit des Mathematikers 
nicht auf. Wenn er dennoch auf Erfahrungen wartet, die das 
vernichtende Urteil über Euklid fällen könnten, so schadet 
ihm das weiter nichts. Der Physiker kontrolliert seine Re- 
sultate beständig an der Erfahrung und vergifst niemals, dafs 
er seine Hypothesen nicht immer a priori in alle ihre Konse- 
quenzen verfolgen kann. Er ist also auf seiner Hut. Ganz 
anders aber nimmt sich heute der Metaphysiker aus, der trotz 
Kantischer Kritik sich noch um Bestimmungen des Dinges an 
sich abmüht. Was verleitet den Philosophen immer wieder 



— 51 — 

— nach Goethes drastischem Urteil — mit „Kindern und 
Affen'' hinter den Spiegel zu blicken? Hat ihn nicht Kant 
über die Natur des Spiegels bündig belehrt? Kann er seine 
Aussagen jemals verifizieren? Kann er seinen Aussagen aaeh 
nur den Charakter von Wahrscheinlichkeitsbehauptungen geben? 
Sieht er nicht, dafs schon der Begriff der Möglichkeit, ge- 
sdiweige der der Wahrscheinlichkeit für das Jenseits sinnlos 
wird? Es liegt auf der Hand, dafs man für ein nur gedachtes 
Ding keine Belege herbeibringen kann, die den Nachbarn über- 
zeugen. Im Kantisohen Begriffe des Dinges an sich liegt die 
Grenzbestimmung für jede menschliche Vernunft. Dieses merk- 
würdige „ Residuum '^ der alten Metaphysik hat diese selbst 
als dogmatische Lehre vom Übersinnlichen für alle Zeiten 
Temichtet. Erscheinung und Ding an sich, Phänomenon 
und Noomenon, Sinnes- und Verstandeswesen, das ist eine 
Unterscheidung, mit der Kant gegenüber der verschwimmen- 
den Grenze einer durch die Sinne nur getrübten Verstandes- 
welt Ernst macht. 

Die Berkeleysche Idealität Ton Raum und Zeit war ein 
Protest gegen Undinge, die jede Vernunft zurückweisen mufs, 
bei Kant giebt ihre richtige Bestimmung in einer gesetz- 
mäfsigen Sinnlichkeit den Schlüssel zu allen Täuschungen der 
unbehntsamen Vemünftler. Ihr wollt Objekte aus reinem Ver- 
stände bestimmen? Nun wohl, zeigt uns die Begriffe, mit 
denen Euch das gelingen könnte. Legitimiert sie mit ihren 
Ansprüchen auf Zauberkräfte, „auf die ich mich nicht yer- 
stehe'^ Humes Mahnung, Torerst den gemeinen Gebrauch der 
Begriffe zu untersuchen, ehe man sich mit ihnen ins Jenseits 
versteigt, war bei Kant auf einen fruchtbaren Boden gefallen, 
und von Hume hat Kant ebensowohl die anthropomorphistische 
Erschleichung, als die Inhaltsleere vermeintlicher Bestim- 
mungen aus reinem Verstände zu erkennen gelernt. Wenn 
der Raum und die Zeit uns notwendig anhaften, wenn im 
Räume und in der Zeit unsere Verstandesbegriffe allein oh- 
jdctive Realität finden, wenn uns in den Sinnen allein Ob- 
jekte gegeben werden können, was bleibt dann für den 
reinen Verstand übrig? Dafs man von dem negativ be- 
stimmten Dinge an sich zu positiven Merkmalen übergehen 
möchte, der blofse Wunsch ist begreiflich. Die nur logische 
Welt, die von reinen Begriffen (Gausalität, Substanz u. a.) 

4» 



— 52 — 

regiert wird, genügt schliefslich niemand, es ist ja nichts 
anderes als der ins Jenseits yerlegte eigene reine Verstand. 
GreheimnisYolle Wesen, die sich uns ewig yerschliefsen, zu vor- 
stellenden, wollenden Dingen zu machen, sie mit alledem sicher 
oder nur mutmafsend zu begaben, was uns eigen ist, das ist 
aber heute noch^ ebenso leicht, wie es vordem gewesen ist 
und immer bleiben wird. Nur Erkenntnis kommt dabei nicht 
heraus. 

13. Wir haben unsere Darstellung des Eantischen Gedanken- 
gangs in der Kritik unterbrochen und wollen, ehe wir sie 
wieder aufnehmen, noch auf die wichtigsten Momente ein- 
gehen, die Kants Leistung aus allen früheren metaphysischen 
Versuchen heraushebt. Es gehört zum Verständnis der Kritik, 
dafs man einsehen lernt: Hier liegt eine völlige Neuschöpfang 
in einer deutlich bestimmten Wissenschaft vor. Nicht dringend 
genug kann davor gewarnt werden, mit einem Urteil vordem 
Verständnis der Kritik an sie heranzutreten, das von bestän- 
digen historischen Vergleichen in der Litteratur grofsgezogen 
worden ist. Man übe sein Richteramt aus, nachdem man ver- 
standen hat, und entwöhne sich des Oedankens, nach dem der 
scharfe Denker in beständiger Selbsttäuschung befangen war. 
Damit übt man auch gegen die Person des Philosophen nur Ge- 
rechtigkeit, der nicht blofs ein wahrhafter Mann, sondern auch 
selbst gegen seine Vorgänger von vollkommener Gerechtigkeit 
beseelt gewesen ist. Man findet bei ihm nichts von dem 
„geniemäfsigen'^ Urteil, das unter der bestechenden Form des 
populären Vertrags eine völlige Gedankenleere verbirgt. Wo 
er Kritik übt, da giebt er auch zwingende Gründe. Er hat 
ein Becht auf Gegengründe; es ist unbescheiden, wenn man 
der Kantischen Lehre nur Meinungen, d. h. die eigene 
Person, entgegenstellt. 

Nur zu oft vergleicht man in mechanischer Weise Kantische 
Gedanken mit denen der Vorgänger. Das hat er von diesem, 
das von jenem. Anstatt aber in den alten Lehrbüchern zu 
suchen, halte man einmal in der eigenen Vernunft Umschau. 
Diese Quelle hat ja auch vor S^ant bereits gesprudelt Li der 
Erklärung unserer Begriffe können grofse Unterschiede nicht 
auftreten. Auch vor dem eingehenden Verständnis gewisser 
Naturerscheinungen hat man sie immer schon zu beschriBiben 
vermocht. Kant selbst weist darauf hin, dafs man sich darüber 



— 53 ~ 

analytisch schon Rechenschaft gegeben habe^ was man in 
seinen Begriffen denkt. Zweifelhaft ist ja nur die Rechtssphäre 
ihres Gebrauchs. Es wäre wunderbar, wenn sich nicht bei allen 
Philosophen vor Kant Gedanken finden sollten, die in der 
Kritik berührt werden. Alle diese Gedanken sind ja sein all- 
gemeines Thema. Erfinden liefs sich hier nichts. Natürlich 
reifen bei ihm Keime, die schon in früheren Schriften, 
namentlich bei Leibniz, Locke und Hume, Sprossen getrieben 
haben. Humes Monographie über die Causalität verlangt vom 
Nachfolger eine vollkommenere, systematische Arbeit, Wolfs 
strenge Systematik verlangt die schulgemäfse , strenge Form. 
Mit den zwanglosen Dialogen Leibnizs, mit den Essays von 
Hume konnten Funken geschlagen werden, Kant zündet ein 
Licht an, das nie verlöschen kann. Wer ein vollständiges 
Inventar unseres reinen Vernunftvermögens aufstellen will, hat 
sich vollständiger Arbeit zu versichern, und hier ist schon die 
kühn gestellte Aufgabe und der Plan ihrer Lösung ein voll- 
ständiges Novüm. 

Und wenn kein Kantischer Gedanke ohne Beispiel in der 
Vorgeschichte wäre, die Kritik der reinen Vernunft bliebe 
nicht allein eine originale Kantische Leistung, sondern auch 
eine neue Wissenschaft und zwar um ihres Hauptgedankens 
willen: Die Kritik der Vernunft verlangt mit Not- 
wendigkeit die Form des Systems, das aus der Natur 
der Vernunft selbst, nicht blofs aus dem Bedürfnis nach über- 
sichtlicher Darstellung hervorgeht. Man darf die Begri£Pe 
nicht aufraffen, wie sie zufällig sich bieten, man hat sie 
nach ihrem Ursprung zu sondern und an dem Leitfaden eines 
Prinzips zu entwickeln. 

Nirgends zeigt uns die Natur sowenig als die Geschichte 
eine Ordnung, wie sie in unseren systematischen Lehrbüchern 
sich vorfindet. Die Vernunft ist hier thätig, und trotz allen 
Spottes über die scholastischen Subtilitäten der Logik ist 
Aristoteles, ihr Begründer, ein Wegweiser aller wissenschaft- 
lichen Forschung geworden. In die bunte Mannigfaltigkeit 
der Dinge Verbindung und Ordnung zu tragen, ist eine 
Aufgabe des menschlichen Verstandes; mit den unmittelbar 
eikannten Regeln hauszuhalten, ist eine Sache der Vernunft. 
Kann man die Vernunft in ihrem eigensten Gebiete von der 
Ordnung dispensieren, die sie sonst in allen ihren Geschäften 



— 54 ~ 

herzustellen sucht? Jede Metaphysik ist durchwoben von 
einer Reihe Ton Begriffen, mit denen sie reine Erkenntnis 
herzustellen sucht. Wo gehören sie hin? Was ist im Begriff 
zur Einheit des Gedankens verknüpft, ist es eine Anschauung, 
oder haben wir es mit einer blofsen Verstandeshandlung zu 
thun, die man auf einen Begriff gebracht hat? Was wird im 
Begriffe des Raumes gedacht? Wir betonen das Wort 
Begriff, hat man doch Kant einen Vorwurf daraus gemacht^ 
dafs er den Raum zu den Anschauungsarten zählt und den- 
noch von seinem Begriff spricht; so gedankenlos ist eine 
philosophische „ Kritik ^^ die nicht mehr, was im Begriff ge- 
dacht wird, von dem Denken selbst scheiden kann. Ein Pferd 
ist sicher kein Begriff, darf man deshalb nicht vom Begriffe 
des Pferdes sprechen? 

Das System der Vernunft mufs sich selbst kontrollieren, 
und man kann sich seiner bemächtigen; man kann unendlich 
Vielfaches aus reiner Vernunft denken, aber die Vernunft 
selbst in ihren reinen Handlungen mufs sich erschöpfen. 
Dafs Alexander ohne Heer keine Länder erobern konnte, ist 
ein billiger und leerer Satz der Schulberedtsamkeit, dafs Kant 
ohne die Kategorienlehre, diesen Leitfaden seines Systems, die 
Kritik nicht schreiben konnte, hat eine tiefere Bedeutung. Die 
Entdeckung Kants, nach der Urteil und reiner Begriff der- 
selben Verstandesleistung entspringen, dafs hier Vorstellungen 
zur Einheit, hier die Synthesis der Anschauungen zur Einheit 
des Verstandes gebracht werden, lichtet stark verwachsene 
Gebiete. Raum und Zeit werden mit ihren in der Aristo* 
telischen Tafel der Kategorien beibehaltenen Modis aus dem 
reinen Verstände ausgestofsen, man kann nun nicht mehr Raum 
und Zeit als einen ursprünglichen Besitz des Verstandes 
betrachten, es sind nicht Formen der Verbindung, sondern 
Formen, in denen verbunden wird. Ohne diese Unterscheidung 
konnte Kant die Kritik der reinen Vernunft nicht ausüben. 
Ohne die Kategorienlehre blieb es beim Alten, man konnte 
ohne sie nicht zum sicheren Verständnis einer reinen Er- 
kenntnis gelangen. 

Der Verstand findet schon ein allgemeines Gebiet in 
einer reinen, für jedes Subjekt gültigen Anschauung vor, das 
uns die Möglichkeit sichert, a priori über die Möglichkeit von 
Objekten zu bestimmen. Wir erkennen nur das a priori, was 



— 55 — 

wir selbst in die Dinge legen. Der Verstand bestimmt Baum 
und Zeit durch Begriffe, er bringt, was sie uns als Mannigfaltiges 
bieten, im Urteil zur Einheit des Gedankens, und so ist der 
Begriff des Baumes und der Zeit selbst vor der Sinnlichkeit ver- 
knüpft, aber die in ihm gedachte Synthesis ist vom Verstände 
vollzogen. Und nach der anderen Seite giebt erst die Kategorien- 
lehre die Möglichkeit, die Ideen als besondere Gebilde der Ver- 
nunft, und damit ihre wahre Bedeutung zu bestimmen. Frei- 
lich sieht man hier nur scholastische Spitzfindigkeiten, weil man 
selbst nur auf das Äufsere den Blick richtet und nicht mit 
zu denken gewillt ist. Und wieyiel Streit hätte vermieden 
werden können, wenn man, was nur Idee ist, immer als 
solche erkannt hätte. Als Goethe den Bau einer vorbildlichen 
Pflanze beschrieb, rief ihm Schiller zu: Aber das ist keine 
Erfahrung, es ist nur eine Idee! Wie oft hätte man heute 
Ursache, daran zu erinnern, dafs man nach Ideen die Forschung 
einrichten müsse, aber dafs man über niemals erfahrbare Ver- 
wirklichungen nicht streiten dürfe. Wie oft giebt man als 
objektive Wahrheit, was nur Idee ist und erst zur Ermitte- 
lung der Wahrung hinleiten soll. 

Kant giebt ein Inventarium unseres Vernunftbesitzes; wie 
sollte das ohne systematische Ordnung bewirkt werden können, 
wie hätte er Klarheit zu schaffen vermocht, solange er keinen 
Leitfaden hatte, nach dem er nach der Idee, dem festen Plane 
der Vernunft viele Einzelerscheinungen der Metaphysik ein- 
heitlich vor unsere Augen stellen konnte? 

Aber Kant giebt seinem Werke nicht blofs. in der Form 
eine Garantie des Gelingens; er bestimmt zum ersten Male 
in aller Schärfe metaphysischen Untersuchungen ein fest be- 
grenztes Gebiet. Man soll in den Wissenschaften die Grenzen 
nicht ineinanderlaufen lassen, das giebt üble Wirtschaft. Die 
Logik ist dadurch nicht bereichert worden, dafs man sie mit 
psychologischen Untersuchungen beschwert hat. Die Kritik 
scheidet das Apriori vom Aposteriori mit einer sicheren Kenn- 
zeichnung, das Apriori bestimmt hier ein Gebiet nach festen 
Leistungen der Vernunft. Sollten wir heutzutage dieser grofs- 
artigen Abstraktion nicht mehr ganz gewachsen sein, die in 
einem apriori gewährleisteten Inbegriff möglicher Er- 
fahrung, in einer Sj^häre, die alle Erfahrung in sich auf- 
nehmen kann, verlangt, dafs man das Besondere eben in dieser 



- 56 — 

schrankenlosen Allgemeinheit erkennt? Wie oft hat diesem 
Begriff des Apriori sich ein Raisonnement entgegengestellt, 
das Eant nie bestritten haben würde. Natürlich ist das Apriori 
weder mit Augen zu sehen, noch mit Händen zu tasten. Auch 
von unserer eigenen Existenz haben wir nur empirisch Kennt- 
nis. Das cogito ergo sum ist ein empirischer Satz. Schliefst 
das aus, dafs wir ein für allemal einsehen können, mit Not- 
wendigkeit und Allgemeinheit, dafs 2x2=: 4 ist, während 
keine Macht des Gedankens uns dieselbe Sicherheit dafür 
giebt, dafs morgen die Sonne wieder am Himmel erscheint? 
Sollte man wirklich den Unterschied des Apriori und Aposteriori 
hinwegdisputieren können? Es giebt üble Wirtschaft, sagt 
der Philosoph, wenn man die Grenzen der Wissenschaften in- 
einanderlaufen läfst. Die so viel gepriesene empirische Unter- 
suchung ist in den kritischen Fragen sinnlos. Man mufs erst 
seine Einnahmen überschlagen, um zu wissen, was man aus- 
zugeben habe. 

Genug, erst mit dieser scharfen Trennung, die sich an 
unser geübtes Abstraktionsvermögen wendet, konnte es Eant 
gelingen, Rationalismus und Empirismus, völlig unberechtigte 
Gegensätze, in der Einheit der sicheren Einsicht aufzulösen. 
Jede dieser Lehren hinkt, eine jede von ihnen läfst ein Bein 
nachschleppen. Leibniz diskreditiert die Sinnlichkeit, die nur 
da ist, den Verstand zu verwirren; Locke entzieht dem Ver- 
stände seine Hauptdomäne, wenn er ihn die von der Sinnlich- 
keit gegebenen Vorstellungen durch Reflexionsbegriffe nur 
ordnen läfst. Der Verstand ordnet nicht blofs, er ver- 
bindet auch, und damit ihm das in der reinen Erkenntnis 
eines Gegenstandes gelinge, müssen schon im Gegenstande 
reine, allgemeine apriorische Faktoren wirksam sein, die ihn 
konstituieren. Apriorische und aposteriorische Elemente be- 
gegnen sich in der Erkenntnis; das ist nur denkbar, wenn 
die reine Erkenntnis eine Bedingung aller Erkenntnis ist. 

Der Empirist kann zwar die Leistungen des Verstandes 
bei Gelegenheitsursachen als thatsächlich feststellen, aber er 
kann niemals ihre Notwendigkeit und Allgemeinheit aus einzelnen 
Fällen ableiten; der Rationalist kann aus blofsen Begriffen 
keinen einzigen synthetischen Satz a priori beweisen, er sei noch 
so häufig im Gebrauch. Wie man von^ einem Begriff zu einem 
anderen übergeht, den jener nicht enthielt, läfst sich be- 



— 57 — 

grifflich nicht erweisen. Beide können sie nicht begreiflich 
machen, wieso sich unser Verstand a priori auf Gegenstände 
zu beziehen vermöchte. Der eine müht sich ab, die Genesis 
des Verstandes durch den Verstand selbst zu entdecken, der 
andere sieht ein, dafs Vernunft schon da sein mufs, wo er- 
kannt werden soll, aber er kann nicht zur Einsicht bringen, 
wie sie sich der aufser der Sphäre des Subjekts schwebenden 
Dinge bemächtigen könnte. Hier bleibt kein anderes Mittel, 
als in der Möglichkeit der Erfahrung selbst das Dritte 
zu suchen, das eine apriorische Synthesis des Verstandes be- 
greiflich macht. Beide Richtungen haben in gewissem Sinne 
recht, beide haben unrecht. Der „glückliche Gedanke" eines 
Mannes löst die Schwierigkeit. Der Verstand verbindet, was 
schon seinen Begriffen gemäfs ist und was ihm in Wahr- 
nehmungen gegeben ist, die nur im Räume und in der Zeit 
möglich sind. Kant erkennt die Erfahrung sofern an, aber 
er ist kein dogmatischer und kein skeptischer Empiriker. 
Wer die Erfahrung leugnete, mit dem wäre auch über reine 
Erkenntnis gar nicht zu verhandeln. Kant beruft sich auf 
das Zeugnis der Erfahrung, aber er leitet von ihr nicht wieder 
ab, was sie selbst begreiflich machen soll. Kant ist Ratio- 
nalist, aber er wandert mit der Vernunft nicht in ein Ge- 
biet, dessen Grenzen er nur von unserer Seite bestimmen kann. 
Seine Metaphysik ist eine Lehre von der apriorischen Erkennt- 
nis, sofern sie Erfahrung möglich macht oder sich auf Er- 
fahrung zu beziehen vermag. Reine Vernunft ist kein Hirn- 
gespinst, wenn sie ihrer Grenzen im Gebrauch eingedenk 
bleibt. Der Rationalist Kant begründet die Empirie-, die 
Gegensätze sind so wenig berechtigt, als sie sich jemals 
konsequent zur Geltung bringen lassen. Sie lösen sich hier 
völlig auf. 

Im engsten Zusammenhange mit diesen Gedanken erscheint 
Kants richtige Einschätzung der formal logischen, ana- 
lytischen Operationen unseres Verstandes im Gegensatz zu 
verbindenden, synthetischen Funktionen, die als Ver- 
standesarbeit aller Erfahrung zu Grunde liegen. Der Verstand 
kann nichts ordnen, was er nicht zuvor synthetisch verbunden 
hätte. Dieser unterschied bestimmt retrospektiv der all- 
gemeinen, analytischen Logik erst ihren Begriff; sie hat es 
iiiur mit der Einheit des Denkens, dem Zusammenbestehen von 



— 58 - 

Gedanken selbst zu thun und fragt gar nicht nach dem Gegen- 
stande. Das logische Wesen von Begriff, Urteil und Schlufs 
ist zu scheiden von dem transscendentalen , sofern dabei auf 
die allgemeine Möglichkeit einer empirischen Synthesis reflek- 
tiert wird. Unsere Gedanken können als solche richtig sein, 
ohne dafs ihnen ein Gegenstand entspricht. Wenn man diese 
neue Eantische Unterscheidung analytischer und synthetischer 
Operationen nicht anerkennt, so kann man die ganze Kritik 
zu den Akten legen. Namentlich philosophische Mathe- 
matiker Ibemerken zuweilen nicht, dafs sie mit Kant völlig 
übereinstimmen und dafs nur eine falsche Begriffsbestimmung 
der Logik selbst den Zwiespalt bedingt. Jener Unterschied 
allein zeigt, dafs auch das konsequenteste metaphysische 
System noch nicht verbürgt ist, wenn man sich keine 
Rechenschaft über die Gegenstände zu geben vermag, über 
die eine an sich richtige Gedankenfolge befindet. Nament- 
lich Kants Lehre vom analytischen und synthetischen Urteil 
ist seit den ersten Tagen der Kritik angefochten worden. Und 
doch ist dieser Unterschied schon mit der Idee einer Er- 
kenntnislehre überhaupt gegeben. Wie wollte man sonst eine 
reine Logik von einer Logik, die auch den Gegenstand all- 
gemein ins Auge fafst, trennen? Erkenntnislehre soll ja nicht 
auf eine besondere Disziplin angewandte Logik, sondern eine 
allgemeine, jeden möglichen Gegenstand erwägende Unter- 
suchung bedeuten. Wie ein roter Faden geht die Kritik 
dieses neuen Unterschieds durch die seit hundert Jahren ge- 
dankenlos geübte Beurteilung des Kantischen Werks hindurch. 
Wenn man aber die Kritik auch nur in irgend einem Resul- 
tate, ja nur in ihrer Aufgabe selbst anerkennt, so hat man 
sich der Unterscheidung schon gefangen gegeben. Gegen die 
Worte streitet man, nicht gegen die Begriffe, die Kant mit 
ihnen verbindet. Es soll nur ein relativer Unterschied zwischen 
analytischen und synthetischen Urteilen bestehen. Wieviel 
Forscher haben das Herder nachgebetet? Und doch hätte 
man Kant wahrlich zutrauen können, dafs ihm der verschiedene 
Umfang des Wissens bei verschiedenen Menschen nicht wohl 
entgehen konnte. Es mutet geradezu komisch an, dafs man 
erst darauf verweisen mufs, dafs er z. B. mit dem Begriffe des 
Goldes selbst ein Beispiel dafür giebt, dafs man das „eine Mal 
mehr, das andere Mal weniger Merkmale desselben denke '^ Und 



— 59 — 

hat man nie gelesen, was er von der Unmöglichkeit gewisser 
Definitionen sagt? Nächstens wird man einmal entdecken, dafs 
Punkt, Linie, Fläche und Körper nur relative Unterschiede be- 
deuten, weil man schon keinen Punkt vorzeigen kann, der den 
mathematischen Anforderungen entspricht. Es ist fast, als ob 
man die Gabe der Abstraktion allmählich ganz unterdrücken 
wollte. Und doch fährt sie unsere Schritte in jeder wissenschaft- 
lichen Untersuchung; sie leitet uns nur dann irre, wenn wir 
uns nicht bewufst bleiben, dafs wir es eben mit einer Abstrak- 
tion zu thun haben. Kants Gröfse beruht zum gröfsten Teil 
in dem klaren Verständnis gerade dieser geistigen Operation, 
der wir die Logik des Aristoteles ebensowohl, als auch die 
königliche Mathematik verdanken. Er sah, wie hier ein glück- 
licher Gedanke den Gegenstand von dem empirischen Beiwerk 
befreit, das zur Einsicht nichts beiträgt. Aber er bringt uns 
wieder zum Bewufstsein, dafs die Logik die reine Verstandes- 
handlung in dem Denken von Gegenständen überhaupt, 
d. h. welcher Art sie auch seien, und dafs die Mathematik 
nur a priori beschreibt, was sie in der Erfahrung kon- 
struieren kann. Er weifs, welche Leistungen in den beiden 
Disziplinen dargestellt werden, und schliefst nicht von ihnen 
auf einen reinen Verstand, der für sich etwas zu bedeuten 
hätte. 

Indem er so zunächst erkennt, was die Logik als Lehre 
vom ordnenden, analytischen Denken nicht leisten könne, 
indem er ferner für die reine Mathematik einsieht, wie weit 
sich ihre Abstraktion erstreckt, erschliefst sich ihm die Natur 
des reinen, d. h. nur möglichen Gegenstandes, d. h. einer 
blofsen Form, mit der die Mathematik noch befafst ist. Die 
reine Anschauung, die hier dem Verstände zu Grunde liegt, 
macht das reine synthetische Urteil der Mathematik möglich. 
Kein Mensch kann analytisch von der 1 zur 2 kommen; 
die Zahl ist ein sinnliches Schema der Gröfse; sie ist rein, 
aber der Typus der Synthetis selbst. Man kann a priori 
aus seinen Begriffen herausgehen, weil die Anschauung da- 
zu uns eine bestimmte Route aufzwingt. Im Begriffe der 
Geraden ist der Begriff der Gröfse, die wir von ihr aus- 
sagen, noch nicht gedacht, hier herrscht eine Synthesis, die 
wir der zwingenden Anschauung und nicht den analytischen 
Operationen verdanken, mit der wir die Ordnung erst dann 



— 60 — 

herstellen, wenn wir die Vorstellungen schon verbunden 
haben i). 

Der Metaphysiker, der einen Anfang der Welt be- 
hauptet, fällt damit ein synthetisches Urteil und zwar a priori. 
Er urteilt über etwas, das ihm keine Erfahrung geben und 
keine bestätigen kann. Der Metaphysiker appelliert mit jener 
Behauptung an die Vernunft der gesamten Menschheit; er 
erwartet ihr Urteil, ihre Kritik. Ist es nun nicht eine natür- 
liche Frage: Wie kann man sich der allgemeinen Kriterien 
bemächtigen, die hier und bei jedem synthetischen Urteil 
a priori die Spreu vom Weizen, das Wahre vom Falschen, 
die Erdichtung von der objektiven Einsicht scheiden? 

Die Oberflächlichkeit der heute herrschenden Tageskritik, 
die vom philosophischen Feingeschmack oder vom Be- 
dürfnis des Tages redet, hatte Kant noch nicht zu richten, 
er war noch in dem naiven Stadium, wo man vom wissen- 
schaftlichen Gewände bei aller „Liebe" für die Metaphysik 
auch einen wahrhaften Inhalt verlangte, wo man „Spiel und 
Arbeit'* auseinanderhielt. 

So ist denn in der Kardinalfrage der Kritik: Wie sind 
synthetische Urteile a priori möglich? ihre Hauptaufgabe 
enthalten, über die vor aller Metaphysik entschieden sein mufs. 
Wer sich mit metaphysischen Gaukeleien die Zeit vertreiben, 
wer — und sei es in der löblichsten Absicht — metaphysische 
Meinungen verbreiten und zu ihnen überreden will, schlägt 
diese Frage aus dem Winde. Wenn aber die litterarische 
Kritik philosophischer Werke und Systeme wirklich urteilen 
und richten will, so mufs sie dazu auch durch allgemeine 
Gesetze befugt sein. Ob man sich mit einer Metaphysik nach 
moderner Phrase befreunden könne, ist nicht in Frage. 
Das Spiel der Mode kann man anderen Gebieten anheimstellen. 
Eine einhellige philosophische Kritik, eine wissenschaftliche 
Arbeit der Philosophen, das ist das Ziel, das Kant anbahnt. 
Wo das Urteil durch ein subjektives, individuelles Medium 
gebrochen wird, da herrscht keine Kritik, sondern Meinung, 
nicht selten auch Willkür. Es ist schlechterdings sinnlos, 
die letzte Richtschnur des kritischen Urteils in wahrschein- 



1) Hegel hält ihm entgegen, der Satz von der Geraden sei nur eine 
Definition. Erledigt das aber die Frage, wie sie als synthetische 
Definition möglich war? 



— 61 — 

liehen Gesetzen zu suchen. Daher braucht Kant den Ter- 
minus der ,yForm'^; formale Kriterien können nicht dem 
Zweifel unterliegen. Und hier kann uns nur die Arbeit der 
Kritik, ihre so oft geschmähte Methode zu immer gröfserer 
Deutlichkeit verhelfen. Es giebt Kriterien der Wahrheit^ 
aber es giebt kein allgemeines Kriterium der Wahrheit, 
dessen war sich Kant bewufst. Wenn Wahrheit in der Über- 
einstimmung des Gedankens und des Gegenstands beruht, so 
ist das allgemeine Kennzeichen der Wahrheit widersprechend; 
jeder Gegenstand ist eben ein b e s o n d e r e r ; die Einzelprüfung 
läfst sich nicht durch einen Zauberspruch umgehen, aber unsere 
auf Gegenstände gerichteten Gedanken müssen wir formal 
wenigstens richten können. Uns dazu in den Stand zu setzen, 
ist die Kritik geschrieben worden. 

Unser Register wichtiger Momente liefse sich noch um eine 
Reihe tiefer und wahrer Gedanken vermehren. Die lange Zeit 
ihrer Äusreifung, eine von Kant geduldig und beständig geübte, 
auf das eigene Bewufstsein und seine Funktionen gerichtete 
planmäfsige Reflexion haben die Kantische Kritik zu dem 
splendidesten Werke der philosophischen Litteratur sich ent- 
wickeln lassen. Ein schier unerschöpflicher Brunnen, aus dem 
fireUich nicht selten gegen den Verfasser selbst geschöpft wor- 
den ist. Wie oft hat man ihm die eigenen Argumente, die 
man von ihm hätte lernen können, entgegengehalten! 

14. Es giebt kaum einen der grofsen Kantischen Gedanken, 
den man nicht jeweils wohlfeilem Spotte preisgegeben hätte. 
Wenn aber eine solche planmäfsig hergestellte, von der Natur 
unseres Erkenntnisvermögens gleichsam abgeschriebene Beur- 
teilung der Vernunft nicht möglich ist, worauf stützt sich nur 
der Kritiker, der metaphysische Systeme alter und neuer Zeit 
richtet? Wo ist sein Richtmafs? Welcher Mensch fühlt sich 
angesichts ihrer Fragen einsichtig und wichtig genug, seine 
unbegründeten Meinungen zur Nachachtung zu empfehlen ? 
Für Gründe müfste er auch Gesetze anerkennen. Man giebt 
nicht selten, was dem Einzelnen behagt, man appelliert an 
das Vorurteil seiner Leser, aber man unterrichtet sie nicht. 

Wir haben den Gedanken eines Systems der Vernunft 
an die Spitze jener Momente gestellt, die sich als von funda- 
mentaler Bedeutung erweisen. Nichts ist gleichwohl so ab- 
fällig beurteilt imd mit so überlegener Weisheit in die Rumpel- 



- 62 — 

kammer scholastisdieT Spitzfindigkeit verwiesen worden, wie 
dieses System. Und doch läXst sich ohne rückhaltlose Aner- 
kennung dieser systematischen Peinlichkeit die Kritik nicht 
einmal yerstehen. Nur durch das System ist Kant der Be- 
gründer der Erkenntnislehre geworden. Begriff, Urteil und 
Schlufs geben die Formen des Denkens; ihnen müssen not- 
wendig in der Erkenntnis Leistungen entsprechen. An welche 
Bedingungen sind sie in der Anwendung, im Gebrauche gebunden? 
Eine seltsame Erkenntnislehre, die sich dieser natürlichen Ein- 
teilung und der Aufgabe entziehen wollte, die Leistungen dieser 
Formen festzustellen. Wenn man eingesehen hat, dafs man 
sich apriorische Erkenntnis von Gegenstäoiden nur dann 
zusprechen darf, wofern sie unserem Anteil am möglichen 
Gegenstande selbst entspricht, der uns nach seinem Inhalte 
erst gegeben wird, so wird man auch yerstehen, dafs uns An- 
schauungen und Begriffe a priori innewohnen. Das Urteil 
über die Gröfse eines Tetraeders Yon bestimmter Kante fallen 
wir notwendig und allgemein, seine Schwere aber können wir 
nicht anders als a posteriori feststellen. Das bedingt einen 
Unterschied auch in dem, was unserem Urteil als seine Materie 
unterliegt. Immer giebt eine reine oder empirische Anschau- 
ung das, was zu beurteilen und also nur durch Begriffe zn 
bestimmen ist. Das Kantische System mufste also notwendig 
zuerst reine Anschauungen, dann reine Begriffe feststellen und 
durfte dabei keinen Elementarbegriff auslassen. In reinen 
Anschauungen und reinen Begriffen erschöpfen sich die Mög- 
lichkeiten des Gegenstandes nach seinen apriorischen Daten. 
Es giebt nun nichts mehr, was noch zur Erkenntnis eines 
Gegenstandes notwendig ist, und wenn alle Anschauungen zum 
Bestimmtwerden, aUe Begriffe zum Urteilen ausersehen sind, so 
müssen aus diesen auf ihre wahren apriorischen Bedingungen 
eingeschränkten Begriffen sich allgemeinste Urteile, die vir 
an anderer Stelle berühren, ableiten und mit Bücksicht auf 
mögliche Erfahrung einsehen lassen — als Prinzipien oder 
Grundsätze des Verstandes selbst. Letzte Sätze müssen — wie 
das schon den Alten klar gewesen ist — notwendig auftreten; 
sie spotten eines Beweises aus blofsen Begriffen, lassen sich 
aber noch weniger von Vorgängen in der Natur abziehen. 
Das uns hier Gegebene, Angeschautes und Wahrgenommenes, 
enthält als solches nichts, was den unbedingt^i Zwang recht- 



— 63 — 

fertigte, unter dem wir z. B. den Kausalsatz beständig anwenden. 
Man findet in seinen Wahrnehmungen keine Beurteilung. Kant 
wehrt sich bei seinen Beweisen indessen mehr gegen eine Auf- 
fassung, die ihm seine Deduktion schenken als die jene Sätze 
selbst bezweifeln möchte. Ihm liegt ja hauptsächlich daran^ 
ihnen den Schein, zu nehmen, mit dem sie auch hinter die 
Gardinen der Natur zu blicken verfahren. Man hat ja nie- 
mals den Zwang dieser Sätze bestritten; man redete sich 
nur ein, dafs er auf einer Täuschung beruhen könne. 
Genug, das Kantische System trennt mit Recht: 

1) Formen der Anschauung (Sinnlichkeit), 

2) Verbindungsformen (Verstand), 

3) formale Urteile (Grundsätze des Verstandes, Urteils- 
kraft) 

und wer seine Untersuchung begriffen hat, sieht ein , dafs 
in diesen leeren Formen nichts anderes beschrieben ist, als 
was er alltäglich gebraucht, weil es ihm notwendig zugehört, 
wenn er Gegenstände unterscheiden und bestimmen will. 

Ist Begriff und Urteil der Faden gewesen, der hier samt 
dem Gedanken an einen Inhalt die Untersuchung führt, so 
bleibt noch die Frage nach dem Schlufsverfahren im logischen 
Gebrauch, dessen Bestimmung und Bedeutung für die reine 
Erkenntnis von Objekten in der Lehre von 

4) Vernunftbegriffen (den Ideen) 
zu untersuchen ist. 

Über ein solches System läfst sich weidlich spotten. Auch 
dieser Spott ist nicht original. Herder hat in diesem Punkte 
allen seinen Nachfolgern die Möglichkeit des billigen Lorbeers 
genommen. Er läfst sich nicht übertrumpfen. Aber es kommt 
ja nur darauf an, nach seiner Wahrheit im eigenen Bewufst- 
sein zu forschen. Vergifst man dann nicht, dafs man es mit 
immer verbundenen Leistungen zu thun und dafs man den Wert 
der Abstraktion zu beurteilen hat, die man immer auch sonst 
vollzieht, so wird man den leichtfertigen Witz ruhig ertragen. 
Nur die systematische Inventarisierung des Vernunftbesitzes 
konnte Gewähr für eine allgemeine Beurteilung aller meta- 
physischen Versuche geben. Hier müssen sich die Quellen 
aller Irrtümer, aber auch aller wahrhaften Gedanken vor- 
finden. 

Ist man in der Einsicht so weit gefördert, dafs man in 



- 64 — 

jenem leeren Schematismus das eigene ErkenntnisTermögen 
wiedererkennt, so wird man auch begreifen, dafs nach dem 
planmäfsigen Verfahren der Kritik ihr kein Faktor entgehen 
konnte. In der That giebt jene schematische Zusammen- 
stellung das Rückgrat eines YoUkommenen , einheitlichen 
„Organismus 'S in dem ein jeder Teil für den anderen da und 
keiner ohne alle anderen yerständlich ist. Man soll sie gleich- 
wohl in der Untersuchung nach ihren Leistungen scheiden 
und sich immer bewufst bleiben, dafs z. B. die vom Ver- 
stände „ unabhängige'^ Sinnlichkeit weder berechtigt, einen 
reinen Verstand, noch eine reine Sinnlichkeit als isolierte 
Kräfte für sich wirksam und existent zu behaupten. Was 
der Chemiker kann, wenn er seine Elemente real abscheidet, 
das kann dem Kritiker nicht gelingen, der dafür aber den 
sichersten Prüfstein in der eigenen Vernunft selber hat. Kant 
weifs, dafs in den Anschauungen des Raumes und der Zeit 
inmier schon eine allgemeinste Verbindung vom Verstände 
vollzogen ist, kann aber in der transscendentalen Ästhetik mit 
Recht fordern, dafs man hier das auf Rechnung der Sinne 
setzt, was er ihnen zuspricht, während man vom Verstände 
noch absieht. Dafs z. B. die Möglichkeit der Mathematik nach 
dem Inhalte ihrer Urteile in der Ästhetik, nach der Form 
ihrer Synthesen im Begriff und nach der Möglichkeit ihrer 
Anwendung auf Erfahrung an verschiedenen Stellen der Kritik 
abgeleitet wird, bedeutet kein zuviel und ist ebenso gerecht- 
fertigt, wie die Behandlung des Lichts und der Wärme in den 
ihnen gewidmeten Abschnitten eines physikalischen Lehrbuches, 
das diese Erscheinungen dessenungeachtet auch im Kapitel 
von der Elektrizität zu besprechen hat. In letzter Linie hätte 
Kant die Mathematik auch noch in der Vernunftlehre selbst 
rechtfertigen können, da ihrem systematischen Aufbau eine 
Idee zu Grunde liegt, durch die in ihrer Entstehung viele 
Sondererkenntnis, die man schon mitbrachte, unter Feststellung 
der letzten Grundsätze, der Axiome, zur Einheit gebracht 
worden ist. 

Man kann leicht einsehen, dafs eine falsche Bestimmung 
«der einzelnen Leistungen des Erkenntnisvermögens die Beur- 
teilung aller in einheitlicher Auffassung verfehlen läfst. Es 
ist wahrlich kein Zufall, wenn es Kant gelingt, den empi- 
rischen Idealismus des Cartesius ebenso bündig zu widerlegen, 



— 65 — 

wie die Antinomien zu lösen, von dem transscendentalen Dog- 
matismus Berkeleys ganz zu schweigen. Wer in der transscen- 
dentalen Untersuchung Raum und Zeit empirisch erworben 
sein läfst oder wer sie in den Verstand verlegt, der kann nicht 
▼erstehen , wie sich apriorische Begriffe auf Gegenstände be- 
ziehen könnten, die nach diesen Annahmen aufserhalb der 
Sphäre des Subjekts liegen müssen. Die Übereinstimmung yon 
Denken und Sein ist dann leicht befohlen, eingesehen wird 
sie nicht. Hingegen hat die Kantische Raum- und Zeitlehre 
einen hinreichenden Bürgen in der Mathematik und eine Evi- 
denz, die der mathematischer Sätze selbst nicht nachsteht. 
Die Apriorität der geometrischen Axiome und die transscen- 
dentale Idealität des Raumes bedingen sich gegenseitig. Wer 
die erstere behauptet, braucht sich zwar über das Wesen des 
Raumes keine Rechenschaft zu geben, wofern er es aber tbut^ 
so kann er jene nicht anders einsehen, als durch die Eantische 
Lehre. Es ist nicht ausdenkbar, wie sich von etwas, das, 
aufs er der Sphäre des Subjekts da ist. Aussagen not- 
wendigen und allgemeinen Charakters machen liefsen. Die 
Einheit ferner, die uns Kants Lehrgefüge zeigt, ist kein Zu- 
fall. Man zerstört sie sofort, wenn man seine Grundlehren 
antastet. 

Ist die Metaphysik überhaupt zu belehren, so mufs sie 
nach Kants Kritik der reinen Vernunft einsehen, dafs es für 
unsereErkenutnis an sich seiende Dinge nicht giebt und 
nicht geben kann. Der Vorstand ist auf sinnliche Anschauung 
angewiesen; keine Macht der Abstraktion kann von unseren 
Gegenständen den Raum und die Zeit „hin wegdenken**. Von den 
für unser jeweiliges Urteil zufälligen, bei verschiedenen Gegen- 
ständen anders gearteten Momenten kann man absehen, wenn 
man es mit vielen unter einem bestimmten, von jener Absonde- 
rung unabhängigen Gesichtspunkte zu thun hat. Die trans- 
scendentale Untersuchung sieht von allen empirischen Unter- 
schieden ab, weil sie es mit allen möglichen Gegenständen 
zu thun haben will. Auf andere Weise ist eine der Logik 
sich zur Seite stellende Erkenntniskritik nicht möglich. Wer 
dabei vergifst, dafs mit dieser logischen Pflicht der Isolation 
auch nur ein logisches Recht ausgeübt worden ist, darf sich 
nicht über Kant beklagen. Kant hat das niemals aus dem 
Auge gelassen. Man mufs ihn nur recht verstehen und wird 

Ooldschmidt - Mellin. 5 



dann begreifen, dafs unsere Zeit nicht über seine Lehre hin- 
wegzuschreiten , sondern allen Anlafs hat, sie vorerst völlig 
in sich aufzunehmen. Seine ganze Lehre wendet sich ja gegen 
den Mi fsbrauch der Begriffe, die im Verstände „vorbereitet 
liegen ^S bei „Gelegenheit der Erfahrung entwickelt und dann 
von den „anhängenden empirischen Bedingungen^^ befreit wer- 
den. Es giebt realiter keinen solchen reinen Gegenstand und 
kein solches in formaler Blöfse beschriebene Subjekt; aber man 
kann, was Kant beschrieben hat, jederzeit im empirischen Ge- 
brauche der eigenen reinen Vernunft wiedererkennen. Kein 
Zweifel, dafs die mifsverstandene Kritik vielfach zu falschen Vor- 
stellungen geführt hat. Ihre „ abgezogenen '^ Begriffe mufs man 
als solche werten, und man wird sich dann nicht zum Verzicht 
auf ein beständig geübtes Verfahren der Vernunft bestimmen 
lassen, das hier in seiner äufsersten Potenz dennoch die mensch- 
lichen Befugnisse nicht überschreitet. Im Gegenteil schränkt es 
in der bescheidensten und einleuchtendsten Weise hochfliegende 
Pläne der Vernunft ein, die sich erst von Kant in strikter Weise 
mufs belehren lassen: Wir können von keinem Objekte a priori 
etwas wissen, es sei denn von einem Gegenstande möglicher Er- 
fahrung. Die Vernunft reicht nicht weiter, als nach unerforsch- 
lichem Ratschlufs uns die Mittel gewährt sind, ihre Einsichten 
wirklich zu machen, zu prüfen und vermeintliches Wissen zu 
korrigieren. 

Das architektonische Gefäge der Kritik ^^ das sich bei der 
Weitläufigkeit des Werkes anfangs dem Leser mehr verbirgt 
als aufdrängt, zeigt uns einen durchaus natürlichen Aufstieg, 
der auch der Entwickelung des Einzelnen und der Gesamt- 
heit angemessen sein mag. Von der breiten Basis der Sinn- 
lichkeit anhebend, führt die Untersuchung zum Verstände 
mit seinem obersten Grundsatze einer notwendigen syn- 
thetischen Einheit des Bewuf stseins , durch die erst die Mög- 
lichkeit gegeben wird, die Identität des Bewufstseins selbst 
vorzustellen. Die Analysis im blofs logischen Gebrauch des 
Verstandes ist nur möglich, wenn ihr eine einheitliche Syn- 
thesis vorherging. Wie konsequenterweise die Synthesis durch 
' Gegebenes (Mannigfaltiges in reiner oder empirischer Anschau- 
ung) bedingt ist, in dessen Vereinigung sie sich geltend machen 
kann, so mufs der Verstand zuvor Vorstellungen haben, wenn 
er sie vergleichen, über sie reflektieren und vom Besonderen 



^ 67 — 

wiederum abstrahieren will. Die synthetische und analytische 
Einheit des Bewufstseins in allen unseren Vorstellungen macht 
geradezu den Verstand selbst aus, der die Anschauungen nicht 
in sich aufnimmt, sondern sie denkend auf Begriffe bringt, 
um sie jederzeit im inneren Sinne wieder aufzusuchen, wenn 
er von dem eigenen Besitze Gebrauch machen will. Die Ein- 
bildungskraft affiziert den inneren Sinn, und der Verstand 
rekognosziert im Begriffe, was sie ihm zur Einheit syn- 
thetisch verbunden hat. Der Weg, vom Verstände zum aus- 
übenden Vermögen, der Urteilskraft, und zu einem höch- 
sten Vermögen, der Vernunft, geleitend, ist der natür- 
liche Gang in aller menschlichen Erkenntnis. Es ist die 
höchste Kultur in einer individuellen menschlichen Intelli- 
genz, der wir die Kritik der reinen Vernunft zu danken 
haben. Man bewundere die Kunst des Philosophen, die in 
der Idee ihren Gegenstand von allem Störenden frei macht; 
man wird nur leere Künsteleien sehen, wenn man dieser Idee 
nicht Herr ist. Forderte es vor hundert Jahren „Mut und 
Entschlossenheit 'S dem Denker auf die Höhe seiner Abstrak- 
tionen zu folgen, so hat man die Anstrengungen heute, zu ver- 
doppeln. Von jener Kultur der Vernunft ist in einer Epoche, 
in der man „mit Vernunft zu rasen" sich gewöhnte, eher 
etwas verloren gegangen. Indessen stehen die Kantischen 
Gedanken für alle Zeit, und wenn man nur mit der von einem 
so schwierigen Gegenstande geforderten Mühe etwas Selbst- 
entsagung verbindet, so wird man auf ein schnelles Urteil ver- 
zichten. Anfangs widerstrebende Gedanken werden bald ver- 
traut, scheinbare Widersprüche lösen sich nach dem Erfassen 
des , Zusammenhangs leicht auf. Wenn man, wie heute 
empfohlen wird, nur einen „bedeutenden Sinn" in den Kanti- 
schen Lehren suchen soll, so findet man mehr als das : Wahr- 
heit und Einsicht. Man suche den „bedeutenden Sinn** im 
Faust und lasse sich bei Kant — wenn auch mit An- 
strengung — über das eigene Erkenntnisvermögen unter- 
richten. 

15. Unsere Bemerkungen verfolgen den Zweck, Kantische 
bedanken dem Leser näher zu bringen, vor allem aber in 
ihm die Überzeugung zu wecken, dafs Kants Versicherungen 
von der unbedingten Sicherheit seiner kritischen Grundlage 
volles Vertrauen verdient. Es giebt heute wohl ein halbes 

5* 



- 68 — 

Dutzend verschiedener Au£EGU(8ungen Kantischer Raumlehre, und 
doch ist die von Kant vertretene eine völlig einheitliche, die 
überdies mit psychologischen Untersuchungen gar nicht in 
Kollision geraten kann. Es ist ungerecht, Kant entgelten zu 
lassen, was voreiliges Urteil verschuldet hat, wie es Unrecht ist, 
auf die reine Vernunft zu schelten, weil sie vielfach mifsbraucht 
worden ist. Die heute so beliebte psychologische Analyse setzt 
notwendig den Baum immer schon voraus. Es ist unmöglich, 
auf diesem Wege etwas herauszubringen, das unsere mathe- 
matischen Sätze irgendwie alterieren könnte. Mit gleichem 
Recht könnte man psychologisch anfechten wollen, dafs die 
transscendentale Einheit des Bewufstseins nicht notwendig eine 
Bedingung der Erkenntnis sei. 

Die Kantische Aufgabe ist freilich eine viel bescheidenere, 
als man für gewöhnlich annimmt und man hat sie doch nur 
dann verstanden, wenn man sie kennt. Man merke sich, dafs 
seine Bemühungen nur darauf hinauslaufen , uns zu zeigen, 
dafs ein notwendiges Wissen aus reiner Vernunft 
nur da möglich ist, wo eben dieses Wissen die Er- 
fahrung nach ihrer Form möglich macht. Giebt es 
sodann keine Erfahrung ohne diese vom Subjekt notwendig 
erzeugten Formen, so giebt es auch keine Erfahrung vor 
diesen Formen ; das, was uns gegeben wird, wird erst zu einem 
Gegenstand durch das Subjekt. 

Wir wollen in Folgendem nochmals einen Überschlag wich- 
tiger Punkte geben, indem wir zugleich früher schon wieder- 
gegebene Gedanken hier und da ergänzen. Wiederholungen 
wolle man verzeihen, indessen für das Studium der Kritik kann 
nichts dienlicher sein, als denselben Gedanken in verschiedener 
Beleuchtung zu sehen, vorausgesetzt nur, dafs die Treue gegen 
den Schriftsteller gewahrt ist. 

Wenn Erkennen nichts anderes als einen Gegenstand be- 
stimmendes, ihn von allen übrigen unterscheidendes- Denken i) 
ist, so mufste notwendig das System der Denkhandlungen das 
Gerüst für die Untersuchung abgeben. Im reinen Denken 
haben wir die allgemeinste Verstandeshandlung isoliert, im 

^) Erkenntnisse bestehen in „der bestimmten Beziehung gegebener 
Yorsteliongen auf ein Objekt. Objekt aber ist das, in dessen Begriff das 
MannigfBdtige einer gegebenen Vorstellung vereinigt ist". (Kritik der 
reinen Vernunft 2. A. S. 137.) 



reinen Erkennen haben wir uns denselben Verstand in ver- 
bindender Thätigkeit gedacht und unsere Isolation nur etwas 
enger gezogen, wir betrachten hier nicht allein das Denken, 
sondern die Möglichkeit des Gegenstandes selbst; während 
in dem logischen Gesetz der Ordnung der Begriff seinem 
Inhalte nach gleichgültig ist, yerlangen wir hier immer seine 
notwendigen Konstituenten zugleich ; eben darum hat Kant 
ein Mannigfaltiges der reinen Anschauung als gegeben in der 
Ästhetik der transscendentalen Logik Yorausgeschickt. Im 
reinen Denken der formalen Logik handelt es sich um Ord- 
nung von Vorstellungen, die schon einmal verbunden worden 
sind, in der transscendentalen Logik ist eben die Verbin- 
dung des Gegebenen, die Synthesis, und ihre notwendige 
Einheit in dem Bewufstsein das Problem. Ein Verstand 
herrscht in beiden Thätigkeiten , beide gehen auf Einheit. 
Jedes bestimmbare mögliche Objekt des Erkennens hat seine 
Bedingungen der Einheit im erkennenden Subjekt, und auf 
sie kam es allein an. Der Eopernikanische Gedanke, ein schon 
Yon Leibniz gelegentlich gebrauchtes Gleichnis, läfst völlig auf 
sich beruhen, ob das vom Subjekt formal abhängende Objekt 
des Erkennens sich auch, von jenem losgelöst, um ein Zen- 
trum bewegen kann, das nicht das unseres eigenen oder eines 
ihm gleichgearteten Bewufstseins ist. Das Subjekt überhaupt 
ist jedes seinen Gegenstand in der Sinnlichkeit vorfindende 
Bewufstsein, in dem der Gegenstand eine objektive, d. h. 
Ton der Eigenart des Einzelnen unabhängige Einheit findet. 
Ohne diese Möglichkeit einer objektiven Einheit wäre alles 
Denken von Gegenständen nur das Erlebnis des Einzelnen und 
schon der Begriff eines Wissens, in dem sich die Menschen zu 
gemeinsamer Arbeit zusammenfinden, undenkbar. In der Er- 
kenntnis fallt unserem Verstände nur die Aufgabe zu, denkend 
zu verbinden ; da er nur in den Sinnen sein Material vorfinden 
kann, da er ferner nur nach gewissen Begriffen Anschauungen 
bestimmen und auf den Gegenstand beziehen kann, so wird 
der feststellbare Grund für jene objektive Einheit des Mannig- 
&ltigen im Subjekt und nicht in Dingen gesucht werden 
müssen, die ohne eine notwendige Anschauung ebensowenig,, 
^e ohne ihre Bestimmung in einem jeden Subjekt Objekte sein 
könnten und sich also gar nicht nach ihrem reinen Anteil am 
Erkennen prüfen lassen. Der transscendentale Schein, durch 



— 70 - 

den der wesentliche Anteil des Subjekts in Yermeinilich be- 
stimmbaren Dingen an sich hinweggeblendet wird, kann so 
erkannt und der durch ihn veranlafste Irrtum überwunden 
werden. Diesem Irrtum ist der Physiker gar nicht aus- 
gesetzt, wenn er nicht aus den Grenzen der Erfahrung 
hinausgeht, d. h. wenn er nicht zugleich dogmatischer Meta- 
physiker sein will. Man hat nicht selten den Gesichtspunkt 
Kants, der meist die Irrtümer der Metaphysik im Auge und 
nur ihre Kritik im Sinne hat, völlig verschoben. Kant woUte 
die Physik so wenig als die Mathematik beweisen, wie man 
sich hier und da einbildet, wenn er ihre Möglichkeit zur Ein- 
sicht bringt. Das zeitigt verwunderliche Konsequenzen. Man 
kann nicht selten lesen, dafs die Physik mit den verschieden- 
sten Auffassungen der Erkenntnistheorie verträglich sei. Man 
könnte sich mit demselben Rechte darüber äufsem, dafs die 
Natur auch in den Zeiten physikalischer Unwissenheit ihre 
Dienste versehen habe. Kein Wunder; auch die primitivste 
Auffassung in der Physik selbst hat nicht verhindert, dafs es 
donnert und blitzt und dafs die Sonne leuchtet und erwärmt. 
Indessen ist gar nicht die Frage, ob die Kritik mit der Physik 
bestimmter Erscheinungen verträglich sei, sondern wie 
wir zur Einsicht in unsere Erkenntnis selbst gelangen und 
ihr einheitliches Bild widerspruchsfrei uns vor Augen stellen 
können; es ist die Frage, wie es möglich ist, a priori Aus- 
sagen zu machen, wie die Mathematik und eine reine Physik 
sie bietet, und auf diese Frage ist nur eine einzige Antwort 
oder keine möglich. Verschiedene Auskünfte würden Mei- 
nungen, aber keine Einsicht gewähren, eine Entscheidung 
über Metaphysik aber völlig ausschliefsen und uns nahe- 
legen, auch gegenüber ihren Fragen die Waffen zu strecken. 
Es bleibt dann allein die Skepsis gegenüber der Metaphysik, 
während skeptische Bedenken, die Physik und Mathematik 
treffen, ebenso sinn- als gedankenlos sind. In der Mathematik 
und Physik, sagt Kant, findet der Skeptizismus nicht statt. 
Hier sind ja die Bedingungen erfüllt; sie beschäftigen sich 
nicht mit Gegenständen ohne alle „Bedingungen der Sinn- 
lichkeit". 

Wenn die Kopernikanische Lehre nicht verhüten kann und 
will, dafs wir die stillstehende Sonne „auf- und untergehen** 
lassen, wenn sich der alltägliche Sprachgebrauch modemer 



i 



— 71 — 

Einsicht nicht akkommodiert, so haben wir in der wissenschaft- 
lichen Untersuchung alle Ursache, auf das wahre Verhältnis 
der himmlischen Objekte Rücksicht zu nehmen. Es ist bei 
einer Theorie der Erkenntnis nicht anders, wenngleich in 
der Erkenntnis selbst die Terminologie unverändert bleibt. 
Der Yon Kant veränderte und konsequent inne gehaltene 
Standpunkt hat in der Erkenntnislehre Klarheit geschaffen, 
auch wenn man im gewöhnlichen Leben nicht aufhört, 
die Sprache des naiven Realismus zu sprechen. Wenn man 
nur den berühmten Kopernikanischen Vergleich schärfer ins 
\uge fassen wollte. Das Subjekt, unzweifelhaft der Mittel- 
punkt alles Erkennens, schreibt seine Bedingungen dem Gegen- 
stande notwendig vor; das Objekt richtet sich nach ihm, aber 
es wird nicht, wie man hie und da sagt, vom Subjekte er- 
schaffen. Es kann nur erkennen, was ihm gegeben wird, aber 
dies Gegebene selbst ist einerseits notwendig, anderseits zu- 
fällig. Wenn alle Objekte nur im Räume und in der Zeit 
erscheinen können, wenn ferner für Raum und Zeit notwendige 
und allgemeine (mathematische) Bestimmungen gelten, so müssen 
auch alle mathematischen Gesetze für die Objekte gelten. Die 
besondere Bestimmung scheidet aus der Betrachtung aus, 
denn hier kommt es nur auf das an, was notwendig und 
daher auch allgemein gilt. Ein Schlüssel, der alle Schlösser 
schliefst, hat aber um deswillen nicht nötig, diese Schlösser 
zu schmieden; sie richten sich nach ihm, sind ihm gemäfs, 
sie hängen von ihm ab, d. h. man hat mit dem einen Schlüssel 
Bedingungen für alle. Was ihm nicht gemäfs ist, läfst sich 
nicht erschliefsen. 

Kant legt der empirischen Sinnlichkeit, dem empirischen 
Verstandesgebrauch, dem empirischen Bewufstsein, der em- 
pirischen Einbildungskraft reine Faktoren zu Grunde. Er- 
scheint das nicht wie ein blofses Spiel mit Worten? Aber 
sieht man nicht, dafs der Philosoph sich auf Thatsachen stützt, 
die er so zum ersten Male richtig deutet? Die reine Mathe- 
inatik spricht unabhängig von allen empirischen Unterschieden 
Erkenntnisse aus. Wie gelingt das? Hier wirkt die reine 
Einbildungskraft; sie affiziert den inneren Sinn unabhängig 
^on Wahrnehmungen äufserer Objekte, der Verstand bestimmt 
reine mathematische Gebilde allgemein — darf man angesichts 

er Thatsachen nicht feststellen, welche Funktionen unserem 



— 72 — 

Erkenntnisvermögen, für sich betrachtet, mit Rücksicht auf 
Erfahrung zuzusprechen sind? Wo sollen wir die Fähigkeit 
sonst suchen, die uns allgemeine Einsichten yerschafft, als 
im Subjekt? — Ja, aber was erklären uns denn nur alle die 
reinen Faktoren, gleichen sie nicht auf ein Haar den meta- 
physischen Begriffen der dogmatischen Philosophen ? In- 
dessen will man nicht sehen, dafs Kant der dogmatischen 
Begriffsspielerei ein Ende macht, indem er alle jene trans- 
scendentalen Faktoren als ebensoviele Bedingungen der 
Erfahrung lediglich konstatiert und somit diese nach ihrer 
Möglichkeit zur Einsicht bringt, so dafs man nunmehr auch 
feststellen könne, wo diese Bedingungen fehlen? Wo sie in 
letzter Linie herstammen, das ist wieder eine andere, für uns 
unlösliche Frage. Dafs sie im erkennenden Subjekt wirklich 
sind und nicht aus der Erfahrung selbst stammen, liegt klar 
am Tage, wenn man mit ihnen die Beurteilung irgend einer 
empirischen, an jene Bedingungen gebundenen Thatsache selbst 
yergleicht. Sieht man nicht, dafs durch das Beiwort rein 
nicht mehr gesagt wird, als dafs jene Vermögen für jeden 
möglichen Inhalt allgemeine, vom Individuum unabhängige, 
einem Subjekt überhaupt zukommende Bestimmungen bedeuten, 
für deren Notwendigkeit schon die Möglichkeit Zeugnis ab- 
legt, dafs man sich bei allem Zwiespalt doch über seine Ge- 
danken selbst verständigen kann? Selbst den dogmatischen 
Metaphysiker mufs man wenigstens verstehen können, wenn 
man ihn auch widerlegen wiU. Auch seine Begriffe müssen 
wenigstens die reinen Bedingungen möglicher Erfahrung ent- 
halten, die ohne „Data'* in der Erfahrung nicht einmal im 
Denken enststehen könnten. Man nennt Kant den Vater der 
Erkenntnistheorie, wie man Aristoteles die Vaterschaft der Logik 
zuspricht. Welchen Sinn soll jene Bezeichnung haben , wenn 
sein Problem selbst unmöglich ist? Jenes Nachspüren in der 
Entwickelung des Einzelnen kann niemals eine Kritik der 
Vernunft zustande bringen; es ist unmöglich, auf diese Weise 
festzustellen, wie plötzlich in dem Subjekt die gegebene Wahr- 
nehmung in objektive Bestimmung übergeht. Kant mufste, wie 
das die Vorarbeit der heuristisch vorgehenden Prolegomena 
beweist, schon vorhandene Erfahrungen analysieren, um in 
der Kritik allgemein und von ihnen unabhängig zu zeigen, 
wie die Erkenntnis sich nicht durch generatio aequivoca. 



- 73 — 

sondern mit Notwendigkeit aus Kräften der Vernunft ab- 
leiteti). 

Noch ein Wort an dieser Stelle über die Bedeutung, die 
dem Begriff eines Subjekts überhaupt zukommt. Der 
Philosoph hat dabei nur menschliche Wesen im Sinn, wie das 
auch in der Logik von Jaesche besonders ausgesprochen wird. 
Die Frage: Was kann ich wissen? gehört im weiteren Sinne 
des Worts zur Anthropologie. Es giebt sofern nur Eine Er- 
fahrung, wie es nur Einen Raum und Eine Zeit für 
das Subjekt geben kann. Alles, was erkannt, d. h. be- 
stimmt werden soll, mufs im Räume und in der Zeit gegeben 
werden, durch Empfindung zur Perzeption gelangen, Wahr- 
nehmung werden oder mit ihr in einen Zusammenhang ge- 
bracht werden können. Wenn wir allen Inhalt aus der Er- 
fahrung herausnehmen, so sind wir mit unseren Erkenntnis- 
formen a^iu, die wir in bestimmmter Weise auf etwas, 
das wir uns nur denken, nicht mehr anwenden können und 
sollen. Also nur was im Inbegriff der Erfahrung oder in mög- 
licher Erfahrung liegt, kann erkannt werden. Wo Kant von 
der möglichen Erkenntnis anderer Wesen redet, überträgt 
er auf sie unsere Erkenntnisbedingungen, wofern er bei ihnen 
einen nur denkenden, nicht selbst anschauenden Verstand 
setzt. Damit ist zugleich die Restriktion des denkenden 
und erkennenden Verstandes auf irgendwie geartete sinn- 
liche Bedingungen angezeigt. Bestimmte Erklärungen finden 
sich bei Kant hinsichthch anderer Wesen nicht; konsequent 
hält er auch in diesem Punkte daran fest, dafs die solchen 
Annahmen zukommende logische MögUchkeit das Mindeste 
ist, was man von einem Gedanken zu sagen vermag. Die 
Kategorien gelten für jedes sinnlich anschauende Wesen, 
das damit zum Bestimmen seiner Anschauungen, zum syn- 
thetischen Denken gezwungen wird; aber ein Wesen von 



1) Die Prolegomena und die Kritik befolgen yerschiedene Methoden, 
erkennen aber notwendig dieselben Thatsachen als gegeben an. Diese 
sind: 

1) Es giebt reine (synthetische) Erkenntnis, 

2) Es giebt Erfahrung. 

Man sieht leicht ein, dafs man ohne die erste Thatsache nicht fragen 
kann, wie sie möglich sei, nnd dafs man, ohne die zweite anzuerkennen, 
In der Möglichkeit der Eriahrung keinen Beweisgrund erblicken könnte. 



— 74 — 

anderer ursprünglicher Sinnlichkeit würden wir nicht ein- 
mal verstehen, weil seine Synthesen für uns nicht vollzieh- 
bar sein können. Wir hätten ja mit ihm nur Verstandes- 
formen, aber keinen Inhalt der Begriffe gemein. Diese Frage 
ist indessen für die Untersuchung Kants Yon untergeord- 
neter und nur für Phantasien von Bedeutung. Auf die Frage 
der Tiere, deren Gebaren zu Analogieschlüssen manchen Anlafs 
giebt, soll hier nicht eingegangen werden. — Von der gröfsten 
Wichtigkeit ist indessen die Einsicht in die problematische 
Beschaffenheit eines Wesens, das von metaphysischen, nur ge- 
dachten Objekten Kenntnis haben könnte. Wir können von 
Dingen an sich nichts a priori wissen, also verbietet sich 
die Kenntnis a posteriori von selbst. Sie können nicht in 
unseren Verstand hinüberwandern. Wesen also, die einer Er- 
kenntnis fähig wären, die von Dingen an sich wie der dog- 
matische Metaphysiker etwas a priori wissen, müfst^ mit dem 
Verstände zugleich anschauen. Im Begriffe müfste zugleich 
das Dasein gedacht werden, während unsere Begriffe niemals 
das Dasein mit in sich aufnehmen, sondern einen besonderen 
Akt des Verstandes erfordern, durch den auch das Dasein des 
Gegenstands im Verhältnis zum erkennenden Subjekt fest- 
gestellt wird. Die Existenz, sofern sie nicht als ein bestimm- 
bares Verhältnis zum Erkenntnisvermögen aufgefafst wird, ist 
sinnlos. Ein Verstand, der selbst zugleich anschaut, würde 
die Dinge hervorbringen; ihm brauchte ja nichts gegeben zu 
sein, das er erst zu verbinden und zu bestimmen, d. h. von 
anderem zu unterscheiden hätte. Man kann diese proble- 
matische Möglichkeit, in der die Anschauung an sich als 
bestimmend gedacht ist, ganz auf sich beruhen lassen, wenn 
man sich nur davon überzeugen will, dafs wir immer, auch 
in der reinsten Erkenntnis, der Mathematik, a priori etwas 
erkennen, das eine Synthesis in d e r Anschauung voraussetzt. 
Man hat kein mathematisches Gebild, ohne dafs man es in 
der Einbildungskraft erst durch Synthesis geschaffen hätte, 
und diese reine Handlung mit ihrem objektiven Zwang wäre 
selbst undenkbar, wenn sie sich nicht auf in der Erfahrung 
Wirkliches notwendig beziehen müfste. Die reine Mathematik 
ist nur sofern Erkenntnis, als man Dinge voraussetzt, die im 
Räume und in der Zeit angeschaut werden können. Das heilst 
nicht, die reine Mathematik sei keine eigentliche Erkenntnis 



- 75 - 

oder sie sei es konsequenterweise nicht; das wäre ein Un- 
sinn. Sie ist nur sofern Erkenntnis, als sie sich auf Erfahrung 
beziehen kann; wie alle reine Erkenntnis von Gegenständen 
nur sofern möglich ist. Nichts bestimmter als Kants Stel* 
lung zu dieser Frage. Baum und Zeit sollen nur auf Er- 
scheinungen angewandt werden, lehrt die Ästhetik ; sie erörtert 
die Möglichkeit der Synthesen in der Mathematik nach ihrer 
idealen Grundlage, während die transscendentale Deduktion 
der Kategorien zeigt, wie Baum und Zeit der Bewufstseins- 
Einheit unterstehen, in ihr schon zur Einheit verbunden sind, 
wenn man sie als Anschauungen sich vorstellt, und wie nun 
alles, was in reiner oder empirischer Anschauung als Mannig- 
faltiges gegeben sein kann, zur objektiven Einheit des Selbst- 
bewufstseins durch die Kategorien gebracht werden mufs. Die 
berühmte Frage der reinen und angewandten Mathematik ist 
geradezu die Frage der Kritik schlechthin. Die Natur der Mathe- 
matik richtet die dogmatische Metaphysik. Reine Erkenntnis ist 
nur sofern möglich, als man sie auf a posteriori Gegebenes an- 
wenden kann, und wenn man seine Erfahrungen zergliedert, so 
findet man in ihnen zwei Faktoren, deren einer den Gegenstand 
als mögliches Objekt überhaupt, deren anderer diesen bestimmten 
Gegenstand ausmacht. Dafs man sie getrennt behandeln kann, 
dafür ist die Mathematik ebensowohl ein klassischer Zeuge, 
wie die reine Naturwissenschaft. Letztere bekümmert sich 
nicht um einzelne mathematische Sätze, mufs aber die Mög- 
lichkeit der Bestimmung von Erscheinungen voraussetzen. Die 
transscendentale Deduktion der Kategorien ebensowohl, als 
die Grundsätze des Verstandes vertiefen sofern nicht die 
Untersuchung der Ästhetik hinsichtlich der Mathematik, sondern 
sie ergänzen sie im System ohne jeden künstlichen Zwang. 

Die transscendentale Deduktion der Kategorien 
zeigt die Möglichkeit reiner Begriffe, ohne die Erfahrung un- 
denkbar ist, die Doktrin der Urteilskraft lehrt, wie es 
denkbar ist, unter reine Verstandesbegriffe zu subsumieren. Sie 
giebt die sinnlichen Bedingungen (Schemata), ohne die eine solche 
Subsumption nicht möglich ist. Man kann durch den Begriff 
der Gröfse keine Anschauung bestimmen ohne die Zahl, die 
immer Eins zur Eins als gleichartig zu einander hinzufügt, 
man kann keine Realität bestimmen, ohne dafs man in der 
Zeit die Empfindung erzeugt denkt, die als solche einen Grad 



- 76 - 

hat und bis zum Verschwinden verschiedene Grade in kon- 
tinuierlicher Stufenfolge zeigt. Es läXst sich kein Verhältnis 
von Gegenständen denken ohne in der Zeit Beharrendes, Auf- 
einanderfolgendes und Zugleichseiendes, und diese Gegenstände 
lassen sich für uns nicht bestimmen, wenn wir nicht anzugeben 
vermögen, ob sie in beliebiger Zeit, in bestimmter Zeit oder 
zu aller Zeit da sind. 

Lediglich diese Zeitbestimmungen, d. h. Bestimmungen des 
inneren Sinnes (Zeitreihe, Zeitinhalt, Zeitordnung, ZeitinbegrifiF) 
machen die Anwendung reiner Begriffe möglich, und eine Auf- 
hebung dieser Bedingungen verwandelt den Verstandesbegrift 
in die blanke logische Funktion. Nur unter jenen Bedin- 
gungen entspringen aus den Begriffen allgemeine Grund- 
sätze, die als synthetische Sätze a priori in der Erfahrung 
Anwendung finden und sich lediglich auf die Kategorien be- 
ziehen, nicht aber wie mathematische Sätze auf Anschauungen. 
Die mathematischen Axiome selbst kommen hier nicht in 
Frage, wohl aber die allgemeinere transscendentale Erwägung, 
wie der Gröfsenbegriff in der Erfahrung Anwendung finden 
und somit auch reine Mathematik auf Erscheinungen sich be- 
ziehen kann. 

Wir können unsere Objekte von zufälligen Merkmalen 
durch Abstraktion befreien, aber es ist unmöglich, von ihnen 
gewisse Bedingungen hin wegzunehmen, ohne die das Objekt 
als solches nicht denkbar ist. Unsere mathematischen Be- 
griffe sind noch zu scheiden; sie haben nicht blofs die Form 
des Denkens, sondern auch einen wenn auch nur formalen In- 
halt. Sie haben nur einen Sinn im Räume und in der Zeit. Auch 
die Zahl ist nicht blofser Begriff, sondern in ihr wird etwas 
gedacht, das, wenngleich nicht empirischer, so doch sinn- 
licher Natur ist. Man zählt nach Begriffen, aber nicht 
durch den blofsen Begriff. Die modernen Theorien über die 
Zahlen können sich scheinbar noch immer nicht davon frei 
machen, in den arithmetischen Operationen nur logische zu 
sehen; die Logik aber bat Kant nach ihrem Begriffe erst be- 
stimmt. 

Was nun aber räumlich und zeitlich bestimmbar ist, giebt 
kein Bild von etwas Unbekanntem, Ansichseiendem, sondern 
ist von ihm toto genere verschieden. Alles, was wir bestim- 
mend von dem im Raum und in der Zeit Gegebenen aussagen, 



— 77 — 

müssen wir eben von jenem anderen verneinen. Aber es ist 
für unser Verständnis der Objekte völlig hinreichend, dafs uns 
durch unser Erkenntnisvermögen die objektive Bestimmung von 
Vorstellungen möglich ist, und somit von Dingen, die im 
Raum und in der Zeit anzutre£Pen sind. Das sind nicht blofse 
Bilder unserer Phantasie, sondern unsere realen Objekte; sie 
sind nicht blofse Vorstellungen, d. h. Einbildungen, sondern 
die einzigen wirklichen Dinge, auf die sich unsere Begri£Pe 
beziehen können. Sie sind blofse Vorstellungen, d. h. 
im Baum und in der Zeit vor uns Hingestelltes, im Gegensatze 
za Dingen an sich, und ebendeshalb sind es keine Bilder, 
von denen wir auf ein jenseitiges Original zu schliefsen aufgefor- 
dert würden. Ihr Dasein besteht in einem fest bestimmten 
Verhältnis zum erkennbaren Subjekt und ist nach empirischen 
Gesetzen von der blofsen Einbildung und vom Wahn im ein- 
zelnen Falle immer zu unterscheiden. Einbildung und Wahn 
sind psychologische Erscheinungen, die selbst schon die Wirk- 
lichkeit von solchen Dingen voraussetzen, die im Räume und in 
der Zeit gegeben sind. Und nur auf die allgemein feststellbare, 
d. h. eingesehene Wirklichkeit der Objekte und ihre Erkenn- 
barkeit kommt es einer transscendentalen Kritik an. Wenn 
man die Objekte von allen zufalligen Merkmalen frei macht, 
so bleibt immer noch der Gedanke an eine allgemeine, reine 
Sinnlichkeit und an die Möglichkeiten, sie zu bestimmen, 
übrig. Wir haben keinen Begri£P von Objekten, die nicht im 
Raum oder in der Zeit wären, die sich also auch deren Ge- 
setzen nicht fügen mülsten. Raum und Zeit gewähren also 
volle Bürgschaft für die Erkennbarkeit von Objekten, die eben 
deshalb nicht Noumena, sondern notwendig Erscheinungen 
sind. Sagt man nun : Kant lehre, dafs die Dinge nicht wirklich 
sind, 80 befordert man ein Mifsverständnis. Seine Philosophie 
will ja nur erhärten, dafs die Dinge, die man zu erkennen 
vermag I keine Noumena sind, dafs wir solche metaphysische, 
an sich seiende Gegenstände zwar noch denken, aber nicht zu 
bestimmen vermögen. Mit Recht kann uns für die Erkennt- 
nis gleichgültig sein, was aufserhalb ihrer Grenzen liegt; 
es ist absurd, sich darüber zu beklagen, dafs man nur Er- 
scheinongen beurteilen kann. Es läfst sich nun einmal nicht 
ändern« 

Wir behandeln in der Physik Gegenstände wie Dinge 



— 78 — 

an sich, wir haben keinen Anlafs, für den empirischen Ver- 
standesgebraucb den Sprachgebrauch zu ändern, aber wir 
nehmen dem Metaphysiker den Wahn, als ob sich Ton 
den gegebenen Erscheinungen der Eörperwelt oder dem uns 
nur durch Vorstellungen» Erscheinungen des inneren Siimes, 
bekannten denkenden Icn auf Wesen schliefsen liefse, die, frei 
von aller Sinnlichkeit, eben nur gedacht werden. 

16. Mit diesen Gedanken ist zum ersten Male in der Philo- 
sophie ausgesprochen, dafs in den Sinnen schon objektiye Ge- 
setzlichkeit herrscht. Man yergegenwärtige sich nur die Trag- 
weite dieses ebenso einfachen, als wahrhaftigen Gedankens. 
Die Idealität des Raumes und der Zeit konnte sich nicht all- 
zulange verbergen, ihre richtige Deutung aber hat lange auf 
sich warten lassen. Alle Menschen verbindet ein gleich- 
gearteter Verstand, ohne den sie sich nicht einmal verstehen 
würden. Ihn als solchen hat niemals ein Philosoph in die 
Dinge selbst verlegt, Streit herrscht nur über seine Leistungen. 
Ihm ist nichts gegeben, was nicht die Sinne passiert und ein 
Medium in ihnen gefunden hätte. Aber die Organe selbst 
sind bei aller Übereinstimmung im grofsen und ganzen im 
Individuum dennoch anders als beim Nachbarn. Was über- 
brückt nichtsdestoweniger die Kluft, die die einzelnen Menschen 
voneinander trennt, im objektiv gültigen Urteil? Kann es 
etwas anderes sein, als ein Zwang, der die Möglichkeit des 
Objekts selber gewährleistet? Betrügen die Sinne uns alle- 
samt oder kommt jedem Gegenstande notwendig ein Ort im 
Räume, eine bestimmbare Gröfse, eine Stelle in der Zeit, ein 
Verhältnis zu allen anderen zu? Das kann uns nur die trans- 
scendentale Idealität von Raum und Zeit gewährleisten, die 
nicht den Dingen als solchen^ sondern als unseren Gegen- 
ständen, als unseren Vorstellungen anhaften. Auf dieser Grund- 
lage allein ist eine Erkenntnistheorie, eine Lehre unseres 
Erkennens, möglich. Ein an sich unerklärlicher Zwang herrscht 
schon in jedem Subjekt, und zwar nicht im Denken, sondern 
in den Sinnen, den man nicht mit den sinnlichen Qualitäten ver- 
wechseln soll. Von ihrer Eigenart machen eben jene Prinzipien 
der Anschauung, jene Formen die Erkenntnis unabhängig. 
Halten wir vor dieser unzweifelhaften, durch die unmittelbare 
Erkenntnis der mathematischen Sätze gewährleisteten Thatsache 
nicht an, so sind wir den uferlosen Denkmöglichkeiten der 



— 79 -^ 

pseudogeoxnetrischen Phantasien verfallen i). Dann giebt es 
wohl eine LfOgik, aber keine Erkenntniskritik — versagen jene 
sidieren Sätze, so haben wir allenfalls eine Entscheidung von 
Fall zu Fall, aber keinen casus datae legis, nachdem wir das 
Gesetz selbst uns haben entschlüpfen lassen. Sind Raum und 
Zeit keine geheimnisvollen Undinge, so sind sie als Formen 
mit nns notwendig verbunden, und Verstand und Einbildungs- 
kraft vereinigen gegebenes Mannigfaltiges nach notwendigen 
Gesetzen. In einem Subjekt liegt die Möglichkeit der Ent- 
scheidung fiir alle Wesen, denen an sich Unerforschliches 
immer in gleicher Weise erscheint. Von dem Unerforscht 
liehen wissen wir nicht, ob es grofs oder klein, wo und wann 
es sei, aber von der Erscheinung können wir das sagen. Mit 
diesen im Grunde so einfachen Gedanken sind die vorkritischen 
erkenntnistheoretischen Versuche endgültig abgeschlossen. Zwei- 
fel an der Wirklichkeit der Aufsenwelt sind gehoben, die Ver- 
nunft ist mit sich selbst einstimmig geworden. Rationalisten 

1) Das 19. Jahrhundert hat keinen Anlafs, sich auf die von den Raom- 
theorien hervorgerufene Bennrohigang der Gemüter etwas einzubilden. 
Sie liefern nur den Beweis daftlr, dafs man unter allen Umständen der 
Skepsis verf&llt, wenn man der Evidenz des „Euklidischen Raumes" zu 
miÜBtrauen beginnt Dafs aber jene Theorien keinen Fortschritt bedeuten, 
kann uns beschämenderweise Lichtenberg lehren. Er schreibt mehr 
als ahnungsvoll: „Ich bin nicht abgeneigt, zu glauben, dafs es künftig 
noch einem verschmitzten Denker gelingen wird, seinen Skeptizismus 
selbst über die mathematischen Wissenschaften zu verbreiten. Ja, die 
Wahrheit zu sagen, so zweifle ich gar nicht mehr daran. Und warum 
sollte ich zweifeln, da wir überall Grenzen unseres Wissens notwendig 
finden müssen, und folglich Unsicherheit, sobald wir nns darauf einlassen,, 
zu erklären, wie dieses möglich ist und warum es möglich ist, und nicht 
von einem gewissen allgemein anerkannten Punkt einer Skale aus- 
gehen wollen — der aber blofs anerkannt ist" (Verm. Schriften, 9. Bd.,. 
S. 131. Göttingen 1806.) Man wird nicht ohne Interesse lesen, was der 
geistreiche Mann ebenda hinzufügt — Dafs L. Eantischen Anschauungen 
anhing, darf man wohl behaupten. Er schreibt a. a. 0., S. 153: „leb 
glaube, dafs man durch ein aus der Physik gewähltes Paradigma auf 
Kantische Philosophie hätte kommen können". Der Gedanke ist so übel 
nicht Man denke an eine Theorie des Schwimmens. Der Ästhetik ent- 
spricht die Lehre von dem Medium, das seinerseits das Schwimmen möglich 
macht, der Analytik die Lehre von den Bewegungen in diesem Mittel. Die 
eigentliche Vemunftlehre (Ideenlehre) wtkrde darüber hinaus zeigen, welchea 
Ziel die Bewegung ins Auge zu fassen hat Vielleicht trägt dies Gleichnis 
dazu bei, die Bedenken zu heben, die sich an Kants gleichzeitige Be- 
handlung der Mathematik in der Ästhetik und der Analytik knüpfen. 



und Empiristen mufsten den Weg verfehlen, solange ihnen 
das Irrlicht Ding an sich vorschwebte. Es liefs sich nicht 
aus Objekten herausschälen, die von den Sinnen verwirrt er- 
scheinen; was wir zu erkennen vermögen, sind nicht Erschei- 
nungen, die der Verstand intellektualisieren könnte, oder Dinge, 
die er nur ordnet; es sind Objekte, die schon seinen Bestim- 
mungsmöglichkeiten gemäfs im Räume und in der Zeit an- 
zutreffen sind. 

Von besonderer Wichtigkeit ist Kants richtige, vor ihm 
von den Psychologen nicht einmal geahnte Einsicht in das 
Wesen der Einbildungskraft, in der Verstand und Sinne 
schon in der Wahrnehmung sich vereinigen. Das Verfahren 
des Mathematikers mag ihn hier zur Klarheit gefuhrt haben. 
Als psychologische Erscheinung ist diese Einbildungskraft bei 
den Individuen verschieden, als allgemeine Erkenntnisbedingung 
unterliegt sie bestimmten Gesetzen. Nicht blofs bei Repro- 
duktionen des Gegenstandes früherer Wahrnehmungen und bei 
willkürlichen Kombinationen, sondern schon in jeder Wahr- 
nehmung des präsenten Gegenstandes ist sie notwendig vor- 
handen. Kants hiermit engverknüpfte Lehre vom Schematis- 
mus der Verstandesbegriffe (s. oben S. 75), auf die näher ein- 
zugehen sich verbietet, ist eine exakte Beschreibung der Be- 
dingungen, unter denen wir unter unsere Verstandesbegriffe 
subsumieren können. Wenn jemand den empirischen Begriff 
des Pferdes denken will, so tritt seine Phantasie mit einem 
Bilde dieses Vierfiifslers ins Spiel, wenn man bei dem reinen 
Verstandesbegriff sich eine Vorstellung davon machen will, me 
man ihm etwas einordnen könne, so schematisieren wir eine 
reine (d. h. immer notwendige, in allgemeiner transscen- 
dentaler Erwägung also inhaltslose) Synthesis, durch die wir 
unseren inneren Sinn bestimmen. Auch dieser Gedanke ist nicht 
psychologisch, sondern transscendental. Er sieht von allem 
Einzelnen ab und erwägt nur eine allgemeine und notwendige 
Bedingung. So ist z. B. das Schema der Substanz die „Be- 
harrlichkeit des Realen in der Zeit^S d. h. die Vorstellung 
von etwas, das bleibt, wenn alles andere wechselt. Vor der 
Erkenntnis von Gegenständen vereinigen sich Sinnlichkeit und 
Verstand in der Einbildungskraft, die Kant als eine reine, 
von empirischen Unterschieden absehende Thätigkeit erwägt. 
Sie zeigt den Verstand auf den inneren Sinn wirkend. Kant 



— 81 — 

nennt diese Thätigkeit auch die „figürliche Synthesis 'S sofern 
sie eben einen reinen Gegenstand im inneren Sinne findet, 
während die blofse „intellektuelle Synthesis'* einen Gegen- 
stand überhaupt, d. h. die Verbindung unabhängig yon 
einem Mannigfaltigen noch zu denken vermag. Diese Fähigkeit 
einer lediglich intellektuellen Synthesis, die von aller, auch der 
reinen Anschauung absieht, der Gedanke eines reinen Verstandes- 
begriffs (seine transscendentale Bedeutung) hat die dog- 
matische Metaphysik irregeleitet, sofern sie das Wesen der 
Dinge durch ihn zu erkennen sich einbildete. Die Verstandes- 
begriffe sind notwendig auf jene Schemata restringiert, wenn 
sie einen Gegenstand bestimmen sollen. Das Schema giebt ge- 
radezu einen Prüfstein für den richtigen Gebrauch der Begriffe. 
Kann man ein solches Schema nicht mehr finden, so kann 
man auch dem Begriff nichts einordnen, man kann dann durch 
den Begriff, d. h. durch den Verstand, nichts mehr verstehen, 
obwohl das eben seine eigentliche Funktion bedeutet. 

Die dogmatische Metaphysik spielte also mit reinen Ge- 
dankenformen, wo sie doch kein Schema vorfinden konnte, durch 
das sie ihnen einen Inhalt zu geben vermochte. Während der 
reine Verstandesbegriff seine Realität „an der Erfahrung 
beweist und notwendig beweisen mufs", kann der blofse 
Begriff in übersinnlichen Gebieten keinen Gegenstand mehr 
finden, da sich kein Schema, keine Zeitbestimmung auf 
diese Begionen anwenden läfst-, die Mühle klappert noch, 
aber sie mahlt nicht mehr. Das reine Denken kann das 
für sich Seiende nicht ergreifen; eine Thatsache, die uns in 
aller theoretischen Erkenntnis völlig gleichgültig sein 
kann. Es ist ebenso sinnlos, das Jenseitige in der Erkennt- 
nis zu suchen, als sich darüber zu beklagen, dafs es sich 
uns beständig entziehe. Man kann ohne Sinne nicht erkennen, 
und mit Recht stellt Kant den resignierten Worten des 
Dichters: 

„Ins Innere der Natur dringt kein erschaffner Geist" 
die Zuversicht gegenüber: 

„Ins Innere der Natur dringt Beobachtung und Zer- 
gliederung der Erscheinungen, und man kann nicht 
wissen, wie weit dieses mit der Zeit gehen werde**. 
Man sieht schon aus dieser Gegenüberstellung, wie in den 
Kantischen Untersuchungen der Begriff der Natur zum ersten 

Ooldscliinldt-MeUin. 6 



- 82 — 

Male richtig bestimmt wird; für sie gilt keine Schranke, denn 
sie bedeutet nichts weiter als der Inbegriff aller Erscheinnngen, 
sofern sie, unter notwendigen Gesetzen des Verstandes stehend, 
zugleich einen Inbegriff der Erfahrung ausmachen. Wir kom- 
men nicht aus der Natur heraus und können sie nicht über- 
fliegen. Das kann sie aber nicht zu blo&em Schein machen. 
Auch „beständiger Schein" kann keine Wahrheit geben. 
Dafs wir aber in den Sinnen allein anschauen können, ist eine 
Thatsache, der wir uns nun einmal fügen müssen. Der Schein 
entsteht erst, wenn wir das Objekt falsch beurteilen und ihm 
an sich Eigenschaften beilegen, die ihm nicht zukommen. Wie 
sollten sie sich um deswillen in blofsen Schein verwandeln 
können? Sie sind uns ebenso sicher, als wir des Raumes und 
der Zeit, d. h. aber als wir des eigenen Bewufstseins sicher 
sind. Mehr kann kein Philosoph billigerweise verlangen. 
Und nur philosophische Bedenken kommen hier in Frage. 
Inwiefern aber notwendige Formen, weil sie blofs in möglicher 
Erfahrung ihre Realität finden können, die Wirklichkeit beein- 
trächtigen könnten, läfst sich nicht verstehen. Man könnte 
sich mit demselben Rechte über unsere Sprache beklagen, 
wenn wir behaupteten, dafs sie nur zur Verständigung unter 
gleichgearteten Wesen dient. Ihre allgemeinen Formen, mit 
denen sich eine allgemeine Grammatik beschäftigt, finden nur 
Realität in einer Sprache, die gesprochen wird. Wie sollte 
uns der Gedanke bekümmern können, dafs auch diese Formen 
in einer intelligiblen Welt denkbarerweise jeden Sinn ein- 
büfsen ? 

Es ist seltsam, dafs man dem Vernichter der dogmatischen, 
ihre Begriffe nicht prüfenden Philosophie häufig den Vorwurf 
gemacht hat: Er ist selbst ein Dogmatiker. Wenn man die 
Worte in ihrem zweideutigen Sinne nimmt, so hätte man so 
unrecht nicht. Er ist seit Aristoteles der erste dogmatische 
Philosoph, d. h. er ist der erste von allen, der eine lehrhafte 
Philosophie hinterlassen hat. Man wird auch von ihr keinen 
Schritt zurück thun müssen, wenn man einmal völlig Ernst 
damit macht, ihn von Grund auf zu studieren. Man kann 
alle metaphysischen vorkantischen Systeme vortragen, aber 
man kann sie nach der Kantischen Kritik nicht mehr mit 
Recht und mit überzeugender Gewifsheit lehren. Es gab vor Kant 
keine wissenschaftliche Metaphysik, aber der Philosoph hatte 



— 83 — 

die seit ewigen Zeiten den Menschen eingepflanzte Naturanlage 
nicht unterschätzt. Wenn man auch jeden hervorgeschossenen 
Trieb Temichten kann, so wird man doch den Menschen nicht 
hindern können, immer wieder die Probleme aufeunehmen, in 
denen sich die Torbildliche Kultur des klassischen Altertums 
mit unserer und hoffentlich mit allen Zeiten berührt. Aber 
man hüte sich, auf diesem Gebiete die schulgemäfse Arbeit 
zu verachten. Nirgends ist die Gefahr gröfser, die alle Re- 
publiken bedroht, dafs sich die Willkür des Einzelnen der 
Herrschaft bemächtige, wenn an den Grundgesetzen gerüttelt 
worden ist. Der „Pöbel der Vernünftler", in seiner Eitelkeit 
geschmeichelt, wirft sich dem geistreichen Führer in die Arme. 
Was hat dann die Wahrheit, die Vernunft noch zu bedeuten! 
Der Boden ist gut vorbereitet: Es giebt nichts Sicheres, man 
wähle, was einem jeden gut dünkt. Warum sollte man sich 
zieren? Bedarf es erst eines Beispiels dafür, dafs sich nicht 
blofs mit Vernunft, sondern auch mit Unvernunft „rasen" läfst? 
Kants Kritik der reinen Vernunft ist ein Lehrbuch der 
Wahrheit; sie setzt allerdings eine menschliche Vernunft voraus 
und appelliert an sie. Man kann sie nur dann begreifen, 
wenn man sich die Mühe nicht verdriefsen verläfst, das Er- 
erbte selbst erst wieder zu erwerben. Indessen geht man 
nicht selten mit dem Vorurteil an sie heran, dafs sie mehr 
leisten könne, als ein Sterblicher versprechen kann. Nur ein 
Beispiel dafür. Man beklagt sich darüber, dafs Kants Frei- 
heitslehre schwer begreiflich sei. Das beruht auf der Ver- 
wechslung zweier grundverschiedener Fragen. Was hat der 
Schriftsteller gedacht? Das mufs sich beantworten lassen, 
aber die Freiheit selbst ist für keinen Menschen begreif- 
lich. Das eben lehrt der Philosoph. Welcher Mensch hätte 
nötig, um seinen Willen den Gesetzen zu unterwerfen, erst 
die Begreiflichkeit des freien selbst bestimmten Willens zu 
verlangen? Aber er hat ein Recht darauf, dafs man ihm diese 
Freiheit nicht hinwegdisputiert. Der spekulative Philosoph 
hat hier den Vortritt. Wenn er uns beweist, dafs die KausaHtät 
aus Natur der Freiheit widerstreitet; wenn er hier einen 
unzweideutigen Widerspruch feststellt, so geht die Freiheit 
wider dieselbe Vernunft, die von uns fordert, was wir thun 
sollen. Man könnte jede Hoffnung auf einen Fortschritt 
der Menschheit aufgeben, wenn man hier nach dem urteilt, 



— 84 — 

„was geschieht, und nicht nach dem, was da sein 
soll". Kants Kritik hebt den scheinbaren Widerspruch, der 
Philosophen und andere Sterbliche peinigt. Erscheinung und 
Ding an sich, Erkennbares und Unerforschliches sind not- 
wendig zu unterscheiden. Das giebt die Lösung. Wir beur- 
teilen alle Handlungen nach Gesetzen der Natur und 
bestimmen so, was geschehen ist. Es mufste geschehen, wie 
es geschehen ist, von Bedingung zu Bedingung stellen wir das 
mit Naturnotwendigkeit fest; ohne diesen Zusammenhang 
in einer möglichen Erfahrung könnten wir das Geschehene 
nicht verstehen. Aber niemand kann uns das Recht streitig 
machen, dennoch zu sagen: Es hätte nicht sein sollen. 
Den letzten Grund für die Möglichkeit dieses unseres sitt- 
lichen Urteils kennen und begreifen wir nicht, das ist alles, 
was man zu verlangen berechtigt ist. Kant sagt selbst: 
Wir begreifen zwar nicht „die praktische unbedingte Not- 
wendigkeit des moralischen Imperativs, wir begreifen aber 
doch seine Unbegreiflichkeit, welches alles ist, was 
billigermafsen von einer Philosophie, die bis zur Grenze der 
menschlichen Vernunft in Prinzipien strebt, gefordert werden 
kann". 

Nun hat man die billige Phrase frei, dafs diese Unbegreif- 
lichkeit nicht „befiriedigen" könne. Menschliche Schuld ist es 
aber nicht, wenn man hier nur noch eine Möglichkeit hat, sich 
eine Begreiflichkeit einzubilden. Der Glaube aber, der seine Trieb- 
federn und seine Wurzeln in höheren Regionen sucht, verzichtet 
auf theoretische Einsicht und bescheidet sich im Vertrauen, frei 
anerkennend, wozu kein zwingender Wissensgrund sich finden 
läfst. Die Gaben sind hier unter den Menschen nicht ungleich 
verteilt, das Wissen des Philosophen hat vor dem des gemeinen 
Mannes nichts voraus. 

Wer aber wollte Unerforschliches leugnen? Man weifs hier 
so wenig, was man bestreitet, als was der Gegner trotzig 
behauptet, und man kann auch hier dem weltweisen Dichter 
folgen: „Das schönste Glück des denkenden Menschen ist, 
das Erforschliche erforscht zu haben und das Unerforschliche 
ruhig zu verehren". 

17. Unsere zwanglosen Bemerkungen wollen einen Über- 
blick über die Kritik der reinen Vernunft geben-, vor allem 
aber möchten sie den Leser dieses unvergleichlichen Buchs 



— Sö- 
gegen gehänfte Yonirteile einer unbesonnenen Kritik „in Frei- 
heit setzen *^ Wer die Vemunftkritik dann selbst studiert, 
wird finden, dafs eine Aburteilung auch dieses Buches die 
Vernichtung jeder Erkenntnistheorie im Gefolge haben und 
auch alle empirische Forschung, einschliefslich aller psycho- 
logischen Entwickelungstheorien, ab vollkommen vernunftlos 
diskreditieren mufs. Wenn es kein Richtmafs giebt, nach dem 
man urteilt, so ist überdies jede Kritik sinnlos. Eine Kritik, 
die sich damit begnügt, fremde Meinungen mit den eigenen 
Meinungen zu yergleichen, bedeutet die blanke Willkür 
und Terwandelt erkenntnis-theoretische Arbeit in einen from- 
men Wunsch. Kant wollte auf eine wissenschaftliche Bahn 
fuhren, aber er liefs sich nicht am wissenschaftlichen Gewände 
genügen. Er verbindet die gründliche Methode Wolfis mit 
dem Verfahren der Kritik. Wer beide verwirft, kann „nichts 
anderes im Sinne haben, als die Fesseln der Wissenschaft 
gar abzuwerfen, Arbeit in Spiel, Gewifsheit in Meinung und 
Philosophie in Philodoxie zu verwandeln ^S Es ist leicht, über 
die vollständige Anerkennung eines Werkes von der Natur 
der Kritik zu spotten. Auf den Buchstaben schwören, die 
Gedanken eines anderen nachbeten und was sonst sich aus 
dem Lexikon der Schlagworte sagen läfst, darf niemand an- 
fechten, wenn es sich darum handelt, nichts anderes als 
Gerechtigkeit und begründetes Urteil für den gewissenhaftesten 
Schriftsteller aller Zeiten zu fordern. Ob man nicht mehr 
am Buchstaben hängt, wenn man nur den Buchstaben kriti- 
siert, kann jedermann selbst beurteilen. Kritik und Besser- 
wissen sind nicht dasselbe; Kritik setzt immer voraus, dafs 
man völlig verstanden hat, was dem Urteil unterliegt Man 
macht sich nur dann vom Buchstaben frei, wenn man den 
Sinn der Zeichen, die Begriffe erfafst hat. Geht man aber 
achtlos und vornehm schon über den „Buchstaben** fort, so 
kann man das Verständnis nicht erreichen. 

Bevor wir dazu übergehen, die transscendentale 
Dialektik kurz zu skizzieren, wollen wir unsere Darstellung 
in gewissen Punkten ergänzend in gedrängter Kürze noch- 
mals über den wesentlichen Inhalt der Ästhetik und Ana- 
lytik eine Rückschau halten. 

Die Frage der Kritik ist in der Ästhetik: wie kann dem 
erkennenden Subjekt ein Gegenstand gegeben , in der Ana- 



— 86 — 

lytik: wie kann er bestimmt werden? Es handelt sich dabei 
um jedes für den Menschen mögliche Objekt und um Be- 
stimmungen, die für alle gelten und notwendig gelten müssen. 
Eben das giebt Bedingungen a priori , die keine Erfahrung 
als solche uns lehren kann. Nach seinem Wesen ist jeder 
Gegenstand durch eine reine Sinnlichkeit (durch Raum imd 
Zeit) charakterisiert, die vom Verstände a priori bestimmt 
werden kann. Alle Bestimmungsmöglichkeiten des Gegen- 
stands (nach seinem Wesen und nach seinem Dasein) er- 
schöpfen sich im Verstände. Durch die Kategorien werden 
Objekte als bestimmte gedacht, und aus den Kategorien ent- 
springen Urteile, Grundsätze, Regeln, deren Apodiktizität 
unzweifelhaft ist, deren Einsicht aber nur mit Rücksicht auf 
mögliche Erfahrung, also nicht aus blofsen Begriffen hergestellt 
werden kann. Sind reine Begriffe notwendige Funktionen des 
Denkens, so bedient man sich ihrer im Urteil, das an allge- 
meine Regeln gebunden ist. Verstand ist das Vermögen 
solcher Regeln. Das Erfahrungsurteil ist das Verstandes- 
gesetz in concreto, d. h. seine Anwendung auf Gegebenes. 
Empirisch lassen sich jene allgemeinen Sätze nicht beweisen, 
im Gegenteil man hat das Zeugnis einer allgemein mög- 
lichen Erfahrung anzurufen und sich zu hüten, aus Bei- 
spielen zu schliefsen. Was eine notwendige Voraus- 
setzung einer jeden Erfahrung bedeutet, läfst sich nicht 
empirisch erwerben ; das ist geradezu ein Widersinn. Aus dem 
Erfahrungsurteil selbst und wenn es eine millionenfach be- 
stätigte Thatsache enthielte, kann man die Wahrheit der 
Gedanken nicht ableiten, die unserem Urteil über sie als not- 
wendig innewohnen. Wenn aber ein Kausalzusammenhang 
bei irgend welcher Aufeinanderfolge von Erscheinungen fest- 
gestellt worden ist, und die Erfahrung uns desaTOuiert, so 
trifft das nicht den Kausalsatz; im Gegenteil derselbe Satz 
belehrt uns, dafs unser Urteil einen Irrtum enthielt. 

Ohne ein Beharren der Substanz, ohne Kausalverbindung, 
ohne Wechselwirkung unter den Substanzen, d. h. ohne die 
Möglichkeit, Erscheinungen in der Zeit objektiv zu bestim- 
men, ist ebensowenig eine Physik, als irgend eine objektive 
empirische Erkenntnis denkbar. Wir könnten ferner von Er- 
scheinungen als allgemein bestimmbaren möglichen Gegen- 
ständen der Physik nicht reden, wenn sie nicht nach exten- 



— 87 — 

siven und die in ihnen enthaltene Empfindung nicht nach 
intensiven Gröfsenverhältnissen zu unterscheiden wären. Durch 
diese Bestimmungen wird die Erkenntnis eines Objekts 
erschöpft, und alle Sätze der Physik müssen schliefslich in diese 
allgemeinsten Kegeln einmünden, die für sich nur die Form 
aller Urteile enthalten, sofern mit ihnen eine inhaltsvolle, aus 
der Erfahrung geschöpfte Aussage verbunden ist. Die Er- 
fahrung giebt nur den Fall, der unter der Regel steht. 

Wir haben endlich die Gegenstände auch nach ihrem Ver- 
hältnis zum erkennenden Subjekt selbst nach Regeln zu be* 
stimmen. Wir müssen nach ihnen entscheiden, ob sie möglich, 
wirklich oder notwendig sind. 

Alle diese von Kant relativ auf mögliche Erfahrung be< 
wiesenen oder nur postulierten Regeln sind die formalen 
Gesetze einer 'Natur, die damit als gesetzmäfsige Er- 
kenntnis a priori vom Subjekt abhängt. „Der Verstand 
schöpft seine Gesetze nicht aus der Natur ^^ sagt Kant, „son- 
dern er schreibt sie dieser vor^^ Man achte auf die Worte. 
Verstandesgesetze sind Gesetze der Erfahrung, nicht aber 
empirische Gesetze. Dem empirischen Gesetze wohnt das Ver- 
standesgesetz inne. So ist der Kausalsatz kein empirischer 
Satz; noch niemals hat der Physiker dies Gesetz abgeleitet. 
Er stellt es nebst anderen allgemeinen Gesetzen vor die Physik, 
weil er sich seiner beständig bedient. Es hätte viel Mifs- 
verständnis verhütet werden können, wenn man immer im 
Kantischen Sinne die empirische Erkenntnis und die 
Erkenntnis des Empirischen überhaupt geschieden 
hätte. Beide scheidet nur die Abstraktion. 

Alle diese Bestimmungen sind von Kant zunächst nicht im 
Interesse der Physik, sondern für die Metaphysik geleistet, 
die mit den Verstandesbegriffen einen Gebrauch verbunden 
hatte, der sich nicht einsehen, und bei dem sich auch nichts 
mehr verstehen liefs. Für die Physik bestimmt der Philosoph 
den Horizont, für die Metaphysik weist er die objektive 
Realität jener Begriffe, zugleich aber auch nach, in welcher 
Einschränkung sie allein noch einen Sinn haben. Die hiermit 
gewonnene Einsicht ist apodiktisch, aber sie ist viel beschei- 
dener als die mit logischen Möglichkeiten spielende 
Skepsis, für die man sich auf ein altes Register von Schein- 
gründen zu berufen pflegt. Sie giebt sich mit Überlegenheit 



— 88 - 

und nennt sich mit Vorliebe Kritik, deren Zerrbild sie dar- 
stellt. Es ist leicht, sich mit Zweifeln zu brüsten, die man 
in jedem besonderen Urteil verleugnen mufs. Aber die Skepsis 
ist um nichts besser, als die dogmatische Opposition, die sich 
der Kritik entgegengestellt hat. In beiden Fällen vergeht 
man sich gegen Erkenntnisgrundsätze. Die empiristische 
Skepsis verfaiirt dabei am inkonsequentesten, wenn sie einer- 
seits auf Erfahrung allein sich beruft und doch Möglichkeiten 
ihr Urteil bestimmen läfst, für die sie keine Erfahrung bei* 
bringen kann. Das wird sowohl durch eine „wahrscheinliche*' 
Kausalität, wie durch die Zweifel an den Axiomen der Geometrie 
illustriert. Die gegen dogmatische monopolisierende Schul- 
weisheit geltend gemachte Skepsis war berechtigt, aber auch sie 
entscheidet keine Frage. Selbst Hume spricht hier und da die 
Hofihung auf definitive Erledigung des Erkenntnisproblems aus. 
Kant hat diese Arbeit geleistet. Man mufs in den Fragen der 
Metaphysik -— sei es im Wissen oder im Nichtwissen — zu 
einem Abschlufs gelangen können. Er hat hier für alle Zeiten 
entschieden und er konnte es, weil man es hier nur mit der 
eigenen Vernunft zu thun hat, die als das Nächste, was uns 
angeht, mit unbedingter Sicherheit, wenn auch am schwierigsten 
zu erkennen ist. 

In den beiden ersten Abschnitten der Kritik ist die dog- 
matische Metaphysik mit ihren Ansprüchen, Kämpfen und 
TVidersprüchen im Grunde schon gerichtet. Sie geben den 
Prüfstein für die folgende Hauptuntersuchung, die den ver- 
rufenen Namen der Dialektik in einer Kritik des dialektischen 
Scheins wieder zu Ehren bringt. Hier leuchtet die Kritik, be- 
fähigt durch die Einsicht in das logische Wesen der Dinge an 
sich und das der synthetischen Urteile a priori, mit hellem Licht 
in den dunkeln Irrgarten metaphysischer Spekulationen. Die 
geduldige Vorarbeit zeitigt hier die Frucht. Mit Kants Lehre 
von den Ideen, auf die der Skeptiker durch den Zweifel an 
den Kategorien jedes Anrecht verscherzt hat, erhält das System 
der Kritik seinen architektonischen Abschlufs. Der sichere 
Leitfaden der Kategorien leistet auch in dieser Lehre von der 
Vernunft im eigentlichen Sinne die natürlichsten 
Dienste. Nicht minder bewährt sich auch hier der grofsartige 
Gedanke, der die Kritik geschaffen hat und der in der Er- 
wägung synthetischer Urteile a priori seinen Ausdruck findet 



— 89 — 

Überall scheidet er das blofs logische Wesen der Funktionen 
von dem transscendentalen, das sich auf allgemeine Er- 
kenntnis von Objekten erstreckt. 

Während in der formalen Logik die Lehre von den Schlüssen 
mit zur Analytik gerechnet werden darf, bedingt der Ge- 
braach, den man von der Logik selbst gemacht hat, eine 
besondere Untersuchung. Versteht Kant unter Analytik eine 
Auflösung des Verstandes und der Vernunft in ihre Elemente 
als Prinzipien aller logischen Beurteilung unserer Erkenntnis, 
so hat die transscendentale Analytik es nur mit der Zer- 
gliederung des Verstandesvermögens zu thun, um hier die 
Möglichkeit der apriorischen Begriffe und ferner in einer 
Doktrin der Urteilskraft zu untersuchen, wie man unter sie 
subsumieren könne , und welche Regeln einen Inbegriff mög- 
licher Erfahrung erschöpfen und bedingen. In allen diesen 
Betrachtungen kommt es nur auf reine Erkenntnisse 
a priori an, sie bedeuten eine Logik der Wahrheit, die 
neben das oberste Prinzip alles Denkens, den Satz des Wider- 
spruchs, einen Grundsatz stellt, der die objektive Realität 
aller synthetischen Urteile a priori gewährleistet: „Ein jeder 
Gegenstand steht unter der notwendigen Bedingung der 
synthetischen Einheit des Mannigfaltigen der Anschauung in 
einer möglichen Erfahrung/^ Ist hiermit der transscendentale 
Gebrauch der Begriffe verboten, wird gezeigt, dafs man keine 
synthetische Erkenntnis aus Begriffen, sondern nur durch sie 
einen bestimmten Erfahrungsbegriff haben könne, so wird die 
Vernunft, die in der formalen Logik als Vermögen der 
Schlüsse zur Analytik zählt, hier eine besondere Untersuchung 
nötig machen, die als eine Logik des Scheins die Ver- 
nunft zu prüfen bat, sofern sie dennoch die Grenzen der mög- 
lichen ErfjEÜirung zu überschreiten sucht. Die transscenden- 
tale Dialektik hat es also mit der Metaphysik selbst zu 
thun, sofern sie durch Scheinbehauptungen synthetische Urteile 
a priori anfserhalb der ihnen gezogenen Grenzen zu er- 
weisen sucht. 

18. Ist unser Erkenntnisvermögen erschöpft, wenn wir 
Verstand und Urteilskraft anwenden, um Gegenstände zu be- 
stimmen, d. h. über gegebene Wahrnehmungen Urteile zu 
fallen ? Können wir nicht mehr leisten, als durch Subsumption 
unter die Regeln des Verstandes selbst wiederum Kegeln ab- 



— 90 — 

zuleiten? Begnügen wir uns mit Urteilen wie: Der Stein ist 
hart; die Sonne leuchtet und wärmt und den ungezählten 
Sätzen, die uns von der alltäglichen Erfahrung an die Hand 
gegeben werden? Jedes physikalische, jedes systematische 
Lehrbuch überhaupt würde uns anders belehren. Wir „buch- 
stabieren" nicht blofs Erscheinungen, indem wir die Einheit 
des Verstandes in das Mannigfaltige der Anschauung hinein- 
tragen; wir streben vielmehr danach, die vom Verstände und 
der Urteilskraft geförderten Regeln aus ihrem chaotischen 
Gewirr in die Einheit der Prinzipien eingehen zu lassen, eine 
Vielheit von Erkenntnis, von Erfahrung, zur Einheit zu ver- 
schmelzen. Die kleine Münze aus dem Besitz des Verstandes 
wird in eine höhere umgesetzt, und wenn man das Bild nicht 
ausschlägt, das Wissen wird gleichsam kapitalisiert, die alles 
beherrschende Theorie hat sich fruchtbar zu erweisen. Man 
prüft an ihr nicht allein das schon bekannte Einzelne, man 
sucht auch Neues aus ihr abzuleiten und an der Erfahrung 
zu erproben. Nach langer Sammelarbeit des Physikers sucht 
die Vernunft auch im empirischen Gebrauche das Prinzip, aus 
dem sie deduziert. Die Einzelerscheinung tritt zurück, das 
unmittelbar Erkannte erweist sich nur als ein Sonderfall, und 
die allgemeine Hypothese tritt in ihr Recht. 

„Prinzip" ist freilich ein zweideutiges Wort; man kann 
jede allgemeine Regel als Prinzip bezeichnen, sofern man 
besondere Erkenntnisse ihr einordnet und somit das Besondere 
im Allgemeinen erkennt. Worauf es hier ankommt, das ist 
die eigentümliche Leistung der Vernunft, die einen gegebenen 
Satz, ein Urteil, nicht schlechthin annimmt, sondern nach 
einem allgemeineren Satze im Verstände sucht, der jenem 
zu Grunde liegt. Giebt hinwiederum der Verstand eine 
solche allgemeine Regel an die Hand, der wir mittels der 
Urteilskraft ein besonderes Erkenntnis einordnen, so zieht die 
Vernunft die Konsequenz aus beiden und bezieht sich sofern 
nicht unmittelbar auf den irgendwie gegebenen Inhalt, wenn 
sie a priori zu einem Schlüsse kommt. Sie geht vielmehr auf 
den Verstand und die gegebenen Urteile, und man kann dies 
blofs logische Verfahren sofern von jedem Inhalt befireit denken, 
man kann die Leistung der Vernunft an allgemeinen Formen 
für sich betrachten. 

Es ist nun die Frage, ob dieser Vernunftfunktion besondere 



— 91 — 

Begriffe entsprechen und ob diese wiederum aus reiner Ver- 
nunft zu Prinzipien fuhren und zwar zu Prinzipien im 
eigentlichen Sinne, durch die eine höchste Einheit in 
aller Erkenntnis bewirkt wird. Die Verstandesbegriffe und 
Grundsätze sind solche Prinzipien nicht, sie bringen nur Ein- 
heit in das gegebene Mannigfaltige der Erscheinung und 
machen erst den Erfahrungsbegriff möglich, in dem sie ihre 
objektiTe Realität finden. Alle allgemeinen Sätze, deren wir 
uns in der Physik oder Mathematik bedienen, sind nur kompa- 
rativ als Prinzipien anzusehen, sie gelten nur relativ für die 
Fälle, die unter ihnen stehen. Das Prinzip der Vernunft aber 
soll aus blofsen Begriffen entspringen, man soll durch das- 
selbe das Besondere im Allgemeinen durch blofse Begriffe, 
die keine Erfahrung an die Hand giebt, erkennen. 

Verstand und Urteilskraft sind in ihren apriorischen, in 
den beiden ersten Hauptteilen der Kritik erörterten Leistungen 
erschöpft. Giebt es also besondere Handlungen der Ver- 
nunft, die sich den in der Analytik erörterten logischen 
Funktionen des Verstandes (den Kategorien) zur Seite stellen 
lassen, und welche Bedeutung kommt ihnen in der Erkenntnis 
Ton Objekten zu? Erzeugt die Vernunft aus sich heraus 
Begriffe, die eine objektive Bedeutung haben; oder bedeutet 
vielleicht, was die Vernunft; noch für sich leistet, nichts anderes 
als die subalterne Fähigkeit, unseren Besitz nur logisch an- 
zuordnen, um ihn an der blofsen Vernunftform zu prüfen? 

Das SchlufsYerfahren, auf das Kant abzielt, ist von empi- 
rischer Kurzsichtigkeit nicht selten, leider auch nicht ganz 
ohne Grund, der Verachtung preisgegeben worden. Syllogistische 
Künste und Spielereien haben den Spott herausgefordert. Bei 
Kant findet sich von ihnen nichts. Man hat es in all diesen 
Untersuchungen mit leicht zu kontrollierenden Thatsachen zu 
thun. Der Syllogismus macht sich bei aller Wissenschaft offen 
oder versteckt geltend, in der Mathematik beherrscht er den 
ganzen Gang der Untersuchung so sehr, dafs man über das 
rein logische Gebild die unerbittliche Führung einer reinen 
Sinnlichkeit zu übersehen und eben deshalb die Metaphysik, 
ihre Methode nachahmend, der Mathematik zur Seite zu stellen 
▼ermochte. Werden wir uns des Schliefsens nicht immer 
bewuTst, so giebt das Einzelurteil häufig den Anlafs, es mit 
allgemeineren Sätzen zu vergleichen. 



— 92 - 

Was hat das alles mit der Metaphysik zu thun? Ist dies 
Verfahren der Mathematik, das mit Axiomen anhebt und im 
apodiktischen Beweisgange schliefsend fortschreitet, ein ricli- 
tiges Vorbild dieser reinen Vemunfterkenntnis? Das ist die 
Frage. Metaphysik hat sich die Aufgabe gestellt, aus 
meinsten, schlechthin notwendigen Prinzipien zu 
und versucht, von ihnen alles logisch abzuleiten, was sich 
Blicke bietet und was sich ihm entzieht. Das alles aus reiner 
Vernunft. Wir wollen so gern unsere Welt begreifen; 
Fülle des Einzelnen zu sammeln und zu sichten erfordert 
mühsame Arbeit, und der Fortschritt vollzieht sich hier lang- 
sam in der Zeit von Jahrhunderten. Dieser Arbeit überhebt 
sich schon frühe der dogmatische Philosoph; die blofse, uns 
nie verlassende Vernunft, unser sicherer Besitz, unsere Ein- 
sicht schlechthin, sie kann uns nicht täuschen. Was Wunder, 
dafs die Metaphysik so alt ist wie der denkende Mensch! Mit 
einem solchen Zwange beherrschen die formalen Gesetze alles 
Denkens den Menseben, dafs er nur zu leicht sich verfahren läfst, 
mit diesem Formalismus auch in Regionen einen materialen 
Gebrauch zu versuchen, in denen es keine Materie, keinen In- 
halt für seine Gedanken mehr giebt. Auf der anderen Seite 
knüpfen sich an diese Versuche einer reinen Vernunft die 
höchsten und wichtigsten Interessen der Menschheit, durcb 
die sie sich aus der Natur heraushebt. Jene Ideen hat sie 
als Triebfedern des religiösen, mit einer geheimnisvollen MacU 
uns verbindenden Lebens zu allen Zeiten gesucht und gern 
verehrt, was menschliche Phantasie ihnen jeweils entsprechen 
liefs. Eine hohe Aufgabe, jene Ideen durch wissenschaftliche 
Forschung vor dem Zweifel zu schützen. Je mehr sich diese 
idealen Gegenstände der bestimmten Kenntnis entziehen, J^ 
häufiger die Widersprüche sind, um derentwillen sich die Meta- 
physiker befehden, um so gröfser wird der Anreiz, hier etwas zn 
ergründen , was alle Vorgängerschaft aus dem Felde schlägt- 
Diese Bemühungen haben eine so naheverwandte Nachbarscli*^^ 
in der Mathematik. Auch sie macht sich frei von einem 
unmittelbar wahrnehmbaren Inhalt und leitet aus einigen 
wenigen Sätzen , wie es scheint , ständig sich mehrende Er- 
kenntnisse ab. Nur eine starke Kurzsichtigkeit vermag ^^ 
innigen Beziehungen zu übersehen, die beide Aufgaben n^^t- 
einander verbinden. Bedurfte es doch erst des kritisc'^^^ 



— 93 — 

Auges eines Kant, das sie Unterscheidende, man kann 
sagen mit anschaulicher Evidenz, wahrzunehmen. Auch die 
Metaphysik möchte wie die Mathematik durch bündige Schlüsse 
„ beweisen ''; den Glauben, das blofs subjektive Fürwahrhalten, 
will sie auf untrügliche Einsicht, auf ein apodiktisches Wissen 
stützen. 

Angesichts dieser eminenten Aufgabe drängt sich die Vor- 
frage auf: Wie wird die Metaphysik nicht minder als die Ver- 
nunft des gemeinen Mannes zu jenen höchsten Ideen geführt, 
die in keiner Erfahrung angetroffen werden und zu denen 
keine Anschauung uns die Wege weist? Woher nimmt der 
Metaphysiker seine Prinzipien, die er ebenso gebrauchen 
möchte, wie der Mathematiker seine Axiome, und die er in 
das Fundament eines architektonisch vollendeten Weltbilds 
legen möchte? Das ist eine Frage, die sich mit unbedingter 
Sicherheit beantworten läfst; entspringen die Fragen in der 
Vernunft, so mufs ihre eigene Organisation Aufschlüsse geben, 
mit denen zugleich die Möglichkeit einer Antwort sich ent- 
scheidet. 

In der Untersuchung dieser grofsartigen Aufgabe wollen 
wir Kant schrittweise folgen. Ihr läuft immer die Kritik 
parallel, die nach der etwaigen objektiven Bedeutung der reinen 
Vemunftprinzipien fragt. 

19. tn Vernunftschlufs^) leiten wir das Besondere 
aus dem Allgemeinen ab. Als blofs logisches Gebild setzt 
jeder Schlufs Begriff und urteil schon voraus-, er hat es nie 
mit dem zu thun, was unmittelbar angeschaut, und auch nicht 
mit den Vorstellungen als solchen zu thun. Wer einen be- 
sonderen Satz einem allgemeineren einordnet, der zieht die 
conclusio aus reiner Vernunft, gleichviel welchen Inhalts diese 
Sätze sind. Aus Alle A sind B, G ist A folgt, dafs auch C 
ein B ist. Das gilt für alles, was nur gedacht werden kann. 



^) Kant unterscheidet den Vemunftschlnlls vom Yerstandesschlnlis ; bei 
letzterem liegt das geschlossene urteil schon so in dem praemittierten, 
<ia{8 es ohne Vermittelung einer dritten Vorstellung daraus abgeleitet 
werden kann. Auf diese Weise folgt aus Alle A sind B z. B. Einige A 
8ind B. hl der Logik von Jaesche wird der Vemunftschlufs so definiert: 
A YemanftschlaTs ist das Erkenntnis der Notwendigkeit eines Satzes 
dorcli die Subsumption seiner Bedingung unter eine gegebene allgemeine 



— 94 — 

notwendig. Es ist eine analytische Vernunftoperation, der 
sich keine Vernunft entzieht. Es handelt sich hier am eine 
Abstraktion, der man seit ewigen Zeiten gewachsen war. Sie 
wird in dem altehrwürdigen Schulgebäude der Logik dem Philo- 
sophen zugemutet, und die meistens nach ihrem Inhalt bedeutungs- 
losen Beispiele — die dennoch hie und da selbst eine ganz unge- 
rechtfertigte Kritik ertragen müssen — weisen genugsam darauf 
hin. Man hat es mit einem blofs analytischen Verfahren 
zu thun, das im Grunde unser Wissen nicht erweitert, aber 
unseren Besitz zu ordnen und unseren Einsichten zur Deut- • 
lichkeit yerhelfen kann. Entspricht dieser analytischen 
Vernunftfunktion eine andere, die sich auf Erkenntnis von 
Gegenständen bezieht? Mit anderen Worten: finden sich auch 
in der reinen Vernunft selbst Begriffe, die den Anlafs zu 
synthetischen Sätzen a priori geben und die sich auf Gegen- 
stände beziehen? 

Die Beziehungen, die Kant zunächst zwischen unserem 
Schlufsverfahren und seiner logischen Maxime einerseits und 
den höchsten Aufgaben der Vernunft samt ihren vermeint- 
lichen Lösungen anderseits feststellt, sind so auf der Hand 
liegend, dafs es schier unbegreiflich ist, wie man sich ihnen 
entziehen oder wie man für den merkwürdigen „Zufalles der 
hier sein Spiel treiben würde, eine Erklärung finden könnte. 

Es ist dieselbe Vernunft, lehrt die Kritik, die hier nach 
einer logischen Maxime das Besondere aus dem Allgemeinen 
abzuleiten sucht, die mit unwiderstehlicher Gewalt nach all- 
gemeineren höheren Bedingungen hinstrebt und schliefsUch 
in letzten Ideen Ruhe sucht. In diesen, als höchsten Prin- 
zipien, wurzelt alles Einzelne, das man mit einem kühnen 
Fluge der Gedanken hinter sich zurückläfst. Ist nun der 
Grundsatz, der hier ihrem Verfahren entspricht: 

„Wenn das Bedingte gegeben ist, so sei auch die ganze 

Beihe einander untergeordneter Bedingungen, die mit^ 

hin unbedingt ist, gegeben, d. i. in dem Gegenstande 

und seiner Verknüpfung enthalten '^ 

ein Grundsatz von objektiv gültigem Gebrauch? Kants Lehre 

vom analytischen und synthetischen Urteile hält hierauf schon 

vor jeder weiteren Kritik die Antwort bereit. Dafs zu jedem 

Bedingten eine Bedingung gehöre, sieht man aus dem Begriffe 

des Bedingten, d. h. analytisch ein; wie konmit man aber 



- 95 — 

schliefslich dazu, die Verknüpfung mit dem Unbedingten 
zu rechtfertigen? Das ist keine nur logisch zu begründende 
Vemunflhandlung mehr, es ist eine Synthesis, zu der weder 
eine Anschauung, noch die Erfahrung und auch nicht die Mög- 
lichkeit der Erfdirung den Schlüssel giebt. Wer aber hat das 
innere Licht, das ins Jenseits leuchtete? 

Was hat nun der Metaphysiker zu seiner Verfugung, wenn 
er jenes Prinzip zur Geltung bringt? Zngestandenermafsen 
urteilt er aus reiner Vernunft. Er kann also den Begriff des 
Unbedingten nicht anders denken, als vermittelst reiner Be- 
g r i f f e , die ihm schon der reine Verstand an die Hand giebt. 
In dem Unbedingten soll ein Grund der Synthesis des Be- 
dingten gedacht werden, der Vemunftbegriff soll zu jedem 
Bedingten die Totalität aller Bedingungen umschliefsen. 
Man will alles Einzelne durch das Allgemeine, das Vergäng- 
liche durch das Ewige begreifen? Hat nun der reine Verstand 
bestimmte Begriffe, durch die allein die Arten des Verhält- 
nisses gedacht werden, in denen das Bedingte eine Synthesis 
finden kann, so kann nur durch diese bis zum Unbedingten 
gesteigerten Begriffe das Unbedingte selbst gedacht werden. 
Die Vernunft sucht daher, alle Verhältnisse in der Erfahrung 
überfliegend, einabsolutesSubjekt, das selbst nicht mehr 
Prädikat sein kann, eine absolute Voraussetzung, [die 
nichts weiteres voraussetzt, und schliefslich ein Aggregat 
der Einteilungsglieder, das YoUendet ist. Mit anderen 
Worten: 

Der Metaphysiker setzt sich mit den reinen, d. h. den 
transscendentalen Begriffen derSubstanz, der Kau[sali- 
tat und mit dem der Gemeinschaft über alle Erfahrung 
hinaus und steigt auf 

1) zu einer absoluten Einheit des denkenden Subjekts, 

2) zu einer absoluten Einheit in der Reihe der Beding- 
ungen der Erscheinungen, 

3) zu einer absoluten Einheit der Bedingungen aller 
Gegenstände des Denkens überhaupt. 

Hier sind also jene höchsten Prinzipien der Metaphysik, 
von denen sie ableitet, nach ihrer Genesis in der Vernunft 
dargestellt. Sollte man wirklich in diesen transscendentalen, 
d. h. aus reinen Verstandesbegriffen erzeugten Ideen jene Ter- 
absolutierten Kategorien nicht wiedererkennen? Man verneint. 



- 96 — 

Woher sind diese Ideen gekommen? Will man zu angeborenen 
Ideen zurückkehren? In der Erfahrung findet sich nichts, das 
uns zu jenen Ideen vom Unbedingten hinleitete. Wer aber 
die Begriffe der Substanz, Kausalität und Wechselwirkung 
(Gemeinschaft) selbst für empirischen Ursprungs hält, der lese 
Hume. Wurzeln die Begriffe nicht in unserem Erkenntnisver- 
mögen, so sind jene Ideen erst recht die blanken Einbildungen. 
Will man uns aber diese Ideen nur wahrscheinlich machen, so 
hat man ein Recht, nach Gründen aus der Erfahrung zu fragen. 
Dann rücken aber wieder dieselben Kategorien an, die man so 
schnöde zuvor selbst als nur wahrscheinliche behandelt hat, und 
es wird sich leicht zeigen lassen, dafs der empirische Untergrund 
nur scheinbar den Sprung ins andere Gebiet rechtfertigt. Es 
geht nun einmal nicht anders, die Vernunft kommt in ihrem 
Fortgange von notwendigen Verstandesbegriffen auch auf jene 
Ideen notwendig und mit demselben Zwange, der auch mathe- 
matischen Begriffen anhaftet. Aber es sind nur Ideen, und 
man mufs ihren vernünftigen Gebrauch zu erkennen und, was 
nur auf einer subjektiven Notwendigkeit beruht, von objektiver 
Bedeutung zu trennen suchen. 

Die dogmatische Metaphysik freilich verwechselt jene trans- 
scendentalen Ideen mit an sich seienden Objekten und ver- 
mifst sich, über sie Bestimmungen zu treffen. Diese vermeint- 
lichen Objekte der reinen Vernunft sind der Gegenstand einer 
rationalen Psychologie, einer rationalen Kosmo- 
logie und einer rationalen Theologie. 

20. Während man durch einen blofsen Mifsverstand der Kate- 
gorie im irregeleiteten Urteile Dinge an sich zu bestimmen 
wähnte, wo man Erscheinungen wenigstens vor sich hat, läfst 
sich die hier völlig auf sich und den reinen Verstand angewiesene 
Vernunft von einem Scheine betrügen, dem sich kein Mensch 
völlig zu entziehen vermag. Der Schein, mit dem man z. B. den 
Anfang der Welt denkt, bleibt, wie er in der Sinnestäuschung 
nicht überwunden wird, die uns die sich bewegende Sonne 
aufnötigt. Die Täuschung aber vermögen wir zu erkennen, 
und den Schein können wir aufdecken, dafs er nicht be- 
trüge. 

Die Ideen sind, wie gezeigt, nicht ausschlief sli che Er- 
zeugnisse der Vernunft; der Verstand mufs ihr vielmehr die 
Begriffe liefern, die von ihr bis zum Absoluten gesteigert 



- 97 — 

werden. Jeder denkende Mensch hat das an sich selbst, wenn 
auch nicht immer mit klarem Bewufstsein, erfahren ; die ganze 
Menschheit ist zu allen Zeiten jenem Truge anheimgefallen. Man 
Tergegenwärtige sich die Antinomien. Schon der Eleate 
Zeno hat den dialektischen Widerspruch, der uns hier irre- 
leitet, gekannt und gewertet, für den erst der transscendentale 
Idealismus in der Metaphysik den Schlüssel giebt. Ist die 
Welt endlich oder ist sie unendlich? Man zerbricht sich den 
Kopf, bis man sich belehren läfst: Die Frage ist sinnlos. Die 
Welt der Erscheinungen existiert nicht als ein an sich ge- 
gebenes Ganzes. Wir haben von ihr als solchem keinen Be- 
griff, und die Möglichkeit, nach dem Gröfsenbegriff etwas zu 
bestimmen, gilt nur für etwas, das uns gegeben werden kann, 
der Begriff selbst verliert für an sioh seiende Dinge jeden 
Sinn. Nicht umsonst hat Kant für die Axiome der Anschauung 
ein Prinzip bewiesen, das sie auf mögliche Erfahrung ein- 
geschränkt zeigt. 

ICant entwickelt in der transscendentalen Dialektik 
die ganze dogmatische Metaphysik allgemein. Es ist richtig, man 
kann die Kritik nicht leicht verstehen, ohne ihre historischen 
Beziehungen mitzuerwägen. Der Baumeister kämpft hier über- 
all mit störenden Trümmern, mit einem Bauschutt, von dem 
man schlief slich den Blick befreien könnte. Gleichwohl ist 
das Buch von seinen historischen Fundamenten unabhängig 
zu verstehen, und man sollte auch vor aller historischen Meta- 
physik erst die Kritik lehren, damit der Schüler dann ein 
Richtmafs gewinne, die gebotenen Fakta, die „papiemen 
Systeme" richtig zu beurteilen. Heutzutage wird durch die 
Geschichte der Irrtümer, man kann sie nicht anders benennen, 
der Lernende erst so verwirrt, dafs er schliefslich die Kritik 
von jenen Tastversuchen nicht mehr zu unterscheiden vermag. 
Das nennt man Einleitung in die Philosophie, in eine Wissen- 
schaft, die nach Kants reichem Vermächtnis nicht mehr so 
arm ist, dafs sie den Mangel an Resultaten durch eine er- 
giebige Geschichte verdecken müfste. Nicht umsonst steht in 
der Kritik der reinen Vernunft die Geschichte der Philosophie 
an letzter Stelle — nur der kann von ihr in seinem Denken 
Nutzen ziehen , der Irrtum und Wahrheit zu scheiden und 
den durch die Kritik gewonnenen Mafsstab anzulegen im stände 
ist Welche Fülle von Aufgaben bietet sich hier für den Schüler, 

Goldfehmidt-Mellin. 7 



wenn man an die alten Systeme insgesamt oder im einzelnen den 
Mafsfltab der Kritik anzulegen sich angelegen sein läfst und ein- 
mal daTon zorüekkommt, die Systeme selbst gegeneinander aus- 
zuspielen. Das so oft verhöhnte System der Kategorien bewährt 
sich in Kants Anatomie der dogmatischen Metaphysik. Freude 
und Begeisterung des Philosophen über die Lösung des Ton 
Aristoteles gestellten Kategorienproblems sollten begrifFen und 
vom Leser nachempfunden werden. Kant preist das System der 
Verstandesbegrifife so oft an; er hat es mit spärlichen Worten 
entwickelt, obwohl er mit Erklärungen sonst nicht geizte. Es 
hat den Anschein, als ob er sich hier sofortiger Zustinunung 
sicher glaubte. Wie sehr hat sich der grofse Mann hierin 
getäuscht! Hat man aber seinen Gedanken erfiafst, so ist 
man mit ihm sicher, dafs ihm in der That kein metaphysisches 
Problem durch die Maschen fallen konnte ^). Es ist undenkbar, 
zu reinen Begriifen zu gelangen, die nicht mit den Begriffen 
möglicher Erfahrung in Beziehung stehen. 

Kant verfährt hinsichtlich jener metaphysischen Probleme 
kritisch, nicht skeptisch und nicht dogmatisch. Es 



^) Kann man zu einem Yerständnis der Kategorienlehre gar nicht ge- 
langen, so lege man eich doch einmal die Frage nach der anderen Seite 
vor. Welcher merkwürdige Zufall spielt hier, der alle Beziehungen des 
Verstandes in der Synthesis von Anschauungen auch in den rein logischen 
Denkakten der Urteile wieder zu Tage treten lafst? Ist es wirklich nur 
ein Zufall, dafs man fllr die Umfangsverhältmsse der Begriffe sich der 
r&nmlichen Illustration bedient? Sind die nahen Beziehungen zwischen 
Subjekt und Prädikat, Grund und Folge, der Einteilung der koordinierten 
Glieder einerseits und andererseits der realen Yerhältnisse von Substanz und 
Accidenz, Ursache und Wirkung, der Gemeinschaft, d. h. der gleichzeitigen 
Beziehung verschiedener Substanzen aufeinander wirklich nur ein Spiel des 
neckenden Kobolds Zufsdl? Kann man nicht erkennen, wie diese Yerhält- 
nisse in logische übergehen, wenn man ihnen jedes rein sinnliche, zeitliche 
Schema benimmt? Sollte man femer nicht erkennen, dafs mit dem „Hinweg- 
denken" von Baum und Zeit jedes reale Verhältnis von Objekten für uns 
zu denken unmöglich wird? Kann man im reinen Verstände nur seine reinen 
Begriffe noch unterscheiden, wo bleibt dann die Möglichkeit eines Gegen- 
standes? Und femer: Welcher sonderbare 'Zufall läfst z. B. Spinoza Natur 
und Eigenschaften Gottes wie folgt bestimmen: „Er besteht notwendig; er 
ist ein einziger; er ist und handelt nur aus der Notwendigkeit seiner Natur; 
er ist die freie Ursache von allen Dingen; alles ist in Gott und hängt Yon 
ihm so ab, dafs ohne ihn es weder sein noch vorgestellt werden kann . . .*' 
(Ethik. Kirchmann S. 41). Krkennt man die Kategorien nicht wieder? 
Was sollte nur verbieten, eoe geordnet avtfzuzählen? 



— 99 — 

ist überaus wichtig, sich das einzuprägen. Er prüft nicht die 
Objekte, die die Metaphysik sich einbildete, sondern nur 
unsere Beurteilung, die auf die Behauptung und Bestim> 
mang von Objekten fiihrt. Er will keine neuen Zweifel er- 
regen, sondern Gewifsheit verschaffen. Au<5h die skeptische, 
vom Skeptizismus und seiner Art zu scheidende Methode der 
Antinomien, in denen der Philosoph dem dogmatischen Streite 
zusieht, bereitet die kritische Lösung nur vor. 

Nichts interessanter als dieser gewaltige Prozefs, auf den 
wir noch zurückkommen, den der grofse Philosoph in voller 
Unparteilichkeit die Parteien führen läfst. Niemals wird diese 
Leistung von einem Philosophen übertroffen werden. Mit un- 
erbittlicher Notwendigkeit verfällt hier der dogmatische Meta- 
physiker der Anklage des Skeptikers, der das Schaukelspiel 
entgegengesetzter Behauptungen nicht zu ertragen vermag. 
Aber auch er kann weder sich noch anderen helfen; er 
verbittet sich zwar die Gaukelei, aber er selbst erwehrt sich 
im Grande ihrer nicht. Er kann den äffenden Schein nicht 
beseitigen, der ihn peinigt. Auf sein non liquet folgt in 
notwendiger Entwicielung der Schiedsspruch des kritischen 
Philosophen: Ihr kämpft um nichts, Sieger bleibt immer, 
wer das letzte Wort hat Es ist ein tiefgreifender Unter- 
schied, der die Skepsis und die Kritik voneinander trennt. 
Die Fragen sind zu tief, unser Vermögen reicht zu ihrer 
Lösung nicht aus, sagt der skeptische Zweifler. Der Kri- 
tiker wUl reinen Tisch machen: Zeigt er, dafs die dog- 
matisch gestellten Fragen nicht etwa zu schwer, dafs sie aber 
sinnlos sind, so mufs man endlich einmal Ruhe geben. Er- 
nüchtert und beschämt werden die Kämpfer von dem Philo- 
sophen auf ein anderes Gebiet verwiesen; die Antinomie er- 
öffaet einen Ausblick in das Gebiet der praktischen Vernunft, 
das mit der Auflösung jener Gegensätze beständigem Streite 
entzogen wird. 

21. Jene kritische Methode, die Prüfung der eigenen 
Vernunft, läfst überall die vom Metaphysiker behandelte 
„Sache" selbst auf sidi beruhen, aber sie verändert not- 
wendigerweise den „Ton". Es wäre eine verwunderliche 
Thatsache gewesen, wenn die Bemühungen der Philosophen 
nicht einen bedeutungsvollen Grund in der menschlichen 
Vernunft selbst gezeigt hätten. Ihre Leistungen sind aber 



— 100 — 

so widerspruchsToll, dafs es nur von gründlicher Denknngs- 
axt zeugt, wenn der Skeptiker auf die Widersprüche hinweist 
und sich damit gegen ein blofses Scheinwissen auflehnt. Er 
giebt eine völlig richtige Zensur, aber er kommt zu keinem 
wohlbegründeten Richterspruch. Er kann den Widerstreit im 
eigenen Gemüte nicht beruhigen. Diese Uneinigkeit der irre- 
geleiteten Vernunft erfährt jedermann an sich selbst, was kein 
Wunder ist: alle Argumente für und wider eine Sache, die 
nur die Vernunft selbst gebiert, finden sich auch in der eigenen 
Vernunft vor. 

Metaphysische Systeme sind Fakta; sie erregen als solche 
mit ihren Widersprüchen Mifstrauen, das der Skeptiker auf 
die eigene Vernunft überträgt. Aber dies Mifstrauen ist un- 
berechtigt; man kann niemals auch nicht aus tausendfaltigem 
brtum auf die Unmöglichkeit schliefsen, ihn zu überwinden. Der 
Kritiker beurteilt jene Systeme nach Prinzipien, aber nicht 
als Einzelerscheinungen, nicht als die Leistungen dieses oder 
jenes Philosophen, sondern er sucht sich ihres Gedankeninhalts 
mit dem Einblick in das Wesen der Vernunft allgemein zu 
bemächtigen. Verständnisloses Urteil unserer Tage vergleicht 
nicht selten die dogmatischen Resultate der früheren Philo- 
sophen mit den Kantischen Untersuchungen. Man sieht nicht, 
dafs hier ein völlig neuer Weg beschritten wird, auf dem 
dennoch jene früheren Erscheinungen sich notwendig zeigen 
müssen. Kant verdankt vieles der früheren Philosophie; er 
hat gelernt und ist Schüler gewesen, wie andere Menschen 
auch. Aber die Schule hat zur Kultur seiner Vernunft bei- 
getragen, ohne ihm die eigene, wahrhaftige Natur dieses allen 
Menschen zukommenden Vermögens zu verhüllen. Er nimmt 
für alle Zeit den Schleier hinweg und steht hier nicht mehr 
auf den Schultern der Vorgänger, sie samt und sonders sind 
das allgemeine Objekt der Kritik selbst. Aus ihnen spricht 
nur die menschliche Vernunft, die das Urteil des Einzelnen 
irreleiten kann. Und vor diesen Irrtümern kann nur eines 
schützen: die Kritik der reinen Vernunft selbst, die ihre Be- 
griffe erst auf den Ursprung prüft, um festzustellen, welchen 
Zwecken sie gewachsen sind. 

So erkannte die Kritik das Wesen der BegriiOfe Raum und 
Zeit. Es sind die Formen reiner Anschauung; sie wurzeln 
nicht im Verstände, sondern in den Sinnen; durch sie wird 



— 101 - 

nicht gedacht, sondern angeschaut. Niemand hat Raum und 
Zeit jemals wahrgenommen, aber jedermann findet seine Ob- 
jekte im Baume und in der Zeit. Sie sind die notwendige 
Voraussetzung jeder gegenständlichen Synthesis. Kein Sterb* 
lieber hat in seinen Wahrnehmungen als solchen jemals 
die Begriffe des Verstandes entdeckt, wohl aber hat jeder- 
mann immer und notwendig diese Begriffe, die man nicht an- 
schauen und also auch nicht erfahren kann, auf sie angewandt. 
Entspringen diese Begriffe ebenda, wo die logische Funktion 
zu urteilen, herstammt, so sind es dieselben Handlungen, die 
dort eine Einheit in der Anschauung, hier eine nur logische 
Einheit im Urteil herstellen. In der Dialektik wird nun- 
mehr gezeigt, wie aus dem Vermögen, zu schlief sen, d. h. 
mittelbar zu urteilen, also im notwendigen Zusammenhange 
mit einer logischen Maxime die Ideen der Vernunft ihren 
Ursprung haben. Die Kategorie geht auf Einheit des Ver- 
standes in den Erscheinungen, die Vernunft überläfst es 
dem Verstände, sich mit dem unmittelbar Gegebenen zu be- 
fassen, zwingt ihm aber eine Richtung seines Gebrauchs auf, die 
auf eine „absolute Totalität'^ abzweckt und in der Idee, 
dem Vernunf t begriff , sich kund thut. Ideen sind nicht un- 
mittelbar sich bietende Begriffe, sie sind erschlossen. Ist der 
Gebrauch der Kategorie jederzeit auf Erfahrung eingeschränkt, 
d.h. immanent, so ist die Idee, die sich auf die Verstandes- 
handlung, die Kategorie, bezieht, indem sie „alle Erfahrungs- 
erkenntnis als bestimmt durch eine absolute Totalität der Be- 
dingungen ansieht'*, transscendental ^), ihr objektiver Ge- 
brauch aber wäre transscendent und nicht immanent. 



1) Kant gebraucht die Begriffe transscendental und transscendent in 
folgender Weise. Transscendental ist jede Erkenntnis, sofern sie sich auf 
die Möglichkeit apriorischer Anschauungen, Begriffe und Urteile und da- 
mit zugleich auf die Möglichkeit von Objekten bezieht. So ist die Einsicht 
transscendental, dafs dk mathematischen Sätze nicht empirischen Ursprungs 
sind und sich dennoch auf mögliche Erfahrung beziehen können. Er 
unterscheidet von dieser transscendentalen Einsicht in aller Schärfe den 
transscendentalen Gebrauch der Anschauungen, Begriffe und Ur- 
teile a priori. Sieht man in der Untersuchung von jeder empirischen 
Unterscheidung ab, so kann man doch nur mit Rtlcksicht auf den empi- 
rischen Gebrauch, d. h. transscendental einsehen. Hebt man alle (nicht 
bloÜB die empirischen, sondern die denkbaren) Unterschiede auf und spricht 
man von Dingen überhaupt, gleichviel idso, ob man darunter Gegen- 



— 102 — 

Wenn nun die Idee selbst nicht unmittelbar auf in den 
Sinnen Angeschautes geht, so kann ihr auch niemals ein kon- 
gruierender Gegenstand in den Sinnen gegeben werden oder 
auch nur adäquat entsprechen. 

Es ist gar kein Zweifel, dafs man vor Kant über die 
transscendente Natur idealischer Objekte als solcher 
völlig unterrichtet war. Die Genesis der Ideen aus gewissen 
Leistungen der Vernunft wird aber zum ersten Male von Kant 
in völliger Zweifellosigkeit festgestellt, und schon ihretwegen 
mufs man über die Natur der Begriffe im klaren sein, mit 
denen die Vernunft alle Erfahrung übersteigt. Hat man sich 
aber über die Verstandesbegriffe keine Rechenschaft gegeben, 
so wird man sich auch mit den Ideen nicht abfinden können. 
Im übrigen war das System der Kategorien eine unerläfsliche 
Bedingung dafür, die Idee vom Verstandesbegriffe zu unter- 
scheiden und damit auch ihr eigenes Wesen zu erkennen. 

Auch der „Weiseste" kann sich dem Scheine nicht ent- 
ziehen, der mit den transscendentalen Ideen verbunden ist; 
die Kritik der Vernunft zielt nur auf sie ab, die Kategorien- 
lehre bereitet diese Kritik nur vor. Wie Hume in seinem 
Essay mit der Prüfung der Kausalität auf die Einschätzung 
des Freiheitsbegriffs zusteuert, so ist im systematischen Auf- 
bau der Vernunftkritik der Teil, der sich mit dem „Lande der 
Wahrheit" beschäftigt, nur auf das eine Ziel gerichtet, ein 
sicheres Gebiet abzugrenzen und danach das freibleibende 
Terrain zu prüfen. Hier vermag aber die menschliche Er- 
kenntnis keinen festen Fufs mehr zu fassen. Das Wesen 
der einem subjektiven Bedürfnis der Vernunft entsprungenen 



stände der Erfahrung oder Dinge an sich versteht, und überträgt man 
seine Begriffe demnach auf alle Dinge, wie sie auch sein mögen, 
so macht man von ihnen einen transscendentalen Gebrauch. Die trans- 
scendentaleldee wird durch lauter transscendentale Begriffe gedacht ; 
wenn'man aber von Gegenständen etwas bestimmt behauptet, die man der 
Idee entsprechend denkt, so ist der Gebrauch der Idee transscendent 
Wenn man vom Raum als Dingen an sich zukommend oder ebenso von 
Begriffen spricht, so hat man von ihnen einen transscendentalen Gebrauch 
gemacht Wofern man Gott oder der Seele bestimmte Eigenschaften 
beilegt, so hat man tranSHcendiert. Denkt man sie hingegen nur durch 
reine Yerstandesbegrifie , so hat man von ihnen einen transscendentalen, 
d. h. ün Grunde „keinen Gebrauch" gemacht; m&a hat in ■Wirklichkeit 
die Ideen nicht bestimmt. 



— 108 - 

Idee Terbietet die schwärmerischen Einbildungen, die seit den 
Tagen Piatos mit einem Wissen im jenseitigen Gebiete 9icb 
schmeicheln. Man kann von der Idee wissen, wie man sie in 
der Vernunft erzeugt und dafs die Vernunft notwendig aut 
sie kommt. Das bildet man sidb nicht ein, wohl aber beruht 
auf einem Selbstbetruge, wenn man vom Gegenstande einer 
transscendentalen Idee einen bestimmten Begriff zu haben 
glaubt. Jene Ideen sind vielmehr die sicheren Merksteine für 
das Ende unseres Wissens und Begreifens. Aber dennoch 
sind sie für uns nicht bedeutungslos, als Bichtungslinien 
der Forschung und des sittlichen Handelns machen sie 
sich geltend. Auch das kann man durch Selbstprüfung leicht 
bestätigt finden. Die Thatsache des Sittengesetzes kann ihnen 
eine Bedeutung geben, man kann hier die Ideen in prak- 
tischer Absicht als Triebfedern in subjektiver Hinsicht 
bestimmen, man kann von solchen Gegenständen sagen, was 
sie für mich sind, bat aber niemals ein Recht, ihnen mit 
dem Scheine der Einsicht oder des Wissens assertorisch Be- 
stimmungen beizulegen. „Befriedigt" das nicht, so ist 
das eingesehene Unvermögen dennoch eine Befreiung von 
Wahn und Irrtum. Wir haben keine Begriffe, mit denen 
wir uns in den leeren Baum des Verstandes hinauswagen 
dürfen. Aller Schein, der sich an die Ideen knüpft, beruht 
auf der Verwechslung subjektiver Vorschriften der Vernunft 
mit objektiven Prinzipien, die man von der reinen Vernunft 
nicht verlangen darf und nicht verlangen wii:d, wenn man die 
Kategorien und ihren Gebrauch verstanden hat. 

Im Gebrauche der Ideen ist die Metaphysik einer natürlichen 
Täuschung verfallen. War es früher Aufgabe der Dialektik, 
Fehler im SchUefsen aufzudecken, Vergehen gegen die blofse 
Vernunftform, so hat man hier zugleich auch jenen Schein 
selbst zu zerstören. Man hat es nicht mit lediglich logischen, 
sondern mit transscendentalen i) Erwägungen zu thun, die in 
allgemeinster Weise auch den beurteilten Gegenstand mit be- 



^) Ein moderner Schriftsteller hat den natürlichen Begriff des Trans* 
scendentalen mit dem Epitheton „magisch'' verziert. Er konnte sich kein 
treffenderes Zeugnis aasstellen. Der Begriff ist für ihn „magisch'' ge- 
blieben, weil er überhaupt keinen vernünftigen Sinn mit ihm zu ver- 
binden wu&te. 



— 104 — 

rücksichtigen und die hier festzustellen haben, ob er als Objekt 
möglich ist oder nicht. 

22. Wir wollen uns nunmehr mit der Eantischen Kritik 
dogmatischer Metaphysik näher beschäftigen. Ein notwendiger 
,,6ang der Vernunft^' fuhrt auf die transscendentalen Ideen. 
Sie sind erschlossen, und wenn sie sofern nur subjektive Realität 
haben, so wird man die aus der Natur der Vernunft ent- 
sprungenen Schlüsse auf vermeintliche Objekte zu prüfen 
haben. Die Metaphysik schliefst in der feierlichen Form 
des Syllogismus auf jene transscendentalen Ideen, indem sie 
an ihrer Stelle Objekte denkt, auf deren Bestimmung die con- 
clusiones ihrer Beweise, d. h. ihrer Schlüsse hinauslaufen. Sie 
meint, durch ein analytisches rein logisches Verfahren ein 
Ziel zu erreichen , das nur von synthetischen Sätzen a priori 
in möglicher Erfahrung erreicht wird. Wie die Mathematik 
will auch sie mit apodiktischer Gewifsheit schliefsen. Es ist 
die Frage, ob ihr das gelingen kann. Nach der Eantischen 
Feststellung kann es nur drei Arten von reinen Vemunftideen 
geben, mit denen die Metaphysik in einer Seelenlehre, 
einer Weltlehre, einer Erkenntnis Gottes ihre Zwecke 
erschöpft. Zeigt sich nun, dafs die dieser natürlichen Ein- 
teilung entsprechenden Schlüsse aus reiner Vernunft unmög- 
lich sind, so hat man kein Recht mehr, in den alten Wegen 
weiter zu wandeln, wenn man sonst Vertrauen zu seiner Ver- 
nunft hat. Mit Wahrscheinlichkeiten aber sich in dem Gebiete 
der reinen Vernunft zu begnügen, ist völlig sinnlos. Die Prä- 
missen, aus denen geschlossen wird, sind entweder richtig, 
oder sie sind es nicht. Ein Drittes giebt es nicht. Für ein 
Wissen aus reiner Vernunft ist der Wahrscheinlichkeitsbegriff 
so sinnlos, wie der der blofsen Möglichkeit. Metaphysik ist 
entweder Wissenschaft, oder sie ist „ überall gar nichts *'. 

Jene Schlüsse nennt Kant „ vernünftelnde'^; es sind 
„Sophistikationen der reinen Vernunft, nicht der Menschen"; 
aber trotz aller Natürlichkeit sind Truggebilde keine Offen- 
barungen der Vernunft. Hier folgen die Schlüsse: Man 
schliefst von dem blofsen transscendentalen Begriffe, der nichts 
Mannigfaltiges enthält, auf die absolute Einheit des Objekts 
selbst (Psychologie). Das ist die erste Klasse jener Schlüsse; 
es sind Paralogismen, natürliche Täuschungen der Vernunft, 
die man übrigens nicht mit blofsen Sophismen verwechseln darf. 



— 105 — 

In der zweiten Klasse geht man auf den transscendentalen 
Begriff der absoluten Totalität der Beihe der Bedingungen zu 
einer gegebenen Erscheinung überhaupt (Kosmologie). Diese 
Schlüsse fuhren auf widersprechende Begriffe, die ihr Gegen- 
teil rechtfertigen; man hat es mit Antinomien zu thun. 
Und endlich drittens schliefst man von der Totalität der 
Bedingungen, unter denen man Gegenstände überhaupt denkt, 
auf die absolute Einheit aller Bedingungen der Möglichkeit 
der Dinge überhaupt (Theologie). Kant nennt diesen Vernunft- 
schlufs das Ideal der reinen Vernunft. 

Kant zeigt in allen zur kritischen Prüfung sich bietenden 
Beweisen den Fehler, nachdem er seine Quellen aufgedeckt 
hat. Er mifst an dem in den früheren Abschnitten der Kritik 
gewonnenen Mafsstabe und an den formalen Kriterien der 
Logik alle dialektischen Schlüsse der reinen Vernunft. In 
dieser Beurteilung erweisen sich die Schlüsse einer rationalen 
Seelenlehre und die der rationalen Theologie als Subreptionen, 
Erschleichungen einer irregeleiteten, von einem transscenden- 
talen Scheine geblendeten Vernunft. 

In den Bestimmungen eines rein geistigen Objekts, einer 
an sich seienden denkenden Seele, herrscht ein Paralogis- 
mus. Es ist zwar vollkommen richtig, sagt der Philosoph, 
und man hat analytisch geurteilt, wenn man behauptet: 

1) das Ich ist in allen Urteilen Subjekt; 

2) das Ich ist ein Singular; 

3) das Subjekt ist ein identisches; 

4) meine Existenz als eines denkenden Wesens ist yon 
anderen Dingen (auch vom eignen Körper) unter- 
schieden. 

Aber die „Analysis'* meines Bewufstseins im Denken giebt 
kein Recht auf ein synthetisches Urteil, das von der Seele als 
einem an sich seienden Wesen aussagte: sie ist 

1) Substanz; 

2) einfach; 

3) numerisch identisch, d. i. Einheit; 

4) Ton der Materie als Lebensprinzip, als Seele (anima) 
verschieden, d. h. auch von ihr abgesondert existent. 

In jenen vier ersten Aussagen haben wir es mit blofsen 
Bestmunungen des Denkens zu thun, wir gewinnen aber hier- 
durch noch nicht ein Bestimmbares, d. h. ein Objekt, das sich 



— 106 — 

damit also rein bestimmen liefse. Aus unseren logischen Ab- 
sonderungen (Abstraktionen) haben wir nicht die Möglichkeit 
gewonnen, auch auf eine reale Abscheidung zu schliefsen. Wir 
haben jene vier Behauptungen der rationalen Psychologie wieder- 
gegeben, weil Kant eine wichtige Bemerkung an sie knüpft: 
Hätten wir auf sie ein Bacht, so wäre die ganze Kritik un- 
nötig gewesen, es könnte beim alten bleiben. Man sieht hieraas, 
wie sehr es ihm darauf ankommen mufste, die Natur des 
synthetischen Urteils a priori zur Einsicht zu bringen. Wäre 
es auf Dinge an sich erstreckbar, so hätte man ein Recht, auf 
nimmer Erfahrbares aus reiner Vernunft zu schliefsen, d. h. 
aber das Grundprinzip der Kritik, das auf die Frage antwortet: 
wie sind synthetische Urteile a priori möglich? wäre durch- 
brochen. Synthetische Urteile a priori sind nur mit Rücksicht 
auf mögliche Erfahrung erweisbar. Indessen liegt der Fehler 
jenes Schlusses auf der Hand. Auf die schulgemäfse Form 
gebracht, urteilt die rationale Psychologie: 

Was nur als Subjekt gedacht werden kann, existiert auch 
nur als Subjekt und ist also Substanz. 

Nun kann ein denkendes Wesen, blofs als ein solches be- 
trachtet, nur als Subjekt gedacht werden. 

Also existiert es auch nur als solches, d. i. als Substanz. 
Man sehe sich den Obersatz genauer an, so gilt er von einem 
möglichen Gegenstande, welcher Art er auch sei. Der 
Mittelsatz ordnet ihm aber keinen möglichen Gegenstand 
ein, sondern erwägt nur das Subjekt, sofern es sein Denken 
in einer uns geläufigen Abstraktion selbst betrachtet Es 
kann also aus den Prämissen nicht folgen, was die conclusio 
verkündet. Dafs ich im Denken meiner Existenz mich nur 
zum Subjekt des Urteils brauchen kann, ist ein identischer, 
Yon niemand bezweifelbarer Satz, und mehr ist aus jenen 
Gedanken nicht herauszuholen. Das Objekt aber, auf das der 
Schlufssatz hinausläuft, kann als solches niemals gegeben, es 
kann also auch nicht unter bestimmten Prädikaten gedacht 
werden. Man verwechsle dieses transscendente Objekt nicht 
mit dem empirischen Subjekt, dem Gegenstande der em- 
pirischenPsychologie. Kant kritisiert einen Fehlschlufs 
der dogmatischen Metaphysik und zeigt uns, wie natür- 
lich er sich der Vernunft aufdringt. 

Von solchen Fehlschlüssen findet man in allen meta- 



— 107 — 

physischen Versuchen mehr, als man sich das träumen läfst; 
Kants Untersuchung giebt die Handhaben, sie zu lösen, d. h. 
aber dem Irrtum vorzubeugen. Hier in den Paralogismen 
„verwechsle ich die mögliche Abstraktion von meiner 
empirisch bestimmten Existenz mit dem vermeinten BewuTst- 
sein einer abgesondert möglichen Existenz meines denken* 
den Selbst und glaube das Substantiale in mir als das trans- 
scendentale Subjekt zu erkennen, indem ich blofs die Einheit 
des Bewufstseins , welche allem Bestimmen, als der blofsen 
Form der Erkenntnis, zum Grunde liegt, „in Gedanken habe". 
Solche Stellen zeigen deutlich, wie der Philosoph, aus dessen 
glänzendem Abstraktionsvermögen man ihm fast einen Vorwurf 
gemacht hat, immer dessen eingedenk ist, dafs die Abstraktion 
keine reale Scheidung bedingt. 

Die transscendentale Theologie wird in dem Bestreben, 
ein absolut notwendiges Wesen zu bestimmen, auf den Begriff 
eines allerrealsten, allervollkommensten Wesens geführt. Der 
ontologische Beweis behauptet nun: Im Begriff eines alier- 
realsten Wesens sei auch das Dasein mit eingeschlossen. Werde 
dieses Wesen aufgehoben, so entstehe also ein logischer Wider- 
spruch. Auch hier wird der Versuch gemacht, aus blofsen Be- 
griffen ein Dasein und damit ein synthetisches Urteil a priori 
zu erschliefsen. Kant zeigt, dafs in dem Satze: „Ein alier- 
realstes Wesen, existiert nicht", kein logischer Widerspruch 
zu entdecken sei. Jener Schlufs stützt sich nicht auf eine mög- 
liche Synthesis, er kann sich also nur auf den Zwang analy- 
tischer Operationen berufen. Aber wenn man in einem aller- 
vollkommensten Wesen sein Dasein schon mitdenkt, wenn 
dies Dasein schon zur Möglichkeit mitgehört, weshalb hat 
man dann noch zu schliefsen nötig? Es kann dabei gar 
nichts anderes als eine „elende Tautologie" herauskommen. 
Kants Kritik des ontologischen Beweises läfst sich wie folgt 
einfach zusammenfassen: Der Gedanke ist nicht das Wesen 
selbst, dessen Dasein durch ihn gedacht und behauptet wird. 
Giebt man das zu, so sind nur zwei Fälle möglich. Man 
denkt entweder im Begriffe das Dasein mit, dann sagt man 
zweimal dasselbe und beweist also nicht; oder das Dasein 
wird nicht im blofsen Begriffe gedacht, dann kann es ihm 
auch nicht logisch zuwider sein, wenn man das Dasein leugnet. 

Es ist dieselbe Sparsamkeit der Vernunft, die das Erkenntnis- 



— 108 — 

vermögen ein für allemal zum Zwecke möglicher Kritik zu 
beurteilen drängt, die in der Eantischen Beurteilung der Meta- 
physik selbst ihre Anmafsungen nach Prinzipien vollzieht. Sie 
bewährt sich von neuem in den besonderen Fragen selbst. 
Wenn es transscendentale Beweise geben kann, so giebt es 
immer nur einen, nicht mehrere. Die vielen Beweise, die der 
Dogmatiker zur Auswahl zu stellen pflegt, sind ein Zeichen 
seiner Verlegenheit, nicht seiner t3berlegenheit. Er wirbt um 
Gunst, wo er eine Einsicht erzwingen sollte. Wie der „Parla- 
mentsadvokat*', der seine Leute kennt, hält er für einen jeden 
einen besonderen Grund bereit. Er appelliert nicht an ein Sub- 
jekt überhaupt, sondern an die Vorurteile seiner Leser. Der 
ontologische Beweis mit seinem verblüffenden Schulwitz 
macht kopfscheu; er will eine Existenz, d. h. ein Dasein, eine 
Setzung des Dinges auch aufserhalb der Gedanken, mit dem quod 
erat demonstrandum jedem Zweifel entziehen, ohne sich auf eine 
Synthesis des Gegenstandes oder eine besondere Erleuchtung be- 
rufen zu können, aber auch die analytische Logik desavouiert ihn. 
Das Dasein ist kein reales Prädikat; seine Aussage vermehrt 
den Begriff nicht; wenn man es aber schon in den Begriff mit 
hineingelegt hat, so ist es kein Wunder, wenn man es wieder 
herauszuziehen vermag. Nur bewiesen hat man damit 
nichts; auch wenn man hier von Realität, dann aber von 
Existenz, also in verschiedenen Worten, spricht, so hat 
man dennoch eine Tautologie begangen. 

Kein Wunder, dafs man, von dieser Begriffsspielerei unbe- 
friedigt, den Versuch macht, dem nackten Hirngespinst eine 
Einwicklung durch empirisch festgegründete Thatsachen zu 
geben. Aber die Kantische Gedankenschärfe löst auch aus 
dem kosmologischen und physikotheologischen Beweise den rein 
dogmatischen Kern wieder heraus, und «iehe da, der onto- 
logische Beweis kommt von neuem zum Vorschein. Beide 
schliefsen von einem zufalligen Dasein auf die Existenz eines 
absolut notwendigen Wesens. Der eine geht dabei von Er- 
fahrung schlechthin, der andere von bestimmter Er- 
fahrung aus. Nun können sie Beide den Begriff jenes ab- 
solut notwendigen Wesens nicht anders als durch den Be- 
griff des allerrealsten Wesens bestimmen. Damit geraten sie 
wieder in die alte Bahn. Indem sie nämlich behaupten, dafs 
ein jedes schlechthin notwendige Wesen zugleich das aller- 



- 109 — 

realste Wesen sei, haben sie, wie eine leichte Erwägung er- 
giebt, implicite auch die Umkehrung durch blofse Begriffe 
gedacht: Ein jedes allerrealste Wesen ist ein notwendiges 
Wesen 1). Somit haben sie also eine ignoratio elenchi be- 
gangen; sie haben einen neuen „Fufssteig*' verheifsen, bringen 
ans aber nach „einem kleinen Umschweife* auf den alten 
zurück. (Jener Schlufs auf die Existenz eines absolut not- 
wendigen Wesens, soweit er sich auf Erfahrung schlecht- 
hin beruft, erfahrt in den Antinomien eine besondere Kritik.) 

Es ist also nichts mit den Beweisen, mit der apodiktischen 
Gewifsheit einer Erkenntnis, die alle unsere Begriffe übersteigt. 
Aber wer hier zeigt, dafs guter Wille und Zweck den Scharfsinn 
irregeleitet hat, gefährdet damit nicht die Ideen und ihre Be- 
deutung selbst Nur dagegen bäumt sich die wissenschaftliche 
Verantwortung des wahrheitsliebenden Mannes auf, dafs man 
eine an sich gute Sache mit trügerischen Künsten Terteidige. 
Es ist der „Selbsterhaltungstrieb*' der nach Wahrheit strebenden 
Wissenschaft, die hier der Einbildung der Schulen, einem eso- 
terischen Scheinwissen entgegentritt. Kant stellt den Beweisen 
keine Beweise des Gegenteils gegenüber, das wäre dogmatisch; 
aber er verfällt nicht in die Fehler, die er selbst rügt. Nur 
den angemafsten Beweischarakter zeigt er in seiner ganzen 
Blöfse. Mendelssohn hat Kant den „alles Zermalmenden'^ ge- 
nannt. Aber es ist eine sehr subtile Thätigkeit, durch die 
Kant mit der „Radiernadel'* die feinen Gespinnste der mensch- 
hehen Vernunft mit unübertrefflicher Deutlichkeit nachzeich- 
net. Bis in alle Zukunft wird der Sterbliche diesem kriti- 
schen Richterspruch des bescheidenen Königsberger Professors 
sich fügen müssen, der von der hohen Stelle eines Lehrers 
der Weltweisheit bekennt: Wir können aus reiner Vernunft 
nichts von jenseitigen Dingen wissen. Wer diese Kantischen 
Lehren ausschlägt, macht sich nach ihm der Charlatanerie 
schuldig — es giebt keine Brücke, die unsere Einsicht mit 
dem Jenseits verbindet. Kant hat bewiesen, dafs sie nicht 
vorhanden ist. 

Aber wenn man weder die Eigenschaften einer für sich 

1) Ans dem Satze: ,9 Ein jedes schlechthin notwendige Wesen ist zu- 
gleich ein allerrealstes Wesen", folgt: Einige allerrealste Wesen sind 
schlechthin notwendig. Nun ist aber ein ens realissimiun yon einem 
anderen nicht unterschieden, also folgt obiger Satz. 



— 110 - 

seienden, nicht blofs in diesem irdischen Dasein, sondern auch 
nach seinem Ende beharrenden Seele erkennen, noch das Da- 
sein Gottes strikt beweisen kann, so ist auch das Gegenteil 
nnerweislich, das jene dogmatischen Behauptungen verleugnen 
könnte. Die Ideen, die bei Kant auch in praktischer Absicht 
keine theoretischen Aufschlüsse geben, sondern Wirklichkeit in 
unseren Handlungen erhalten sollen, verlieren auch für die 
Forschung, das Wissen, ihre Bedeutung nicht. Sie sind in Wirk- 
lichkeit auch hier niemals verleugnet worden, trotz aller ent- 
gegensprechenden Worte. Man bezieht alle psychologischen Aus- 
sagen auf ein „einiges Subjekt**, „ allen Wechsel als gehörig zu 
den Zuständen eines und desselben beharrlichen Wesens**, wir 
unterscheiden alle Erscheinungen im Räume von denen des 
Denkens und bekennen dennoch, dafs wir von einem Gegen- 
stande, der unserer Idee entspräche, keinen bestimmten Be- 
griff haben. Der schroffste Empirist hat unter dem Zwange 
dieser Idee immer geurteilt, der dogmatische Rationalist aber 
kann sich keiner Erleuchtung rühmen, die ihn das für sich 
seiende Sonderwesen, Seele genannt, hätte anschauen lassen. 
Und auch hinsichtlich der theologischen Idee versteht sich der 
Empiriker falsch, wenn er ihren Zwang verleugnet. Jeder 
Physiolog betrachtet den menschlichen, tierischen und auch 
den Pflanzenkörper unter der Idee der Zweckmäfsigkeit. 
Heifst das nun etwas anderes als so urteilen, als ob hier 
eine höchste, an sich unerforschliche Weisheit gewaltet hätte? 
Eine absurde Teleologie vermifst sich, Absichten einer ge- 
heimnisvoUen Macht unterzuschieben, für die das menschliche 
Ermessen das Vorbild abgiebt. Die kritische Philosophie ist 
von solch rohem Anthropomorphismus frei, auch wenn sie der 
Regierung der Idee sich fügt. Sie verwechselt nicht das Leit- 
seil der Forschung mit der Setzung eines Objekts, von dem 
man ableiten könnte. Sie legt mit ihrer Idee allein der Natur 
keine Eigenschaften bei, sondern sie bleibt sieh dessen bewuTst^ 
dafs jene Idee nur die Art bestimmt, in der wir über die Dinge 
reflektieren müssen. Während der Verstandesbegriff sein 
Objekt bestimmt, giebt die Idee nur dem Verstände seine 
Richtung, sie enthält sofern als regulatives, heuristisches 
Prinzip ein Schema für die Forschung, nicht ein Schema, 
durch das wir im bestimmten Urteile dem Begriffe Gegebenes 
einordnen. 



- 111 — 

Eine Idee liegt anch der Kritik der reinen Vernunft 
selbst zu Grunde. Wenn der empiristisch gesinnte Physiologe 
die Organe auf ihre Funktionen prüft, so betrachtet auch 
Kant die reine allgemeine Vernunft selbst mit Rücksicht auf 
die Möglichkeit, Objekte als bestimmt zu erkennen, in die 
Erkenntnis selbst wieder eine Einheit hineinzutragen, die 
weder von den Gegenständen abstammt, noch von den Einzel* 
urteilen, die sich unmittelbar auf sie beziehen. Dafs die Ver- 
nunft sich solcher Leistungen erfreuen kann, hat sicherlich 
seinen transscendentalen Grund; aber ihn vermögen wir nicht 
zu erkennen und nicht zu bestimmen. Wir haben es hier nur 
mit unserer Vernunft zu thun, sie ist mit sich allein, und 
Kant tiberhebt sich nicht, sondern er bescheidet sich, wenn 
er mit unerbittlicher Schärfe von jeder Kritik metaphysischer 
Probleme allgemeine Prinzipien verlangt. Nicht, wie es dem 
Einzelnen erscheint, was ihm gefällt oder nicht, soll uns der 
Kritiker sagen, sondern wie es vor der Vernunft mit dem Ar- 
gument bestellt ist, soll gelehrt werden. Alle Fragen beant- 
worten zu wollen, wäre „unverschämte Grofssprecherei", aber 
darin enttäuscht den Erforscher des Erkenntnisvermögens sein 
Vertrauen zur menschlichen Vernunft nicht: Fragen, die die 
Vernunft aus sich heraus gebiert, ohne Gegebenes zu finden, 
das sie verstehen und bestinmien könnte, die mufs sie auch 
notwendig selbst beantworten können. 

Und so kann die Vernunft auch einsehen, dafs und warum 
sie mit ihren Ideen nicht auf bestimmte Objekte schliefsen 
kann. Sie hat kein Organ, das ihr das Objekt zuführte, also 
ist die Frage nach dem Was solcher idealistischer Gegenstände 
ohne Sinn. Der transscendentale Begriff, der ihr zur Ver- 
fugung steht, greift nur im Baume und in der Zeit, aufserhalb 
wird er zum leeren Titel, durch den man noch denken, aber 
durch den man nichts mehr verstehen kann. Wenn man 
dennoch die Idee objektiv gebrauchen will, so wird sie dialek- 
tisch und verwickelt uns in Täuschungen und Widersprüche. 
Diese Täuschung bleibt uns bei allen transscendentalen Ideen, 
es ist unmöglich, sich ihr zu entziehen. Aber die Täuschung 
bedingt nicht notwendig den Irrtum. Man mufs sie nur in 
ihrer wahren Natur erkennen. 

Wenn die Idee nur den Verstand in der Erfahrung leitet, 
80 wird sie die Wünschelrute für dem Blick verborgene Zu- 



— 112 — 

sammenhänge, aber sie bleibt immer nur Idee, ohne dafs man 
dies Nur mit Geringschätzung nennen dürfte. Wer die Natur 
nach den Absichten eines unvermeidlich nach Beispielen aus 
dem Diesseits zu bestimmenden Willens beurteilt, kommt aus 
den Widersprüchen nicht heraus; wer im Auge behält, dafs 
die Idee des Zwecks nur ein führendes Prinzip der eigenen 
Vernunft ist, der wird nur relativ zu begreifen verlangen. 

Und so ist auch unser Erkenntnisvermögen selbst nur 
relativ auf mögliche Erkenntnis zu verstehen. Diese sehr be- 
scheidene Einsicht aber kann kein Mensch uns streitig machen. 
In der Mathematik herrscht die reine Vernunft, nicht anders 
als in der reinen Physik. Beide stellen Sätze auf, denen die 
empirischen Unterschiede völlig gleichgültig sind, d. h. ihre 
Wahrheit hängt nicht von den empirisch gegebenen, sich uns 
zufällig darbietenden Gegenständen ab; sie können uns als 
solche nicht allgemein belehren. Aber einsehen können wir 
reine Wissenschaft nur mit Rücksicht auf mögliche Er- 
fahrung, die uns die in abgezogener Weise erhaltenen Resultate 
zu verwirklichen im stände ist. 

Von intelligiblen Objekten könnte man nur a priori 
etwas wissen; die Vermutung ist kein Wissen, das Apriori ist 
aber ohne Sinn, wenn es nichts giebt, das sich ihm einordnen 
läfst. Eine spekulative Metaphysik, die von transscendenten 
Objekten Bestimmtes weifs, ist unmöglich. Die Gabe einer 
„anschauenden Vernunft" ist uns nun einmal versagt. 

23. Wir haben eine kurze Erörterung der rationalen Theo- 
logie gegen die Eantische Ordnung der rationalen Kos- 
mologie, der Lehre von den Antinomien, vorausgehen 
lassen; sie bilden den Kern der transscendentalen Dialektik 
und sind von besonderer Bedeutung. Diese Antinomien be- 
handeln Weltfragen, die Kant in einer systematischen natür- 
lichen Ordnung uns vorführt. Es lassen sich vier Thesen eben- 
sovielen Antithesen nicht blofs gegenüberstellen, sondern 
alle acht Sätze lassen sich auch in der Weise der dogmatischen 
Philosophie strikt beweisen. Diese Beweise sind lückenlos, 
und es wird niemalg gelingen, dies verwirrende Schauspiel der 
menschlichen Vernunft in anderer Weise zu erklären, als es 
von Kant geleistet worden ist. Freilich kommt diese Lösung 
auf den so einfachen Gedanken heraus, dafs die Erfahrung, 
die empirische Synthesis, und also auch ihr Inhalt, ihre Ob- 



— 113 — 

jekte, nicht vor der Erfahrung (im transscendentalen Sinne) 
möglich ist. Während die psychologische und theo- 
logische Idee, für die wir einen unbekannten Gegenstand 
suchen sollen, offen lassen müssen, ob ihnen ein Gegenstand 
überhaupt entsprechen könne oder nicht, heischen die anti- 
nomischen Fragen der kosmologischen Idee schon apriori 
eine bestimmte Lösung. Bei jenen Fragen ist das Was des 
Gegenstandes als aufser unserer Sphäre liegend unserem 
Urteil entzogen, hier setzt die kosmologische Idee ihren 
Gegenstand und die far seinen Begriff erforderliche em- 
pirische Synth esis als gegeben voraus, und es ist 
die Frage, ob dieser Gegenstand der Idee angemessen sei; 
wir werden uns also über diesen Begriff selbst zu ent- 
scheiden und kein Recht haben, wie der Philosoph uns be- 
lehrt, „mit dem Scheine demutsYoUer Selbsterkenntnis zu be- 
kennen", es sei nicht auszumachen, „obdieWeltvon Ewig- 
keit her sei oder einenAnfang habe? ob der Welt- 
raum ins Unendliche mit Wesen erfüllt oder inner- 
halb gewisser Grenzen eingeschlossen sei? ob 
irgend etwas in der Welt einfach sei oder alles 
ins Unendliche geteilt werden müsse? ob es eine 
Erzeugung und Hervorbringung aus Freiheit 
gebe, oder ob alles an der Kette der Naturord- 
nung hänge? endlich ob es irgend ein gänzlich 
unbedingt und an sich notwendiges Wesen gebe, 
oder ob alles seinemDasein nach bedingt und mit- 
hin äufserlich abhängend und an sich zufällig 
sei?". 

In allen diesen Fragen fingiert Kant die Voraussetzungen 
des transscendentalen Realismus, nach dem die empirische 
Synthesis als an sich gegeben gedacht wird. Nach ihm 
sind Raum und Zeit, also auch die in ihnen wahrnehmbaren 
Dinge an sich gegeben, wie sie uns erscheinen. Es fragt sich, 
ob dieser Begriff, den wir uns von unserer Welt machen, auf- 
recht zu erhalten ist oder nicht. Die Lösung appelUert an 
das letzte Kriterium alles Denkens: Widersprechendes deutet 
auf fiJsche Begriffe. 

Die uns in diesen Fragen leitende Idee fordert ein „ab- 
solutes Ganzes 'S eine Zusammenfassung aller möglichen 
Erscheinungen; sie kann also zur Erklärung irgend einer 

Goldielunldt - MeUln. 8 



— 114 — 

Erscheinung selbst nichts beitragen. Läge auch die ganze Natur 
vor unseren Sinnen aufgeschlagen, die vollendete Synthesis 
und das Bewufstsein ihrer absoluten Totalität würden wir 
uns empirisch nicht verschaffen können. Es handelt sich 
also trotz des scheinbar empirischen Gegenstandes um eine 
Idee, deren Fragen von der Philosophie aus ihrem eigen- 
sten Interesse eine Lösung fordern. Streiten sich doch in 
jenen Gegensätzen zwei Grundrichtungen der Philosophie, 
ein uralter Konflikt, der unserem Erkenntnisvermögen selbst 
zuzuschreiben ist. Verstand und Vernunft scheinen mit- 
einander im Zwist zu liegen. Die Idee soll der Synthesis 
nach Regeln des Verstandes und zugleich der absoluten 
Einheit der Vernunft kongruieren. Wir sollen ein Objekt 
gleichsam unmittelbar durch den Verstand erfassen, ihm 
zugleich aber die absolute Totalität verschaffen, die von der 
Vernunft vorgeschrieben wird. Sowohl die Thesen als die 
Antithesen machen es aber dem Verstände nicht recht. Wenn 
man mit den drei ersten Thesen einen Weltanfang, eine end- 
liche Teilung, eine Erzeugung aus Freiheit und mit der vierten 
Antithese nur zufallige Existenzen postuliert, so wird die Idee 
für den Verstandesbegriff zu klein; stellt man sich auf die 
andere Seite, so wird die Idee für ihn zu grofs. Und dennoch 
lassen sich für beide, für These und Antithese, gleich zwingende 
Vernunftbeweise geben. Kant verbürgt sich für sie; in der 
That liegen sie auch dem gemeinen Verstände nicht fern. 
Wenn sich widersprechende Sätze beide wahr sein sollen, sa 
giebt es zunächst nur eine Vermutung, dafs sie nämlich auf 
einem blofs eingebildeten Begriffe ruhen. Die analytische 
Opposition schliefst eine dritte Möglichkeit aus, die dialek- 
tische läfst sie zu. Beide Sätze können falsch sein, und in 
den „vernünftelnden^* Behauptungen der Antinomien trifft 
dieser zweite Fall zu. Wenn man sagt: Die Seele riecht ent- 
weder gut oder sie riecht nicht gut, so bleibt noch als drittes, 
dafs die Seele überhaupt nicht ausduftet. Auch hier läfst das 
Urteil: Die Welt ist entweder endlich oder unendlich, noch 
die Möglichkeit zu, dafs sie keins von beiden ist. Diese 
Alternative ist nicht der Gegensatz A und non A; vielmehr 
sagt die eine Aussage mehr, als dafs sie blofs die andere 
aufheben könnte. Man beachte das. Es. ist nicht die Frage 
formuliert, ob die Welt endlich ist oder nicht, sondern ob sie 



— 115 — 

endlich oder unendlich ist. So ist die moderne Frage: Hat 
der Raum ein Erämmungsmafs oder nicht eine andere als die 
nach einem positiven oder negativen Erümmungsmafs. Diese 
letzte Alternative ist sinnlos, weil ihr ein falscher Begriff zu 
Grunde liegt, nämlich der eines an sich seienden empirisch 
erfahrbaren Raumes. Der Raum hat kein Erümmungsmafs. 
Sagt man, es sei =0, so hat man dieselbe Thatsache aus- 
gesprochen, indem man feststellt, dafs für die analytische Geo- 
metrie gewisse Grundbeziehungen gelten. 

Im Eantischen dogmatisch gefährten Beweisgange war die 
Welt der Erscheinungen als an sich seiendes Ganzes 
vorausgesetzt. Aber dieser Begriff beruht auf einer blofsen 
Einbildung. Die Welt der Erscheinungen ist kein an 
sich existierendes Ganzes; wir haben es immer nur mit Wahr- 
nehmungen zu thun, und der empirische Fortschritt geht 
immer wieder zu anderen möglichen Wahrnehmungen, wie 
weit wir auch im Räume oder in der Zeit unsere Forschungen 
erstrecken. Immer hat der Verstand erst durch Synthesis zu 
verbinden (nicht blofs logisch zu ordnen), was in den 
Sinnen oder im Zusammenhange mit unseren Wahrnehmungen 
gegeben ist. 

Wenn also die Vernunft argumentiert: 

Wenn das Bedingte gegeben ist, so ist auch die ganze 
Reihe aller Bedingungen gegeben; 

Nun sind uns Gegenstände der Sinne als bedingt ge- 
geben ; 

Also ist auch die ganze Reihe aller Bedingungen ge-. 
geben; 
80 hat der Obersatz das Bedingte im transscendentalen Ge- 
brauch der Eategorie genommen. Er würde gelten, wenn 
das Bedingte als Ding an sich aufgefafst wird, d. h. als etwas, 
das von unserer Art der Sinnlichkeit unabhängig, vor unserem 
Verstände für sich so da ist, wie wir es erkennen. Wenn 
man es blofs mit einer intellektuellen Synthesis zu thun hätte, 
die keine Rücksicht darauf zu nehmen hat, ob und wie wir 
zur Kenntnis der Dinge gelangen könnten, so hätten wir nicht 
erst einen Regressus mitzudenken, in dem wir zu den Be- 
dingungen gelangen können, sondern dann wäre es vollkommen 
richtig, mit den gegebenen Bedingungen auch die ganze 
Beihe der Bedingungen (als seine logischen Prämissen) und 



— 116 — 

damit auch das Unbedingte als mit dem Bedingten zugleich 
gegeben anzusehen. Der Mittelsatz aber kann nur Yon 
Gregenständen der Sinne als bedingt gegebenen reden, in denen 
der y erstandesbegriff das Bedingte nur im empirischen Ge- 
brauch der Kategorie nimmt und nehmen kann, also ist auch 
hier die conclusio durch einen dialektischen Betrug erschlichen, 
den man sophisma figurae dictionis nennt. Die Vemunftform 
ist im Trugschlufs nur nachgeahmt. 

Ist uns aber das Bedingte nur als Erscheinung, d. h. 
im Baume und in der Zeit als in unseren Anschauungsformen 
gegeben, wie es Kants Idealismus der Wahrheit gemäfs lehrt, 
so ist uns der Fortgang in der Reihe nicht mitgegeben, er ist 
erst zu vollziehen, d. h. er ist uns nur aufgegeben. Das 
ist eine ebenso ein&che als natürliche Lösung eines uralten 
Streites; „die Beihe der Bedingungen ist nur in der re- 
gressiven Synthesis selbst, nicht aber in der Erscheinung 
als einem eigenen, vor allem Regressus gegebenen Dinge an- 
zutreffen". Gegenstände der Erfahrung sind als solche nicht 
vor der Erfahrung, sie sind nur in der Erfahrung möglich. Wir 
haben kein Recht, die Welt der Erscheinungen „gleichsam un- 
besehen vorauszusetzen 'S Es ist nicht blofs eine logische 
Forderung, die hier zu erfüllen ist, sondern es mufs uns die 
Erscheinung samt den Bedingungen irgendwie gegeben sein, 
wenn wir sie erkennen wollen. Der blofs logisch auf- 
gefafste Schlufssatz gestattet, vollständige Prämissen als 
zugleich gegeben vorauszusetzen, aber es handelt sich in 
unserem Mittelsatze um empirische Synthesis, die nur 
successive, d. h. in der Zeit vorgenommen werden kann. Die 
im dogmatischen Beweisgange vorgenommene Abstraktion von 
den Bedingungen der Anschauung entspricht zwar einem 
natürlichen Fehltritt der Urteilskraft, aber er ist eben 
ein Fehltritt. Die Erscheinung ist von den Bedingungen der 
Anschauung nicht loszulösen, sie ist eben etwas anderes als 
das blofse Gedankending, das blofs logischen Gesetzen ge- 
horchen würde. Die kosmologische Idee giebt uns kein Recht, 
von der Sinnenwelt als einem Ganzen etwas auszusagen, 
wohl aber giebt sie uns eine Regel, nach der die Er- 
fahrung ihrem Gegenstande angemessen angestellt 
und fortgesetzt werden soll. Wir sollen darüber klar 
werden: Der Zwang, den uns die Idee aufnötigt, entstammt der 



— 117 - 

Natur unserer Vernunft, die den Verstand leitet. Ihr entspricht 
kein Objekt für uns, obwohl sie richtige Wege weist. Ein fahren- 
des Prinzip ist kein dogmatischer Grundsatz, von dem man 
ableiten daif. Es ist die allgemeine Einsicht in das Wesen 
der Idee, die hier sich wahrhaft fruchtbar erweist, indem 
sie die Wucherpflanze des Irrtums ausjätet. Die in unserem 
Hirn entsprungene Idee kann keine Weltprobleme lösen, in- 
dem sie mit kühnem Fluge alle Erfahrung überspringt, sie 
giebt nur der treuen, bescheidenen empirischen Forschung 
einen Plan, nach der sie im aufgegebenen Begressus in 
derBeihe der Bedingungen fortschreiten soll. „Alles ist euer'', 
aber ihr müfst es erst erwerben, um es zu besitzen. Der. in 
den Antinomien vorliegende Streit zwischen Empirismus und 
Rationalismus ist damit ausgetragen. Der Empirist kennt 
keinen Abschlufs der Forschung und duldet keinen letzten 
Ruhepunkt, nach dem bequeme Gemächlichkeit sich sehnt. 
Es ist dieselbe Vernunft, die er so schmählich verleugnet, die 
ihm selbst erst die Wege weist. Nur dann wird die kosmologische 
Idee dialektisch, wenn wir vergessen, dafs unser Verstand nur 
auf Erscheinungen geht, dafs die logische Ordnung im Ver- 
stände inuner voraussetzt, dafs der Verstand als verbinden- 
des Vermögen zuvor seine Funktionen in der Anschauung 
ausgeübt habe. Funktion ist Handlung, Spontaneität, aber 
sie ist auf das Gegebene eingeschränkt; sie affektiert in den 
kosmologischen Fragen gleichsam eine Synthesis, zu der sie 
unfähig ist. 

Die Unterscheidung von Ding an sich und Erscheinung 
giebt die Grenzen für allen Verstandesgebrauch und löst hier 
die Antinomie. Die Vernunft soll „ ein ruhiges Begiment über 
Verstand und Sinne" üben, aber sie kann keine Begriffe er- 
zeugen, durch die man Dinge an sich bestimmen kann. Was 
ferner von Dingen an sich gelten würde, d. h. von Objekten, 
die einem Verstände unräumlich und unzeitlich gegenübertreten 
könnten, kann nicht von Erscheinungen gelten, die durch 
Raum und Zeit erst möglich sind. Löst die Vernunft aber 
den Verstand von den Bedingungen los, auf die er angewiesen 
ist, so leitet sie ihn irre. Eine Magnetnadel auf freiem Lager 
stellt sich unter Einwirkung des Magnetismus in fest be- 
stimmter Weise ein; sie kann noch um ihre Buhelage 
schwanken, aber nur in einer Lage Buhe finden. Vom freien 



— 118 - 

Lager herabgenommen, zeigt sie nicht mehr an, was man yon 
ihr wünscht. Die Vernunft, die den Verstand von seinen Be- 
dingungen loslöst, führt ihn in den leeren Raum, der keinen 
Widerhalt bietet. Hier beginnt das Spiel mit logischen Mög- 
lichkeiten. Die Nadel des Verstandes hat ihre Ruhelage ein- 
gebüfst, in der sie Bestimmtes anzuzeigen vermag. Und 
diese ganze Täuschung hat nun darin ihren Ursprung, dafs 
man die subjektiven Bedingungen der Erkenntnis von 
Gegenständen für Bedingungen der Möglichkeit an sich seien- 
der Objekte selbst hält. 

24. Reiner Empirismus und dogmatischer Rationalis- 
mus sind ewige Gegensätze, an die sich besondere Interessen 
knüpfen. Der unparteiische Kampfrichter, der zunächst den 
beiden Gegnern unverkürzt das Wort gelassen hat, erwägt 
auch die Ansprüche, die hier in einen Streit geraten.^ An- 
forderungen des Wissens und der sittlichen Willensbestimmung 
scheinen sich in den Thesen und Antithesen zu bekämpfen. 
Der Glaube hat einen intelligiblen Ursprung der Welt nötige 
und ein populäres Interesse verbindet sich hier mit dem archi- 
tektonischen der spekulativen Vernunft. Wie der gemeine 
Verstand, der etwas haben möchte, womit er zuversichtlich 
anfangen kann, mit den Thesen beruhigt ist, so suchtauch 
die spekulierende Vernunft einen Abschlufs in einem System, 
dessen Vollendung die Antithesen mit ihrem ruhelosen Fort- 
schreiten von Bedingung zu Bedingung unmöglich machen. 

Auf der anderen Seite bietet aber der Empirismus der 
Antithesen auch der spekulierenden Vernunft Vorteile dar; er 
warnt den Verstand vor der Beschäftigung mit blofsen Ge- 
dankendingen und verweist ihn darauf, die Kette der Natur- 
ordnung mit seinen Begriffen nicht zu verlassen. 

Hier tritt uns auch die Persönlichkeit des Philosophen, 
die in vorbildlicher Weise überall hinter der objektiven 
Forschung und einer Wucht von Gründen zurücktritt, mit einem 
festen Urteil gegenüber. Hätte Kant nur die Wahl, so würde 
er in dem Zwiespalt der Vernunft für die Interessen des 
Wissens dem Empirismus, für die praktischen, sittlichen Auf- 
gaben des Lebens dem Rationalismus den Vorzug geben. 
Indessen bedarf es keiner Wahl, wo die Vernunft zur Ein- 
sicht verhelfen und also entscheiden kann. Wenn sich die 
Gegner nur nicht dogmatisch überheben, so kann auch ein 



— 119 — 

Empirismus, der nicht dogmatisch verneint, Moral und Re- 
ligion nicht gefährden. Wenn er nur dem „Vorwitz und der 
Vermessenheit'' entgegentritt, mit dem man von transscen- 
deuten Ideen Erweiterung des Wissens erwartet, wo es am 
Ende ist, so würden uns „intellektuelle Voraussetzungen und 
Glaube zum Behufe unserer praktischen Angelegenheiten nicht 
genommen werden". 

Kant hat sich bei diesen Untersuchungen vielleicht in einem 
Punkte getäuscht, als er nämlich bezweifelte, dafs der Empiris* 
mus, noch mehr aber, dafs die feingesponnenen Argumente der 
Skepsis populär werden könnten. In unserer Zeit ist mit der 
rasch aufblühenden Naturwissenschaft auch das mit ihr nicht 
selten verbundene empiristische Vorurteil in immer breitere 
Schichten eingedrungen. Eine seichte materialistische Philo- 
sophie hat tiefer Wurzel geschlagen, als es dem denkenden 
Wesen homo sapiens schmeichelhaft ist. Selbst die Rechts- 
wissenschaft beginnt ihr eigenes Fundament zu untergraben. 
Wenn sie den freien Willen leugnet, so ist der Unterschied 
von Recht und Unrecht aufgehoben. Demgegenüber hat man 
allen Anlafs, die Vernunft im Wissen wieder zum Bewufstsein 
zu bringen, damit man auch ein Recht habe, Vernunft im 
Handeln zu verlangen. Es ist eine sehr berechtigte Maxime 
des Empiristen, sich in der Erkenntnis nur mit Gegenständen 
der Erfahrung zu befassen, aber nur „Vorwitz und Vermessen- 
heit" verwechselt die Grenze des menschlichen Er- 
kenn ens mit einer absoluten Grenze aller Dinge. Wir 
können nur in unserer Wirklichkeit erkennen, jenseits nur 
phantasieren, aber wir haben kein Recht, unsere Einsichten 
mit absoluter Erkenntnis zu verwechseln. Kant, den man 
sich nicht gescheut hat, als einen Parteigänger zu bezeichnen, 
ist von jeder Befangenheit im Urteil selbst frei geblieben. Er 
weifs, dafs der Rationalismus zwar „zum Praktischen vortreff- 
liche Prinzipien an die Hand giebt", aber indem er erlaubt, 
„idealischen Erklärungen der Naturerscheinungen nachzu- 
hängen", giebt er Anlafs, „darüber die physische Nach- 
forschung zu verabsäumen". Wenn der Philosoph den An- 
spruch zurückweist, als könne dem Metaphysiker jemals eine 
Erschaffungstheorie gelingen, wenn er die Vernunft selbst 
sich mit dem bescheiden läfst, was ihr ein unerforschlicher 
Ursprung zuerteilt hat, was will man an dieser Lehre noch. 



- 120 — 

bezweifeln? Er hätte nur noch sagen können: Es giebt über- 
haupt keine Einsicht! Wie kann man solcher „Einsicht" im 
Denken, Erkennen und Handeln Folge geben? Zu der skep- 
tischen Indifferenz unserer Tage konnte ein Mann wie Kant 
trotz aller gelegentlichen „Misologie" nicht „fortschreiten". 
Jedenfalls hätte er aber alsdann auch die Eonsequenzen seiner 
Auffassung gezogen. Welchen Sinn kann es haben, heute die 
Buchstaben der Kritik mikroskopisch zu prüfen, wenn man 
die ganze Bemühung des Philosophen (einschliefslich der eige- 
nen) nicht ernst zu nehmen hat? Es schreibt heute kein 
Kantkritiker ohne hochachtungsvolle Verbeugung vor dem 
grofsen Manne, den man freilich selbst in den Schatten stellt. 
Man begreift dies und jenes nicht, flugs war der Philosoph in 
Verwirrung. Kann man denn die Ursache nicht einmal bei 
sich selbst suchen? Und was hätte denn die Kritik der reinen 
Vernunft nur für Bedeutung, wenn sie die Widersprüche ent- 
hielte, die man so leicht entdecken kann? Kann man Witz 
und Scharfsinn nicht auf bessere Gegenstände verwenden? 
Wo soll denn nur die Reise hingehen ? Wer soll schliefslich 
über all die tausend, bei intensivem Studium unmöglichen^ 
also völlig nutzlosen Kontroversen entscheiden? 

25. Die Antinomienlehre gewinnt für den Philosophen den 
Wert einer Probe. Sie verifiziert den Lehrbegriff des trans- 
scendentalen Idealismus. Kant ist von der Erscheinung der 
Antinomien aus dem „dogmatischen Schlummer'* erweckt wor- 
den; das Beispiel David Humes, der die antinomischen 
Schwierigkeiten nicht zu heben vermochte, hatte die Gedanken 
angeregt, den Anteil des Erkenntnisvermögens am Gegenstande 
festzustellen. Nichts interessanter, als die feinen Fäden zu 
studieren, die, von Locke und Hume angesponnen, in der 
Kantischen Kritik feste Form erhalten. Wie kann man pri- 
märe und sekundäre Qualitäten nach ihrem Ursprung scheiden, 
wenn sie beide auf die Dinge aufser uns zurückgeführt, d. h. 
von Dingen aufser der Sphäre des Subjekts gewirkt werden? 
Hier giebt es nur eine Lösung. In aller empirischen Er- 
kenntnis begegnen sich zwei Elemente, von denen das eine 
dem Gegenstande als diesem besonderen zukommt, das andere 
ihn an Relationen beteiligt zeigt, ohne die er für uns über- 
haupt kein Gegenstand sein könnte. Wer diese Bedingungen 
als solche zugiebt, dem kann für das Erkennen ganz gleich- 



— 121 — 

gültig sein, was noch übrig bleibt, wenn er sich Dinge aufser* 
halb dieser Bedingungen, d. h. aufserhalb der Sphäre des Sub- 
jekts denkt. In der That ist die ganze Frage nur, ob das, 
was uns erscheint, was also selbst nicht als Erscheinung ge^ 
dacht wird, auch noch anders angeschaut werden könnte, als 
es von uns geschieht. Diese Frage ist aber für alle Zeiten 
dem Menschen unlösbar. Nun hat auf der einen Seite die 
transscendentale Ästhetik die beiden Undinge Baum und 
Zeit nach einer gründlichen Untersuchung dieser Begriffe 
selbst mit dem wesentlichen Argumente der Apriorität mathe- 
matischer Sätze aus dem Felde geschlagen. Sie sind als solche 
Undinge — problematisch gedacht — logisch möglich^ 
aber es ist nicht denkbar, dafs wir von Baum und Zeit in 
derselben Weise Kunde erhalten, wie von dem, was in ihnen 
bestimmt wird. Man könnte mit demselben Bechte die Yer* 
Standesbegriffe und was mit ihnen im Zusammenhange ist, 
wie z. B. die Zahl als Schema der Gröfse, aufser dem Subjekt 
realiter yorhanden denken und sich auf die logische Möglich- 
keit berufen, dafs die Zahlenreihe irgendwo yerwirklicht sei. 
Diese „Ungereimtheit" hat sich seit den mystischen Phantasien 
des Altertums kein Mensch zu schulden kommen lassen. In 
Bezug auf Baum und Zeit könnte man hundert Jahre nach 
Kant ebenfalls zur Einsicht gelangt sein. Dazu wäre nur nötig, 
dafs man mit den Worten transscendental und empirisch rich- 
tige und bestimmte Begriffe verbindet. Indessen, wenn man 
noch ein Fünkchen Vernunft im Menschen anzuerkennen ge- 
willt ist, so mufs man von der Kantischen Antinomienprobe 
(man kann auch seine Widerlegung des skeptischen Idealismus 
zu Hilfe nehmen) sich vollends überzeugen lassen. Man ge- 
wöhne sich dabei nur ab, das Problem etwa so einzuführen, 
dafs der Physiker sich einbilde, es mit Dingen an sich zu thun 
zu haben, während ihn die Frage im Grunde erst dann be- 
rührt, wenn er sich Bechenschaft über seine Prinzipien und 
den eigenen Horizont geben will. Der Physiker hat sich im 
allgemeinen nur zu fragen, ob er es mit Sätzen zu thun hat, 
die in einer gesetzmäfsigen Erfahrung bestehen können, oder 
ob er es mit einem blofsen Schein (wie im Traume oder bei 
der Sinnestäuschung) zu thun habe; nur der Metaphysiker ist 
es, dem seine Einbildungen benommen werden. Die Frage 
ist transscendental und nicht empirisch. In der Physik ver- 



— 122 — 

handelt man schon lange nicht mehr über den Anfang der 
Welt. 

Die Eantischen Beweise der Antinomien zeigen zur Evidenz, 
dafs der dogmatische Philosoph mit sinnlosen Begriffen sich 
selbst betrügt. Wenn die Welt der Erscheinungen ein an 
sich existierendes Ganzes ist, so ist sie entweder endlich oder 
unendlich, d. h. aber, sie ist in der einen oder anderen Weise 
an sich bestimmt gegeben. Diese Alternative ist unvermeidlich. 
Welchen Begriff verbindet Kant mit dem Unendlichen? Er 
sagt: Im Unendlichen soll die successive Synthesis der Einheit 
in Durchmessung eines Quantums nie vollendet sein. Das 
Quantum enthält dadurch eine Menge von gegebener Einheit, 
die gröfser ist als alle Zahl. Man sieht ein, dafs eine succes- 
sive Synthesis der Teile einer unendlichen Welt, die vollendet 
ist, ebensowohl widersprechend wäre, als eine endliche Welt, 
die an eine leere Zeit und an einen leeren Raum grenzte. Ein 
solches Verhältnis der endlichen Welt als eines absoluten 
Ganzen zu keinem Gegenstande, d. h. zu nichts ist eben 
selbst nichts. Eine leere Zeit, in der etwas anfängt, und ein 
leerer Baum, der die Welt begrenzt, sind beide als leer nicht 
denkbar. Sie unterscheiden sich ja als Grenzen von jedem 
anderen leeren Teile der leeren Undinge, sind also nicht zu 
denken. Aus diesem Widerstreit, dem sich kein Mensch 
unter den gegebenen Voraussetzungen zu entziehen vermöchte, 
folgt mit zwingender, unerbittlicher Notwendigkeit, dafs der 
dogmatische Begriff von einer Welt (als mundus phaenomenon, 
dem Inbegriff der Erscheinungen) als einem an sich existieren- 
den Ganzen, das der Dogmatiker wie der gemeine Verstand 
„gleichsam unbesehen** voraussetzt, falsch ist. Und hieraus 
folgt wiederum mit demselben Zwang: Erscheinungen sind 
aufser unseren Vorstellungen nichts, wir erkennen nur 
Gegenstände der Sinne, Phaenomena und nicht Noumena. 

Und durch eine solche Spielerei mit Begriffen, wendet der 
Skeptiker ein, soll über eine Weltfrage entschieden werden? 
Aber sieht er nicht, dafs man hier in der bescheidensten 
Weise Fehler des Denkens richtig stellt, die dogmatische Denk- 
weise verschuldet hat. Wer Erscheinungen für Dinge an sich 
selbst, wer die Grundsätze des Verstandes für Gesetze nimmt, 
die Dinge an sich miteinander verbinden, der kommt in jenen 
Konflikt, der eine Lösung fordert. Die „Weltfrage" ist von der 



— 123 — 

Metaphysik aufgeworfen worden, und wenn schon der gemeine 
Verstand sich ihrer nicht erwehren kann, so hat der Philosoph 
Ursache, sich hier um das Verständnis der eigenen Erkenntnis 
2U bemühen. Eben da, wo jene Weltfragen entspringen, hat man 
auch ihre Lösung zu suchen. Kant mifst hier, wie überall, den 
Gebrauch der Vernunft an den Prinzipien, die in wahrhafter Er- 
kenntnis eingebettet liegen. Der Spielerei mit Begriffen wird ein 
Ende gemacht, und das gelingt, wenn man einsehen lernt, dafs 
die Gegenstände der Sinne nur in der Erfahrung existieren und 
dafs sie vor aller Erfahrung in derselben Qualität eben 
nicht existieren. Das Subjekt macht sie um deswillen nicht, das 
ist ein Unsinn, aber sie haben nur Sinn in den Formen seiner 
Sinnlichkeit, von denen man zwar abstrahieren, aber von denen 
man jene Gegenstände nicht befreien kann, ohne sie als 
solche selbst aufzuheben. Wer das Ding an sich denkt, der 
denkt damit nur etwas Unbestimmbares; er hat die B^ingung 
des erkennbaren Gegenstandes, den wir ohne Baum und Zeit 
nicht haben würden, aufgehoben. Und nun soll er auch ver- 
stehen lernen, dafs die logische Operation, zu der man 
zweifellos imstande ist, eben das in Gedanken aus dem Gegen« 
Stande herausnimmt, was ihn allein zu einem bestimmbaren 
Gegenstande macht. Die Sätze der Antinomien haben es mit 
der Welt der Erscheinungen zu thun, sie setzen keinen mundus 
inteUigibilis , dessen Begriff Kant zuerst, wenn auch negativ, 
bestimmt, voraus. Dort haben wir es nur mit Dingen zu 
thun, die uns gegeben werden können, hier aber bleibt nichts 
als „der allgemeine Begriff einer Welt überhaupt, in welchem 
man von allen Bedingungen der Anschauung derselben abstra- 
hiert und in Ansehung dessen folglich gar kein synthetischer 
Satz weder bejahend noch verneinend möglich" ist, d. h. es 
bleibt nichts als der blofse Gedanke von einer Welt an sich, 
in der für uns nichts unterscheidbar und nichts bestimmbar 
ist. Man kann hier bemerken, wie die synthetischen Sätze 
a priori, die von den Antinomien ausgesagt werden, in ein 
Nichts aufgelöst werden, und man kann sich davon überzeugen, 
wie notwendig es war, vorerst die Natur dieser Sätze zu 
studieren und die Bedingungen festzustellen, unter denen 
ihre Synthesis gerechtfertigt ist. Der bescheidene Philosoph 
Btellt sie nur fest, schlägt aber die Frage nach ihrer eigenen 
Möglichkeit aus, soweit sie im Jenseits liegt. Er will sie nur 



— 124 — 

einsehen, soweit sie an der Erkenntnis beteiligt sind. Wer 
dadurch nicht befriedigt wird, der müfste doch wenigstens Yon 
dem Nutzen der Feststellung zu überzeugen sein , wenn ihm 
nachgewiesen werden kann: Hier fehlen jene Bedingungen, also 
sind jene Sätze nur Anmafsungen und keine Erkenntnis. 

Nur wer den Blick von der Seite der Physik mit ihrem 
empirischen unterschiede von Schein und Wirklichkeit auf 
diese Grundlehren richtet und zur Höhe des transscendentalen 
Gedankens in seinen Abstraktionen nicht gelangen kann, der 
wird in diesem Kantischen Idealismus eine Möglichkeit er- 
blicken, die unsere reale Welt in blofsen Schein verwandelte, 
oder der wird vielleicht mit einem mehrdeutigen Schlagworte 
von Subjektivismus reden. Aber der transscendental gedachte 
Unterschied trennt eben die Erscheinungen als Gegenstände 
der Sinne von Dingen, wie sie sich die Metaphysik nur ge- 
dacht h^t, d. h. von an sich seienden Wesen, sofern sie auch 
unabhängig von unseren Sinnen angenommen werden. Durch 
die Metaphysik, die unsere Bedingungen der Sinnlichkeit aus- 
schalten und dennoch etwas erkennen möchte, ist die Kritik 
hervorgerufen worden, und nur sie giebt dem Blicke die Rich- 
tung. Es giebt einen logischen Widerspruch, wenn man von 
Dingen im Baume und in der Zeit spricht, nachdem man im 
Begriff des Dinges von aller Anschauung und damit zugleich 
von der Möglichkeit einer jeden Synthesis selbst abstrahiert hat, 
und es ist nun kein Wunder, wenn der unmögliche Begriff auf 
verschiedene sich widersprechende Sätze führt, die beide falsch 
sind. Wie die Sätze: Ein viereckiger Zirkel ist rund, oder: 
Ein viereckiger Zirkel ist nicht rund, beide zugleich falsch 
sind, so sind auch die Sätze: Die an sich existierende Welt 
der Erscheinungen ist endlich ^ oder: sie ist unendlich, beide 
falsch, weil sie von einem unmöglichen Begriffe etwas aus- 
sagen wollen. 

26. Kant erkennt nicht allein die Wirklichkeit an, wie sie 
eben von der Physik erforscht wird, sondern er versteht sie 
auch richtig; aber er spannt nicht die Pferde hinter den 
Wagen der Naturwissenschaft, den er in gutem Zuge wufste. 
Die Physik hat weder am Ding an sich, noch an den Ob- 
jekten, die man in den Ideen problematisch denkt, ein 
Interesse. Erst wenn man über die Grenzen möglicher Er- 
fahrung hinausgehen möchte, tritt der Unterschied in sein 



— 125 — 

Recht. Wir können nur so Gegenstände bestimmen, wie es 
von Bedingung zu Bedingung schreitend, die Naturwissenschaft 
immer thut. Wir unterscheiden auch in der Physik die blofse 
Erscheinung von dem Gegenstande, auf den sie sich em- 
pirisch bezieht, wie z. B. den Regenbogen von den Regen- 
tropfen, deren Gegenwart sich durch jene Lichterscheinungen 
verkündet, aber dieser empirische Unterschied ist nicht mit 
jenem transscendentalen zu verwechseln, der von der Meta- 
physik hervorgerufen worden ist. Ihr wird das Recht auf das 
blofse Hirngespinst entzogen, und wenn irgend eine Erschei* 
nung der menschlichen Vernunft geeignet ist, das Vertrauen 
zur Vernunft zu stärken, so ist es die Eantische Lösung der 
Antinomie^). Hatte John Locke, der im übrigen kein völliger 
Vemunftverächter war, die Ansicht ausgesprochen, dafs die 
Vernunft die Schwierigkeiten nicht aufhellt, wo man auf 
falschen Grundsätzen baut, sondern immer tiefer in den Irr- 
tum verwickelt, so löst sich dem grofsen Denker aus der 
rationalistischen, immer etwas gründlicher (gleichsam in einem 
anderen, tieferen Stockwerk) forschenden Schule ein altes 
Mifsverständnis in glänzend einfacher Weise. Auf „Zauber- 
künste" verstand sich der Philosoph freilich nicht, aber 
es ist ihm gelungen, mit seinem idealistischen Lehrbegriff 
die Physik nicht minder als die Mathematik vor den „Chi- 
kanen" einer „seichten" Philosophie in Schutz zu nehmen. 
Hatten sich beide Wissenschaften von der dogmatischen Philo- 
sophie schon seit den Tagen Newtons in erfolgi-eicher Selbst- 
ständigkeit geschieden, so wird die Trennung von Kant nun 
in aller Form vollzogen. Die Metaphysik aber, die aus der 
Feuerprobe der Kritik hervorgeht, ist nunmehr nichts anderes, 
als die Erkenntnis der eigenen Vernunft, die ein gnädiger 
Federstrich aus einem Erkenntnisvermögen, das apriorische 

1) Die Lösung der Antinomie ist natürlich von dem Eantischen Lehr- 
begriff abhängig; die Antinomien selbst aber sind dogmatisch, d. h. unter 
der Yoraussetzimg bewiesen, dafs empirisch gegebene Erscheinungen 
Dinge an sich wären. Sofern bedeuten sie eine Erscheinung der Yemunft, 
die jedermann an sich erfährt Die Kantischen Beweise sind unantastbar, 
und eben deshalb ist kein transscendentaler Realismus ohne Widersprüche 
denkbar. Man kann sie mit Yogelstraufspolitik links liegen lassen oder 
dogmatisch und trotzig auf der einen oder anderen Behauptung bestehen. 
Will man Kant überwinden, so mag man die Antinomien auf die eine oder 
andere Weise lösen. Kant war sicher, dafs es nie gelingen kann. 



— 126 — 

Prinzipien für den Erfahrungsgebrauch an die Hand giebt, zu 
einem absoluten Schöpfungsprinzip zu ernennen vermag. Kein 
Wunder, wenn wir den Dingen alles austreiben, was sie für 
uns zu Gegenständen macht, so bleiben wir mit unserer 
Vernunft allein; aber wir haben so wenig ein Recht, in intelli- 
gible Wesen und Welten unsere Vernunft hineinzulegen, wie 
wir eine höchste unergründliche Intelligenz nach unseren be- 
scheidenen Fähigkeiten zu beurteilen berechtigt sind. 

Dafs wir den Ideen der Vernunft folgen, um unsere Er- 
fahrung zu erweitem und zur systematischen Einheit zu bringen, 
ist freilich ein hochgehenden Ansprüchen nur gering erscheinen- 
der Zweck. Auf der anderen Seite sind skeptische Bedenken, 
auch gegen die Eantische Philosophie gewandt, völlig ungerecht. 
Was nun mit einer superklugen Bescheidenheit auf dem Gebiete 
der ohne Apodiktizität ihrer Lehren jede Bedeutung verlieren- 
den Logik und Kritik ausgerichtet werden soll, ist völlig un- 
ergründlich. Man benützt Verstand, Veniunft und Sinne be- 
ständig, aber man erwirbt dadurch kein Recht, festzustellen, 
was sie a priori zu leisten vermögen. Wer hindert daran, den 
Gebrauch der Funktionen empirisch zu untersuchen, nachdem 
man sie festgestellt hat? Leibniz hatte das Gleichnis des Marmor- 
blocks, bei dem vorher schon vorhandene und zunächst unsicht- 
bare Adern heraustreten, um die angeborenen Ideen begreiflich 
zu machen, John Locke gab für die Seele das Bild der tabula 
rasa. Kant behauptet weder angeborene Ideen, noch verrät er 
irgend ein Geheimnis, das sich unserer Erkenntnis ewig ver- 
birgt. Er geht von der Thatsache wirklicher, reiner, d. h. all- 
gemeiner und notwendiger Erkenntnis aus und hat mit diesem 
Kennzeichen die Möglichkeit gewonnen, das zu scheiden, was 
am Gegenstande als Form notwendig, was an ihm Inhalt und 
also mit Rücksicht auf das Erkenntnisvermögen zufallig ist. Wir 
haben kein Objekt ohne Empfindung, aber sie selbst können 
wir niemals antizipieren. Alles, was mit dieser Empfindung zu- 
sammenhängt, ist empirisch; was sich aber mit Allgemeinheit 
und Notwendigkeit einsehen läfst, ist a priori, das giebt in der 
Erkenntnis die eigene Vernunft. Diese Scheidung bedarf im 
Grunde keines Gleichnisses, sie ist von der formalen Logik, von 
der reinen Naturwissenschaft und endlich von der Mathematik 
schon vollzogen — man hat nur die Erfahrung nach den not-' 
wendigen Bedingungen zu untersuchen, die sie allgemein mög- 



— 127 — 

Uch machen. Nicht selten stellt man der Kantischen Kritik 
das Verüahren der empirischen Psychologie gegenüber. Man 
läfst den Verstand sich an den Gegenständen der Erfahrung 
entwickeln und üben. Das geschieht ja vor unseren Augen 
alltäglich, nur berührt es die kritischen Fragen ganz und gar 
nicht. Kant hätte jene Übung und Entwickelung schon deshalb 
nicht bestreiten können, weil er als vernünftiger Mensch sie 
selbst ausdrücklich behauptet. Auch Leibniz, nach dessen Lehre 
das Erkenntnisyermögen durch die äufseren Objekte erweckt wird, 
würde diese Thatsache, die von Locke zum Ausgangspunkte der 
Untersuchung gemacht wird, nicht in Abrede stellen. Nur ist die 
Frage der Erkenntniskritik etwas tiefer liegend. Locke und Hume 
suchen die Grenzen unserer Einsicht; Hume macht vor der Mög- 
lichkeit der Erfahrung selbst Halt. Aber eben ihr Ursprung 
soll mit Bücksicht auf die Erfahrung selbst begreiflich gemacht 
werden. Die Grundgesetze sind nicht aus der Erfahrung ge- 
folgert; aber sie allein giebt ihnen Realität und leistet voll* 
gültiges Zeugnis. Man kann das Obst in Konserven kaufen, 
vergifst aber hoffentlich nicht, dafs es ursprünglich von den 
Bäumen gepflückt ist. Jenen Ursprung kann man nur in der 
menschlichen Vernunft, die unser Eigentum ist, nachweisen, und 
es handelt sich um keine andere Aufgabe bei Kant, als hier 
die Funktionen, die Leistungen des Erkenntnisvermögens zu 
bestimmen. Für die empirische Psychologie macht Kant die 
Bahn frei; das denkende, fühlende, wollende Subjekt steht als 
Erkenntnisobjekt innerhalb derselben Natur, deren formale Ge- 
setze die kritische Erkenntnislehre zur Einsicht bringt. Sie wird, 
wenn sie diese Einsicht nützt, niemals auf Fragen, wie z. B. 
die Möglichkeit einer Verbindung von Körper und Seele, stofsen, 
die immer unlösbar bleiben müssen. Ist doch die Frage nach 
der Möglichkeit einer Gemeinschaft von Substanzen überhaupt 
„aufser dem Felde aller möglichen Erkenntnis", wo man nur 
mit Rücksicht auf mögliche Erfahrung einzusehen sich be- 
gnügt. 

27. Wir kehren nach dieser Abschweifung zur Antinomien- 
lehre zurück, die in ihrer systematischen Vollkommenheit ein 
glänzendes Zeugnis für den Leitfaden der Kategorien ablegt 
Aber auch in der Betrachtung der verschiedenen Antinomien 
selbst leistet die Einsicht in die Gruppentrennung, in der schon 
die Kategorien erscheinen, wichtige Dienste. Kant scheidet 



— 128 — 

mathematiBche und dynamische Kategorien, wie er auch nach 
dieser natürlichen, von der Mathematik diktierten Einteilung 
die Grundsätze des Verstandes trennt. Erstere beziehen sich 
auf das Wesen der Gegenstände als Anschauungen, letztere 
auf ihr Dasein. Für die Antinomien bedingt dieser Unter- 
schied ebenfalls eine verschiedene Wertung. Die beiden ersten 
Antinomien machen einen Ausgleich unmöglich, weil eine jede 
ihrer Thesen und Antithesen gegen das Wesen der Erscheinung 
selbst verstöfst, in der man sich sofern mit der Synthesis der 
Zusammensetzung oder mit der Teilung des Gleichartigen 
beschäftigt. Diese mathematischen Beziehungen haben nur in 
einer möglichen Erfahrung Bedeutung, sie sind, wenn man Yon 
der Gleichartigkeit des Verknüpften abgeht, im Widerstreit mit 
den Begriffen selbst, die zur Antinomie den Anlafs geben. Der 
Begriff der Gröfse des Ausgedehnten läfst also Ungleich- 
artiges nicht zu, während dem Begriff der Kausalität 
nicht widerspricht, dafs auch Ungleichartiges miteinander als 
verbunden gedacht wird. Man verstehe diesen Gedanken nicht 
falsch. Man kann durch die Kausalität nur Anschauungen, 
Erscheinungeui d. h. aber Gegebenes bestimmend verknüpfen ; 
aber im Begriffe einer intellektuellen Synthesis wird an sich eine 
Verschiedenartigkeit von Ursache und Wirkung nicht ausgestofsen, 
wie das für die Zusammensetzung und die dekomponierende 
Synthesis in der That der Fall ist. Ein logischer Widerspruch 
ist in dem Gedanken an eine unerforschliche Bedingung, an 
einen transscendentalen Grund so wenig enthalten, als in dem 
einer unerforschlichen Kausalität selbst. In den beiden letzten 
Antinomien wird eine Kausalität aus Freiheit und ein not« 
wendiges Wesen erwogen. Es kommt für die Lösung in 
diesen beiden Fragen nicht auf die Gröfse der Reihe selbst 
an, sondern auf das dynamische Verhältnis der Bedingung zum 
Bedingten. Waren die ersten Antinomien nur so auflösbar, dafs 
man einsah, wie sich in dem zu Grunde liegenden Begriffe ein 
Widerspruch verbarg, den erst der spekulierende Verstand 
in die Natur der Erscheinung hineinbringt, so fragt es sich, ob 
die beiden letzten Antinomien unter allen Umständfen demselben 
Schicksal verfallen sind. In die Beihe der Erscheinungen kann 
eine andere als eine sinnliche Bedingung nicht hineinkommen, 
und der Verstand hat auch bei den letzten Antinomien ein 
zwingendes Interesse, dafs man die Möglichkeit der Erfahrung 



-" 129 — 

lücht durch Bedingungen in der Reihe selbst störe; es wird 
also auch hier das Unbedingte Ton der Kette der Bedingungen 
selbst auszuschlieisen sein. Kant macht hier den Anwalt der Ver- 
nunft, der dem Gegner (auf dem Bechtsgrunde der Logik) einen 
Vergleich vorschlägt, ohne eben seine Interessen zu gefährden. 
Wenn zwei Sätze wider einander zu streiten scheinen, so besteht 
nicht allein die Möglichkeit, dafs sie beide falsch sind, sondern 
sie können auch denkbarerweise beide richtig sein. Im 
ersten Falle mufs ein widersprechender Begriff den Aussagen 
zu Grunde liegen, im zweiten hat man zu prüfen, ob uns nicht 
etwa eine zwiefache Bedeutung des Begriffs nur einen Gegensatz 
vorgespiegelt hat. Wenn man von jemandem sagen würde, er 
sei entweder ein guter Arzt oder kein guter Arzt, so könnten 
dennoch beide Behauptungen wahr sein, wenn man das eine 
Mal seine Fähigkeiten als die eines Chirurgen, das andere Mal 
die eines „inneren Klinikers" im Auge hat Man kritisiere das 
harmlose Beispiel nicht, indem man etwa auf Sophismen hin- 
weist-. Es handelt sich ja nur darum, die logische Mög- 
lichkeit eines Ausgleichs unter sich widersprechenden Aus- 
lagen zu zeigen, an denen hier ein ewiges Interesse der Menschen 
hängt. Die Vernunft hat jene Gegensätze hervorgerufen, und 
es wäre wunderbar, wenn sie nicht den Schlüssel fände, sie zu 
lösen. Es ist leicht, über jene metaphysischen Sätze zu spotten, 
indessen entstammen sie einer Erscheinung, auf die das Menschen- 
geschlecht, und nicht in seinen geringsten Repräsentanten, 
immer geführt worden ist. Es kann nicht fordern, hier die 
Waffen zu strecken, die zu Grunde liegenden Ideen lassen sich 
'nicht bannen. Man kann die Freiheit, d. h. die Verantwortlich- 
keit des Menschen leugnen, aber man kann sich dennoch prak- 
tisch dieser Idee nicht entziehen. 

Kants Unterscheidung von Ding an sich und Erscheinung 
giebt die Möglichkeit einer Lösung. In der That steht kein 
logisches Gesetz dem Gedanken im Wege, die Reihe der Er- 
scheinungen nach den unerläfslichen Forderungen des Ver- 
standes in ihrem Ablauf als empirisch bedingt, d. h. als Natur 
anzusehen und dennoch auTser dieser Reihe unerforschliche 
Bedingungen wirkend zu denken, die nicht erst in der Zeit 
entspringen, aber dennoch in der Zeit zur Geltung kommen. 
Eine Kausalität also , die nicht zeitlich ist, wird man sagen, 
welcher Widerspruch! Aber davon kann ja gar nicht die 

Gk>ld«chmidt-MeUlB. 9 



— 130 — 

Bede sein, wenn man die Unerkennbarkeit dieser Kausalität 
nicht etwa zugesteht, sondern wenn man immer behauptet 
und beweist, dafs man eben mit der Kausalität nur dann 
einen theoretisch bestimmten Sinn verbinden kann, wenn man 
es mit erkennbaren Dingen, d. h. mit Erscheinungen zu thun 
bat. Giebt man nicht zu, dafs der Kausalbegriff ein not- 
wendiger Begriff des Verstandes ist, so hat man alle diese 
Betrachtungen nicht nötig; dann operiert freilich schon die 
gemeine Erfahrung mit blanken Einbildungen. Dann wären 
die Antinomien nicht „echte" Probleme der menschlichen Ver- 
nunft, wie sie als solche — inkonsequent genug -- ein phrasen- 
reicher Vertreter der „wahrscheinlichen Kausalität anerkennt; 
sie wären die blanken Schrullen. 

Nicht oft genug kann wiederholt werden, dafs man in allen 
diesen Gedanken Kants nichts suchen darf, was wie eine Er- 
kenntnis übersinnlicher Verhältnisse sich ausnehmen würde. 
Auch bei der Beurteilung der formalen Naturgesetze, die das 
erkennende Subjekt den Erscheinungen überwirft, hat man 
sich Yor dem Mifsverstande zu hüten, der vom Philosophen 
mehr verlangt, als er zu geben verspricht und — wöfern er 
kein Schelm ist — versprechen kann. Begnüge man sich doch 
zunächst einmal mit dem Verständnis der Gedanken; in zweiter 
Linie wird sich leicht entscheiden, ob man zustimmen müsse 
oder nicht. 

Freiheit und Natur widersprechen sich nicht, wenn man 
von der uns gegebenen erkennbaren Welt eine nur gedachte, 
inielligible, d. h. unerforschliche Welt unterscheidet, von der 
wir nicht mehr als einen problematischen, d. h. von der wir 
keinen bestimmten Begriff haben« Denken mufs sich dieser 
Unterschied doch wenigstens lassen, auch wenn wir nur auf 
unserer Seite Bestimmungen haben, die wir von der anderen 
notwendig leugnen müssen. Wir können mit Recht nur die 
Erkennbarkeit jenseitiger Objekte bestreiten, das lehrt eben 
kritischer Idealismus. Der Unterschied würde allerdings auf- 
gehoben sein, wenn wir uns die Fähigkeit zusprechen, Dinge 
an sich zu erkennen, d. h. wenn die Gegenstände, auf die wir 
unsere Begriffe in der Erfahrung beziehen, nicht blofs relativ 
auf das sich immer zugleich mitdenkende Subjekt, sondern 
unabhängig von ihm und seiner Sinnlichkeit in derselben Quali- 
tät existierten. Dann müfste — problematisch gesprochen und 



— 131 — 

wenn wir von sonstigen Ungereimtheiten absehen — unser Ver- 
stand nicht blofs denken, sondern auch anschauen können; in 
der Erkenntnis der Dinge, die Naturnotwendigkeit verlangt, wäre 
alles erschöpft, Kausalität und Freiheit wären widersprechend. 
Bei ausschliefslicher Herrschaft der Naturnotwendigkeit könnte 
man keine Verantwortlichkeit des handelnden Menschen mehr 
denken. Die eigene Vernunft, die unserem Verständnis am 
nächsten liegt, würden wir nicht mehr verstehen, die hier die 
Naturnotwendigkeit einer Handlung feststellt und dennoch be- 
hauptet, sie hätte unterbleiben sollen. Kann der Transscen- 
dentalphilosoph den Widerspruch nicht hinwegräumen, so ist 
eine Einstimmung der Vernunft nicht zu erreichen. Die so- 
genannte „doppelte Buchführung", ein übrigens unpassendes 
und als Phrase häufig zu Unrecht auch gegen Kant verwendetes 
Gleichnis, dekretiert, was man eben „braucht", und hat es 
leicht, hier eine Kausalität aus Natur und dort eine Kausalität 
aus Freiheit zu befehlen. Wenn dem Philosophen der 
Widerspruch nichts ausmacht, so weifs man freilich nicht 
mehr, Vas seine eigentliche Bestimmung bedeutet. Von Kant 
bleibt dann allerdings nicht viel mehr, als dafs er sich mit 
vielem Scharfsinn eine ganze Wissenschaft eingebildet habe, 
und dafs er sonst ein guter, gläubiger Mensch war. Erkennen 
und nach vernünftigen, sittlichen Bestimmungsgründen han- 
deln — das kann man auch, ohne Philosophie zu treiben oder 
anzuhören. Man würde also den Widerspruch nicht zu lösen 
nötig haben, wenn nicht die immer wieder auftauchenden 
metaphysischen Versuche samt den skeptischen Einwürfen, die 
ihnen auf dem Fufse folgen, gebieterisch verlangten, dafs man 
feststellt, was hier ohne Widerspruch noch gedacht werden 
kann, was nicht. Auf diese logische Möglichkeit kommt alles 
an. Niemand kann im wissenschaftlichen Ernste, „mit dog- 
matischem Trotze" eine andere logische Möglichkeit dieser 
entgegensetzen, wo die Gegner von ihrem Objekte gleich wenig 
wissen. Hier wird die Vernunft dialektisch. Deshalb hat man 
auch im polemischen Gebrauche dem dogmatischen Gegner nur 
logische Möglichkeiten entgegenzustellen, um ihm zu zeigen, 
dafs er keine wissenschaftliche Position hat. Er hätte 
sie, wenn irgend jemand behaupten könnte, dafs wir a priori 
von Dingen an sich etwas wissen. Ein moderner Schriftsteller, 
der gerade die ethische Seite der Kantischen Philosophie zu 

9» 



- 132 — 

vertreten behauptet, versucht, Kant zu einer solchen Erkennt- 
nis zu drängen. Er bemerkt dabei gar nicht, dafs er den 
Ast absägt, auf dem er gern sitzen möchte. Die alten Schulen 
wollen vom an sich Seienden etwas wissen; sie decken dies 
Wissen durch die feierliche Form systematischer Lehre. Dazu 
mufs man doch wenigstens wissen, was man bei dem „An 
sich*^ denkt und wiefern hier wenigstens richtige Gedanken 
vorhanden sind. Man kann diesem ewigen Ringen um eine 
Einsicht nicht mit oberflächlicher Abwehr entgegentreten; 
man hat anzuerkennen, was hier Wahrheit, was nur Täusch- 
ung gewesen ist. Kann es aber in all diesen unabweislichen 
Fragen eine bescheidenere und sicherere Lehre geben, als 
die Kantische: Der sterbliche Mensch ist durch die Natur 
der eigenen Vernunft gezwungen, Unerforschliches zu denken; 
kein dogmatischer konsequenter Empirist hat ein Mittel, ihn 
dieses Gedankens, in dem sich kein Widerspruch und keine 
Beeinträchtigung empirischer Forschung verbirgt, zu nehmen. 
Was uns alltäglich und vertraut ist, glauben wir zu begreifen, 
und doch führt schon das Nachdenken des gemeinen Mannes 
sehr bald auf Unbegreifliches, vor dem er sein Haupt beugt. 
Kein Forscher hat hier vor ihm einen Vorzug. Der empirischen 
Forschung ist innerhalb möglicher Erfahrung kein Ziel ge- 
setzt, aber der Forscher soll nicht vergessen, dafs er sich bei 
allen seinen Objekten immer selber mitdenkt samt den Beding- 
ungen, denen er selbst als Mensch unterworfen ist. Vielleicht 
entwickelt man einmal, wie das kosmische System aus der Ma- 
terie entstanden, wie sich aus ihr nach mechanischen 
Gesetzen die organische' Welt, das denkende Wesen gebildet 
hat, d. h. wie in die Materie Leben und Vernunft hinein- 
gekommen ist. Die Beschreibung der natürlichen „Entwicke- 
lung" von Verstand und Vernunft an den Objekten, die man 
an die Stelle der vernunftkritischen Untersuchung treten lassen 
möchte, ist dagegen freilich ein Kinderspiel. Niemand wird 
eine solche Entwickelung leugnen und in Abrede stellen, dafs 
sie zu beschreiben eine wichtige Aufgabe sei. Diese Ent- 
wickelung ist in gewissen Hinsichten zufällig, wie die jeweiligen 
empirischen Vorgänge des Bewufstseins selbst; dafs sie aber 
in allgemeinen und notwendigen Bedingungen wurzelt, dafür 
giebt jeder Satz der Mathematik eine hinreichende Garantie. 
Die Verschiedenheit der Individuen und was sonst an skep- 



— 133 — 

tischen Argumenten aufgeboten wird, beweist nichts gegen die 
Thatsache einer allgemeinen Menschenvernunft, von der Normen 
des Erkennens und Handelns abstammen, während uns ihr 
eigener Ursprung ewig verschlossen bleiben mufs. In der 
Feststellung ihrer Funktionen ist hier der Arbeit der eigenen 
Vernunft eine sichere Grenze gesetzt. Wollte uns jemand 
aber sagen, wie nun diese Vernunft an sich selbst möglich 
sei, so könnten wir ihn auch nicht einmal begreifen. Gesetzt, 
es könnte gelingen, die Umwandlung des Anorganischen in 
das Organische in jedem Moment der Entwickelung zu be- 
obachten und diese Beobachtung fortzusetzen, bis ein voll- 
kommen gereifter, wissenschaftlich arbeitender Mann vor un- 
seren Augen entstanden wäre und den Abschlufs bildete, gesetzt 
ferner den vermessenen Gedanken, dafs wir selbst mit eigenen 
Mitteln diese ganze Entwickelung hervorrufen könnten — wir 
würden immer noch die Frage als eine unlösbare übrig be- 
halten, welcher höhere Grund jene Entwickelung, vor allem 
aber unsere eigenen Künste möglich mache. Dieser Gedanke 
ist eine Vernunftnotwendigkeit, und er würde bleiben, wenn 
die ganze Entwickelung der Erscheinungswelt vor unserem 
Auge oflfen läge. Hier bleibt also eine ewige Frage, und es 
giebt für die Unmöglichkeit der Antwort kein besseres Gleich- 
nis — so banal und verbraucht es ist — als den Zopf des 
Herrn von Münchhausen. Der Naturforscher kann uns denk- 
barerweise eine einwandsfreie Entstehungsgeschichte des Kos- 
mos, der Entwickelungstheoretiker eine vollkommene Ausfüh- 
rung seiner Idee von der Entstehung des Menschengeschlechts' 
geben, aber er ist bei seinen Gegenständen immer mit dem 
eigenen Erkenntnisvermögen beteiligt, nach dem er zu urteilen 
gezwungen ist. Seine Objekte liegen im Bereiche möglicher 
Erfahrung, sie werden durch Wahrnehmungen bestimmt und 
was mit ihnen in einen Zusammenhang treten kann. Diese 
Einsicht bannt jede Mystik und fördert sie also nicht im 
mindesten. Sie verlangt keine Zeichen und Wunder, das 
Natürliche selbst, die eigene Vernunft, der sie sich dank- 
bar bewufst wird, ist ihr des Wunders genug, und sie be- 
scheidet sich mit dem , was für sie erreichbar ist. Das 
ist im Grunde die Bedeutung der Kantischen Lehre von 
der uns durch unsere Natur aufgezwungenen Welt der Er-' 
scheinungen, in der man den lUueionismus mit einer ge- 



— 134 — 

dankenlosen Ängstlichkeit und Besorgtheit wittert — als ob 
wir auch dafür die Verantwortang trügen, wie sich die Welt 
an sich, d. h. ohne unsere Sinne mit ihren Gesetzen und 
ohne unsere Verstandesbegriffe, die für unsere Anschauungen 
Bestimmungen treffen, ausnimmt. Wir können eine Einsicht 
in das Unerforschliche nicht ertrotzen. 

Dafs in der Reihe der Erscheinungen eine unverbrüchliche 
Kausalität, d. h. Naturnotwendigkeit herrschen mufs, ist von 
Kant mit Rücksicht auf mögliche Erfahrung bündig bewiesen. 
Jedermann kann selbst einsehen, dafs eine empirische Wissen- 
schaft, die diese Grundlagen aufgiebt, Selbstmord begeht. Das 
gewöhnliche Leben kann ohnedies von einer solchen Skepsis 
der Gelehrtenstube nicht betroffen werden. Wie sollte aber 
damit ein logischer Widerspruch verknüpft sein, dafs man 
aufserhalb der Reihe eine unerforschliche Kausalität sich 
denkt, die eben deshalb auch unbegreiflich und für sich un- 
bestimmbar ist? Ist es uns in der Erkenntnis nur darum 
zu thun, eine unverbrüchliche Einheit im Gebiete unserer 
Wahrnehmungen festzustellen, und verlangen alle Fragen des 
Physikers nur Antworten, die in einer Erfahrung miteinander 
bestehen können, so ficht das kein sittliches Urteil an. Ge- 
schehene Dinge sind nicht zu ändern, sie sind auch nur auf 
eine einzige Weise richtig zu verstehen, d. h. aber, sie waren 
^hypothetisch'^ notwendig. Kein Mensch aber kann sich des 
Urteils weigern, diese Handlung für recht, jene für unrecht 
zu erklären. Diese Frage berührt die theoretische Spekulation 
nicht; es ist nur zu entscheiden, ob sie vermag, jenes Urteil 
mit Gründen der Vernunft Lügen zu strafen. Wäre freilich 
die Kausalität selbst nicht sicher, so bildeten wir uns Er- 
kenntnis nur ein; wie wir aber einen solchen zweifelhaften 
Begriff auch nur analogisch auf Unerforschliches übertragen 
sollten, könnte uns kein Mensch mehr plaxwibel machen. 
Sind wir schon betrogen, wo wir der Erkenntnis des Gegen- 
standes sicher sind, was hat man von jenem Begriffe zu halten, 
wo es sich um das Unerforschliche selbst handelt! 

Kants Lehre schafft Klarheit in der Frage: Ist es ein 
richtiger disjunktiver Satz, dafs eine jede Wirkung „in der 
Welt entweder aus Natur oder aus Freiheit entspringen 
müsse?" Kann nicht vielmehr beides in verschiedener Be- 
ziehung bei einer und derselben Begebenheit zugleich statt 



^ 135 — 

finden? Hier wird keine Lücke des VerBtändnisses verkleistert 
und keine mystische Einbildung befordert Die Liicke bleibt,: 
aber der so oft behauptete Widerspruch wird mit aller Schärfe 
menschlicher Vernunft aufgehoben. Wer die absolute, nicht 
blofs die empirische Realität der Erscheinungen und damit Raum 
und Zeit für an sich seiende Dinge erklärt, der kann jene Frage 
nur bejahen und hört damit auf, seine eigene Vernunft zu: 
yerstehen. Für ihn ist „Natur die vollständige und an sich 
hinreichend bestimmende Ursache jeder Begebenheit, und die 
Bedingung derselben ist jederzeit nur in der Reihe der Er* 
scheinungen enthalten, die samt ihrer Wirkung unter dem 
Naturgesetz notwendig sind^'. Wie will er sich das Recht 
zusprechen, dennoch ein sittliches Urteil zu fällen? 

Man vergegenwärtige sich nur angesichts der Frage nach 
der Begreiflichkeit, was wir denn eigentlich von allen 
diesen Urteilen, die wir alltäglich fällen, in Wirklichkeit zu 
begreifen ein Recht haben? Wir finden den Eausalbegriff 
samt seinem unerbittlichen Zwang als eine Thatsadhe in un< 
seren Erfahrungsurteilen vor, die wir nicht für das Subjekt 
allein, Sondern für ein jedes menschliche Wesen als bindend 
erachten. Man sehe vom Inhalt einmal ab, es steht ja nur 
die Form in Frage. Ohne Kausalität ist keine Erkenntnis der 
Natur möglidi, und eben deshalb ist auch ohne sie Natur ^Is 
Gesetz der Veränderungen selbst undenkbar; das können wir 
begreifen, die Kausalität an sich selbst, die Möglichkeit der Ver- 
änderung begreifen wir hier im Grunde nicht, wohl aber sie und 
unseren Verstand, sofern er die Fähigkeit hat, gegiebene Wahr- 
nehmungen so zu verknüpfen, dafs die Verknüpfung in einer 
Erfahrung überhaupt bestehen kann. Wir können ferner be- 
greifen, dafs ohne einen transscendentalen Grund die Erfahrung 
selbst undenkbar wäre, dafs eben ein transscendentaler Grund 
die Erscheinungen „als blofse Vorstellungen^ dennoch be- 
stimmt erkennen lasse, aber diesen transscendentalen Grund 
begreifen wir damit nicht, und noch mehr, es gelingt uns 
nicht einmal, ihn selbst zu bestimmen, d. h. im besonderen 
Falle von einem jeden anderen derselben Art zu unterscheiden. 
Ein angefugtes „an sich'' nützt dabei gar nichts, die Sonne 
an sich ist genau derselbe leere Gedanke wie der Mond an 
sich; wir denken an Sonne und Mond, wie sie uns gegeben, 
und eben nicht, wie sie an sich sind. 



— 136 — 

Ebensowenig, wie in diesen Fällen, haben wir ein Becht 
darauf, die Begreiflichkeit einer intelligiblen Kausalität 
zu verlangen, obwohl wir ohne sie — wenn alles nur als 
Naturnotwendigkeit und nicht anders zu denken wäre — gar 
keine vernünftige Möglichkeit hätten, ein sittliches Urteil aus- 
zusprechen. Das Unbegreifliche schliefst die Erkenntnis aus,^ 
aber wir haben kein Hecht, es mit dem absolut Unmöglichen 
zu verwechseln. 

So abstrakt jene Eantischen Untersuchungen sind, so mün- 
den sie doch in die alltäglichen Geleise des gesunden Menschen- 
verstandes, der sich weder seinen notwendigen Eausalbegriff^ 
noch den Unterschied von Out und Böse nehmen läfst. Maa 
thut dem Philosophen sehr unrecht, wenn man in ihm einen 
Verächter des gesunden Verstandes erblickt. Mit Fug wehrt 
er sich gegen die jede Begründung ausschlagende Be- 
rufung auf den gesunden Verstand, und er ist von dem 
peinigenden Spiel betroffen, das sich gegen den scharf- 
sinnigen Hume richtet. Die Welt ist rund und mufs sich 
drehn. Die Ironie der Geschichte läfst es gern geschehen, dais 
man heute bei dem Kritiker Kant eine gewisse NsTivetät 
feststellt; will man ganz „philosophisch^' sein, so deckt man 
völlig unkritische, gedankenlose Zweifel mit dem „philo- 
sophischen'^ Verstände, der dem common sense weit aus dem 
Wege biegt. Vielleicht liest man einmal genauer, wie sich 
Kant über den gesunden Verstand äufsert. Die „Wünschel- 
rute'^ des philosophischen Verstandes hat auch vor ihrer 
Schwester nichts voraus ; ob etwas philosophisch oder unphilo- 
sophisch ist, haben die Gründe darzuthun, mit denen man 
Beine Behauptungen belegt. Philosophisch war die Humische 
Skepsis, wie die des Gartesius; jener konnte nicht begreiflich 
werden, wie apriorische Begriffe sich auf Dinge an sich be- 
ziehen sollten, diese empfand den Mangel eines hinreichenden Be- 
weises für das Dasein der Aufsenwelt. Beide Arten der Skepsis 
sind durch Kant philosophisch, d. h. durch zwingende Gründe 
widerlegt ; die T h a t s a c h e der Erkenntnis giebt das Problem, 
und es ist naiv und nicht philosophisch , wenn man sich ein- 
bildet, ohne Anerkennung gewisser Thatsachen, in denen kein 
Sterblicher vor dem anderen etwas voraus hat, über sie etwas 
ausmachen zu können. Es ist nicht mehr nötig, eine Welt zii 
erschaffen, sie ist wahr und wahrhaftig schon da. Weder in 



— 137 — 

der theoretischen noch in der praktischen Einsicht gerät der 
Königsberger Philosoph mit dem gesunden Verstände in Kon- 
flikt, und es ist immerhin ein bemerkenswertes Zeichen, dafs 
sich in dem von Goethe hinterlassenen Exemplar der Vernunft^ 
kritik die Worte angezeichnet finden: ,,Aber verlangt ihr denn, 
das ein Erkenntnis, welches alle Menschen angeht, den gemeinen 
Verstand übersteigen und euch nur von den Philosophen ent- 
deckt werden sollte? ... die höchste Philosophie (kann) es 
in Ansehung der wesentlichen Zwecke der menschlichen Natur 
nicht weiter bringen, als die Leitung, welche sie auch dem ge* 
meinsten Verstände hat angedeihen lassen'*^). Der gesunde und 
der philosophische Verstand können nicht in einen Widerstreit 
miteinander geraten; es ist ein völliges Mifsverständnis des 
Philosophen, wenn er sie gegeneinander ausspielt. Die blofse, 
unbegründete Berufung auf den einen von beiden ist völlig 
gleichwertig. Nicht zu leugnen ist freilich, dafs es zum philo- 
sophischen Gebrauch zu gehören scheint, den Vorgänger, ob- 
wohl man noch mit dem Verständnis seiner Gedanken ringt^ 
zu belehren — und wenn er den Namen Immanuel Kant trüge. 
Nur wenn man gewillt ist, die geistige Arbeit zu wiederholen, 
die in diesem Namen verkörpert ist, thut man ihm die ge- 
bührende Ehre an. Dann erst hat man ein Recht die Feile an- 
zulegen. Macht man aber einmal mit dem Studium Kants Ernst, 
so wird sich zeigen, dafs der gröfste Teil der im 19. Jahrhundert 
in beständigem Halbdunkel auf die Interpretation und Ver- 
besserung Kants verwandten Arbeit eine unfruchtbare ge- 
wesen ist*). 

Die Kausalität aus Freiheit ist unbegreiflich; keine dog- 
matische Behauptung wäre aber imstande, die logische Mög- 
lichkeit dieser Idee anzutasten. Der Zusammenhang der 



1) Hat man nötig, bei diesen Worten an Schiller erst zu erinnern: 
Und was kein Verstand der Verständigen sieht 
Das übet in Einfalt ein kindlich Gemüt. 

^ Man wird Kant verstehen, wenn man seine Entrüstung über die 
Garve-Federsche Kritik begreift. Man beurteilt ihn noch heute meistens nach 
ihrem Schema. Mit Recht sagt Kant über jene „ kritische '^ Leistung: Es ist 
geradeso, als ob jemand über Euklids Geometrie urteilte: „das Buch ist 
eine systematische Anweisung zum Zeichnen; der Verfasser bedient sich 
einer besonderen Sprache, um dunkle, unverständliche Vorschriften zu 
geben, die am Ende doch nichts mehr ausrichten können, als was jeder 
dorch ein gutes natürliches Augenmafs zustande bringen kann. . ." 



UNIVF?olTY 

_ 138 — 

Erscheinungen im Kontext der Natur kann nur nach empi- 
rischen Gesetzen beurteilt werden. Wer feststellen will, was 
da war, was ist und was sein wird, der mufs nach Gesetzen 
der Natur yerfahren. Daraus kann aber niemand mit logi- 
scher Notwendigkeit folgern: Freiheit ist unmöglich. 
Man wird immer ein Recht haben, die Handlung nach blofsen 
Begriffen, d. h. nach Gesetzen der Freiheit zu beurteilen, auch 
wenn dieselbe Handlung nur nach Gesetzen der Natur er- 
kennbar ist. Der Mensch hat zunächst ein logisches 
Recht darauf, sich nicht blofs aU Naturwesen, das von sinn- 
lichen Antrieben, sondern auch als ein Geschöpf zu betrachten, 
das von intelligiblen Bestimmungsgränden geleitet wird. Aber 
über dies logische Recht erhält er in der Erfahrung selbst 
eine Stütze. Vieles ist seiner Einsicht verschlossen; aber das 
läfst sich verstehen: Ohne Kausalität aus Natur ist keine Natur, 
ohne Kausalität aus Freiheit ist keine Sittlichkeit denkbar. 

Handelt die dritte Antinomie von der Möglichkeit einer 
intelligiblen Kausalität, so fragt die vierte Antinomie nach 
dem unbedingt-notwendigen Dasein einer intelligiblen Ur* 
Sache. Beide Fragen stehen in einem nahen Zusammenhange ; 
die beiden Ideen sind eben deshalb als ,,dynamisch-transscen- 
dentale^* bezeichnet und gemeinsam behandelt. Man hat nicht 
selten Schopenhauer nachgesprochen, daJGs sie identisch seien. 
Solange man aber in der Philosophie und im gemeinen Ge- 
brauch das Kausalgesetz als ein Naturgesetz, durch das man 
z. B. eine Erhöhung der Zimmertemperatur durch den Ofen 
feststellt, noch von dem Zustande des Subjekts unterscheiden 
kann, in dem es das Dasein des Ofens denkt und in der 
Zeit bestimmt, solange man die Kategorie der Kausalität 
von dem Begriffe der Wirklichkeit, das hypothetische Urteil 
von dem assertorischen zu scheiden vermag, wird man Kants 
Unterscheidung der beiden Antinomien als berechtigt an- 
sehen müssen. Genug, Kant zeigt auch für diese vierte Anti- 
nomie die Lösbarkeit: Aus der Zufälligkeit und Abhängig- 
keit alles dessen, was zur Sinnenwelt gehört, folgt nicht mit 
Vemunftnotwendigkeit, dafs das „unbedingt-notwendige Dasein 
einer intelligiblen Bedingung aller zufälligen Existenz " wider- 
sprechend sei. 

28. Die Lösung der Antinomien, zu der die Unterscheidung 
des Dinges an sich und der Erscheinung geführt hat, bedeutet 



— 139 — 

die erste positive Leistung auf dem Felde der Metaphysik, 
Sehr bescheidenen Oehalts, liegt hier doch eine Thatsache der 
sich selbst beurteilenden Vernunft vor, die ihr den Frieden 
zu geben vermag. Leibniz hatte bemerkt, „dafs die allge- 
meinen Beobachtungen bei den sinnlichen Dingen auch bei 
den nnsinnlichen Dingen verhältnismäXsig gelten ; man könnte 
von ihnen sagen, was der Harlekin dem , Kaiser im Monde* 
sagt, dafs alles gerade so wie bei uns ist**. Wenn man nur 
dabei auch etwas zu denken vermöchte! Kant räumt mit den 
Versuchen seiner Vorgänger auf, ins Jenseits zu schauen; 
aber er läfst sich durch niemand verbieten, ein Jenseitiges zu 
denken. £r erhebt gar nicht den Anspruch auf bestimmte 
Vorstellungen, der ewig unerfüllbar und selbst widersinnig 
ist; er will nur, dafs man den Ideen die praktische Kraft 
nicht nehme, durch die sie in der Erfahrung wirken sollen. 
Der Gedanke des Jenseitigen, den im Grunde auch der Skep- 
tiker nicht bannen kann, ist ein richtiger, vorausgesetzt, dafs 
wir uns klar gemacht haben, dafs das Ding in zweierlei Be* 
deutung notwendig genommen werden mufs. Hier wird sich 
entscheiden lassen, was es mit der „Parteigängerschaft** Kants 
auf sich hat. Ein anderer Vorwurf, den man diesem nach 
Wahrheit ringenden Manne macht, kann nicht ohne ein Ge- 
fühl der tiefsten Empörung gelesen werden. Ihm sei es vor 
den Eonsequenzen seines Empirismus bange geworden, und 
diesem Umstände hätte man zu verdanken, was von dogma- 
tischer Metaphysik stehen blieb. Es ist von dogmatischer 
Metaphysik nichts stehen geblieben. So sicher die rationa- 
listische Schule immer den Empirismus an Tiefe und Gründ- 
lichkeit der Gedanken übertrofiFen hat, so sicher Leibniz dem 
empiristischen Gegner Locke überlegen war, so sicher ist es, 
dafs der Mann, der die Idee einer Kritik der reinen Ver- 
nunft konzipierte, niemals die Konsequenzen eines dogma* 
tischen Empirismus hätte gutheifsen können, die jeder Ver- 
nunft Hohn sprechen. Die Kritik setzt Vernunft voraus; 
im „Zeitalter der Kritik**, schreibt Kant, „erregen Religion 
und Gesetzgebung Verdacht, wenn sie sich — erstere durch 
ihre „Heiligkeit^*, letztere durch ihre „ Majestät*' — diesem 
obersten Grerichtshof entziehen wollen**. Wer Vernunft aner- 
kennt, fügt sich auch in ihre Konsequenzen, ihm braucht vor 
ihnen um so weniger bange zu werden, als er an den Per- 



— 140 — 

sonen, d. h. auch an Anhängern der skeptischen Philosophie 
bemerken kann, dafs sie selbst in praxi die Konsequenzen 
ihrer eigenen, die Vernunft ganz oder teilweise verleugnenden 
Lehre nicht ziehen. 

Worin kann man nun eine Parteigängerschafk des Philo- 
sophen erblicken? Dogmatische Begriffsspielerei hält er von 
sich ebenso fern, wo sie sich abmüht, über Dinge auuTserhalb 
des menschlichen Horizonts zu urteilen, als da, wo sie auch 
den einfachsten, alltäglichen Gebrauch der Vernunft in seinem 
Werte herabsetzt. Was hätte er lehren sollen? Dafs es keine 
Vernunft giebt, hatte noch niemand vor ihm zu behaupten 
gewagt. Verlangt man das von ihm? So hätte er allerdings 
aufser den damaligen Parteien gestanden. W^enn man einmal 
verbieten wird, über die eigene Vernunft sich Rechenschaft zu 
geben, wird man die Gedankenarbeit des kritischen Philosophen 
zum alten Eisen des Dogmatismus werfen müssen. Die Kultur 
der Vernunft, die der Philosoph mit demselben Recht wie sein 
mathematischer Nachbar pflegt, wird man aber so lange nicht 
entbehren wollen, als man noch nicht zu automatischer Arbeit 
übergegangen ist. Dann freilich wird man auch in den vor- 
bildlichen, mechanischen Automaten die Vernunft nicht mehr 
erkennen, die sie hervorgebracht hat; man kann sich dann 
von aller Parteinahme fernhalten. Bleiben noch Fragen übrig, 
so kann man, wo es gar kein sicheres Wissen mehr giebt, das 
Lotto entscheiden lassen. 

Bis dahin wird man verpflichtet sein, in Kant den ersten 
Philosophen zu sehen, der die alten Gegensätze in der wahren 
Einsicht auflöst. Die historische Entwickelung sichert ihnen 
keinen Rechtstitel; sie sind Thatsachen, Tastversuche, an deren 
Stelle die Kantische Lösung tritt. Trotz allen Streites, trotz 
aller Verschiedenheit der philosophischen Köpfe und Systeme 
wird man für die Fragen der Kantischen Kritik behaupten müssen : 
Hier giebt es nur eine Lösung oder keine. Bezweifelt man aber 
die Möglichkeit dieser Lösung, so ist der Streit ein völlig 
nutzloser. Er wäre so sinnlos, wie eine Naturwissenschaft» 
die am Kausalsatze, am Satze von der Beharrung der Substanz 
und dem Satze von der Wechselwirkung irre würde. Sie 
alle drei sind notwendige Voraussetzungen — Denknot- 
wendigkeiten — der Physik. Eine Physik ohne sie ist undenkbar. 
Der Möglichkeit der Erfahrung stünde die Möglichkeit gegen- 



— 141 — 

über, die Kant überall abweist, dafs nämlich — allgemein 
gesprochen — alle unsere Wahrnehmungen ohne eine objektiv 
gültige Verknüpfung wie im Traume sich aneinanderreihten. 
Das ist eine logische Möglichkeit, die wir wie jede andere 
,, ertragen ^^ können; der Gedanke ist eben eine der unendlich 
vielen Begriffsverbindungen, zu denen wir schon deshalb fähig 
sein müssen, weil uns die Wahrheiten nicht angeboren oder 
durch ein natürliches Licht der Vernunft offenbart werden. 
Wir haben erst zu bestimmen, was wahr und unwahr ist, 
tragen aber die problematischen Urteile, nachdem sie abge- 
wiesen sind, nicht mehr als einen unechten Zierat mit uns 
herum. Sophistik erschöpft sich in der „geistreichen" Schau- 
stellung solcher logischen Möglichkeiten; sie lebt von ihnen. 

Es ist die legitime Macht der Idee, die Kant zwingt, die 
Vernunft nach einem ihr angemessenen Zwecke zu untersuchen. 
Die Erfahrung ist wirklich, so sagt bereits Leibniz, also mufs 
sie auch möglich sein. Sie ist wirklich in der theoretischen 
Erkenntnis, die durch Begriffe bestimmen, und sie ist wirklich 
in dem praktischen Vernunftgebrauch, der gewissen Begriffen 
Realität verschaffen will. Es geht nun nicht anders: Er- 
fahrung und ihre Einheit ruht auf Prinzipien. Sie sind nur 
in der Vernunft zu finden, man kann sie nicht wahrnehmen, 
und nur in seinen Gedanken vorfinden. Man mufs sie also 
feststellen können. Aber man kann diese nur mit Rücksicht 
auf jene einsehen ; man kann ihre Realität nur im Hinblick 
auf mögliche Erfahrung darthun. Es giebt reine Erkenntnis, 
der sich niemand entzieht, auch wenn er es tausendmal sagte 
und drucken liefse. Die logische Möglichkeit, die diesen Ge- 
danken noch zuläfst, wird weit übertroffen durch die gram- 
matische oder durch die Möglichkeit, etwas korrekt auszu- 
sprechen, und dieser ist wiederum in unserer Zeit die Mög* 
lichkeit überlegen, den leeren, in eine nette Form gegossenen 
Gedanken, das „wortreiche Geschwätz", drucken zu lassen. 
Für die Wahrheit der Gedanken können diese Möglichkeiten 
nicht einstehen. Was aber noch so gut stilisiert, noch so ge- 
wandt dargestellt erscheint, hat darum noch kein Recht auf 
den Namen einer wissenschaftlichen Philosophie. Wo man 
Kant entgegentritt, mufs man erst wissen, was man bekämpft. 
Gewifs war dieser Philosoph nicht unfehlbar, er hatte, wie 
jeder Mensch, „das Recht, zu irren". Aber mit seinen Schlag- 



- 142 — 

Worten und Mifaverständnissen kann man niemanden, am 
wenigsten aber den vorsichtigen Kant widerlegen. Jenes 
Becht gilt für beide Parteien; man macht aber einen ver- 
meidbaren Gebrauch davon, wenn man im Gefühl der eige- 
nen Unsicherheit beurteilt, was man noch nicht verstanden 
hat. Das Schillernde und Schwebende, das man bei Kant 
sieht, ist kein objektives, sondern ein subjektives Phäno- 
men. Es schwindet sofort, wenn man die Vemunftkritik ver- 
standen hat. Man bringe Gründe an Stelle der Redensarten. 

Haben sich die früheren erkenntnistheoretischen Versuche 
in den Bemühungen erschöpft, von den Dingen aufser der 
Sphäre des Subjekts Aufschlufs zu erzwingen, so konnte das 
nicht gelingen. Jene Dinge können nicht in unsere Vor- 
stellungen hinüberwandern und hier einen Zwang hervorrufen, 
der widersinnigerweise a priori sich geltend macht, während 
uns in anderer Beziehung die Freiheit bleibt, an den Zufall 
zu denken. Apriorische und aposteriorische Sätze bleiben 
beide gleich unverständlich, wenn man annimmt, dafs sich die 
Erkenntnis nach den Dingen richtet, nun wohl, man drehe 
den Spiefs einmal herum. Die Gegenstände richten sich not- 
wendig nach dem Subjekt. Wir treffen sie nur in der Er- 
fahrung, die Erfahrung aber hängt in gewissen Beziehungen 
vom Subjekt, in anderen vom Gegenstande selbst ab. Wir 
haben ihn nur durch Erfahrung; die Erfahrung haben wir 
nur durch apriorische Sätze. Also ist die apriorische Be^ 
dingung der Erfahrung zugleich die einzig erkennbare Be- 
dingung des Gegenstandes. Vielleicht sieht man. hiemach ein, 
warum Kant immer wieder betont, dafs die ganze Kritik nur 
auf die eine Frage hinausläuft: Wie sind synthetische Urteile 
a priori mögliche^ Denn über die analytischen war man 
schon im klaren; das Denken mufs mit sich selbst überein- 
stimmen — diese logische Bedingung hatte schon eine Einsicht 
gefunden, als man die formalen Gesetze des Denkens ab- 
sonderte. 

Man kann eine gewisse Beschämung darüber empfinden, 
dafs die Menschheit so lange in fruchtlosen Kämpfen gerungen 
hat, bis dieser eine Mann in Sachen der Metaphysik den 
richterlichen Spruch findet. Diese Beschämung wird nur über- 
troffen durch die Verwunderung darüber, dafs man die endlich 
erreichte Wahrheit zu bemäkeln und verständnislos zu kriti- 



- 143 — 

sieren nicht müde wird. Man kann sich so gar nicht in den 
Oedanken schicken, dafs die Metaphysik selbst in den Hafen 
sicherer Einsicht einlaufen sollte. Es gemahnt an die Fabel 
vom Wolfe. Nun er da ist, glaubt man nicht mehr daran, 
da man so oft betrogen worden ist. „ Ich habe zu viele Geister 
gesehen, als dafs ich an Geister glauben könnte'S ist einmal 
gesagt worden. Mit einem Schlage eröffnet sich mit dem 
Verständnis der Kritik auch das aller der erhabenen Denker, 
die nach dem Übersinnlichen forschten, das Verständnis der 
eigenen Vernunft, die sich so gern durch „Einsichten" in 
jenseitigen Gebieten betrügen läfst. Die Kritik giebt den 
Schlüssel für alle jene unfruchtbaren Versuche. Es ist ja 
zu wenig: Man hat ein Kecht auf den Gedanken an ein 
Jenseitiges, nicht um damit in spekulativen Untersuchungen 
zu spielen, um den Faden in der eigentlichen — der empi- 
rischen — Erkenntnis abzureifsen, sondern um den prak- 
tischen Anforderungen die Triebfedern zu geben. Man kann 
niemanden zur Annahme metaphysischer „Anschauungen" 
zwingen, der systematische, wissenschaftliche Mantel ist nur 
ein erborgter Staat. Ein Streit verbietet sich also hierüber, 
wie eine wissenschaftliche Belehrung — man kann über Jen- 
seitiges keine Meinungen überzeugend lehren, aber das 
kann man sicher wissen, was man selbst zu denken sich 
gedrungen fühlt. 

Einfach wie das sprichwörtliche Kolumbische Experiment 
tritt der Kantische Gedanke vor uns hin : Die allgemeine, reine 
Menschenvernunft reicht nur aus, Gegenstände zu bestimmen, 
die dem Menschen nach seiner Natur gegeben werden können« 
Man kann das Besondere im Allgemeinen erkennen, wofern 
dieses Allgemeine sich eben im Besonderen realisieren lassen 
kann. Die Menschheit soll sich nicht verleiten lassen, in ihren 
eigenen Abstraktionen mehr zu sehen, als die notwendigen 
Bedingungen, die sich im empirischen Erkenntnisse vorfinden. 
Kein Wunder, in jedem Urteil ist der menschliche Verstand 
enthalten, angewandt auf die Data, die von der Wahrnehmung 
gegeben werden. Der Verstand giebt die Regel, die Erfahrung 
den Fall, der unter ihr steht. Wofern es nur einen einzigen 
Erfahrungssatz, nur ein einziges empirisches Gesetz giebt, so 
mufs a fortiori auch die Vernunft unverbrüchliche Gesetze ent- 
halten und zwar nicht blofs analytisch logische, sondern syn- 



— 144 — 

thetische, die uns in den Stand setzen, yon einem Gegenstande 
etwas bestimmt auszusagen, was wir vor der Erfahrung nicht 
Ibissen konnten und was wir sofern nicht als notwendig ein- 
sehen. Notwendig und allgemein gilt nach unserer Einsicht 
nur, was wir selbst in die Gegenstände legen. 

Die dogmatische Metaphysik ist einer natürlichen Täuschung 
unterlegen, so natürlich wie der grofsartige Trug, vor dem die 
Menschheit in der Betrachtung der Gestirne nicht zu schützen 
war. Die Physik hingegen hat sich von der Täuschung fern 
gehalten, soweit sie nur zu bestimmen suchte, was ihr gegeben 
ist. Weil sie wirklich ist, ist auch Metaphysik möglich, die 
Yom Gegenstande abzuscheiden hat, was ihm als einem be- 
sonderen zukommt, und Metaphysik ist sofern nichts anderes 
als Trans scendentalphilosophie, deren Grundrifs die 
Kritik der reinen Vernunft aufzeichnet. 

Natur als ein Inbegriff von Erscheinungen wird zur Natur, 
einem Inbegriff yon zusammenhängenden Erkenntnissen, weil 
die Formen unserer Anschauungen notwendig mit jedem Subjekt 
verbunden, und alles, was wir in ihnen anschauen, den Kate- 
gorien des Verstandes gemäfs ist. Gegenstände, die nicht im 
Baume und in der Zeit gegeben werden, also nicht in die 
Sphäre des Subjekts eintreten, können noch gedacht werden, 
wie sie immer gedacht worden sind, aber man kann sie nicht 
bestimmt denken, man kann sie nicht erkennen. Es giebt reine 
Erkenntnis, aber sie hat mit den Einbildungen der Metaphysik 
nichts gemein. Wer sollte hier protestieren? Wer die ein- 
fachsten geometrischen und arithmetischen Sätze, diese intui- 
tiven Erkenntnisse gelten läfst, giebt sich nach der einen 
Seite gefangen. Wer aber in seinen Vorstellungen den Kaum 
und die Zeit hinwegblenden kann, der sage uns., was er sich 
noch bei den Verstandesbegriffen denkt, die keine Gröfsen-, 
Eigenschafts- und Daseins best immun gen mehr vollziehen 
Mnnen. Er kann das Unerforschliche noch denken, 
cmd gesteht damit zu, dafs er mit seinem Wissen da am Ende 
ist, wo die dogmatische Metaphysik anfängt. 

Die Zweifel an der Mathematik berühre hier noch ein Wort. 
■Sie lassen sich logisch widerspruchsfrei denken, aber darauf 
kommt nichts an. Gerade aus de>m Spielraum, den das Denken 
gegenüber den Sinnen noch hat, folgt die Natur unseres nur 
denkenden, nicht anschauenden Verstandes. Die Synthesen 



- 145 — 

einer nichteuklidischen Geometrie können wir nicht in der 
Einbildungskraft vollziehen und nicht konstruieren. Ihre Be- 
griffe sind leer und lassen sich nicht wirklich machen. Es 
handelt sich bei dieser buntschillernden, aber tauben Blüte 
unseres Jahrhunderts, wenn man von den analytischen Unter- 
suchungen absieht, um eine Verkennung der problematischen 
Urteile, die in der Bestimmung der Wahrheit überwunden 
werden. Die Möglichkeit der Gedanken ist keine Möglichkeit 
der Gegenstände. Den Zwang der Euklidischen Geometrie hat 
noch niemand bestritten, aber man hält für möglich, dafs man 
sich von ihm, wie von einem ererbten Vorurteile, täuschen 
lasse. In der blofsen Möglichkeit dieses „Problems" liegt ein 
Zeugnis für moderne Philosophie, die sich durch rohe Empirie 
selbst zu vernichten droht. Mit demselben Recht kann man 
auch die Gesetze der Logik für eine Täuschung erklären, und 
man kann ohne Verwunderung auch in diesem Punkte heute 
belehrende „Gedanken" lesen, die an der Möglichkeit der rich- 
tigen „Gedanken" zweifeln. Es giebt keine Einsichten, die so 
unmittelbar gewifs wären, wie die geometrischen Axiome ; man 
hat kein Recht, nähere Bestimmungsgründe der Wahrheit zu 
verlangen, als sie enthalten, und die logische Möglichkeit ist 
nicht imstande, hier ewige Wahrheit anzutasten. 

29. Kant wünschte, dafs man diekosmologischen Ideen 
mit ihren Antinomien des besonderen Studiums wert erachte-, 
in der Tbat sind sie ebensowohl geeignet, den vernünftigen 
Menschen aus dem ,, dogmatischen Schlummer" wie aus der 
„gedankenlosen Skepsis" unserer Zeit aufzuwecken. Die 
psychologische und theologische Idee mit ihrem ein- 
seitigen Schein lassen im Grunde keinen dogmatischen Wider- 
sacher zu. Man kann nicht gut aus der Idee auf das Nicht- 
sein der Objekte schliefsen. Die Feuerprobe der Kritik hat 
hier nur ein vermeintliches Wissen in Dunst aufzulösen; zu 
einer Parteinahme fordern die Ideen an sich nicht auf. Sie 
sind seit ewigen Zeiten in der Menschheit, aber die Spekulation 
mit ihren Beweisen hat noch niemanden an Einsichten reicher, 
auch wohl noch keinen Menschen gläubiger gemacht. Was 
an ihnen wertvoll ist, liegt vor den ungeübten Augen eines 
jeden Menschen von natürlichem Verstände. Die kosmologischen 
Ideen mit ihren Thesen und Antithesen erzeugen hingegen den 
Gegensatz, der in den Namen Piatos und Epikurs einen präg- 

aoldschmidt.MeUin. IQ 



— 146 — 

nanten Ausdruck findet. Auf welche Seite stellt sich der 
„Parteigänger " Immanuel Kant ? Aus beiden Weltanschauungen 
scheidet er richtige Gedanken vom Irrtum ab. Wer sich 
dogmatisch der einen oder anderen Seite zugesellt, verfällt sol- 
chen Behauptungen, die er nicht voll vertreten kann. Ehrfurcht 
gebietet das Wort Piatos, aber es eröffnet der Schwärmerei 
Thür und Thor, Achtung verlangt auch der Verstand Epikurs, 
der aller Naturforschung den richtigen Weg zeigt und viel- 
leicht nur vor müfsigen Spekulationen bewahren möchte. Jene 
beiden Richtungen sind die beiden einzigen dogmatischen, die 
es aufser der Skepsis mit ihrem Grundsatze einer „scien- 
tifischen und kunstmäfsigen Unwissenheit" giebt, die an die 
Grundlagen aller Erkenntnis die Axt legt. Zeigt die Geschichte 
keine reinen Repräsentanten dieser drei Möglichkeiten, so 
sind es eben nur allgemeine Schemata, die man von zufalligem 
Beiwerk befreit. In welches dieser Schubfächer kann man den 
Philosophen einordnen? Mit den grofsen Denkern aller Zeiten 
verbindet ihn ein Ringen nach Wahrheit, wie es uns nicht 
anschaulicher geschildert werden kann, als in den Bekennt- 
nissen des Kartesius. Alle schlägt er aus dem Felde, weil er 
sich allgemein über sie erhebt. Er hat von Leibniz und Locke 
vieles, und für die Entscheidung mehr von der englischen als 
von der deutschen Philosophie gelernt, aber schon das System, 
die vollständige, planmäfsige Arbeit, scheidet ihn von beiden; 
er hat sie in seinen Betrachtungen immer auf der Wage. 
Trotz des tiefen Gegensatzes dieser beiden Forscher kann man 
sagen, dafs sie sich weniger untereinander, als von Kant unter- 
scheiden. Locke und Hume suchen nach den Grenzen des Er- 
kennens; aber die geistreiche Skepsis des letzteren ist nicht 
mit der entscheidenden Kritik zu verwechseln. Sie zeugt von 
einem kritischen Verstände, aber die „ seien tifische Unwissen- 
heit" des Engländers schafft keine Entscheidung. Von der 
dogmatischen Metaphysik erkennt Kant eines an, was sich gar 
nicht ausschlagen liefs. Die analytische Untersuchung der 
Begriffe des Verstandes kann schwerlich bei den verschiedenen 
Schulen wesentliche Unterschiede zeigen; sie arbeiten ja alle 
mit demselben Verstände. Es wäre ein Wunder, wenn man vor 
Kant seine eigenen Begriffe nicht wenigstens unvollkommen hätte 
erläutern können. Nur exakte Definitionen sind hier aus- 
geschlossen; man mufs schliefslich immer auf Beispiele ver- 



— 147 — 

weisen. Aber die Frage geht nach den Synthesen, die aus 
jenen Begriffen entspringen, in letzter Linie nach jenen syn- 
thetischen Urteilen a priori, die der dogmatische Metaphy- 
siker begrifflich zu beweisen sucht. Hier wandelt Kant 
in den Fufsspuren Humes, der das Problem stellt; Und 
niemals ist ein philosophischer Nachfolger mit gröfserem Ver- 
ständnis auf die Intentionen seines Vordermannes eingegangen. 
Kein gröfserer Genufs, als die Zwiesprache zu verfolgen, die 
Kant in der Kritik mit seinen Vorgängern führt; er nimmt 
für keinen Partei und meistert sie alle. Nicht rechthaberisch, 
sondern durch schlagende Gründe. Und das Geheimnis seines 
Erfolges liegt in dem Unterschiede der Urteile — dem Problem, 
das Locke vorbereitet und Hume gestellt hat. Kant vertritt 
nicht verschiedene Richtungen, sondern er zeigt in bündiger 
Weise, woher der Streit entsteht, der sie trennt i). 

Hätte Kant gelehrt, dafs mit unserem Begriffe von Gegen- 
ständen an sich seiende Dinge gedacht und bestimmt sind, so 
wäre er dogmatischer Philosoph; dann erst hätte er sich für 
These oder Antithese entscheiden, den Widerspruch sich durch 
Scheingründe selbst hinwegdisputieren oder er hätte mit der 
Skepsis in schwankender Unentschiedenheit verharren können. 
Nichts von alledem findet sich bei diesem sonderbaren Partei- 
gänger. Freilich von Einem läfst der Philosoph sich nicht 
abbringen. Kant vertraut, dafs Sinnlichkeit, Verstand und 
Vernunft, in summa Vernunft überhaupt notwendigen Gesetzen 
gehorchen. Alles, „was in der Natur unserer Kräfte gegründet 
ist, mufs zweckmäfsig und mit dem richtigen Gebrauch der- 
selben einstimmig sein, wenn wir nur einen gewissen Mifs- 
verstand verhüten und die eigentliche Richtung derselben aus- 



1) Man hat die vermeintlichen „Widersprüche'^ bei Kant als not- 
wendige Folgen seiner historischen Stellung entschuldigt. Man hat 
zu dem Ende ein Wort Carlyles citiert: „Hajlten Sie mich denn für einen 
80 flachen Kopf, dafs ich mir niemals widersprechen dürfte?" Zum Ver- 
ständnis dieser Paradoxons gehört doch wohl ein granum salis. Wenn 
Kant Eonsequenz als ei^te Bedingung des Philosophen verlangt, so meint 
er schwerlich, dafs „flache Köpfe" so ohne weiteres sie erfüllen werden. 
Die Widersprüche, in die unter Umständen das Denken notwendig ge- 
rät, hat Kant aufgedeckt ; darum schrieb er die Kritik. Jene Widersprüche 
kann man erkennen, und merkwürdig, auf Grund einer Lehre — die voller 
Widersprüche sein soll. Aus jenem Ausspruch darf man auch nicht auf 
die Geistestiefe moderner Philosophen schliefsen. 

10* 



— 148 - 

findig machen können''. Will man nach Gesetzen in der 
Natur suchen, so müssen unverrückbare Gesetze im erkennen- 
den Subjekt dabei obwalten. Das ist nicht anders denkbar. 
Soll nun in dieser Überzeugung Dogmatismus liegen? Nun, 
dann lege man die Feder aus der Hand, zu kritisieren giebt's 
dann nichts mehr , das wissenschaftliche Mühen wäre nicht 
mehr als eine Strafe der Unterwelt, an der am Ende böse 
Dämonen aus der vierten Dimension wie an einem ergötzlichen 
Schauspiele sich erfreuen. 

Wer in der Kritik der reinen Vernunft scholastische Spitz- 
findigkeiten erblickt, der bedenkt nicht, dafs Kant in jenen 
drei Erkenntniskräften nicht leere Titel giebt und dafs er sich 
nicht mit unvermeidlicherweise immer mangelhaften Defini- 
tionen begnügt. Die Definition kann im Grunde nur in der 
Mathematik vollständig gegeben werden, das wufste Kant, der 
es zum ersten Male lehrt, recht gut. Aber eben deshalb giebt 
er in einem dicken Buche Aufschlufs über alle die Leistungen, 
die er in seinen Begrififen mitgedacht wissen will, und man 
darf keine Kantische Definition kritisieren, ohne das ganze 
Buch mit im Auge zu behalten. Kant lehrt in der Kritik 
apodiktische Wahrheit-, aber er kann sie nicht in der 
strengen Form des mathematischen Beweisgangs vortragen. 
Man ruft uns immer laut zu : Philosophie ist keine Mathematik, 
aber selbst nimmt man sich das Recht, die Kritik so zu be- 
handeln, als ob sie Mathematik wäre. Das hält aber den 
Kritiker selbst nicht ab, sich in Widersprüchen zu bewegen. 
Warum in aller Welt sucht man nur Widersprüche, um sie 
auszumerzen, wenn man sie für unvermeidlich und noch mehr 
für das Zeichen des Genies hält? 

30. Den kosmologischen Ideen kommt, wie allen 
transscendentalen Ideen, eine vernünftige Aufgabe zu. Sie 
geben dem Verstände eine bestimmte Richtung, sie beschreiben 
die Art, in der unser Aufstieg vom Bedingten zu seinen Be- 
dingungen vorzunehmen sei. Das ist weder durch den Ver^ 
stand selbst, noch durch die Erfahrung, die Verknüpfung von 
Wahrnehmungen, zu begreifen und wird mit Recht der Vernunft 
zugeschrieben. Den Blick in Regionen zu richten, die räumlich 
und zeitlich von uns entfernt sind, fordert keine unmittelbare 
Wahrnehmung, und es giebt zu denken, dafs schon in den 
frühesten Zeiten der Kultur die Idee verleitete, alle Erfahrung 



— 149 - 

zu überfliegen und im Anfang der Welt ebenso wie in ihrem 
räumlichen Abschlufs dem Drängen der Vernunft Ruhe zu ver- 
schaffen. Indessen ist es uns Sterblichen nicht so leicht ge- 
worden, dafs wir mit der blofsen Idee in einem kühnen Ansatz 
ein Wissen erobern sollten, das im Gebiete des Erreichbaren, 
in der nächsten Umgebung, Mühe und Arbeit verlangt. Jene 
Ideen sagen uns nichts von Objekten; das an Raum und Zeit 
gebundene Menschenkind hat sich schrittweise seinem Gegen- 
stande zu nähern, und wenn es a priori Räumliches und Zeit- 
liches überfliegen kann, so bleibt es immer mit seinen Gedanken 
im Raum und in der Zeit, d. h. im Zusammenhange mit mög- 
lichen Wahrnehmungen. Der Astronom, der eine Konstellation 
früherer Jahrhunderte berechnet und der auf die Existenz 
eines dem Blick verborgenen Weltkörpers schliefst, bleibt immer 
im Gebiete möglicher Erfahrung, die ihm keine Schranken 
setzt. Er folgt der Idee, die eine Regel giebt, nach der die 
Erfahrungen ihrem Gegenstande angemessen angestellt und 
fortgesetzt werden sollen. In dieser Idee giebt die Vernunft 
selbst dem Empirismus seine Begründung. Was er recht- 
mäfsigerweise verlangt, ist eben eine Vorschrift der Vernunft, 
die man keinem Gegenstande ablauschen kann. Man soll sich 
in der Erweiterung des Verstandesgebrauchs nirgend „über- 
heben" und nie wähnen, am Ende zu sein, ein richtiger Ge- 
sichtspunkt aller Forschung, die „in dem Leitfaden der Ge- 
schichte oder in der Kette der Wirkungen und Ursachen" 
keine Grenzen anerkennt, aber dennoch nicht einmal von em- 
pirischer Synthesis behaupten kann, dafs der Aufstieg ins ün- 
endliche geht. Die als endlich oder unendlich angenommene 
absolute Weltgröfse aber ist ganz sinnlos, „ denn aller Anfang 
ist in der Zeit, alle Grenze des Ausgedehnten ist nur in der 
Sinnenwelt. Mithin sind nur Erscheinungen in der Welt 
bedingterweise, die W^elt aber ist selbst weder bedingt noch 
auf unbedingte Art begrenzt". 

Man sieht, wie hier der Parteigänger Kant dem Em- 
pirismus zeigt, wie die Praxis seiner Lehre in der Vernunft 
selbst begründet ist und wie er ihn nur von der dogmatisch- 
überheblichen bestimmten Aussage über eine unendliche, an» 
sich seiende Welt freimacht. Auf der anderen Seite kommt 
auch die rationalistische Spekulation zu ihrem Recht, so- 
weit sie nicht über ihre Ziele hinausschiefst. Die praktische 



— 150 - 

Forderung der Idee kann bestehen bleiben, obwohl jener be- 
rechtigte Anspruch des Empirismus aufrecht erhalten wird. 
Die Vernunft hat nicht nötig, sich mit sich selbst zu ent- 
zweien. Freiheit und Natur stören sich in unseren Gedanken 
nicht, wenn man sich nicht einbildet, dafs die Dinge auch 
an sich so sind, wie sie uns erscheinen und wie wir sie 
wahrnehmen. Wenn man das Objekt in zweierlei Bedeutung 
nimmt, so hebt sich der Widerspruch. Aber Kant geht auch 
hier in der Kritik um keinen Schritt weiter, als er das ver- 
treten kann. Durch die trän sscendentale Idee wird nichts er- 
kannt, aufser etwa, dafs man eben nichts wisse. Es wird 
von Kant in der Kritik der reinen Vernunft weder 
bewiesen noch behauptet, dafs die transscendentale Frei- 
heit als eine bestimmte oder auch nur bestimmbare Ur- 
sache von den Erscheinungen unserer Sinnenwelt wirklich, 
noch dafs sie als solche auch nur möglich sei. Man kann 
sie ohne Widerspruch denken, sie ist logisch möglich, und 
das heifst nicht, dafs sie auch real möglich sei. Sie kann 
in unseren Gedanken neben einer Kausalität aus Natur be- 
stehen, ohne dafs unsere Naturforschung beeinträchtigt würde. 
Die praktische Realität der Freiheit zu erweisen, gehört 
aber nicht in das abgestochene Gebiet der Kritik der reinen 
Vernunft. Man halte diese Gebiete in der Untersuchung ge- 
trennt, damit man sich nicht von neuem verwirre. Auch die 
empirische Psychologie sehe auf ihre Domäne; sie kann sich 
nicht empirisch den Horizont bestimmen. Sie mufs schon 
wissen, was sie einnimmt und was sie also auszugeben hat. 

Jenem Resultat hat sich jedermann gefangen zu geben, der 
Kants Lehre vom Räume und von der Zeit begriffen hat, 
und hierzu hat er nur nötig, sich selbst zu verstehen, d. h. 
die Frage nach dem zu beantworten, was er in diesen Be- 
griflfen denkt, ob sie einer Handlung des Verstandes oder einer 
uns aufgenötigten Form der Anschauung entsprechen. Diese 
Lehre sagt nicht mehr, als dafs die Zeit nicht ein geheimnis- 
volles Wesen sei, wie es dem Dichter aufzufassen erlaubt, dem 
Philosophen aber verboten ist. Sie sagt nicht mehr, als dafs 
der Raum, den jener fallende Baum einnahm, weder mit ihm 
zur Erde fällt, noch als ein raaterialer Rest des stehenden 
Baumes an sich übrig bleibt. Was dann in jenem Raum sich 
vorfindet, ist Substanz, Materie, aber sie ist eben immer im 



— 151 — 

Räume anzutreffen und eben deshalb kein blofses Gedankending. 
Wir haben den gefallenen Baum in einem anderen Orte und sind 
a priori sicher, dafs er hier wieder denselben Raum einnimmt, 
weil der Raum mit dem Subjekt a priori verbunden und so 
wirklich ist, wie die Anschauung des Geschöpfs und wie dieses 
selbst. Dafs Raum und Zeit keine absolute Realität haben, 
ist eine alte Lehre; Kantisch ist nur, dafs beide aller em- 
pirischen Anschauung, der Sinnlichkeit, zu Grunde liegen. 
Die mathematischen Begriff'e vom Dreieck und von der Zahl 10 
sind reine Begriffe; aber der Verstand denkt in ihnen eine 
in unserer reinen Sinnlichkeit bestimmte Synthesis. Aus 1 
folgt nicht nach dem Satze des Widerspruchs die 2. Wie 
wollte man diese Folgerung erhärten oder auch nur deut- 
lich machen? Es ist höchst wunderbar, dafs man sich gegen 
Kant immer noch erwehrt und dafs man diese klaren Lehren 
verspottet, indem man an den Beifall der unkritischen Menge 
appelliert. Während man die sinnlichen Qualitäten, die uns 
schliefslich allen Inhalt der Erkenntnis geben, beruhigt ins 
Subjekt verlegt, soll die einzige Möglichkeit, die uns die 
Erkenntnis realer Objekte verständlich machep kann, zum 
Illusionismus hinführen. Wir sollen gleichsam von der Natur 
„geprellt" werden !i) Als ob es nicht gerade umgekehrt wäre. 
Wir wären um unsere menschliche Wirklichkeit, wie wir sie 
alle kennen, „geprellt", wenn man uns. Raum und Zeit weg- 
zunehmen vermöchte. 

Auch in der Lösung der vierten Antinomie überschreitet 
Kant die Befugnisse der unparteiisch richtenden Vernunft 
nicht. Es wird nicht das Dasein einer intelligiblen Ursache, 
die nicht in der Reihe der Erscheinungen ist, bewiesen; es 
wird nicht einmal ihre reale Möglichkeit behauptet — aber 
es wird, analog wie vorher, gezeigt, dafs, sowenig die Ein- 
räumung eines solchen Daseins den empirischen Gebrauch be- 
hindern könnte, ebensowenig ein logischer Widerspruch ver- 
bietet, dem zufälligen Dasein ein unbedingt notwendiges 
Dasein aufserhalb der ffirscheinungen nach der Forderung der 
Vernunft in der Idee entgegenzustellen. 

^) Es fehlt heute noch, dafs man sich mit einem Himmel-Donnerwetter 
darüber beschwert, dafs der Raum nichts für sich sein soll. Vielleicht 
änÜBert sich der Raum einmal selbst darüber; dem Spiritismus kann es 
nicht schwer fallen, das zu arrangieren. 



— 152 -• 

Ist Kant weder dogmatischer Empirist noch dogmatischer 
Eationalist, so ist er dennoch kein Skeptiker. Er billigt dem 
Skeptizismus „gereifte Urteilskraft" zu, und er würde wohl 
auch heute noch die Skepsis begreifen, sofern sie sich gegen 
eine Metaphysik richtet, die von einem Wissen von Dingen 
an sich orakelt. Schulwitz bleibt Schulwitz; ob man aus 
blofsen Begriflfen beweist oder mit Wahrscheinlichkeitsquo- 
tienten anrückt, es ist immer dasselbe. Aber trotz aller 
solchen Erscheinungen hat man kein Recht, die reine Ver- 
nunft in Anklagezustand zu versetzen. Das höchste Erkenntnis- 
vermögen kann den Irrtum nicht bewirken; man nehme sich 
nur die Mühe, nach ihrer Bedeutung zu forschen, um die Ver- 
nunft, ihren wahren Gebrauch und damit sich selbst erkennen 
und verstehen zu lernen. Mit Schlagworten und mit Phrasen 
aber ist hier gar nichts auszurichten. Sie sind weder ein 
Zeugnis für dogmatische, noch skeptische, am wenigsten für 
kritische Philosophie. Das steht eben aufserhalb wissenschaft- 
licher Arbeit. 

Kant hat die Bedeutung der Idee durch eine scharf cha- 
rakterisierende Bezeichnung sehr treffend von den Begriffen 
der Mathematik und auch von den Verstandesbegriffen selbst 
geschieden. Die Ideen der Vernunft sind nicht von kon- 
stitutivem, sondern nur von regulativem Gebrauch. 
Das gute Beispiel der Mathematik hat die Metaphysik irre- 
geleitet; der Erfolg hier, der Mifserfolg dort legen nahe, zu 
vergleichen. Worauf gründet sich das so verschiedenartige 
Schicksal? Nur der Mathematiker schafft sich durch gleich- 
formige Synthesis seine Objekte, er kann seine Begriffe a priori 
in der Anschauung bestimmen ; er allein hat im Grunde Sätze 
von konstitutivem Gebrauch. Der Unterschied mathematischer 
und philosophischer Arbeit ist von Kant klar festgestellt. Der 
Mathematiker, sagt der Philosoph, betrachtet das Allgemeine 
im Besonderen; er hat mit seinem nach einem willkür- 
lichen, selbstgeschaffenen Begriffe konstruierten besonderen 
Gebild die Möglichkeit, alle seine Bestfmmungen zu erschöpfen 
und in diesem einen Gebild alles zu erkennen, was dem Be- 
griffe synthetisch zuzusprechen und damit für alles gültig ist, 
was jemals ihm eingeordnet werden kann. Der Philosoph da- 
gegen will das Besondere im Allgemeinen erkennen, er 
kann dieses Allgemeine nicht anschauen und nicht wie einen 



— 153 — 

mathematischen Begriff konstruieren, er kann aber die Reali- 
tät des Allgemeinen im Besonderen wieder durch Beispiele 
nachweisen. Eben hierbei hat man immer das Beiwerk hinweg- 
zublenden, das den abstrahierenden Philosophen nicht stören 
solP). Beide, Mathematiker und Philosophen, haben sich erst 
durch Abstraktion ihren üntersuchungsgegenstand geschaffen, 
aber man sollte das dem Verfasser der Kritik nicht so vorwerfen, 
als ob er es nicht gewufst hätte. Er behauptet es selbst häufig 
genug, aber sein Problem geht etwas tiefer. Er fragt, wieso 
denn solche Abstraktionen möglich sind, die schon im Begriff 
und weiter im Urteil Notwendigkeit und Allgemeinheit mit sich 
führen. Und da ist es ein Unterschied, ob in dem Begriff die 
allgemeinen Merkmale eines Pferdes oder die Ausdehnung des 
Körpers gedacht wird. 

Man hat jenen Unterschied zwischen Mathematik und 
Philosophie sich klar zu machen, wird aber niemals vergessen 
wollen, dafs in beiden dieselbe Vernunft wirksam ist und nur 
ein verschiedener Vernunft geh rauch zu konstatieren bleibt. 
Der Philosoph wird immer ein Recht haben, sich nach klassi- 
schem Beispiel auf die nachbarliche Mathematik- zu berufen. 
Mit demselben Recht, mit dem der Mathematiker mit reinen 
Begriffen sich beschäftigt, die er nur in der Anschauung 
wirkhch machen kann, untersucht der Philosoph die Bedeutung 
der allgemeinsten Begriffe, die den Verstand selbst ausmachen. 
Und hier kann er gar nicht fehlen, solange er nicht den 

1) Kant farst die yerschiedenen Aufgaben der beiden Vernunftwissen- 
schaften in folgender Charakteristik zusammen: „Alles, was da ist (ein 
Ding im Baum oder in der Zeit) zu erwägen, ob und wiefern es ein Quan- 
tum ist oder nicht, dafs ein Dasein in demselben oder Mangel vorgestellt 
werden müsse, wiefern dieses Etwas (welches Baum oder Zeit erfüllt) ein 
erstes Substratum oder blofse Bestimmung sei, eine Beziehung seines Da- 
seins auf etwas anderes als Ursache oder Wirkung habe und endlich iso- 
liert oder in wechselseitiger Abhängigkeit mit anderen in Ansehung des 
Daseins stehe, die Möglichkeit dieses Daseins, die Wirklichkeit und Not- 
wendigkeit oder die Gegenteile derselben zu erwägen: dieses alles gehört 
zum Vernunfterkenntnis aus Begriffen, welches philosophisch 
genannt wird. Aber im Baume eine Anschauung a priori zu bestinmien 
(Gestalt), die Zeit zu teilen (Dauer) oder blofs das Allgemeine der Syn- 
thesis von Einem und demselben in der Zeit und im Baume und die daraus 
entspringende Gröfse einer Anschauung tiberhaiipt (Zahl) zu erkennen, 
das ist ein Vernunftgeschäft durch Konstruktion der Begriffe und 
heilist mathematisch/' 



- 154 — 

Blick von der möglichen Erfahrung abwendet. Ein reiner 
Begriff des Verstandes, der sich nicht auf mögliche Erfahrung 
beziehen könnte, wäre widersprechend. Er soll rein sein, d. h. 
man soll ihn auf alles ohne empirische Unterschiede beziehen, 
und es gäbe doch nach dieser Annahme nichts, auf das er 
bezogen werden könnte. Gilt das von der Kategorie, so kann 
die Idee gar keine andere theoretische Bedeutung mehr finden, 
als dafs sie auf den Verstand und seinen vernünftigen 
Gebrauch selbst sich erstreckt, aber man darf sich nicht, 
wie die alte Metaphysik, einbilden, mit ihr Gegenstände zu 
bestimmen. Diese Anmafsung war verzeihlich, solange man 
sie mit mathematischen Begriffen verwechselte, in denen 
man die Form des Gedankens von der Anschauung nicht 
zu scheiden fähig war. Was sie unterscheidet, hat zuerst 
die Kritik der reinen Vernunft uns gelehrt, und sie verfährt 
nur konsequent und den Thatsachen entsprechend, wenn sie 
den Verstand auf mögliche Erfahrung einschränkt und nun 
die richtige Bestimmung für die Idee entdeckt: sie hat den 
Verstand im Erfahrungsgebrauche zu leiten-, sie 
konstituiert keine Objekte, aber sie reguliert die 
Forschung, damit sie nicht ziel- und planlos aufraffe, was sich 
dem Einzelnen gerade bietet. Und verhält es sich nicht 
wirklich so? Bethätigen wir die Vernunft nicht in jener 
so einfach beschriebenen Weise alltäglich? Eilt nicht in 
aller wissenschaftlichen Arbeit die Idee dem Verstände voran, 
zeigt sie nicht in der physikalischen und jeder Art von 
Hypothese pfadfindend den Weg, auf dem viele Einzelerschei- 
nungen in der Einheit eines höheren Begriffs, eines Prin- 
zips vereinigt werden? Man kann der Idee adäquat in der 
Erfahrung nichts finden; aber man kann mit ihr heuristisch 
fortschreiten. Vergifst man, dafs nur Idee ist, was viel- 
leicht später als fruchtbares Prinzip zu wichtigen Konse- 
quenzen führen kann, so kann man auch im empirischen Ge- 
brauche der Vernunft von ihr irregeleitet werden. Die haus- 
hälterische Vernunft kann in der Voreile des guten zu viel 
thun. Das beweist das Beispiel der Chemie, die ihren Auf- 
schwung wesentlich der Spezialisierung verdankt, nachdem sich 
die einheitliche Zusammenfassung der Elemente als unbrauchbar 
erwiesen hat. Dafs damit die Idee selbst widerlegt wäre, kann 
man nicht behaupten; im Gegenteil steht auch in diesem be- 



— 155 — 

sonderen Falle des Gebrauchs dahin, was wir von den Bestre- 
bungen zu erwarten haben, die jene Idee weiter wirksam zeigt. 

31. Die transscendentalen I d e e n werden dialektisch, 
wenn man ihren in der Vernunft wurzelnden Ursprung ver- 
gifst und sich mögliche Objekte nur einbildet, wo eben keine zu 
haben sind. Sobald man die kritische Grenzbestimmung wirk- 
lich eingesehen hat, sieht man zugleich ein, dafs und warum 
Kant nach der Kritik keines Schwankens, keines „Schillerns" 
und „Schwebens" mehr fähig war. Eben dagegen kämpft die 
Kritik an; der Zustand, den man schildert, ist eine Folge der 
Skepsis, aber nicht der Kritik. Man kann sich damit selbst 
prüfen. Sieht man jenes Ziel der Kritik, jene scharfe Grenze, 
nicht ein, so hat man auch Kant noch nicht verstanden ; dann 
kann es auch geschehen, dafs man Kant wie einen dogma- 
tischen Philosophen kritisiert und als ein „objektives Phäno- 
men" hinsichtlich Kants bezeichnet, was im eigenen Blicke 
liegt. Es ist, als ob man einem Kopernikus nachweisen wollte, 
dafs er später in seiner Lehre geschwankt hätte, weil man selbst 
der Täuschung, die bestehen bleibt, in seinen Gedanken nicht 
Herr geworden ist. Kant hat die Metaphysik suspendiert; die 
dogmatische mit jenen Ideen spielende Metaphysik aber ruht 
sanft in jenen glänzenden Kapiteln der transscendentalen Dia- 
lektik. Man sollte ihr keine Auferstehung gönnen. Zeigt doch 
die Kritik der reinen Vernunft als Propädeutik den Weg, den 
«ine kritische Metaphysik zu gehen hat. Kant hat ihren Be- 
griflf scharf bestimmt; das Apriori giebt ihr einen Inhalt, 
der erschöpf bar ist. Was ihm dabei im Sinne lag , war der 
unmittelbare Anschlufs an die Logik. Vorerst mufs man aber 
das Gebiet der wissenschaftlichen Metaphysik eingehegt haben. 
Als eine Lehre von den „ersten Prinzipien der menschlichen 
Erkenntnis" würde der blofse Grad der Unterordnung des 
Besonderen unter das Allgemeine die Grenze im Nebel ver- 
schwimmen lassen. Aber die scharfe Grenze ist hier wie in 
allen Wissenschaften eine erste Bedingung. Indem Kant den 
Unterschied zwischen Mathematik und Metaphysik auf deut- 
Uche Kriterien brachte, indem er ferner den Begriff der 
apriorischen Erkenntnis deutlich festlegte, rettete er die Idee 
einer besonderen Wissenschaft, die als Naturanlage unaus- 
rottbar ist und deren Ausführung eben deshalb, wäre es auch 
nur, um den Irrtum fern zu halten, notwendig ist. Die Schatten- 



— 156 — 

kämpfe der Metaphysik von neuem heraufzubeschwören, konnte 
nicht in seinem Sinne liegen. Und so wird Metaphysik bei 
ihm die Philosophie, die reine Erkenntnis a priori in 
der systematischen Einheit der Vernunft dar- 
stellen soll. In der Kritik der reinen Vernunft schon 
scheidet sich aus dem planlosen Wust der Spekulationen eine 
wirkliche Wissenschaft ab, die zu den Tastversuchen der Vor- 
gänger wie Chemie und Astronomie zur Alchemie und Astro- 
logie verhält 1). Wie die „Gewürme** haben sich die Systeme 
„aus dem blofsen Zusammenflufs von aufgestapelten Begriffen'' 
im Laufe der Zeit gebildet. Im Plane der Kritik der reinen 
Vernunft gewinnt der Gegenstand Artikulation, wissenschaft- 
liche Form und strenge Begründung. Die Kritik enthält den 
Schlüssel für eine jede Metaphysik, wie sie auch heifse — Kant 
nennt sein Buch einmal selbst scherzend: Metaphysik der 
Metaphysik. Wer die Kritik gekostet hat, wird nicht wieder 
nach dem früheren Zustande verlangen, so meint der Philo- 
soph, dem unser heutiger noch gröfserer Wirrwarr glücklich 
erspart geblieben ist. War Kant naiv, so lag das in seinem 
Vertrauen, man werde beim Studium seiner eigenen Arbeit 
gerecht werden. Was hat sie noch neuerdings an leichtfertigem, 
gedankenlosem, in „geistreiche" Worte gekleidetem, selbst- 
gefälligem Spott geerntet! Und doch liegt in der Kritik ein 
Abschlufs für alle Zeiten vor; man kann die Steine schärfer 
behauen, aber der Bau ist in gewisser Hinsicht fertig. 

Die dogmatische Metaphysik hat sich in den Dienst der 
höchsten menschlichen Interessen gestellt ; ihre Absichten waren 
gute, ihre Vertreter waren scharfsinnige und nicht die ge- 
ringsten Männer. Alle Metaphysik hat ihr Ziel in den Ideen, 
auf denen die Menschen sich mit einer höheren Macht ver- 
bunden fühlen. Hat uns die dogmatische Metaphysik dem 
„Weltgeiste" näher geführt, hat sie in ihren leeren Abstrak- 
tionen und den syllogistischen Kunststücken etwas anderes 
gekonnt, als den Witz der Schulen zu erhalten? Was hat 
man mit den Disputierkünsten und im geistreichen Briefwechsel 



1) Man vergegenwärtige sich die „Beweise" der Metaphysik. Dem 
ontologischen Beweise hat Spinoza ein naheliegendes Pendant gegeben. 
Er schliefst aus dem Begriffe eines unvollkommensten Wesens auf das 
Nichtdasein des Teufels. Dies Beispiel allein kann das behauptete Ver- 
bältnis rechtfertigen. 



— 157 — 

über jene unerfafsbaren Dinge ausgemacht?! Wir können nichts 
von ihnen wissen, aber ist denn das auch nötig? Sollten wir 
nicht den Bann der Schulen brechen, die Jugend vor müfsigem 
Spiel frühe warnen, da alle Mühe hier sinnlos ist. Kant ist 
ein gelehriger Schüler gewesen, ein Parteigänger — aber er 
ist es nicht geblieben. Er ist ein Revolutionär geworden, der 
jede Vermittelung ausschlug. Uralte Vorurteile weichen vor 
seinem Blick; er verehrt die Männer, die zur Kultur seiner 
Verstandeskräfte beigetragen haben, aber er kennt keine an- 
dere Autorität als di/ö der uns verliehenen menschlichen, sich 
selbst prüfenden Vernunft, die er im Vertrauen auf ihren un- 
erforschlichen Ursprung genützt hat. Darin liegt keine Über- 
hebung und keine Anbetung der eigenen Vernunft. Auch die 
Wunder der Natur verlieren nichts an ihrer Pracht und Macht, 
wenn man sie nicht zu dogmatischen Scheinbeweisen mifs- 
braucht. Kant braucht sich vor den Konsequenzen seiner 
Prüfung nicht zu fürchten und nicht über sie zu erschrecken. 
An eingebildetem Wissen kann uns nichts verloren gehen; 
man kann dabei nur gewinnen. Wie oft hat man dem ge- 
waltigen Manne Unbescheidenheit vorgeworfen bis in die 
neueste Zeit. Man sieht den Splitter im Auge des anderen, 
den Balken im eigenen bemerkt man nicht, wenn man sich 
damit brüstet, den gröfsten Philosophen zu widerlegen. Man 
tastet noch und giebt sich in jeder Veröffentlichung Blöfsen — 
wer aber giebt bei der allgemeinen Unsicherheit den Richter 
ab? Der bescheidene Mann gab Gründe, der Phraseur von 
heute meint nur dies und jenes; damit ist die Welt belehrt. 
Überall läfst Kant seine eigene Person hinter triftigen Grün- 
den zurücktreten, das „Subjekt überhaupt" urteilt bei ihm, 
nicht das persönliche, in den Mittelpunkt der Untersuchung 
gestellte „Ich", das mit der Erlaubnis zu Meinen in unserer 
modernen Litteratur beständigen Mifsbrauch treibt. Wer hätte 
je behauptet, dafs nicht ein jeder Mensch etwas anderes 
meinen kann als der Nachbar. Was hat man in Jahrtausen- 
den nicht alles schon gemeint? Was aber nicht Über- 
zeugung, was blofse „Überredung" wirken kann, soll man in 
der Wissenschaft für sich behalten. Was sind Meinungen, 
persönliche Ansichten über das Unerforschliche oder über Er- 
kenntnisfaktoren ? „Von mir selbst schweige ich", schreibt Kant 
dem ernsten Buche vor, das für die allgemeine Menschen,- 



— 158 — 

Vernunft Zeugnis ablegt. Was man heute euphemistisch als 
subjektive Darstellungsweise bezeichnet, sollte aus philo- 
sophischen Schriften verbannt sein — ebenso wie jede Plan- 
macherei, der man selbst keine Folge geben kann. Und ist es 
nicht tausendmal bescheidener, sich in den Grenzen zu halten, 
die uns gezogen, als mit eingebildeten Stelzen den Kopf in 
Regionen zu tragen, die uns nun einmal versagt sind? 

Die Ideen sind Richtungshnien für den Verstand; sie 
scheinen aus einem jenseitigen Punkte ausgeschossen, aber 
dieser Täuschung können wir Herr werden. Ihre Bedeutung 
für das Praktische verlieren sie um deswillen nicht. Dieser 
Wert, den ihnen schon Plato zusprach, kann nicht verloren 
gehen. In ihnen suchen wir die Triebfedern für unseren nach 
vernünftigen Bestimmungsgrüuden handelnden Willen. Die 
Ideale gehen dem Menschen nicht verloren; Kritik kann sie 
mit den Einbildungen, die sie uns nimmt, nicht rauben, Ein- 
sicht und Erkenntnis in unsere menschlichen Grenzen können 
sie nur fördern. Der Weg zur Weisheit in einem höheren als 
dem Sinne blofser Philodoxie führt durch das Wissen. Wie 
klar scheiden sich in der Vernunft die Begriffe, mit denen 
wir Objekte bestimmen, von den Begriffen, denen wir selbst 
erst Wirklichkeit verschaffen sollen! Ein anderes ist es, die 
Dinge erkennen, wie sie sind, ein anderes, zu erkennen, was 
da sein soll. Man versteht die Ideen falsch, wenn man sich 
für sie Objekte macht und aus ihnen moralische Gesetze ab- 
leitet. Das Verhältnis ist ein umgekehrtes. Unsere Verbind- 
lichkeit, das moralische Gesetz, das wir anerkennen, hat uns 
zur Voraussetzung „einer selbständigen Ursache oder eines 
weltweisen Urhebers geführt". „Wir werden", sagt Kant, 
„ . . . Handlungen nicht darum für verbindlich halten, weil 
sie Gebote Gottes sind, sondern sie darum als göttliche Gebote 
ansehen^ weil wir dazu innerlich verbindlich sind." „Sorget 
ihr aber nicht dafür, dafs ihr . . . gute Menschen macht, so 
werdet ihr auch niemals aus ihnen aufrichtig gläubige Menschen 
machen." 

Mit diesen Anschauungen ist Kant nicht blofs ein Lehrer 
der Philosophen, sondern der Menschheit geworden. Der 
Mathematiker — sagt der Philosoph — würde seine ganze 
Wissenschaft um jenes Wissen geben, nach dem die Meta- 
physik sich abgemüht hat. Aber die Klage hilft hier so wenige 



- 159 — 

als die Bemühung. Ein Wissen von übersinnlichen Wesen ist 
unmöglich ; es ist mit seinen ewigen Widersprüchen samt dem 
dogmatischen Selbstbetruge scholastischer Spitzfindigkeiten auf- 
gehoben, und nunmehr erhält der Glaube seinen Platz, der 
seine Kraft nicht durch den Schulwitz zu stärken nötig hat. 
In seinen Fragen sind die Gaben nicht ungleich verteilt, das 
Monopol der Schulen mufs den praktischen Interessen der 
Menschen weichen. Jene ausgeklügelten, vernünftelnden Be- 
weise einer Scheinwissenschaft samt den „düsteren Grübeleien'*, 
in denen sich namentlich jugendliche Köpfe erschöpfen, halten 
von vernünftigen Aufgaben zurück; sie haben keiner Sache 
Nutzen gestiftet. Aller falsche Schein dauert seine Zeit. Wer 
die sittlichen Gesetze von einem apodiktischen Wissen in 
höheren Regionen ableitet, mufs sich gefallen lassen, dafs ihn 
der Gegner stellt. Wo sind deine Erkenntnisprinzipien, worauf 
gründen sie ihr Recht? Wie will der Dogmatiker den dogma- 
tischen Gegner überwinden? Behält hier nicht Recht, wer 
das letzte Wort hat oder wer die unterhaltendste Feder führt? 
Proklamiert man nicht ein intellektuelles Kampfspiel und da- 
mit in gewissem Sinne ein Faustrecht, wenn man die Kritik 
des Philosophen ausschlägt? 

Mit dem blofsen Zweifel an der objektiven Bedeutung der 
Ideen ist ihre Macht gefährdet, nicht aber, wenn man ihren Ur- 
sprung in der Vernunft einsieht. Dem Streite entzogen, wird 
der Glaube der freien Einsicht des sittlich handelnden Menschen 
anheimgestellt. Angemafste Autorität, die unter dem wissen- 
schaftlichen Talar geheimnisvoll verbirgt, was auch dem blofsen 
Auge des gemeinen Verstandes sichtbar ist, wird damit ihrer 
Hülle entkleidet. Wo ist das königliche Gewand, das so viele 
„Hofleute" der grofsen Metaphysiker gesehen haben? 

Wie treffend schildert der Philosoph die gemeine Menschen- 
vernunft! „Ein natürlicher Gang hebt von der gemeinen Er- 
fahrung an, geht vom Zufälligen zu seiner Ursache und 
wiederum zu ihrer Ursache und fährt so fort, um bei einer 
Ursache halt zu machen, die nicht zufällig und eben darum 
ohne Bedingung notwendigerweise da sein mufs. Hat die 
Vernunft, wie sie meint, auf diese Weise das Dasein eines 
notwendigen Wesens erkannt, so sucht sie durch den Begriff 
des von aller Bedingung Unabhängigen, das zu „allem Warum 
das Darum", d. h. in Demjenigen, was alle Realität enthält, 



— 160 — 

dieses Wesen zu bestimmen. Das All aber ohne Schranken 
ist absolute Einheit und führt den Begriflf eines einigen, des 
höchsten Wesens bei sich, und so schliefst sie, dafs das höchste 
Wesen als Urgrund aller Dinge schlechthin notwendigerweise 
da ist." Sollte in dieser Kantischen Beschreibung der „natür- 
liche Gang des gemeinen Verstandes" nicht mit Sicherheit 
wiedererkannt werden? 

Was haben die schwierigen Anstrengungen der Vernunft- 
künstler der Metaphysik selber genützt? Wo hat sie einen 
Schritt vorwärts gethan? Der „Pöbel der Vernünftler" hat 
über „Ungereimtheiten und Widersprüche" geschrieen und 
damit die Vernunft selbst verantwortlich gemacht, wo der 
Mangel an Urteilskraft der Philosophen die Schuld trug. Ist 
es darin heute wesentlich anders geworden? Für den Wirr- 
warr der Meinungen mufs die Vernunft aufkommen. Man 
hält sich für einen philosophischen Skeptiker, weil das 
Resultat des eigenen Philosophierens „im Dahingestelltsein- 
lassen der Probleme" besteht. Wo man selbst nicht zur Ein- 
sicht kommen kann, erklärt man sie überhaupt für unmöglich. 
Mit „Hohn und Grofssprecherei " vermag sie ein jeder unklare 
Kopf zu leugnen ; in dem bunten Bilde der verschiedenen Auf- 
fassungen des kritischen Philosophen selbst erkennt man kaum 
wieder, was er selbst gedacht hat, und doch kann man hier 
nicht vorschützen, dafs es so viele Kritiken der reinen Ver- 
nunft, als es Möglichkeiten giebt, sie mangels intensiver Arbeit 
mifszuverstehen. 

Sollte man aber nicht einzusehen vermögen, dafs man für 
-Gegenstände in der Idee nicht schlechthin gegebe.ne 
Gegenstände denken darf? Wo die Idee uns eine nimmer 
vollendbare Aufgabe stellt, da haben wir eben keinen Himmel- 
schlüssel entdeckt, der uns die Pforte zu den höchsten Ge- 
heimnissen öflfnet. Im Reiche des Gedankens offenbart sich 
nichts, was uns die Natur sonst verbirgt. Ideen stellen Auf- 
gaben, aber man darf nicht von ihnen ausgehen, von ihnen 
-ableiten wollen. Man darf sie nicht hypostasieren. Das kühne, 
so oft getadelte Wort des Laplace hat in dem Gebiete, auf 
das es sich bezieht, sein gutes Recht. Wohlverstanden, ist es 
tausendmal bescheidener, als ein jeder metaphysische Versuch, 
der Gott Vorschriften darüber macht, was er thun und unter- 
lassen konnte. In der Naturuntersuchung hat die „Hypothese" 



— 161 — 

Gottes keinen Kaum ; wo wir sie einfuhren, erklären wir, wag 
uns unverständlich ist, durch etwas ^deres, das wir eben 
niemals begreifen. Das Prinzip der faulen Vernunft unter- 
bindet so die Adern der Forschung, die in den Erscheinungen 
keinen Kuhepunkt sich gönnen darf. Die Idee der syste- 
matischen Einheit der Natur ist kein konstitutives Prin- 
zip; derselbe Mifsverstand macht sie dazu, der den Baum, ein 
Prinzip der Sinnlichkeit, in einen an sich gegebenen Gegen- 
stand verwandelt. Hier macht sich die Vernunft im Grunde 
Sorge um etwas, das ihrer Verantwortung entzogen ist. Die 
Welt erscheint ihr ohne den an sich seienden Baum nicht fest 
genug. Es ist dasselbe Buhebedürfnis der Vernunft, das der 
Welt auf einem Elephanten und diesen auf einer Schildkröte 
zum Gleichgewicht verhilft. In etwas roherer Form begegnet 
uns hier derselbe Irrtum, der für eine formale Bedingung des 
Denkens nach einem unmöglichen Inhalt sich umthut, damit 
die liebe Seele Buhe hat. Auf der anderen Seite ninmit uns die 
konstitutiv behandelte Idee durch verkehrte Vernunft das vor- 
weg, was wir erst zu suchen haben. Im vareQoy nQoza^ov wird das 
als sicher schon gesetzt, was erst bewiesen werden soll. Jene 
systematische Einheit in den Erscheinungen zu finden, ist aber 
eine ewige Aufgabe, zu der wir beständig Material zusammenzu- 
tragen und in der Einheit der Prinzipien zu verschmelzen haben. 

32. Die Eantische Ideenlehre krönt den systematischen 
Aufbau der Kritik der reinen Vernunft. Kein Werk der Philo- 
sophie, und vielleicht in der Wissenschaft überhaupt, läfst sich 
diesem einzigen Buche zur Seite stellen. Wollte es nicht wider- 
wärtigem Streit und dem Widerspruch ein Ende machen, so 
könnte man sagen : die Kritik hat die Metaphysik aus dem Para- 
diese der reinen Vernunft vertrieben und auf die mühsame Arbeit 
angewiesen, ohne die keine Erkenntnis möglich ist. An die Stelle 
der planlosen und gescheiterten Versuche der Vorgänger läfst 
eine völlig neue Wissenschaft vor uns hintreten. Es giebt Kant 
auch heute keine metaphysische Frage, zu deren Lösung die 
Kritik den Schlüssel nicht bereit hielte ; man mag nur in ihren 
Geist einzudringen suchen. Der Verfasser der Kritik wufste, 
was er geleistet hatte. Man lese nur die Vorreden seines 
Buches mit Aufmerksamkeit. Die Begründung der wissen- 
schaftlichen Mathematik, die durch das Experiment, die plan- 
mäfsige „Überhörung" der Natur, hervorgerufene Umwälzung 

Goldsehmidt-Mellin. H 



~ 162 — 

der Physik, die That des Köper nikus und in der Philosophie 
die Aristotelische Begründung der Logik — das sind die emi- 
nenten Thatsachen, mit denen er seine eigenen Entdeckungen 
in eine Beihe stellt. Wer will dem grofsen Manne einen Vor- 
wurf daraus machen, dafs er sich des Dienstes bewufst war, 
den er der Menschheit leisten konnte! Man schlägt diesen 
Dienst aus, weil man nicht Geduld hat, mit Mühen zu er- 
werben, was man ererbt hat. Der Keim seiner grofsen 
Sehöpfung verbirgt- sich nicht leicht dem prüfenden Auge. 
Mit einer yöUig neuen Lehre, der transscendentalen Ästhe- 
tik, hebt das Buch an. Die Abstraktion, die sie verlangt, 
ist so legitim, wie die der Mathematik; es ist dieselbe. Hier 
ist zu bemerken, dafs sie eine äufserste Abstraktion ist, über 
die der Mensch nicht hinauskann, ohne den Gegenstand zu 
vernichten, d. h. ohne sich der Möglichkeit zu berauben, in der 
Erkenntnis weiter zu schreiten. Nimmt man Raum und Zeit 
durch Abstraktion aus der Erkenntnis, so bleiben nur logische 
Verhältnisse übrig. Das Ding an sich, das im Gegenstande 
dann noch gedacht wird, kann nicht mehr erkannt und nicht 
mehr bestimmt werden; es würde nur logischen Beziehungen 
gehorchen. Mit welchem Recht verlangen wir vom Unerforsch- 
lichen, dafs es sich mit unseren blofsen Gedanken erkennen lasse? 
Alles Fortschreiten im synthetischen Urteil a priori beruht in 
letzter Linie darauf, dafs im Raum und in der Zeit dem Ge- 
müte schon Formen anhaften, in denen die Synthesis einen 
Widerhalt £ndet. Alles, was uns an Gegenständen je gegeben 
werden kann, wird uns in den Sinnen gegeben ; der empirischen 
Anschauung aber liegen Raum und Zeit notwendig zu Grunde. 
Jede empirische Erkenntnis setzt Raum und Zeit schon vor- 
aus, also können sie wohl, und sie müssen sogar in den 
Gegenständen der Erfahrung enthalten, aber sie selbst können 
nicht empirisch erworben sein. Es kann ihnen entsprechend 
also auch in den Dingen nichts an sich zu Grunde liegen; 
sie sind wirklich nur in der Erscheinung, der sie notwendig 
angehören. Sind die sinnlichen Qualitäten nur Modifika- 
tionen unserer Sinnesorgane, so kommen sie auch nicht einmal 
den Erscheinungen an sich zu, aber Raum und Zeit sind ideale 
Faktoren und nicht blofse Modifikationen der Empfindung; 
haben wir ohne sie keinen Gegenstand, so können wir doch 
nur vom Standpunkte des Menschen, des sinnlich anschauenden 



— 163 — 

Wesens sagen: Den Dingen als unseren Objekten kommt Raum 
und Zeit zu ; die Dinge als Gegenstände einer reinen Vernunft 
sind unerforschlich, d. h. aber, die Metaphysik, die nach an 
sich seienden Objekten sich abmüht, hat überhaupt keinen 
Gegenstand. 

Mit den von Kant entdeckten Formen d er Anschauung 
hatte er den Schlüssel zur Lösung der metaphysischen Wirren 
gefunden. Er hat diese Formen von empirischen und von reinen 
Verstandesbegriflfen geschieden; in ihnen wird nicht gedacht, 
was sich an sich dem Subjekt gegenüberstellt, wohl aber wird 
in ihnen unsere Wirklichkeit angeschaut ; sie selbst sind nicht 
Absolut, sondern nur relativ auf das anschauende Subjekt 
wirklich, und sofern sind sie die Bedingungen aller Erschei- 
nungen, die uns vorkommen können. 

Die Erscheinungen sind der unbestimmte Gegenstand 
der Erkenntnis. Welche Mittel haben wir, sie zu bestimmen? 
Diese Aufgabe löst die Lehre vom Verstände. Die Kategorien- 
lehre erschöpft die Möglichkeiten der Bestimmung von Er- 
scheinungen, sie verifiziert überdies die Absonderung von 
Baum und Zeit in einer besonderen Lehre. Diese geben die 
Möglichkeit des Gegenstandes, soweit er uns gegeben werden 
kann, jene die Möglichkeit, ihn als besonderen von allen anderen 
zu unterscheiden. Notwendig mufste die in der transscenden- 
talen Ästhetik und Analytik enthaltene Lehre vom Gegenstande 
vorausgegangen sein, wenn man zum Verständnis der Ideen, 
d. h. zum Verständnis der eigentlichen Vernunft gelangen 
wollte. Mit der Analytik war überdies die dogmatische Onto- 
logie gefallen. Man hat es im reinen Verstände nicht mit onto- 
logischen Prädikaten im absoluten Sinne, sondern mit formalen 
Begriffen und Erkenntnisprinzipien zu thun, die sich nur auf 
Erscheinungen beziehen können. Am empirischen Grebrauch 
der Vernunft ist damit nichts geändert; wer sich aber mit ihnen 
transscendental überhebt, der spielt nur mit Gedankenformen, 
einen Inhalt haben sie nicht mehr und sie können keinen er- 
halten, es sei denn in möglicher Erfahrung, der inmier Raum 
und Zeit zu Grunde liegen. 

33. Man kann die Ideen nicht verstehen, wenn man schon 
die Verstandesbegriffe mifsdeutet hat. Kritiklose Skepsis be- 
raubt uns der Einsicht in die Natur beider. Aus der Liqui- 
dation der alten Metaphysik rettet sie nichts, was der Erhal- 



— 164 — 

tung wert wäre. Welcher Wahn, sich an Ideen zu hängen, 
wenn schon die Verstandesbegriffe blofse Einbildungen sind! 
Sind aber diese ein notwendiges Ingrediens menschlicher Er- 
kenntnis, so sind auch die transscendentalen Ideen keine be- 
liebig erdichteten Hirngespinste. Jene Bemühungen der Meta- 
physik waren notwendig fruchtlos, aber die Irrtümer sind 
natürliche; die Vernunft kommt notwendig auf jene Ideen, 
und die Täuschung ist ebenso begreiflich, wie die Verwechs- 
lung der Begriffe mit Bestimmungen an sich seiender Dinge. 
Beziehen sich aber die Verstandesbegriffe nicht auf Dinge an 
sich, so können es die Ideen noch weniger. Ist der trans- 
scendentale Gebrauch der Kategorien genau besehen „gar kein 
Gebrauch", werden sie zu „leeren Titeln**, durch die man 
nichts mehr „verstehen** kann, so ist der objektive Gebrauch 
der Ideen transscendent, so dafs man durch sie nichts mehr 
„begreifen" kann. Gleichwohl sind diese Ideen nicht an sich 
dialektisch ; dafür bürgt die Vernunft selbst. Aber sie werden 
es, wenn man nicht behutsam ist. Jedermann macht von 
jenen Ideen selbst einen vernünftigen Gebrauch. Als heu- 
ristische regulative Prinzipien stellen sie Aufgaben, aber sie 
selbst lösen sie nicht. Man kann sie nicht wie Axiome an die 
Spitze der Metaphysik stellen. Sie sind Schemata der For- 
schung, die von der Erfahrung schon einen Inhalt voraus- 
setzen und den Verstand leiten, ihn systematischer Einheit 
zuzuführen. 

Von der alten Metaphysik bleibt somit nur eine Aufgabe: 
die Selbsterkenntnis der Vernunft, durch die man sein Wissen 
weniger erweitern, als den Irrtum abzuhalten vermag. Der 
Schein der transscendentalen Ideen wird niemanden mehr irre 
führen, wenn er sich der Kantischen Regeln ihres Gebrauchs 
erinnert. Geben sie kein Anrecht auf die Bestimmung eines 
absoluten Objekts, sagen sie nicht einmal über seine Möglich- 
keit etwas aus, so soll man dennoch seine Untersuchungen so 
anstellen, als ob 

1) unsere Seele eine einfache Substanz wäre, 

2) alle Bedingungen der Erscheinungen in einer nicht 
zu vollendenden Reihe verfolgbar wären, 

3) alle Erfahrung eine absolute Einheit ausmache, d. h. 
als ob der Inbegriff aller Erfahrung seinen obersten 
Grund aufser seinem Umfang habe. 



— 165 — 

Man lasse jenes berühmte „als ob" nicht zur leeren Formel 
werden, so wird man erkennen, dafs in diesen Ansprüchen die 
letzten Prinzipien aller empirischen Forschung sich kund 
thun. Es handelt sich dabei auch nicht um eine Halbheit, 
eine Eonzession gegen die frühere Metaphysik. In der That 
macht es einen Unterschied, ob man einem Objekt eine Be- 
stimmung beilegt oder ob man nur ein notwendiges Prinzip 
der Vernunft befolgt, um in treuer, unvoUendbarer Arbeit 
menschliches Wissen zu erweitern und seinen Zusammenhang 
in einer einheitlichen Natur immer mehr yerstehen zu lernen. 

In jener klaren Bestimmung der Ideen vollendet die Kritik, 
der wir hier nicht bis zur Methodenlehre folgen können, ihr 
„Hauptgeschäft", die Grenzbestimmung der reinen 
Vernunft. Es giebt keine reine Erkenntnis, es sei denn 
Yon Gegenständen möglicher Erfahrung; die Kraft mensch- 
licher Vernunft reicht nicht weiter, als unsere Sinne reicheuy 
uns einen Gegenstand zu geben. Wir können nichts er- 
schliefsen, was nicht von uns wahrgenommen werden oder 
mit möglichen Wahrnehmungen in eine Verbindung treten 
kann. Diese Einsicht in unser Nichtwissen hat nichts Nieder- 
drückendes: die Fülle der Aufgaben, die Verstand und Ver- 
nunft vorfinden, ist unerschöpflich. 

Wer sich trotz der eindringlichen Mahnung des kritischen 
Philosophen und trotz seiner zwingenden Begründung nicht 
zurückhalten läfst, die Kategorien transscendental, die Ideen 
transscendent zu gebrauchen, der hat es sich selbst zu- 
zuschreiben, wenn seinen Erfindungen der wissenschaftliche 
Chai-akter abgesprochen wird. Mag man geistreiche Phan- 
tasien in eine gefallige Form bringen; die müfsige Unter- 
haltung, die sie gewähren, mag niemandem verwehrt und der 
Ruhm, einem grofsen Publikum mit vermeintlicher Erkenntnis 
zu schmeicheln, mag jedermann vergönnt sein. Nur mag man 
sich nicht damit brüsten, dafs man Gedanken des strengen 
Königsberger Philosophen weiterentwickele. Diese Art der 
Weiterentwickelung ist unmöglich, nachdem Kant die Menschen 
auf ihre ursprünglichen sinnlichen Bedingungen auf- 
merksam gemacht und unwiderleglich damit festgestellt hat, 
dafs in jedem Erkenntnisgegenstande seine menschliche Art 
der Anschauung mitenthalten ist. Dem Physiker kann diese 
Frage ganz gleichgültig sein, wenn ihm auch die Erinnerung 



— 166 — 

an den Rechtstitel von Nutzen sein wird, auf dem der Ge- 
brauch von Prinzipien ruht, die ihm keine Erfahrung un die 
Hand geben kann. Er sei der Grenzen eingedenk, die seiner 
Arbeit gesteckt sind, und er verwechsle die Erkenntnis von 
Erscheinungen nicht mit absoluter Einsicht, damit er nicht 
in die Versuchung gerate, die Beschreibung einer Ent- 
Wickelung mit einer Theorie der Erschaffung zu ver- 
wechseln. 

Es ist ein Mifsbrauch des Eantischen Namens, wenn man 
eine Weiterentwickelung da feststellt, wo alles, was die beiden 
Worte zu einem bestimmten Begriffe in der Geschichte der 
menschlichen Erkenntnis macht, wieder aufgehoben wird. Wir 
können „niemals etwas anderes, als, sofern es unter gegebenen 
Bedingungen bestimmt ist, begreifen", sagt der Philosoph, 
und der den ersten Gründen der Dinge nachstrebenden Ver- 
nunft bleibt nichts übrig, „als von den Gegenständen auf sich 
selbst zurückzukehren, um, anstatt der letzten Grenze der 
Dinge, die letzte Grenze ihres eigenen, sich selbst überlassenen 
Vermögens zu erforschen und zu bestimmen *^ 

Gegen Versuche, die Restauration einer chimärischen 
Wissenschaft mit seinem Namen in Verbindung zu bringen, 
hat sich der Philosoph schon bei seinen Lebzeiten gewehrt: 
„Gott bewahre mich vor meinen Freunden, vor meinen Fein- 
den werde ich mich schon selber schützen". Das könnten 
Philosophen sich merken, die von den „Grundwahrheiten** Kants 
reden und sich nur eines vorbehalten : Die Erkennbarkeit der 
Dinge an sich. Es gemahnt an das bekannte Wort der biederen 
Bürger: Wir wollen eine Republik — aber unser Grofsherzog 
bleibt an der Spitze. 

Mit den eigenen Worten des Philosophen mögen diese Aus- 
einandersetzungen ihren Abschlufs finden. Sie stehen am Ende 
der transscendentalen Dialektik und lassen keinen Zweifel über 
den „Hauptzweck** der Kritik, die „Grenzbestimmung** der 
menschlichen Erkenntnis: „So fangt denn alle menschliche 
Erkenntnis mit Anschauungen an, geht von da zu Begriffen 
lind endigt mit Ideen. Ob sie zwar in Ansehung aller drei 
Elemente Erkenntnisquellen a priori hat, die beim ersten An- 
blicke die Grenzen aller Erfahrung zu verschmähen scheinen, 
so überzeugt doch eine vollendete Kritik, dafs alle Vernunft 
im spekulativen Gebräuche mit diesen Elementen niemals über 



— 167 - 

das Feld möglicher Erfahrung hinauskommen könne, und dafs 
die eigentliche Bestimmung dieses obersten Erkenntnisvermögens 
sei, sich aller Methoden und der Grundsätze derselben nur zu 
bedienen, um der Natur nach allen möglichen Prinzipien der 
Einheit, worunter die der Zwecke die vornehmste ist, bis in 
ihr Innerstes nachzugehen, niemals aber ihre Grenze zu über- 
fliegen, aufserhalb welcher für uns nichts als leerer Raum ist. 
Zwar hat uns die kritische Untersuchung aller Sätze, welche 
unsere Erkenntnis über die wirkliche Erfahrung hinaus er- 
weitem können, in der transscendentalen Analytik hinreichend 
überzeugt, dafs sie niemals zu etwas mehr als einer möglichen 
Erfahrung leiten können; und wenn man nicht selbst gegen 
die klarsten abstrakten und allgemeinen Lehrsätze mifstrauisch 
wäre, wenn nicht reizende und scheinbare Aussichten uns 
lockten, den Zwang der ersteren abzuwerfen, so hätten wir 
aUerdings der mühsamen Abhörung aller dialektischen Zeugen, 
die eine transscendente Vernunft zum Behufe ihrer Anmafsungen 
auftreten läfst, überhoben sein können; denn wir wufsten es 
schon zum voraus mit völliger Gewifsheit, dafs alles Vorgeben 
derselben zwar vielleicht ehrlich gemeint, aber schlechterdings 
nichtig sein müsse, weil es eine Kundschaft betraf, die kein 
Mensch jemals bekommen kann. Allein, weil doch des Redens 
kein Ende wird, wenn man nicht hinter die wahre Ursache 
des Scheins kommt, wodurch selbst der Vernünftigste hinter- 
gangen werden kann, und die Auflösung allor unserer trans- 
scendenten Erkenntnis in ihre Elemente (als ein Studium 
unserer inneren Natur) an sich selbst keinen geringen Wert 
hat, dem Philosophen aber sogar Pflicht ist: so war es nicht 
allein nötig, diese ganze, obzwar eitle Bearbeitung der speku- 
lativen Vernunft bis zu ihren ersten Quellen ausführlich nach- 
zusuchen, sondern, da der dialektische Schein hier nicht allein 
dem Urteile nach täuschend, sondern auch dem Interesse 
nach, das man hier am Urteile nimmt, anlockend und jeder- 
zeit natürlich ist und so in alle Zukunft bleiben wird, so war 
es ratsam, gleichsam die Akten dieses Prozesses ausführlich abzu- 
fassen und sie im Archive der menschlichen Vernunft, zur 
Verhütung künftiger Irrungen ähnlicher Art, niederzulegen**. 




JVIarginalien 

und 

Register 

zu 

Kants Kritik der reinen Vemunfl. 



Zur Erleichterung und Beförderung 

einer Vernunfterkenntnis der Icritischen Philosophie 

aus ihrer Urkunde 



von 



George Samuel Albert Mellin, 

zweitem Prediger der deutschreformierten Gemeine zu Magdeburg. 



Marginalien 



zu 



Kants Kritik der reinen Vernunft. 




Vorrede. 



Der Zweck dieser Sclirift ist, wie der Titel 
bestimmt genug sagt, das Studium der kritischen 
Philosophie zu erleichtem und zu befördern. Sie soll 
denen nützlich werden, welche Mut und Entschlossen- 
heit genug besitzen, ohne einen Führer zu haben, 
den kürzesten und sichersten, aber freilich auch müh- 
samsten Weg zum Ziel zu gehen, und, wie ich that, 
die kritische Philosophie in Kants Schriften selbst zu 
studieren. Dies ist der sicherste Weg, weil man auf 
ihm nie in Gefahr ist, irre geftihrt zu werden ; es ist 
der kürzeste, weil der Forscher auf demselben nie 
durch eine unrichtige Vorstellung, einen mangelhaften 
Beweis oder eine Lücke im System aufgehalten wird, 
auch nie eine Eeihe falscher Vorstellungen, die ihm 
Zeit und Anstrengung gekostet haben, in der Folge 
wieder verwerfen und mit andern verwechseln darf. 

Aber mühsam ist dieser Weg. Der, welcher ihn 
geht, hat vornehmlich mit drei Schwierigkeiten zu 
kämpfen: Er findet in Kants Kritik eine Menge 
Kunstwörter, die, so unentbehrlich und bedeutend sie 
auch sind, doch dem Gedächtnis eine Bürde auflegen, 
die dasselbe nicht sogleich tragen kann. Der Leser 
findet femer in der Kritik die ausfiihrlichsten und 
vortrefflichsten Erläuterungen der Hauptmomente, aber 
ob man wohl nicht ein Jota von dem, was ein Kant 
sagt, verlieren möchte, so werden doch, durch die 



6 Vorrede. 

Erläuterungen, diese Hauptmomente leicht dem Auge 
entrtfckt und schwer zu übersehen, welches besonders 
bei der Deduktion der Kategorien der Fall ist. Endlich 
sind auch hin und wieder einige Druckfehler in der 
Kritik der reinen Vemuft, bei welchen man anfänglich 
anstöfst und die der Forscher, solange er noch nicht 
festen Trittes fortzuschreiten wagt, immer eher zu 
erklären als zu verbessern sucht und so leicht irrt. 

Es gibt noch eine andere Schwierigkeit, die aus 
Kants Stil entspringt, der seiner Eigenheiten wegen 
wohl eine besondere Abhandlung verdiente, und der 
auch den Scholiasten kommender Zeiten zu manchen 
Bemerkungen Stoff geben wird. Es liegt aufser meiner 
Sphäre, hier von der vortrefflichen Diktion, den glück- 
lichen Bildern und Allegorien, der reichhaltigen Kürze, 
der Bestimmtheit im Ausdrucke zu reden, die wir in 
dem Meisterwerke des menschlichen Verstandes finden, 
von welchem ich hier den Abrifs aufstelle. Aber 
welcher Leser desselben findet nicht zuweilen eine 
dem Anschein nach unüberwindliche Dunkelheit, die 
aus der Menge von eingeschobenen Sätzen entspringt, 
welche wir öfters in einer Periode finden. Die Quelle 
derselben ist freilich Kants Eeichtum an neuen Ge- 
danken, die zusammengenommen einen Schatz von 
Erkenntnis ausmachen; aber das hindert nicht, dafs 
jene eingeschobenen Sätze es uns nicht zuweilen sehr 
sauer machen sollten, eine Periode zu zerlegen und 
den Hauptgedanken aufzufassen. 

Diese Schwierigkeiten sind es, welche ich durch 
gegenwärtige Schrift zum Teil wegräumen möchte. Sie 
heifst Marginalien, weil ich mich bemüht habe, 
von jedem Absatz der Kritik der reinen Vernunft den 
Inhalt so kurz als möglich anzugeben. Sie imter- 
scheiden sich aber von andern Marginalien dadurch, 



Vorrede. 7 

dafs sie die Hauptwahrheiten der Kritik mit den Be- 
weisen vollständig, obwohl mit wenigen Worten, ohne 
alle Erläuterungen und Beispiele, enthalten und so 
zugleich das ganze System zusammenhängend in einem 
kurzen Abrisse darstellen. 

Sie sollen nun den Nutzen leisten, dafs man 
vermittelst derselben den ganzen Abschnitt der Kritik, 
den man durchdenken will, nach seinen Lehrsätzen 
und Beweisen übersehen könne, so dafs die Marginalien 
gleichsam das Kompendium und die Kritik den Vor- 
trag darüber vorstellen; dafs man nach Vollendung 
des Studiums eines Abschnitts die Hauptsachen noch 
einmal wiederholen und fiir sich überdenken könne; 
dafs man mitten in der tiefsinnigsten Spekulation 
abbrechen und sich nach Endigung der Störung mit 
Hilfe der Marginalien sogleich wieder in die Materie 
hineindenken könne. Nach Vollendung des Studiums 
der ganzen Kritik können diese Marginalien zur 
Übersicht dienen. Da die Kritik zu stark ist, als 
dafs man sie beim Unterricht zum Grunde legen 
könnte, so scheinen mir die Marginalien zu einem 
solchen Leitfaden sehr bequem zu sein, deswegen 
habe ich die Sätze numeriert. Die Zahlen am Eande 
bezeichnen die Seiten der Kritik zweiter und dritter 
Auflage. Dem Gedächtnis kommt das Register zu 
Hilfe, worin man jedes Kunstwort findet und so 
nicht ntir die Erklärung desselben in der Kritik selbst 
nachschlagen, sondern auch die vornehmsten Lehr- 
sätze aufsuchen, untereinander vergleichen, den Sinn 
des Verfassers bei schweren Stellen aus Parallelstellen 
finden und die Kritik aus sich selbst erklären kann. 
Ich habe das Schema der ganzen Kritik der reinen 
Vernunft den Marginalien vorgesetzt, weil es zur 
Übersicht des Kantischen Werks unentbehrlich ist. 



8 Vorrede. 

Endlich habe ich die wichtigsten Druckfehler der 
Kritik angehängt, die in der dritten Auflage alle wieder- 
holt und mit einer beträchtlichen Anzahl vermehrt 
sind, so dafs hier der seltene Fall eintritt, dafs die 
zweite Auflage den Vorzug vor der dritten verdient. 

Und so hoffe ich durch das Hilfsmittel, das ich 
hiermit dem Publikum übergebe, mehr zur Erleich- 
terung des Studiums der kritischen Philosophie zu 
thun, als durch einen noch so populären Vortrag 
derselben, bei dem man so leicht in Gefahr kommt, 
falsche Vorstellung zu veranlassen oder als durch 
eine Menge von Beispielen, die nie ganz passen, und 
von denen der Leser oft gerade das auffafst, wovon 
gänzlich abstrahiert werden sollte, geschehen kann. 
Ich thue bei dieser Schrift gern auf jedes Verdienst 
Verzicht und eigne mir nur das zu, die kritische 
Philosophie verstanden, von allen Widersprüchen frei 
und vollkommen konsequent gefunden zu haben. Ohne 
dieses wäre es mir nicht möglich gewesen, diesen 
Abrifs zu verfertigen und die Gründe der vornehmsten 
Wahrheiten so kurz als möglich anzugeben, um nicht 
blofs eine historische, sondern eine Vemunfterkenntnis 
der kritischen Philosophie zu befördern. 



Inhalt 

der 

Kritik der reinen Yemnnflt. 



Seite 

Einleitung i 

I. Von dem Unterschiede der reinen und empirischen 
Ehrkenntnis 1 

II. Wir sind im Besitze gewisser Erkenntnisse a priori, 

und selbst der gemeine Verstand ist niemals ohne solche 3 

m. Die Philosophie bedarf einer Wissenschaft, welche die 
Möglichkeit, die Prinzipien und den Umfang aller Er- 
kenntnisse a priori bestimme 6 

IV. Von dem Unterschiede analytischer und synthetischer 

Urteile 10 

V. In allen theoretischen Wissenschaften der Vernunft 
sind synthetische Urteile a priori als Prinzipien ent- 
halten 14 

VI. Allgemeine Aufgabe der reinen Vernunft .... 19 

Vn. Idee und Einteilung einer besonderen Wissenschaft 

unter dem Namen einer Kritik der reinen Vernunft . 24 



Kritik der reinen Vernunft. 

L Transseendentale Elementarlehre. 

1. Teil. Die transscendentale Ästhetik .... 33 

§ 1. Erklärungen 33 

i. Abschnitt Von dem Baume 37 

§ 2. Metaphysische Erörterung dieses Begriffs ... 37 
§ 3. Transscendentale Erörterung des Begriffs vom 

Baume 40 

Schlüsse aus obigen Begriffen 42 



10 Inhalt der Kritik der reinen Vernunft. 

Seite 

2, Abschnitt Von der Zeit 46 

§ 4. Metaphysische Erörterung des Begriffs der Zeit . 46 

§ 5. Transscendentale Erörterung des Begriffs der Zeit 48 

§ 6. Schlüsse aus diesen Begriffen 49 

§ 7. Erläuterung 53 

§ 8. Allgemeine Anmerkungen zur transscendentalen 

Ästhetik 59 

Beschlufs der transscendentalen Ästhetik 73 



2. TeiL Die transscendentale Logik 74 

Einleitung. Idee einer transscendentalen Logik . 74 

I. Von der Logik überhaupt 74 

IL Von der transscendentalen Logik 79 

m. Von der Einteilung der allgemeinen Logik in Analytik 

und Dialektik 82 

IV. Von der Einteilung der transscendentalen Logik in 

die transscendentale Logik und Dialektik 87 

I. Abteilung. Die transscendentale Analytik 89 

1. Buch. Die Analytik der Begriffe 90 

1« HauptStfick« Von dem Leitfaden der Entdeckung aller I 

reinen Verstandesbegriffe 91 

i. Abschnitt, Von dem logischen Verstandesgebrauche 

überhaupt 92 j 

2, Abschnitt § 9. Von der logischen Funktion des 
Verstandes in Urteilen 95 

3, Abschnitt § 10. Von den reinen Verstandes- , 
begriffen oder Kategorien 102 

§ 11. Artige Betrachtungen, die sich über die Tafel | 

der Kategorien anstellen lassen 109 

§ 12. Über ein Hauptstück in der Transscendental- I 

Philosophie der Alten 113 

2i Hauptstflck. Von der Deduktion der reinen Verstandes- 
begriffe 116 

1. Abschnitt § 13. Von den Prinzipien einer trans- 
scendentalen Deduktion überhaupt 115 

§ 14. Übergang zur transscendentalen Deduktion der 

Kategorien 124 

2, Abschnitt, Transscendentale Deduktion der reinen i 
Verstandesbegriffe 129 

§ 15. Von der Möglichkeit einer Bedingung über- ' 

haupt 129 



Inhalt der Kritik der reiaen Vernunft. 11 

Seite 

§ 16. Von der ursprünglichen synthetischen Einheit 

der Apperzeption 131 

§ 17. Der Grundsatz der synthetischen Einheit der 
Apperzeption ist das oberste Prinzip alles 
Verstandesgebrauchs 136 

§ 18. Was objektive Einheit des Selbstbewufstseins 

sei 139 

§ 19. Die logische Form aller Urteile besteht in 
der objektiven Einheit der Apperzeption der 
darin enthaltenen BegrifiFe 140 

§ 20. AUe sinnlichen Anschauungen stehen unter 
den Kategorien, als Bedingungen, unter denen 
allein das Mannigfaltige in ein BewuTstsein 
zusammen kommen kann 143 

§ 21. Anmerkung 144 

§ 22. Die Kategorie hat keinen andern Gebrauch 
zum Erkenntnisse der Dinge, als ihre An- 
wendung auf Gegenstände der Erfahrung . 146 

§ 23. Fortsetzung 148 

§ 24. Von der Anwendung der Kategorien auf Gegen- 
stände der Sinne überhaupt 150 

§ 25. Das denkende Subjekt läfst sich durch das 

blofse Bewufstsein nicht erkennen . . . . 157 

§ 26. Transscendentale Deduktion des allgemein mög- 
lichen Erfahrungsgebrauchs der reinen Ver- 
standesbegriffe 159 

§ 27. Eesultat dieser Deduktion der Verstandes- 
begriffe 165 

Kurzer Begriff dieser Deduktion 168 

2. Bneh. Die Analytik der Grundsätze 169 

Einleitung. Von der transscendentalen Urteilskraft 
überhaupt 171 

1« flauptstÜCki Von dem Schematismus der reinen Ver- 
standesbegriffe 176 

2» HHUptStÜCk. System aller Grundsätze des reinen Ver- 
standes 187 

i. Abschnitt, Von dem obersten Grundsatze aUer ana- 
lytischen Urteile 189 

2, Abschnitt Von dem obersten Grundsatze aUer syn- 
thetischen Urteile 193 

i^, Abschnitt Systematische Vorstellung aller synthe- 
tischen Grundsätze des reinen Verstandes . . . 197 



12 Inhalt der Kritik der reinen Vernunft 

Seito 

1. Axiome der AoBchaaniig 202 

2. Antizipationen der Wahrnehmung . . . 207 

3. Analogien der Erfahrung 218 

A. Erste Analogie. Grundsatz der Beharr- 
lichkeit der Substanz 224 

B. Zweite Analogie. Grundsatz der Zeit- 
folge nach dem Gesetz der Kausalität . .232 

C. Dritte Analogie. Grundsatz des Zugleich- 
seinsy nach dem Gesetze der Wechselwirkung, 
oder Gemeinschaft 256 

4. Postulate des empirischen Denkens überhaupt 265 

Widerlegung des Idealismus 274 

Allgemeine Anmerkung zum System der Grund- 
sätze 288 

3* HftUptstfick. Von dem Grunde der Unterscheidung 
aller Gegenstände in Phaenomena und Noumena . . 294 
Anhang. Von der Amphibolie der Keflexionsbegriffe 
durch die Verwechslung des empirischen Verstandes- 
gebrauchs mit dem transscendentalen 316 

1. Einerleiheit und Verschiedenheit . . • 319 

2. Einstimmung und Widerstreit 320 

3. Inneres und Äufseres 321 

4. Materie und Form 322 

Anmerkung zur Amphibolie der ReflexionsbegrifEe 324 

2. Abteilung. Die transscendentale Dialektik ..... 349 
Einleitung. 

I. Vom transscendentalen Schein 349 

n. Von der reinen Verpunft als dem Sitze des trans- 
scendentalen Scheins 355 

A. Von der Vernunft überhaupt 355 

B. Vom logischen Gebrauche der Vernunft . . 359 

C. Von dem reinen Gebrauche der Vernunft . . 362 

1. Bneh. Von den Begriffen der reinen Vernunft . 366 

1, Abschnitt Von den Ideen überhaupt 368 

2, Abschnitt Von den transscendentalen Ideen . . 377 

3, Abschnitt System der transscendentalen Ideen . 390 

3. Bneh. Von den dialektischen Schlüssen der reinen 

Vernunft 396 

1* HftUptStflck. Von den Paralogismen der reinen Ver- 
nunft 399 

Widerlegung des Mendelssohnschen Beweises der Be- 
harrlichkeit der Seele 413 



Inhalt der Kritik der reinen Vernunft IH 

Seite 

Beschlufs der Anilösung des psychologischen Para- 
logismus 426 

Allgemeine Anmerkung, den Übergang von 
der rationalen Psychologie zur Kosmologie betreffend 428 

2. HAnptStflck. Die Antinomie der reinen Vernunft . . 432 
i. Abschnitt System der kosmologischen Ideen . . 435 

2. Abschnitt, Antithetik der reinen Vernunft . . . 448 

1. Widerstreit der transscendentalen Ideen 

Die Welt ist endlich und unendlich .... 454 

2. Widerstreit der transscendentalen Ideen 
Alles in der «Welt ist einfach und zusammen- 
gesetzt 462 

3. Widerstreit der transscendentalen Ideen 
Alles geschieht nach Freiheit und Notwendigkeit 472 

4. Widerstreit der transscendentalen Ideen 
Es gibt ein schlechthin notwendiges Wesen und 
alles ist zufällig 480 

3. Abschnitt Von dem Interesse der Vernunft bei 
diesem ihrem Widerstreite 490 

4, Abschnitt Von den transscendentalen Aufgaben der 
reinen Vernunft, insofern sie schlechterdings müssen 
aufgelöst werden können 504 

ö, Abschnitt. Skeptische VorsteUung der kosmologischen 

Fragen durch alle vier transscendentalen Ideen . 513 

5, Abschnitt. Der transscendentale Idealismus als der 
Schlüssel zur Auflösung der kosmologischen Dialektik 518 

7. Abschnitt Kritische Entscheidung des kosmo- 
logischen Streits der Vernunft mit sich selbst . . 525 

8. Abschnitt. Regulatives Prinzip der reinen Vernunft 

in Ansehung der kosmologischen Ideen .... 536 
t^. Abschnitt Von dem empirischen Gebrauch des 
regulativen Prinzips der Vernunft in Ansehung 

aller kosmologischen Ideen 543 

I. Auflösung der kosmologischen Idee von der 
Totalität der Zusammensetzung der Erschei- 
nungen zu einem Weltganzen 545 

n. Auflösung der kosmologischen Idee von der 
Totalität der Teilung eines gegebenen Ganzen 

in der Anschauung 551 

Schlufsanmerkung zur Auflösung der mathe- 
mathisch transscendentalen u. Vorerinnerung zur 
Auflösung der dynamisch transscendentalen Ideen 556 



14 Inhalt der Kritik der reinen Yemunft 

Seite 

ni. Auflösung der kosmologischen Idee von der 
Totalität der Ableitung der Weltbegebenheiten 

aus ihren ürBachen 560 

Erläuterung der kosmologisohen Idee einer 
Freiheit in Verbindung mit der allgemeinen 
Naturnotwendigkeit 570 

IV. Auflösung der kosmologischen Idee von der 
Totalität der Abhängigkeit der Erscheinungen, 

ihrem Dasein nach überhaupt 587 

Schlufsan merkung zur ganzen Antinomie der 
reinen Vernunft 593 

3. HAOptStAck. Das Ideal der reinen Vernunft . . . 595 

1. Abschnitt Von dem Ideal überhaupt .... 595 

2. Abschnitt. Von dem transscendentalen Ideal . . 599 

3. Abschnitt, Von den Beweisgründen der spekulativen 
Vernunft, auf das Dasein eines höchsten Wesens 

zu schliefsen 611 

Es sind nur drei Beweisarten vom Dasein Gottes 
aus spekulativer Vernunft möglich 618 

4. Abschnitt Von der Unmöglichkeit eines ontolo- 
gisohen Beweises vom Dasein Gottes 620 

ö, Abschnitt, Von der Unmöglichkeit eines kosmo- 
logischen Beweises vom Dasein Gottes . . . . 631 
Entdeckung und Erklärung des dialektischen Scheins 
in allen transscendentalen Beweisen vom Dasein 
eines notwendigen Wesens 642 

6, Abschnitt. Von der Unmöglichkeit des physiko- 

theologischen Beweises 648 

7. Abschnitt Kritik aller Theologie aus spekulativen 

Prinzipien der Vernunft 659 

Anhang. Von dem regulativen Gebrauch der 

Ideen der reinen Vernunft 670 

Von der Endabsicht der natürlichen Dialektik der 
menschlichen Vernunft . 697 



n. Transseendentale Methodenlehre. 

It HMptStfick. Disziplin der reinen Vernunft. • . . 736 

1. Abschnitt Disziplin der reinen Vernunft im dog- 
matischen Gebrauche 741 



Inhalt der Kritik der reinen Vernunft. 15 

Seite 

2. Abschnitt. Disziplin der reinen Vernunft in An- 
sehung ihres polemisohen Gebrauchs 766 

Von der Unmöglichkeit einer skeptischen Befriedigung 

der mit sich selbst veruneinigten reinen Vernunft 786 

3. Abschnitt. Disziplin der reinen Vernunft in An- 
sehung der Hypothesen 797 

4. Abschnitt. Disziplin der reinen Vernunft in An- 
sehung ihrer Beweise 810 

2« HauptstÜCk. Kanon der reinen Vernunft .... 823 

1. Abschnitt. Von dem letzten Zwecke des reinen 
Gebrauchs unserer Vernunft 825 

2. Abschnitt. Von dem Ideal des höchsten Guts als 
einem Bestimmungsgrunde des letzten Zwecks der 
reinen Vernunft . . . * 832 

3. Abschnitt. Vom Meinen, Wissen und Glauben . 848 

3« Haoptstfick. Die Architektonik der reinen Vernunft . 860 
4, Hauptstfick. Die Geschichte der reinen Vernunft . 880 




Einleitung. 



I. 

Von dem Unterschiede der reinen und empirisclien 
Erkenntnis. 

1. Alle Erkenntnis fängt, der Zeit nach, mit der Er- 
fahrung an. 

2. Darum mufs sie aber nicht eben alle aus der Erfahrung 
entspringen. 

3. Frage: Giebt es Erkenntnisse (a priori), die nicht aus 
der Erfahrung, sondern aus dem Erkenntnisvermögen ent- 
springen? 

4. Unter solchen Erkenntnissen (a priori) sind aber hier 
nicht die zu verstehen, die aus einer allgemeinen Regel ab- 
geleitet werden, welche selbst aus der Erfahrung entlehnt ist. 

5. Erkenntnisse a priori sollen nur die heifsen, die schlechter- 
dings nicht aus Erfahrung entspringen. Rein heifsen sie, wenn 
gar nichts aus der Erfahrung (Empirisches) beigemischt ist. 

II. 

Wir sind im Besitze gewisser Erkenntnisse a priori, und 
selbst der gemeine Verstand ist niemals ohne solche. 

6. Die beiden sichern Kennzeichen einer Erkenntnis a priori 
sind Notwendigkeit und strenge Allgemeinheit. 

7. Dafs es Erkenntnisse a priori giebt, beweisen Bei- 5 

spiele (alle Sätze der Mathematik) und die Gewifsheit der Er- f^ 

fahrung, die auf Grundsätzen und nicht wieder auf Erfahrung ; 

beruhen mufs. 

2 



HelllDi Marginalien. 



r'-'^,'- 



18 Emleitang. 

IIL 

Die Philosophie bedarf einer Wissenschaft, welche die 
Möglichkeit, die Prinzipien und den Umfang aller Er- 
kenntnisse a priori bestimme. 

8. Gewisse Erkenntnisse sind sogar in keiner Erfahrung 
anzutreffen. 

9. Die Gegenstände dieser Erkenntnis sind Gott, Frei- 
heit und Unsterblichkeit. Die Wissenschaft, die sich 
mit ihnen beschäftigt, ist die Metaphysik ; sie verfährt anfangs 
dogmatisch d. i. ohne Prüfung, ob die Vernunft etwas davon 
zu erkennen vermag. 

10. Das Beispiel der Mathematik , die Sicherheit, von der 
Erfahrung nicht widerlegt zu werden, der Reiz, seine Erkennt- 
nisse zu erweitern, und die Wirklichkeit der Erkenntnisse 
a priori durch Zergliederung der Begriffe verleiten dazu. 

IV. 

10 Von dem Unterschiede analytischer und synthetischer i 

Urteile. 

11. In einem Urteile ist entweder das Prädikat im Subjekt 
versteckterweise enthalten (analytisches Urteil), oder es liegt 
ganz ausser dem Begriff des Subjekts und steht nur mit dem- 
selben in Verknüpfung (synthetisches Urteil). 

12. Die Richtigkeit der Verknüpfung des Prädikats mit J 
dem Subjekte in analytischen Urteilen beruht auf der Zer- | 
gliederung des Subjekts; in Erfahrungsurteilen, die als solche j 
synthetisch sind, auf der Erfahrung. 

13. Frage: Worauf gründet sich nun diese Verknüpfung 
in synthetischen Urteilen a priori? 

V. 

In allen theoretischen Wissenschaften der Vernunft 
sind synthetische Urteile a priori als Prinzipien ent- 
halten. 

« 

14. l)Mathematische Urteile sind insgesamt synthetisch. 

15. Eigentlich mathematische Sätze sind jederzeit Urteile 



Emleitong. 19 

a priori, wenigstens die der reinen Mathematik, weil sie 
Notwendigkeit bei sich führen. 

16. Ein arithmetischer Satz wie 7 + 5 = 12 ist nicht 15 
analytisch, weil die 12 nicht durch die Zergliederung der 

7 und 5, sondern durch die Operation des Hinzuthuns der 
Einheiten der 5 zu denen der 7 gefunden wird. 

17. Ebensowenig ist irgend ein Grundsatz der reinen 
Geometrie analytisch. 

18. Einige wenige Grundsätze, welche die Geometer voraus- 
setzen, sind zwar analytisch, aber sie dienen nur zur Kette 
der Methode, nicht als Prinzipien, und können doch konstruiert 
werden. 

19. 2) Die Naturwissenschaft enthält synthetische 
Sätze a priori als Prinzipien in sich. 

20. 3) In der Metaphysik sollen synthetische Sätze 
a priori enthalten sein. 

VI. 
Allgemeine Aufgabe der reinen Vernunft. 

21. Aufgabe: Wie sind synthetische Urteile 
a priori möglich? 

22. Dafs inan an diese Aufgabe nicht dachte, ist die 
Ursache der Ungewifsheit und der Widersprüche in der Meta- 
physik. 

23. In der Auflösung dieser Aufgabe ist die Beantwortung 20 
der Frage,- wie sind reine Mathematik und reine 
Naturwissenschaft möglich? mit begriffen. 

24. Metaphysik als Naturanlage ist wirklich (in der 
Vernunft), also entsteht auch von ihr die Frage, wie ist sie 
möglich? 

25. Da sich aber in der Metaphysik als Naturanlage Wider- 
sprüche finden, so ist in der obigen Aufgabe (21) auch die 
enthalten: wie ist die Metaphysik als Wissenschaft 
möglich? • 

26. E>ie Prüfung des Vernunftvermögens (24) führt also 
notwendig zur Wissenschaft, der Gebrauch desselben ohne 
Prüfung zum Skeptizismus. 

2* 



20 Einleitimg. 

27. Diese Wissenschaft kann nicht von grofser Weitläufig- 
keit sein, weil die Vernunft blofs mit sich selbst zu thun hat. 

28. Man mufs nur alle bisherigen Versuche, eine Metaphysik 
zu Stande zu bringen, als ungeschehen ansehen und sich durch 
keine Schwierigkeiten und keinen Widerstand abschrecken 
lassen. 

VII. 

26 Idee und Einteilung einer besondern Wissenschaft 
unter dem Namen einer Kritik der reinen Vernunft. 

29. Die Vernunft ist das Vermögen, welches die Prinzipien 
der Erkenntnisse a priori an die Hand giebt. Das Vermögen 
der Prinzipien, etwas schlechthin a priori zu erkennen, ist die 
reine Vernunft. Eine Wissenschaft der Prüfting oder Beur- 
teilung dieser reinen Vernunft kann die Kritik der reinen 
Vernunft heifsen. 

30. Die Idee einer Wissenschaft, die aus dieser BLritik 
entspringt, soll Transscendentalphilosophie heifsen. 
Sie ist das System aller Prinzipien der reinen Vernunft. 

31. Die Kritik der reinen Vernunft ist die vollständige 
Idee der Transscendentalphilosophie, aber diese Wissenschaft 
noch nicht selbst, denn dazu gehört die vollständige Analysis 
aller ihrer Begriffe. 

32. Die Transscendentalphilosophie ist eine Weltweisheit 
der reinen, blofs spekulativen Vernunft, denn es mufs gar nichts 
Empirisches hinein kommen. 

30 33. Die Kritik der reinen Vernunft zerfällt in die E le men- 
tarlehre und die Methodenlehre. Da es aber zwei 
Stämme d er menschlichen Erkenntnis gibt , Sinnlichkeit 
und Verstand, so würde die Sinnlichkeit, insofern sie Vor- 
stellungen a priori enthalten sollte, der Gegenstand eines Teiles 
der Transscendentalphilosophie, der transscendentalen 
Sinnlehre, sein. 



Kritik der reinen Vernunft. 

MIM 

9 

L 

Transscendentale Elementarlehre. 

Erster Teil. 

Die transscendentale Ästhetik. 



§ 1. Erklärungen. 

34. Die Fähigkeit, von Gegenständen affiziert zu werden, 
heifst Sinnlichkeit; sie liefert uns Vorstellungen, die An- 
schauungen heifsen, welche der Verstand auf Begriffe 
bringt oder denkt. 

35. Die Wirkung eines Gegenstandes auf unsere Sinnlich- 
keit ist Empfindung, der unbestimmte Gegenstand heifst 
Erscheinung, die Anschauung, die uns die Sinnlichkeit 
davon liefert, heifst empirisch. 

36. Das in der Erscheinung, was der Empfindung kor- 
respondiert, heifse Materie, das, worin sich die Empfin- 
dungen ordnen, die Form; diese kann nicht Wirkung des 
Gegenstandes sein, sonst wäre sie nicht Form, sondern Em- 
pfindung; sie liegt also im Gemüt a priori bereit. 

37. Vorstellungen, in denen nichts, was zur Empfindung 
gehört, angetroflfen wird, heifsen rein, die Form der empiri- 
schen Anschauung ist also reine Anschauung, und da 
sie im Gemüt bereit liegt, die reine Form der Sinn- 
lichkeit. 

38. Die Wissenschaft von allen Prinzipien der Sinnlich- 35 
keit a priori heifse transscendentale Ästhetik. Sie 



22 Erster Teü. 

macht den ersten Teil der transscendentalen Elementarlehre 
aus. 

39. In ihr wird die Sinnlichkeit isoliert, so dafs alles, 
was der Verstand dabei denkt und was zur Empfindung ge- 
hört, davon abgesondert wird. So finden sich zwei reine For- 
men der Sinnlichkeit, als Prinzipien der Erkenntnis, Raum 
und Zeit. 



Erster Abschnitt. 

Von dem Räume. 

§ 2. Metaphysische Erörterung dieses Begriffs. 

40. Vermittelst des äufseren Sinnes stellen wir uns Gegen- 
stände als aufser uns im Räume vor. Erörterung (Exposi- 
tion) ist die deutliche Vorstellung dessen, was zu einem Be- 
griffe gehört; sie ist metaphysisch, wenn sie dasjenige 
enthält, was den Begriff, als a priori gegeben, darstellt. 

Der Raum ist 

41. 1) kein empirischer Begriff, denn alle äufsere Er- 
fahrung ist nur durch die Vorstellung des Raumes mögüch; 

42. 2) eine notwendige Vorstellung a priori, denn man 
kann wohl die Gegenstände aus dem Räume, aber nicht den 
Raum selbst wegdenken; 

43. 3) eine reine Anschauung, denn er ist wesentlich 
einig; 

44. 4) er wird als eine unendlich gegebene Gröfse 
vorgestellt, also ist er nicht Begriff, sondern Anschauung 
a priori. 

40 § 3. Transscendentale Erörterung des Begriffs 

vom Räume. 

45. Die Erörterung ist transscendental, wenn gezeigt 
wird, 

1) dafs synthetische Erkenntnisse a priori daraus her- 
fliefsen ; 

2) dafs diese nur durch die gegebene Erklärungsart 
des Begriffs möglich sind. 



Die transBcendentale Ästhetik. 23 

46. Die Geometrie ist die Wissenschaft, welche die Eigen- 
schaften des Baums synthetisch und a priori bestimmt. Da 
ihre Sätze also nicht aus dem blofsen Begriff vom Baume 
folgen, so mufs er ursprünglich Anschauung sein, und zwar 
reine Anschauung, weil jene Sätze apodiktisch sind. 

47. Eine solche äuTsere Anschauung a priori kann dem 
Gemüt nicht anders beiwohnen, als sofern sie als Form des 
äufsem Sinnes blofs im Subjekte ist. 

48. Diese Erklärung macht also allein die Möglichkeit 
der Geometrie als einer synthetischen Erkenntnis a priori 
begreiflich. 

Schlttsse ans obigen Oründen. 

49. a. Der Baum stellt gar keine Eigenschaft oder Verhält- 
nisse der Dinge an sich vor, denn diese können nicht a priori 
angeschaut werden. 

50. b. Er ist die subjektive Bedingung der Sinnlichkeit, 
unter der uns allein auf sere Anschauung möglich ist (Form). 

51. Hieraus folgt also die empirische Bealität und 
transscendentale Idealität des Baums. 

52. Aufser dem Baume gibt es weiter keine andere sub- 
jektive auf etwas Äufseres bezogene Vorstellung, die a priori 
objektiv wäre, weil aus keiner synthetische Sätze a priori 
hergeleitet werden können. 

53. Also ist nichts, was im Baume angeschaut wird, eine 45 
Sache an sich, sondern eine blofse Vorstellung unserer 
SinnUchkeit. 



Zweiter Abschnitt. 

Von der Zeit 

§ 4. Metaphysische Erörterung des Begriffs der 

Zeit. 

54. Die Zeit ist 

1) kein empirischer Begriff, denn die Vorstellung 
der Zeit liegt der Erfahrung zum Grunde, 

55. 2) eine notwendige Vorstellung; denn die An- 
schauungen kann man aus der Zeit wegdenken, die Zeit aber 
nicht. 



24 Erster Teil. 

56. 3) Auf diese Notwendigkeit gründet sich auch die 
Möglichkeit der Axiome von der Zeit, die uns vor der 
Erfahrung belehren. 

57. 4) Die Zeit ist eine reine Anschauung, denn sie ist 
wesentlich einig. 

58. 5) Die Unendlichkeit der Zeit lehrt, dass sie kein 
Begriff sei. 

§ 5. Transscendentale Erörterung des Begriffs 
der Zeit. (Siehe 56.) 

59. Dieser Begriff der Zeit erklärt auch allein die syn- 
thetischen Erkenntnisse a priori der allgemeinen Bewegungs- 
lehre. 

§ 6. Schlüsse aus diesen Begriffen. 

60. a. Die Zeit ist nicht etwas, was für sich selbst be- 
stünde, oder den Dingen an sich anhinge. 

61. b. Sie ist die Form des Anschauens unseres inneren 
Zustandes oder unseres inneren Sinnes. 

50 62. c. Sie ist die formale Bedingung a priori aller 
Erscheinungen überhaupt. 

63. Nehmen wir also die Gegenstände, wie sie an sich sein 
mögen, so ist die Zeit nichts, nur in Ansehung der Erschein- 
ungen ist sie etwas. 

64. Hieraus folgt also die empirische Realität und 
die transscendentale Idealität der Zeit. 

§ 7. Erklärung. 

65. Einwurf: Veränderungen sind wirklich und nur in 
der Zeit möglich, folglich ist die Zeit etwas Wirkliches. Ant- 
wort: Die Zeit ist etwas Wirkliches, nämlich die wirkliche 
Form der inneren Anschauung, aber nichts für sich selbst Be- 
stehendes, das da wäre, wenn auch unser Vorstellungsvermögen 
nicht wäre. 

66. Die Ursache dieses Einwurfs ist, dafs die Wirklichkeit 
des Gegenstandes unseres inneren Sinnes unmittelbar durchs 
Bewufstsein klar ist, und dafs man nicht bedachte, dafs auch 
dieser Gegenstand nur zur Erscheinung gehört. 

ö6 67. Zeit und Raum sind demnach zwei Erkenntnisquellen 
synthetischer Sätze a priori, gehen aber als Bedingungen der 



Die transscendentale Ästhetik. 25 

Sinnlichkeit blofs auf Erscheinung. Wer dagegen die absolute 
Realität beider als subsistierend behauptet, mufs zwei 
ewige und unendliche für sich bestehende Undinge annehmen ; 
und wer sie als inhärierend ansieht, mufs die apodiktische 
Gewifsheit der Mathematik bestreiten. 

68. Dafs die transscendentale Ästhetik nicht mehr als diese 
zwei Elemente enthalten könne, ist daraus klar, weil alle 
anderen zur Sinnlichkeit gehörigen Begriffe etwas Empirisches 
voraussetzen. 

§ 8. Allgemeine Anmerkungen zur transscenden- 
talen Ästhetik. 

69. I. 1) Die wahre Meinung über die Grundbeschaflfenheit 
der Sinnlichkeit ist also: 

70. Dafs die Dinge, die wir im Räume und in der Zeit 
anschauen, nur Vorstellungen sind, die als Erscheinungen 
mit dem Räume und mit der Zeit nur in uns existieren. 

71. Dafs unsere ganze Sinnlichkeit nichts als die verworrene 60 
Vorstellung der Dinge sei, ist folglich eine Verfälschung des 
Begriffs von Sinnlichkeit und Erscheinung. Der Unterschied 
einer undeutlichen von der deutlichen Vorstellung ist blofs 
logisch. 

72. Die Leibniz- Wolfische Philosophie hat daher allen 
Untersuchungen über die Natur und den Ursprung unserer Er- 
kenntnisse einen ganz unrichtigen Gesichtspunkt angewiesen. 

73. Der Unterschied zwischen dem, was der Anschauung 
wesentlich anhängt, und dem, was ihr zufällig zukommt, ist 
empirisch. 

74. 2) Diese transscendentale Ästhetik ist nicht Hypothese, 
sondern gewifs. 

75. Denn wären Raum und Zeit nicht blofse Formen unserer 65 
Anschauungen, welche Bedingungen a priori enthalten, unter 
denen allein Dinge für uns äufsere und innere Gegenstände 
sein können, die ohne diese Bedingungen an sich nichts sind, 

so könnten wir a priori ganz und gar nichts über äufsere 
Objekte synthetisch ausmachen. 

76. n. Die Theorie von der Idealität des Raums und der 
Zeit wird auch dadurch bestätigt, dafs in der Anschauung 
nichts als Verhältnisse erkannt werden. 



26 Zweiter Tea 

70 77. in. Unterschied zwischen Schein und Er- 
scheinung. In der Erscheinung werden jederzeit die Objekte 
als etwas wirklich Gegebenes angesehen, denke ich aber nicht 
an das Verhältnis des Objekts zum anschauenden Subjekt, so 
entspringt der Schein. 

78. IV. Sollen Zeit und Raum objektive Formen aller 
Dinge sein, so hat man kein Recht, die Bedingungen derselben 
von der Anschauung des Gegenstandes der natürlichen Theo- 
logie wegzuschaffen. 

79. Es ist auch nicht nötig , dafs wir die Anschauungsart im 
Räume und in der Zeit auf die Sinnlichkeit des Menschen 
einschränken. 

Beschlufs der transscendentalen Ästhetik. 

80. Hier haben wir nun eins von den erforderlichen Stücken 
zur Auflösung der allgemeinen Aufgabe der Transscendental- 
philosophie (21). Synthetische Sätze a priori sind mög- 
lich, durch reine Anschauungen a priori, Raum und Zeit. 



Zweiter Teil. 

Die transscendentale Logik. 



I. Von der Logik überhaupt 

81. Unsere Erkenntnis entspringt aus zwei Grundquellen 
des Gemüts (33), der Rezeptivität der Eindrücke (34 f.) und 
der Spontaneität der Begriffe. Aus der erstem entspringen 
Anschauungen, aus der zweiten Begriffe; beide machen die 
Elemente aller unserer Erkenntnis aus. 
75 82. Die erstere ist die Sinnlichkeit, die andere der 
Verstand. Beide sind unentbehrlich zur Erkenntnis. Ohne 
Sinnlichkeit würde uns kein Gegenstand gegeben, und ohne 
Verstand keiner gedacht werden. Die Wissenschaft von den 
Regeln des Verstandes heifst Logik. 



Die transscendentale Logik. 27 

83. Die Logik ist entweder die des allgemeinen Verstandes- 
gebrauchs (Elementarlogik) oder des besondem Verstandes- 
gebrauchs (Organon dieser oder jener Wissenschaft). 

84. Die Elementarlogik ist entweder die reine, in der 
man von allen empirischen Bedingungen abstrahiert, oder die 
angewandte, die auf die Regeln des Verstandesgebrauchs 
unter psychologischen Bedingungen gerichtet ist. 

85. Beide müssen in der Elementarlogik voneinander ab- 
gesondert werden. Die reine steht unter zwei Regeln. 

86. 1) Als ein Teil der allgemeinen Logik abstrahiert 
sie von allem Inhalt der Verstandeserkenntnis und hat mit 
nichts als der blofsen Form des Denkens zu thun. 

87. 2) Als reine Logik hat sie keine empirischen 
Prinzipien; mithin schöpft sie nichts aus der Psychologie. 

88. Die angewandte Logik ist eine Vorstellung des 
notwendigen Verstandesgebrauchs unter den zufälligen Be- 
dingungen des Subjekts. 

IL Von der transscendentalen Logik. 

89. Sollte, wie bei den Anschauungen (35 — 37), ein Unter- 
schied zwischen reinem und empirischem Denken an- 
getroffen werden, so würde es eine Logik geben, die auf 
diesen Inhalt der Erkenntnis ginge und nicht allgemeine 
Logik, sondern Logik des reinen oder des empirischen 
Denkens wäre. 

90. Anmerkung. Die Erkenntnisse a priori von der so 
MögUchkeit der Erkenntnis oder von dem Gebrauch gewisser 
Vorstellungen a priori heifsen transscendental. 

91. Die Wissenschaft des reinen Verstandeserkenntnisses, 
dadurch wir Gegenstände völlig a priori denken, oder die 
Logik des reinen Denkens (89) würde also transscenden- 
tale Logik heifsen. 

IIL Von der Einteilung der allgemeinen Logik in 
Analytik und Dialektik. 

92. Man hat immer von den Logikern zu wissen verlangt, 
welches das allgemeine und sichere Kriterium der Wahr- 
heit sei. 



28 Zweiter Teü. 

93. Es ist aber ein nötiger Beweis der Einsicht, zu wissen, 
was man vernünftigerweise fragen sollte. 

94. Ein allgemeines Kriterium der Wahrheit nämlich sollte 
man nicht verlangen, weil es nicht möglich ist. Denn Wahr- 
heit ist die Übereinstimmung einer Erkenntnis mit ihrem 
Gegenstande. Nun soll das Kriterium dieser Übereinstim- 
mung 1) an einer jeden Erkenntnis zu finden sein als all- 
gemein, 2) den wahren Gegenstand der Erkenntnis von 
jedem andern unterscheiden, also jeder Erkenntnis eigen- 
tümlich sein. Das Kriterium soll 1) von jeder Erkenntnis 
ohne Rücksicht auf den Inhalt derselben (den Gegenstand) 
gelten und 2) doch die Übereinstimmung der Erkenntnis mit 
dem Inhalt (dem Gegenstand) betreffen. Dieses ist wider- 
sprechend in sich selbst. 

95. Die allgemeine Logik lehrt nur die negativen Kriterien 
der Wahrheit oder den Irrtum in der Form des Denkens 
finden; die positiven Kriterien (dergleichen [94] sein sollte) 
oder den Irrtum im Inhalt des Denkens entdecken kann sie 
nicht lehren. 

96. Die allgemeine Logik als Wissenschaft von den nega- 
tiven Bedingungen der Wahrheit heifse Analytik; als ver- 
meintliche Wissenschaft von positiven Bedingungen der 
Wahrheit ist sie Dialektik. 

8ö 97. Die letzte ist eine Logik, welche Schein erregen lehrt. 

98. Eine solche Unterweisung ist wider die Würde des 
Philosophen, daher heifst auch die Kritik des dialektischen 
Scheins, als ein Teil der Logik, Dialektik; so auch hier. 

IV. Von der Einteilung der transscendentalen Logik 
in die transscendentale Analytik und Dialektik. 

99. In der transscendentalen Logik wird der Ver- 
stand isoliert, so dafs alles, was zur Sinnlichkeit gehört oder 
was seinen Ursprung in der Empfindung hat, davon abgeson- 
dert wird. Dadurch bleiben nur noch die reinen Verstandes- 
erkenntnisse übrig, die ihren Ursprung lediglich im reinen 
Verstände haben. Der Teil der transscendentalen Logik, der 
die Elemente derselben vorträgt (vielleicht die Prinzipien, 
ohne welche kein Gegenstand gedacht werden kann), heifse 
transscendentale Analytik. Diese reinen Verstandes- 



Die transscendentale Logik. 29 

erkenntnisse haben ohne Anschauungen keine Objekte (82). 
Folglich ist die transscendentale Logik als Wissenschaft von 
vernünftelnden Objekten (ohne Anschauungen) eine trans- 
scendentale Dialektik, welche dialektischen Schein er- 
regen lehrt. Hier aber heifst transscendentale Dia- 
lektik die Kritik dieses dialektischen Scheins. 



Der transscendeiitalen Logik 

Erste Abteilung, 

Die transscendentale Analytik. 

100. Sie trägt das System aller reinen Elementarbegriffe 
der reinen Verstandeserkenntnis in ihrer ganzen Vollständig- 
keit vor und besteht aus zwei Büchern, dem System der Be- 
griffe und dem System der Grundsätze. 

Der transscendentalen Analytik 
Erstes Buch. 

Die Analytik der Begriffe. 9q 

101. Sie ist die Zergliederung des Verstandes Vermögens, 
um die Möglichkeit der Begriffe a priori dadurch zu er- 
forschen. 

Der Analytik der Begriffe 

Erstes Hauptstück. 

Von dem Leitfaden der Entdeckung aller reinen 
Verstandesbegriffe. 

102. Wenn man ein Erkenntnisvermögen ins Spiel setzt, 
so thun sich Begriffe hervor, die es kennbar machen und die 
sich sammeln lassen, ohne dafs man weifs, ob man sie alle 
hat oder alle auffinden werde. 

103. Die Transscendentalphilosophie aber kann und mufs 
ihre Begriffe nach einem Prinzip aufsuchen, weil sie alle rein 
aus dem Verstände entspringen. 



80 Zweiter Teil. 

Des transscendentalen Leitfadens der Entdeckung 
aller reinen Verstandesbegriffe 

Erster Abschnitt. 

Von dem logischen Verstandesgebrauche überhaupt. 

104. Der Verstand ist das Vermögen, durch BegrifiFe zu 
erkennen. Von diesen BegriflFen kann der Verstand keinen 
anderen Gebrauch machen, als dafs er dadurch urteilt, oder 
sie als Prädikate auf eine Vorstellung von einem noch un- 
bestimmten Gegenstande bezieht und diesen dadurch bestimmt. 
Die Einheit (Form) dieser Handlung heifse Funktion, Diese 
Funktionen des Verstandes können also insgesamt gefunden 
werden, wenn man die Funktionen der Einheit (Formen) in 
den Urteilen vollständig darstellen kann. 

95 Des Leitfadens der Entdeckung aller reinen 

Verstandesbegriffe 

Zweiter Abschnitt. 

§ 9. Von den logischen Funktionen des Verstandes 
in Urteilen. 

105. Die Funktionen der Einheit in den Urteilen oder des 
Denkens (denn beides ist eins [104]) können in folgender Tafel 
vorgestellt werden. Die Urteile sind: 

1) ihrer Quantität nach: allgemeine, besondere, 
einzelne; 

2) ihrer Qualität nach: bejahende, verneinende, 
unendliche; 

. 3) ihrer Relation nach: kategorische, hypothe- 
tische, disjunktive; 

4) ihrer Modalität nach: problematische, asser- 
torische, apodiktische. 

106. Da diese Einteilung von der gewohnten Technik der 
Logiker abzuweichen scheint, so ist zur Verhütung des Mifs- 
verstandes folgendes zu merken, 

107. 1) Die Logiker sagen mit Recht, dafs man die ein- 
zelnen Urteile gleich den allgemeinen behandeln könne. Der 
Gröfse seines Inhalts nach aber verhält sich ein einzelnes 



Die transscendentale Logik. 31 

Urteil zu einem allgemeinen, wie die Einheit zur Unendlich- 
keit. 

108. 2) Die Logiker sagen mit Becht, dafs man die un- 
endlichen Urteile den bejahenden beizählen müfste. AUein 
dem Inhalt des Prädikats nach sind die unendlichen Urteile 
beschränkend, durch die bejahenden aber wächst der Begriff. 

109. 3) Die Logiker sagen mit Recht, dafs man die dis- 
junktiven Urteile den kategorischen beizählen müsse. Allein 
dem Inhalt der Erkenntnis nach erschöpfen die disjunktiven 
Urteile diesen ganz, die kategorischen aber setzen das Subjekt 
in einen Teil der ganzen Sphäre der Erkenntnis, ohne auf 
die übrigen Rücksicht zu nehmen. 

110. 4) Die Modalität der Urteile hat das Unterscheidende loo 
an sich, dafs sie nichts zum Inhalt des Urteils beiträgt, 
sondern nur den Wert der Kopula in Beziehung auf das 
Denken überhaupt anzeigt. 

Des Leitfadens der Entdeckung aller reinen 
Verstandesbegriffe 

Dritter Abschnitt. 

§ 10. Von den reinen Verstandesbegriffen oder 
Kategorien. 

Metaphysische Deduktion derselben. 

111. Sie entspringen a priori, denn sie treffen mit den 
allgemeinen logischen Funktionen des Denkens zusammen. 

Beweis. 
Die Handlung des Denkens, durch die der Verstand das 
Mannigfaltige der Anschauung auf gewisse Weise durchgeht, 
aufnimmt und verbindet, um daraus eine Erkenntnis zu 
machen, heifse Synthesis. 

112. Sie ist dasjenige, was eigentlich die Elemente zu 
Erkenntnissen sammelt und zu einem gewissen Inhalt ver- 
einigt, und geht aller Analysis vorher. Diese Synthesis ist 
rein, wenn das Mannigfaltige der Anschauung a priori ge- 
geben ist. 

113. Sie ist die blofse Wirkung der Einbildungskraft, einer 
blinden, obgleich unentbehrlichen Funktion der Seele, ohne 



32 Zweiter Teil. 

die wir gar keine Erkenntnis haben würden (166 — 169). Sie 
auf BegriflFe zu bringen, ist eine Funktion des Verstandes. 

114. Die reine Synthesis (112), allgemein vorgestellt, giebt 
den reinen Verstandesbegriff. Sie beruht auf einem 
Grunde der synthetischen Einheit a priori. 

115. Zu einer Erkenntnis a priori gehört 1) ein Mannig- 
faltiges der reinen Anschauung; 2) die Synthesis dieses Mannig- 
faltigen durch die Einbildungskraft; 3) das Begreifen dieser 
Synthesis durch einen Begriff. Das letztere lehrt die trans- 
scendentale Logik, nämlich die reine Synthesis der Vor- 
stellungen auf Begriffe zu bringen. 

116. Die synthetische Einheit nämlich, zu der ver- 
schiedene Vorstellungen in einer Anschauung durch dieselbe 
Funktion des Verstandes, welche den verschiedenen Vor- 
stellungen in einem urteile Einheit gibt (Synthesis), ver- 
bunden werden, ist der reine Verstandesbegriff. 

105 117. Auf solche Weise entspringen gerade so viel reine 
Verstandes begriffe (nach Aristoteles Kategorien), 
welche a priori auf Gegenstände der Anschauung überhaupt 
gehen, als es (105) logische Funktionen in allen möglichen 
Urteilen gab. 

118. Tafel der Kategorien oder Stammbegriffe des 
reinen Verstandes. 

1) Der Quantität: Einheit, Vielheit, Allheit. 

2) Der Qualität: Realität, Negation, Limitation. 

3) Der Relation: Subsistenz, Kausalität, Ge- 
meinschaft. 

4) Der Modalität: Möglichkeit, Dasein, Not- 
wendigkeit. 

119. Dieses ist die Verzeichnung aller ursprünglich 
reinen Begriffe der Synthesis, die der Verstand a priori in 
sich enthält und um derentwillen er auch nur ein reiner 
Verstand ist. 

120. Sie haben auch ihre eben so reinen abgeleiteten 
Begriffe, die aber in ein vollständiges System der Trans- 
scendentalphilosophie gehören. 

121. Diese mögen Prädikabilien des reinen Verstandes 
heifsen. 



Die transscendentale Logik. 33 

122. Auch die Erörterung (40) der Kategorien (Prädika- 
mente) gehört in jenes System (120). 

§ 11. Artige Betrachtungen' die sich über die 
Tafel der Kategorien anstellen lassen. 

123. Dafs diese Tafel im theoretischen Teile der Philo- no 
Sophie unentbehrlich ist, um den Plan zum Ganzen einer 
Wissenschaft vollständig zu entwerfen und sie nach bestimm- 
ten Prinzipien abzuteilen, erhellt von selbst. 

124. 1. Anmerkung. Diese Tafel, welche vier Klassen 
von Verstandesbegriflfen enthält, läfst sich in zwei Abteilungen 
zerfallen. Sie sind 

125. a) die mathematischen Kategorien (der Quan- 
tität und Qualität), die auf Gegenstände der Anschauung 
gehen ; 

b) die dynamischen Kategorien (der Eelation und 
Modalität), die auf die Existenz jener Gegenstände gehen. 

126. 2. Anmerkung. Jede Klasse enthält eine Tricho- 
tomie, und die dritte Kategorie entspringt allenthalben aus 
der Verbindung der zweiten mit der ersten ihrer Klasse. 

127. Aber diese ist deswegen doch nicht abgeleitet (120), 
sondern ein Stammbegriff, denn zu jener Verbindung wird ein 
besonderer Aktus des Verstandes erfordert. 

128. 3. Anmerkung. Von der Kategorie der Gemein- 
schaft fällt die Übereinstimmung mit der Form eines disjunk- 
tiven Urteils nicht gleich in die Augen, daher soll sie gezeigt 
werden. 

129. In allen disjunktiven Urteilen wird die Sphäre als 
ein Ganzes in Teile geteilt vorgestellt, die sich wechselseitig 
bestimmen. 

130. Nun wird eine ähnliche Verknüpfung in einem Ganzen 
der Dinge gedacht, da ein Ding dem andern nicht blofs als 
Wirkung untergeordnet, sondern zugleich und wechsel- 
seitig als Ursache in Ansehung der Bestimmung des andern 
beigeordnet wird. 

§ 12. Über ein Hauptstück in derTransscendental- ii5 
Philosophie der Alten. 

131. Der Satz der Scholastiker: „quodlibet ens est unum, 
verum, bonum" enthält nicht transscendentale Prädikate 

M ellin, Marginalien. 3 



34 Zweiter Teil. 

der Dinge, sondern logische Kriterien aller Erkenntnis 
der Dinge überhaupt. In jeder Erkenntnis ist nämlich Einheit 
des BegriflFs, Wahrheit, in Ansehung der Folgen und Voll- 
kommenheit. Dies sind logische Kriterien der Möglichkeit 
der Erkenntnis überhaupt und vermehren also die Tafel der 
Kategorien nicht. 

Der transscendentalen Analytik 
Zw^eites Hauptstück. 

Von der Deduktion der reinen Verstandesbegriffe. 

Erster Abschnitt. 

§ 13. Von den Prinzipien einer transscenden- 
talen Deduktion überhaupt. 

132. Die Rechtslehrer, wenn sie von Befugnissen reden, 
unterscheiden in einem Rechtshandel, was Rechtens ist 
(quid iuris), von der Thatsache (quid facti). Den Beweis 
des ersteren nennen sie die Deduktion. 

133. So heifst hier der Beweis davon, wie sich Begriffe 
a priori auf Gegenstände beziehen können, die transscen- 
dentale Deduktion. Die empirische Deduktion 
aber ist die Anzeige, wie ein Begriff durch Erfahrung ent- 
springt, und betriflft ein Faktum. 

134. Die Deduktion der Formen der Sinnlichkeit und der 
Kategorien kann folglich nicht empirisch, sondern mufs 
transscendental sein. 

135. Indessen kann man die Gelegenheitsursachen ihrer 
Erzeugung in der Erfahrung aufsuchen, die sie als Element 
mit enthält; das betrifft aber ein Faktum und heifst daher die 
Erklärung des Besitzes einer reinen Erkenntnis. 

120 136. Die transscendentale Deduktion der Kategorien ist 
notwendig, weil sie sich auf Gegenstände ohne alle Be- 
dingungen der Sinnlichkeit allgemein beziehen, und weil sie 
geneigt sind, auch den Raum über die Bedingungen der 
sinnlichen Anschauung zu gebrauchen. 

137. Raum und Zeit enthalten die Bedingungen a priori 
der Möglichkeit der Gegenstände als Erscheinungen, und die 
Synthesis in denselben hat objektive Gültigkeit (67). 

138. Wie sollen aber subjektive Bedingungen des Denkens 



Die transscendentale Logik. 35 

objektive Gültigkeit haben oder Bedingungen der Möglichkeit 
aller Erkenntnis der Gegenstände sein? 

139. Aus der Erfahrung nämlich kann eine solche Regel- 
mäfsigkeit nicht hergeleitet werden, weil sie notwendig und 
allgemein ist, Erfahrung aber nur komparative Allgemeinheit 
giebt (6). 

140. Wenn der Gegenstand die Vorstellung möglich macht, 125 
so ist diese Beziehung empirisch; wenn die Vorstellung 
den Gegenstand möglich macht, so ist sie in Ansehung des 
Gegenstandes a priori bestimmend. Und von der Mög- 
lichkeit des letztern Falles ist nur die Rede. 

141. Begriffe, die den objektiven Grund der Möglichkeit 
der Erfahrung abgeben, sind eben darum notwendig. 

142. Sie können nicht aus der Erfahrung abgeleitet wer- 
den, wie es von Locke und Hume versucht wurde, von 
denen der erste — inkonsequent — mit diesön Begriflfen Ob- 
jekte erkennen wollte, die nicht erfahren werden können, der 
andere — konsequent — die Möglichkeit aller Erkenntnis aufser 
der Erfahrung leugnen mufste. Die reine Mathematik und 
die aUgemeine Naturwissenschaft lehren, dafs sie sich beide 
in der Ableitung dieser Begriffe irrten. 

143. Der erste öffnete der Schwärmerei Thür und Thor, 
der zweite ergab sich dem Skeptizismus. Das Folgende 
ist ein Versuch, die menschliche Vernunft zwischen diesen 
beiden Klippen glücklich durchzubringen. 

144. Erklärung der Kategorien. Sie sind Begriffe 
von einem Gegenstande überhaupt, dadurch dessen Anschau- 
ung in Ansehung einer der logischen Funktionen zu urteilen 
als bestimmt angesehen wird. 

Der Deduktion der reinen Verstandesbegriffe 
Zweiter Abschnitt. 

Transscendentale Deduktion der reinen Verstandes- 
begriffe. 

Vorbereitung dazu. 
§ 16. Von der Möglichkeit einer Verbindung überhaupt. 

145. Die Verbindung (conjunctio) eines Mannigfaltigen 
überhaupt kann niemals durch Sinne in uns kommen, denn 

3* 



36 Zweiter Teil. 

sie ist ein Aktus der Spontaneität der Vorstellungskraft, d. i. 
des Verstandes (§ 16 und 111, 112). 
130 146. Sie ist Vorstellung der synthetischen Einheit des 
Mannigfaltigen. Die Vorstellung der Einheit macht also 
den Begriflf der Verbindung möglich und entspringt nicht 
daraus. Diese Einheit ist nicht die Kategorie der Einheit 
(118), denn auch diese setzt schon Verbindung voraus. 

§ 16. Von der ursprünglich-synthetischen Einheit 
der Apperzeption. 

147. Die Vorstellung: Ich denke mufs alle meine übrigen 
Vorstellungen begleiten können, denn sonst würde etwas 
in mir vorgestellt werden, was gar nicht gedacht 
werden könnte. Diese Vorstellung ist ein Aktus der Spon- 
taneität, und da sie alle anderen Vorstellungen begleitet und 
selbst von keiner weiter begleitet wird, so heifse sie die 
reine oder ursprüngliche Apperzeption (Selbstbewufst- 
sein) und ihre Einheit die transscendentale Einheit der Apper" 
zeption. Denn die mannigfaltigen Vorstellungen 
würden nicht insgesamt meine Vorstellungen sein? 
wenn sie nicht insgesamt zu einem Selbstbewufst- 
sein gehörten. 

148. Nur dadurch, dafs ich ein Mannigfaltiges gegebener 
Vorstellungen in Ein Bewufstsein verbinden kann (d. i. durch 
die synthetische Einheit der Apperzeption), ist es mög- 
lich, dafs ich mir die Identität des Bewufstseins in diesen 
Vorstellungen selbst vorstelle (d. i. die analytische Ein- 
heit der Apperzeption). Denn die Beziehung der Vorstellungen 
auf die Identität des Subjekts geschieht dadurch, dafs ich 
eine zu der andern hinzusetze und mir dieser Synthesis be- 
wufst bin. Die synthetische Einheit der Apperzep- 
tion ist also der höchste Punkt alles Denkens, der Ver- 
stand selbst, und dieser ist also das Vermögen a priori 
zu verbinden oder das Mannigfaltige gegebener Vorstellungen 
unter Einheit der Apperzeption zu bringen. 

135 149. Der oberste Grundsatz der ganzen menschlichen Er- 
kenntnis ist also, dafs alles, was erkennbar sein soll, unter 
diesem Vermögen stehen mufs oder mufs können unter 
Einheit der Apperzeption gebracht werden. 



Die transscendentale Logik. 37 

§ 17. Der Grundsatz der synthetischen Einheit 

der Apperzeption ist das oberste Prinzip alles 

Verstandesgebrauchs. 

150. Der oberste Grundsatz der Möglichkeit aller Anschau- 
ung in Beziehung auf die Sinnlichkeit war nach der trans- 
scendentalen Ästhetik: dafs alles Mannigfaltige der 
Anschauung unter den formalen Bedingungen des 
Raums und der Zeit stehe. Unter ihm stehen alle Vor- 
stellungen der Anschauung, sofern sie uns gegeben werden. 
Der oberste Grundsatz der Möglichkeit aller Anschauung in 
Beziehung auf den Verstand ist: dafs alles Mannig- 
faltige der Anschauung unter Bedingungen der 
ursprünglich-synthetischen Einheit der Apper- 
zeption stehe. Unter ihm stehen alle Vorstellungen der 
Anschauung, insofern sie gedacht oder erkannt und darum 
in einem Bewufstsein müssen verbunden werden. 

151. Beweis. Alles Mannigfaltige der Anschauung mufs 
in dem Begriflf vom Objekt vereinigt werden, denn Er- 
kenntnis, deren Vermögen doch der Verstand ist, besteht in 
der Beziehung gegebener Vorstellungen auf ein Objekt. Alle 
Vereinigung der Vorstellungen erfordert Einheit des Be- 
wufstseins. Folglich steht alles Mannigfaltige der Anschauung 
unter den Bedingungen dieser Einheit. 

152. Dieser Grundsatz ist also das erste reine Verstandes- 
erkenntnis und die objektive Bedingung aller Er- 
kenntnis. 

153. Er ist analytisch; denn er sagt blofs, dafs alle 
meine Vorstellungen unter den Bedingungen stehen müssen, 
die sie zu meinen Vorstellungen machen. 

154. Dieser Grundsatz ist aber nur ein Prinzip für den 
Verstand, durch dessen Selbstbewufstsein das Mannigfaltige 
der Anschauung nicht gegeben wird, sondern dem es zur 
Verbindung in einem Selbstbewufstsein mufs gegeben werden. 

§ 18. Was objektive Einheit des Selbstbewufst- 

seins sei. 

155. Die transscendentale Einheit der Apper- 
zeption ist diejenige, durch welche alles in einer Anschau- 
ung gegebene Mannigfaltige in einem Begriff vom Objekt ver- 



38 Zweiter TeiL 

einigt wird, und heifst darum objektiv. Die subjektive 
Einheit des Bewufstseins ist eine Bestimmung des inneren 
Sinnes, dadurch jenes Mannigfaltige der Anschauung zu einer 
solchen Verbindung empirisch gegeben wird. 

140 § 19. Die logische Form aller Urteile besteht in 
der objektiven Einheit der Apperzeption der 
darin enthaltenen Begriffe. 

156. Die Erklärung, dafs ein Urteil die Vorstellung des 
Verhältnisses zwischen zwei Begriffen sei, ist unbefriedigend, 
denn es wird dadurch nicht bestimmt, worin dieses Verhältnis 
bestehe. 

157. Ein Urteil ist die Art, gegebene Erkennt- 
nisse zur objektiven Einheit der Apperzeption 
zu bringen; darauf zielt das Verhältniswörtchen ist. 

Transscendentale Deduktion der Kategorien selbst. 

Begriff derselben. 

Sie stellt dar, wie die Kategorien als Begriffe a priori von 
Gegenständen einer Anschauung überhaupt möglich sind. 

Lehrsatz. 

§ 20. Alle sinnlichen Anschauungen stehen unter 
den Kategorien als Bedingungen, unter denen 
allein das Mannigfaltige in ein Bewufstsein zu- 
sammenkommen kann. 

Beweis. 

158. Alles Mannigfaltige in einer sinnlichen Anschauung 
gehört notwendig unter die ursprünglich-synthetische Einheit 
der Apperzeption (150, 151) ; sie wird aber darunter gebracht 
durch die logische Funktion der Urteile (157). Nun sind 
Kategorien die Begriffe, dadurch eine Anschauung in An- 
sehung einer der logischen Funktionen zu urteilen bestimmt 
wird (144), folglich u. s. w. 

§ 21. Anmerkung. 

159. In der Folge wird nun noch gezeigt werden, dafs 
die Einheit in jeder empirischen Anschauung durch die 
Kategorie entspringt (171 f.). 



Die transscendentale Logik. ^ 

160. Die Kategorien sind also nun Regeln für einen Ver- i45 
stand, dessen ganzes Vermögen im Denken oder Verbinden 
des gegebenen Mannigfaltigen besteht. 

Lehrsatz. 

§ 22. Die Kategorie hat keinen andern Gebrauch 

zum Erkenntnisse der Dinge, als ihre Anwendung 

auf Gegenstände der Erfahrung. 

Beweis. 

161. Zum Erkenntnisse gehören zwei Stücke: 1) die Kate- 
gorie, dadurch das Objekt gedacht wird und 2) die An- 
schauung, dadurch es gegeben wird. Das erste ohne das 
zweite macht nur das Denken, aber nicht das Erkennen 
möglich, weil nichts zu erkennen da ist. Alle uns mögliche 
Anschauung ist aber sinnlich (s. Ästhetik). Durch Bestim- 
mung der reinen Anschauung bekommen wir nur Erkennt- 
nisse von den Dingen ihrer Form nach, also nur in der 
Voraussetzung, dafs es Dinge giebt, die in dieser 
Form angeschaut werden. Dafs es solche Dinge giebt, 
kann nur durch empirische Anschauung erkannt werden, 
das heifst aber durch Erfahrung, folglich u s. w. 

§ 23. Anmerkung. 

162. Unsere sinnliche und empirische Anschauung kann 
also den Kategorien allein Sinn und Bedeutung geben. 

163. Nimmt man folglich ein Objekt einer nicht sinn- 
Hchen Anschauung an, so kann man es freilich durch alle 
die Prädikate vorstellen, die schon in der Voraussetzung 
liegen, dafs ihm nichts zur sinnlichen Anschauung Gehöriges 
zukomme, aber man kann nicht sagen, was es sei, und die 
Kategorien können nicht einmal darauf angewandt werden. 

§ 24. Von der Anwendung der Kategorien auf 
Gegenstände der Sinne überhaupt. 

164. Die Kategorien sind blofse Gedankenformen für löo 
Gegenstände jeder sinnlichen Anschauung. Die Synthesis 
durch sie ist rein intellektual. Sie bekommen aber nur 
objektive Realität, d. i. Anwendung auf Gegenstände als Er- 
scheinungen, dadurch, dafs in uns eine gewisse Form der 
Anschauung a priori zu Grunde liegt und der Verstand syn- 



40 Zweiter Teil. 

thetische Einheit des Mannigfaltigen dieser Anschauung a priori 
denken kann. 

165. Diese Synthesis des Mannigfaltigen der sinnlichen 
Anschauung a priori kann figürlich heifsen zum Unter- 
schiede von der blofsen Verstandesverbindung (164), 
beide sind transscendental. 

166. Die figürliche Synthesis mufs die transscen- 

dentale Synthesis der Einbildungskraft heifsen, 

weil dieses Vermögen dabei wirksam sein mufs. Sie ist also 

unterschieden . von der blofsen Verstandesverbindung, 

die allein in der Kategorie gedacht wird und intellektual 

ist. Die Einbildungskraft, insofern sie hier als Spontaneität 

wirkt, heifse produktive, um sie von der reproduktiven 

zu unterscheiden, die in die Psychologie gehört. 

* * 

167. Hier ist nun der Ort, verständlich zu machen, wie 
der innere Sinn sogar uns selbst nur als Erscheinung 
dem Bewufstsein darstelle, weil wir uns nur anschauen, wie 
wir innerlich affiziert werden, 

168. Der Verstand übt unter der Benennung einer trans- 
scendentalen Synthesis der Einbildungskraft diejenige Hand- 
lung auf das passive Subjekt (dessen Vermögen er ist) aus, von 
welcher wir mit Recht sagen, dafs der innere Sinn dadurch 
affiziert werde. 

165 169. Wir nehmen auch jederzeit in uns wahr, dafs die 
transscendentale Handlung der Einbildungskraft, welche die 
figürliche Synthesis genannt wurde, das Mannigfaltige 
im innern Sinn zu einer bestimmten Anschauung verbinden 
mufs. 

Lehrsatz. 
§ 25. Das denkende Subjekt läfst sich durch das 
blofse Bewufstsein nicht erkennen. j 

Beweis. 

170. Die Vorstellung, dafs ich bin, ist ein Denken, 
nicht ein Anschauen, also der Aktus, mein Dasein zu be- 
stimmen, nicht es zu geben. Denn zum letzteren ist eine | 
bestimmte Art der Anschauung erforderlich. Ich existiere 
als Intelligenz heifst blofs: ich bin mir meines Ver- 
bindungsvermögens bewufst. 



Die transscendentale Logik. 41 

§26. Transscendentale Deduktion des allgemeinen 
möglichen Erfahrungsgebrauchs der reinen Ver- 
standesbegriffe. 

171. Jetzt soll erklärt werden, wie die Kategorien die 
N^tur möglich machen. 

172. Synthesis der Apprehension heifse die Zu- 160 
sammensetzung in einer empirischen Anschauung. 

173. Mit den Anschauungen des Raums und der Zeit ist 
schon Einheit der Synthesis aller Apprehension als Bedingung 
aller Anschauung gegeben. Sie ist die der transscendentalen 
Synthesis der Einbildungskraft (164, 165) den Kategorien ge- 
mäfs (164, 166). Mithin gelten die Kategorien von allen 

Gegenständen der Erfahrung. 

* * 

* 

174. I.Beispiel. Bei der empirischen Anschauung eines 

Hauses liegt die notwendige Einheit des Raums zu Grunde; 

diese notwendige Einheit aber ist die Kategorie der Gröfse. 

175. 2. Beispiel. Bei der empirischen Anschauung des 
Gefrierens des Wassers liegt die notwendige Einheit der Zeit 
zu Grunde; diese notwendige Einheit aber ist die Kategorie 
der Ursache. 

176. Die Gegenstände der Erfahrung sind Erscheinungen, 
folglich sind Kategorien BegriflFe, die die Natur oder den 
Inbegriff aller Erscheinungen möglich machen. 

177. Denn die Erscheinungen inhärieren dem Subjekt und 
müssen also unter den Gesetzen des verknüpfenden Vermögens 
des Subjekts stehen. 

§ 27. Resultat dieser Deduktion der Verstandes- leö 

begriffe. 

178. Wir können keinen Gegenstand, denken ohne durch 
Kategorien und keinen erkennen ohne durch Anschauungen. 
Alle Erkenntnis ist aber, insofern der Gegenstand gegeben ist, 
empirisch, d. h. Erfahrung. Folglich ist uns keine Er- 
kenntnis von Gegenständen a priori möglich, als lediglich von 
Gegenständen möglicher Erfahrung. 

179. Die Kategorien enthalten also die Gründe der Mög- 
lichkeit aller Erfahrung, das ist gleichsam ein System 
der Epigenesis der reinen Vernunft. 



42 Zweiter Teil. 

180. Wollte man eine Art von generatio aequivoca oder 
ein Präformationssystem der reinen Vernunft annehmen, 
so könnten die Kategorien nicht a priori und notwendig sein. 

Kurzer Begriff dieser Deduktion. 

181. Sie ist die Darstellung 1) der Kategorien als 
Prinzipien der Möglichkeit der Erfahrung; 2) der Erfah- 
rung als Bestimmung der Erscheinung in Kaum und Zeit; 
3) der Bestimmung der Erscheinungen im Räume 
und in der Zeit aus dem Prinzip der ursprünglichen syn- 
thetischen Einheit der Apperzeption. 

* 

* * 

182. Nur bis hierher geht die Paragraphen- Abteilung, 
weil bis hierher die Elementarbegriffe abgehandelt wur- 
den. Nun kommt der Gebrauch der Elementarbegriffe. 

Der transscendentalen Analytik 
Zweites Buch. 

Die Analytik der Grundsätze. 

170 183. Die allgemeine Logik handelt in ihrer Analytik von 
Begriffen, Urteilen und Schlüssen, gerade den Funk- 
tionen und der Ordnung der drei Gemütskräfte Verstand, 
Urteilskraft und Vernunft gemäfs. 

184. Da diese formale Logik von allem Inhalt der Er- 
kenntnis abstrahiert, so kann sie den Kanon für die Ver- 
nunft mit befassen. 

185. Die transscendentale Logik kann das nicht, 
denn es zeigt sich, dafs der transscendentale Gebrauch der 
Vernunft gar nicht objektiv gültig sei und also nicht 
zur Analytik, sondern zu Dialektik gehöre. 

186. Die transscendentale Analytik hat es daher nur mit 
dem Verstände und mit der Urteilskraft zu thun, denn nur 
diese haben einen Kanon des objektiv gültigen Gebrauchs. 

187. Den Kanon für den Verstand hat die Analytik 
der Begriffe abgehandelt; der Kanon für die Urteilskraft 
heifst nun Analytik der Grundsätze und lehrt die 
Verstandesbegriffe auf Erscheinungen anwenden * 



Die transscendentale Logik. 43 

Einleitung. 
Von der transscendentalen Urteilskraft überhaupt. 

188. Verstand ist das Vermögen der Regeln, Urteils- 
kraft das Vermögen unter Regeln zu subsumieren. Das 
letzte kann die allgemeine Logik nicht lehren, weil dazu 
wieder eine Regel und schon Subsumtion erfordert werden 
würde. 

189. Die transscendentale Logik aber scheint lehren 
zu müssen, die Fehltritte der Urteilskraft zu verhüten. 

190. Die transscendentale Philosophie hat nämlich 
das Eigentümliche, dafs sie aufser der Regel auch den Fall 
angeben kann, der darunter zu subsumieren ist, weil sie von 
Begriffen handelt, die sich a priori auf ihre Gegenstände be- 
ziehen sollen. 

191. Die transscendentale Doktrin der Urteils- 176 
kraft handelt 1) von dem Schematismus des reinen 
Verstandes oder den Bedingungen der Subsumtion; 2) von 
den Grundsätzen des reinen Verstandes oder den 
Urteilen, welche unter jenen Bedingungen aus den Kategorien 
herfliefsen und aller übrigen Erkenntnis zu Grunde liegen. 

Der Analytik der Grundsätze oder transscen- 
dentalen Doktrin der Urteilskraft 

Erstes Hauptstück. 

Von dem Schematismus der reinen Verstandesbegriflfe. 

192. In allen Subsumtionen eines Gegenstandes unter 
einen Begriff mufs die Vorstellung des ersteren mit der des 
letzteren gleichartig sein, denn das bedeutet eben der 
Ausdruck Subsumtion. 

193. Die transscendentale Doktrin der Urteilskraft mufs 
daher zeigen, wie reine Verstandesbegriffe auf Erscheinungen 
überhaupt, die doch aus einer ganz anderen Quelle ent- 
springen, angewandt werden können. 

194. Es mufs dazu eine vermittelnde Vorstellung geben, 
die einerseits mit den Kategorien gleichartig und also in- 
tellektuell, und anderseits mit der Erscheinung gleichartig und 
also sinnlich ist. Eine solche ist das transscendentale 
Schema. 



44 Zweiter Teil. 

195. Die transscendentale Zeitbestimmung ist 
ein solches transscendentales Schema, denn sie ist mit der 
Kategorie gleichartig, weil sie auf einer Regel a priori beruht, 
und mit den Erscheinungen gleichartig, weil sie in jeder 
empirischen Vorstellung enthalten ist. 

196. Das Schema des Verstandesbegriffs ist also die formale 
und reine Bedingung der Sinnlichkeit, auf welche er in seinem 
Gebrauch restringiert ist. Das Verfahren des Verstandes mit 
diesen Schematen heifse der Schematismus des reinen 
Verstandes. 

197. Das Schema zu einem Begriffe ist die Vorstellung 
von dem allgemeinen Verfahren der Einbildungskraft, einem 
Begriffe sein Bild zu verschaffen. 

180 198. Es ist vom Bilde selbst unterschieden, denn dieses 
ist ein Produkt des empirischen Vermögens der produktiven 
Einbildungskraft; das Schema aber ist ein Produkt der 
reinen Einbildungskraft a priori und kann nie in ein Bild 
gebracht werden. 

199. Diese Schemate sollen nun nach der Ordnung der 
Kategorien und in Verknüpfung mit diesen dargestellt werden. 

200. Das reine Bild aller Gröfsen vor dem äufseren 
Sinne ist der Raum, aller Gegenstände der Sinne 
überhaupt, die Zeit, das reine Schema der Kate- 
gorie der Gröfse ist die Zahl, eine Vorstellung der suc- 
cessiven Addition von Einem zu Einem. 

201. Das Schema der Realität ist die kontinuierliche 
und gleichförmige Erzeugung der Quantität von Etwas in der 
Zeit, die einen gewissen Grad hat (Limitation) bis zu Null 
(Negation). 

202. Das Schema der Substanz ist die Beharr- 
lichkeit des Realen in der Zeit. 

203. Das Schema der Ursache ist die Succession 
des Mannigfaltigen nach einer Regel. 

204. Das Schema der Gemeinschaft (Wechselwirkung) 
ist das Zugleichsein der Bestimmungen der einen Substanz 
mit denen der anderen nach einer Regel. 

205. Das Schema der Möglichkeit ist die Bestim- 
mung der Vorstellung zu irgend einer Zeit. 



Die transscendentale Logik. 45 

206. Das Schema der Wirklichkeit ist das Dasein 
in einer bestimmten Zeit. 

207. Das Schema der Notwendigkeit ist das Da- 
sein zu aller Zeit. 

208. Die Schemate sind also nichts als Zeitbestim- 
mungen a priori nach Regeln und gehen auf die Zeit" 
reihe, den Zeitinhalt, die Zeitordnung und den 
Zeitinbegriff in Ansehung aller möglichen Gegenstände. 

209. Die Schemate der Kategorien sind also die wahren 185 
und einzigen Bedingungen, diesen eine Beziehung auf Objekte, 
mithin Bedeutung zu verschaffen. 

210. In dieser Beziehung auf Objekte besteht aber die 
transscendentale Wahrheit, die alle empirische möglich 
macht. 

211. Die Sinnlichkeit realisiert also den Verstand, re- 
stringiert ihn aber zugleich auf Erfahrung. 

Der Analytik der Grundsätze oder trans- 
scendentalen Doktrin der Urteilskraft 

Z\?veites Hauptstück. 

System aller Grundsätze des reinen Verstandes. 

212. 1) Jetzt sollen die Urteile in systematischer Verbin- 
dung dargestellt werden, die aus dem Verhältnis der Kate- 
gorien zur Sinnlichkeit entspringen. 

213. Sie heifsen Grundsätze a priori, weil sie nicht in 
höheren und allgemeinen Erkenntnissen gegründet sind. Das 
überhebt sie aber nicht allemal eines Beweises, weil sie sonst 
den Verdacht der Erschleichung gegen sich hätten. 

214. 2) Es sollen aber blofs die Grundsätze, die sich auf 
die Kategorien beziehen, hier dargestellt werden, also 
nicht die Prinzipien der transscendentalen Ästhetik oder die 
mathematischen Gründsätze. 

215. Es wird aber auch von dem Grundsatz analyti- 
scher Urteile müssen geredet werden, und dieses im Gegen- 
satz mit den Grundsätzen der synthetischen Urteile. 



46 Zweiter TeU. 

Des Systems der Grundsätze des reinen Verstandes 
Erster Abschnitt. 

Von dem obersten Grundsatze aller analytischen urteile. 

216. Die negative Bedingung aller unserer Urteile ist, 
dafs sie sich nicht selbst widersprechen, allein ein 
Urteil, das von allem inneren Widerspruche frei ist, kann 
doch falsch oder grundlos sein. 
190 217. Diese negative Bedingung gehört in die Logik und 
heilst der Satz des Widerspruchs. Er mufs so aus- 
gedrückt werden: Keinem Dinge kommt ein Prädikat 
zu, welches ihm widerspricht. 

218. Man kann aber doch von demselben auch einen 
positiven Gebrauch machen, nämlich die Wahrheit ana- 
lytischer Urteile mufs darnach können erkannt werden. 

219. Daher mufs auch der Satz des Widerspruchs 
als das allgemeine und völlig hinreichende Prinzipium aller 
analytischen Urteile gelten. 

220. Die Formel desselben: Es ist unmöglich, dafs 
etwas zugleich sei und nicht sei, enthält eine unnötige 
und unvorsichtige Synthesis. 

Des Systems der Grundsätze des reinen Verstandes 
Zweiter Abschnitt. 

Von dem obersten Grundsatze aller synthetischen 

Urteile. 

221. Die Erklärung der Möglichkeit synthetischer 
Urteile ist in einer transscendentalen Logik das wich- 
tigste Geschäft. 

222. In synthetischen Urteilen soll man aus dem ge- 
gebenen Begriffe hinausgehen, um mit ihm einen anderen zu 
verbinden. 

223. Dazu ist also ein Drittes nötig, worin die Syn- 
thesis zweier Begriffe geschehen kann. Dieses wird in den 
drei Quellen zu Vorstellungen a priori zu suchen sein; diese 
sind: 1) der innere Sinn und die Form desselben a priori, 
die Zeit; 2) die Einbildungskraft; 3) die Einheit 
der Apperzeption. 



Die transscendentale Logik. 47 

224. Wenn eine Erkenntnis objektive Realität haben 
soll, so mufs der Gegenstand gegeben werden können; ohne 
dies sind die BegriflFe leer. Einen Gegenstand geben 
heifst dessen Vorstellung auf Erfahrung beziehen. 

225. Die Möglichkeit der Erfahrung ist also das, was 196 
allen unseren Erkenntnissen a priori objektive Realität giebt. 
Nun beruht Erfahrung auf der synthetischen Einheit der Er- 
scheinungen, sie hat also Prinzipien ihrer Form a priori 
zum Grunde. 

226. Die ganze Geometrie z. B. wäre ein Hirngespinst, 
wäre der Raum nicht die Bedingung zur äufseren Erfahrung. 

227. Alle Synthesis a priori hat folglich nun dadurch 
Wahrheit, dafs sie nichts weiter enthält, als was zur syn- 
thetischen Einheit der Erfahrung überhaupt notwendig ist. 

228. Das oberste Prinzip aller synthetischen Urteile 
ist also: Ein jeder Gegenstand steht unter den not- 
wendigen Bedingungen der synthetischen Ein- 
heit des Mannigfaltigen der Anschauung in einer 
möglichen Erfahrung. 

229. Synthetische Urteile a priori sind daher möglich, 
wenn die Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung über- 
haupt zugleich Bedingungen der Möglichkeit der Gegenstände 
der Erfahrung sind. 

Des Systems der Grundsätze des reinen Verstandes 
Dritter Abschnitt. 

Systematische Vorstellung aller synthetischen Grund- 
sätze derselben. 

230. Die Grundsätze entspringen aus dem reinen 
Verstände, dem Vermögen der Regeln, unter welchen 
alles stehen mufs, wenn ihm Erkenntnis eines ihm korre- 
spondierend'en Gegenstandes zukommen soll. 

231. Es giebt zwar reine Grundsätze a priori, die 
dem reinen Verstände nicht eigentümlich zugehören, 
weil sie aus reinen Anschauungen gezogen sind, aber 
doch vermittelst der Grundsätze des reinen Ver- 
standes. 



48 Zweiter Teü. 

232. Diese Grundsätze aus reinen Anschauungen sollen 
hier nicht mit aufgeführt werden, wohl aber diejenigen Grund- 
sätze des reinen Verstandes, vermittelst welcher sie möglich 
sind. 

233. Der Gebrauch der Synthesis der reinen Verstandes- 
begriffe ist entweder mathematisch, wenn er blofs auf 
die Anschauung geht, deren Bedingung notwendig, 
und er also apodiktisch ist, oder dynamisch, wenn er 
blofs auf das Dasein geht, dessen Bedingung zufällig, 
und er also nur bedingt notwendig, folglich nicht, 
unmittelbar evident ist. 

200 234. Alle Grundsätze des reinen Verstandes sind nach 
der Tafel der Kategorien 
I. Mathematische 

1. Axiome der Anschauung, 

2. Antizipationen der Wahrnehmung. 
IL Dynamische 

3. Analogien der Erfahrung, 

4 Postulate des empirischen Denkens überhaupt. 

235. Sie heifsen mathematische und dynamische in 
Betracht der Anwendung, nicht um ihres Inhalts willen. 

I. Die matheniatischen O^rundsätze. 

1. Axiome der Anschauung. 

236. Prinzip derselben: Alle Erscheinungen sind 
der Anschauung nach extensive Gröfsen. 

237. Beweis. Alle Erscheinungen enthalten eine An- 
schauung im Räume und in der Zeit (50, 62, 150). Sie können 
also nicht anders apprehendiert werden als durch den Begriff 
einer Gröfse (173, 174). Folglich sind alle Erscheinungen 
der Anschauung nach Gröfsen und zwar extensive 
als Anschauungen im Räume und in der Zeit. 

238. Alle Erscheinungen werden demnach als Aggregate an- 
geschaut, welches der Begriff einer extensiven Gröfse ist. 

239. Auf dieses Axiom gründet sich die Geometrie mit 
ihren Axiomen. 

205 240. Die evidenten Sätze der Zahlverhältnisse sind syn- 
thetisch, aber partikular und daher nur Zahlformeln zu 
nennen. 



Die transscendent&le Logik. 49 

241. Auf diesem Axiom beruht also die Anwendbarkeit der 
ganzen reinen Mathematik auf Gegenstände der Erfahrung. 

2. Antizipationen der Wahrnehmung. 

242. Prinzip derselben: Alle Erscheinungen sind 
der Empfindung nach intensive Gröfsen. 

243. Beweis. Alle Erscheinungen enthalten ein Reales 
der Empfindung (35, 36). Sie können also nicht anders ap- 
prehendiert werden als durch den Begriff einer Entstehung 
der Empfindung von Null an bis zu einem gewissen Mafse, 
also einer Gröfse, die aber nicht objektiv und in der Zeit 
und im Räume, also nicht extensiv, sondern intensiv ist. 
Eine solche Gröfse heifst ein Grad. 

244. Dasjenige, was sich in dieser Empfindung, die eigent- 
lich nicht antizipiert werden kann, a priori erkennen läfst, 
heifst hier in ausnehmendem Verstände Antizipation. 

245. Jede einzelne Empfindung ei-fiillt nur einen 
Augenblick und hat also keine extensive Gröfse. Indessen 
ist jede Empfindung einer Verringerung fähig, so dafs sie 
abnehmen und folglich allmählich verschwinden kann. Daher 
ist zwischen Realität in der Erscheinung und Negation ein 
kontinuierlicher Zusammenhang vieler möglichen Zwischen- 
empfindungen, das heifst, die Erscheinung ist der Em- 
pfindung nach jederzeit eine Gröfse. 

246. Diese Gröfse wird aber nur als Einheit apprehen- 210 
diert, in welcher die Vielheit nur durch Annäherung zur 
Negation vorgestellt werden kann. Eine solche Gröfse heifst 
intensiv. Also ist jede Erscheinung der Empfin- 
dung nach eine intensive Gröfse, d. i. sie hat einen 
Grad, der als Ursache betrachtet eih Moment heifst. 

247. Beispiele. Die Farbe, Wärme, das Moment der 
Schwere ji. s. w. 

248. Die Eigenschaft der Gröfsen, nach welcher an ihnen 
kein Teil der kleinstmögliche oder einfach ist, heifst die 
Kontinuität derselben. Gröfsen von dieser Beschaffenheit 
kann man auch flief sende nennen. 

249. Alle Erscheinungen überhaupt sind demnach kon- 
tinuierliche Gröfsen ihrer Extension und Intensität nach. 

250. Auch der Satz, dafs alle Veränderung kon- 
tinuierlich sei, könnte hier mit mathematischer Evidenz 

Meilin, Marginalien. 4 



50 Zweiter TeiL 

bewiesen werden, allein das gehört in die allgemeine 
Naturwissenschaft (298). 

251. Gleichwohl mangelt es nicht an Beweistümern des 
grofsen Einflusses dieses Grundsatzes der Antizipation. 

252. Da ein jeder Sinn einen bestimmten Grad der 
Rezeptivität der Empfindung haben mufs, so ist keine Wahr- 
nehmung, mithin auch keine Erfahrung möglich, die einen 
gänzlichen Mangel alles Realen in der Erscheinung, es sei 
unmittelbar oder mittelbar (durch welchen ümschweif im 
Schliefsen man immer wolle) bewiesen, d. i. es kann aus der 
Erfahrung niemals ein Beweis vom leeren Raum oder einer 
leeren Zeit gezogen werden. 

215 253. Es ist eine falsche Voraussetzung der Naturlehre, 
dafs das Reale im Raum allerwärts einerlei sei und sich nur 
der extensiven Gröfse, d. i. der Menge nach unterscheide. 
Denn eine Ausspannung, die einen Raum erfüllt, z. B. Wärme, 
und auf gleiche Weise jede andere Realität kann, ohne im 
mindesten den kleinsten Teil dieses Raums leer zu lassen, in 
ihren Graden ins Unendliche abnehmen und nichts desto- 
weniger den Raum mit diesen kleineren Graden ebensowohl 
erfüllen, als eine andere Erscheinung mit gröfseren. 

254 Wie kann aber der Verstand die Erscheinung in 
demjenigen, was die Empfindung betriflft, antizipieren? 

255. Die Qualität der Empfindung ist jederzeit em- 
pirisch; aber das Reale, das der Empfindung korrespondiert, 
bedeutet nichts als die Synthesis in einem empirischen Be- 
wufstsein überhaupt. Das empirische Bewufstsein im inneren 
Sinne kann nämlich von Null bis zu jedem Grad erhöht wer- 
den, und also mufs auch die Empfindung oder die Materie 
des empirischen Bewufstseins diesem Gesetz unterworfen sein. 

n. Die dynamischen O^rundsätze. 

3. Analogien der Erfahrung. 

256. Prinzip derselben: Alle Erscheinungen, als 
Gegenstände der Erfahrung, stehen unter einer 
notwendigen Verknüpfung der Wahrnehmungen 
untereinander. 

257. Beweis. Erscheinungen sind unbestimmte Gegen- 
stände einer empirischen Anschauung, deren Wirkung Em- 
pfindung heifst (34). Sollen sie Gegenstände der Erfahrung 



Die transscendentale Logik. 51 

werden, das ist Objekte, die durch Synthesis der Wahr- 
nehmungen entspringen (158, 177), so kann dieses nicht anders 
als durch a priori verknüpfende Begriffe geschehen (145), 
diese aber führen jederzeit Notwendigkeit bei sich (6), folg- 
lich u. s. w. 

258*). Die Zeit ist die Form aller Erscheinungen (62), mit- 220 
hin müssen diese unter notwendigen Bestimmungen der Zeit 
durch Begriffe stehen (145), wodurch sie als in einem objek- 
tiven Verhältnis untereinander in der Zeit vorgestellt werden. 

259. Es giebt aber drei Modi alles Daseins in der Zeit: 
Beharrlichkeit, Folge und Zugleichsein, woraus 
drei Regeln aller Zeitverhältnisse oder drei Analogien 
entspringen. 

260. Diese Grundsätze (Analogien) haben das Besondere 
an sich, dafs sie blofs das Dasein der Erscheinungen 
und ihr Verhältnis untereinander in Ansehung dieses ihres 
Daseins betreffen. 

261. Die vorigen zwei Grundsätze gingen auf Erschei- 
nungen ihrer blofsen Möglichkeit nach und lehrten sie nach 
Regeln einer mathematischen Synthesis konstruieren-, daher 
können sie auch konstitutive heifsen. 

262. Da aber das Dasein sich nicht konstruieren läfst, so 
können die beiden letzteren Grundsätze blofs regulative 
Prinzipien sein. In der Philosophie (in der Mathematik ist 
das anders) bedeutet Analogie die Gleichheit zweier (nicht 
quantitativen, sondern) qualitativen Verhältnisse, wo ich aus 
drei gegebenen Gliedern nur das Verhältnis zu einem vierten 
(nicht das vierte Glied selbst) erkennen kann und eine Regel 
habe, dieses Glied in der Erfahrung zu suchen, und ein Merk- 
mal, es in derselben aufzufinden. 

263. Diese Analogien haben aber blofs als Grundsätze des 
empirischen Verstandesgebrauchs ihre alleinige Bedeutung und 
Gültigkeit., nämlich dafs allein durch sie Erfahrung möglich 
wird. 

A. Erste Analogie. 

Grundsatz der Beharrlichkeit der Substanz. 

264. Alle Erscheinungen enthalten die Substanz, 
welche beharrt, und das Accidenz, welches wechselt. 

*) In der Kritik kommt erst 259, dann 258. 



52 Zweiter Teil. 

265. Beweis. Alle Erscheinungen sind in der Zeit (62), 
in welcher, als beharrlicher Form der inneren Anschauung 
(Substrat), das Zugleich sein und die Folge allein vor- 
gestellt werden kann. Da aber die Zeit nicht wahrgenommen 
werden kann (57), so mufs in allen Erscheinungen etwas B e - 
harrliches vorgestellt werden, an welchem die Folge wahr- 
genommen werden kann, d. i. Substanz sein-, ingleichen 
mufs in allen Erscheinungen etwas sein, was aufeinander 
folgt, d. i. Accidenzen. 
225 266. Unsere Apprehension des Mannigfaltigen in der Er- 
scheinung ist jederzeit successiv, also immer wechselnd. 
Diese allein kann uns also niemals lehren, ob dieses Mannig- 
faltige zugleich sei oder nacheinander folge, wofern 
nicht an ihr etwas zu Grunde liegt, was jederzeit ist, d. i. 
etwas Bleibendes und Beharrliches, von welchem aller 
Wechsel und Zugleichsein nichts als so viel Arten (modi) 
der Zeit sind. Nur an dem Beharrlichen (Substanz) ist also 
alle Zeitbestimmung, durch die aufeinander folgende Art, wie 
es existiert (den Wechsel der Accidenzen), möglich. 

267. Diesen Grundsatz der Beharrlichkeit zu beweisen, 
ist noch nie einem Philosophen eingefallen. 

268. Folgesätze aus ihm sind: dafs die Substanz weder 
vermehrt noch vermindert werden kann; dafs »aus Nichts nie 
Etwas, und Etwas nie zu Nichts werden kann. 

269. Die Substanz ist das Substrat des Realen, die Acci- 
denzen aber sind das Reale an der Substanz selbst, sie können 
daher nur logisch, nicht real von der Substanz getrennt 
werden. 

230 270. Hierauf gründet sich nun auch der richtige Begriiff 
von der Veränderung. Veränderung ist eine Art zu 
existieren, welche auf eine andere Art zu existieren eben des- 
selben Gegenstandes folgt. Daher ist alles, was sich verändert, 
bleibend, und nur sein Zustand wechselt. Das Beharr- 
liche wird verändert, und da6 Wandelbare wechselt. 
271. Veränderung kann daher nur an Substanzen wahr- 
genommen werden, und das Entstehen oder Vergehen der 
Substanz ist keine mögliche Wahrnehmung, weil dieses die 
empirische Vorstellung einer leeren Zeit voraussetzt, welches 
ein Widerspruch und unmöglich ist. 



Die transscendentale Logik. 53 

272. Oder es müfsten zwei Zeiten zugleich sein, diejenige, 
in welcher das Dasein verflösse (eine reine), und diejenige, 
an der es erkannt würde (eine empirische), welches un- 
gereimt ist. 

273. So ist demnach die Beharrlichkeit (der Substanz) 
eine notwendige Bedingung, unter welcher allein Erschei- 
nungen bestimmbar sind. 

B. Zweite Analogie. 

Grundsatz der Zeitfolge nach dem Gesetz der 

Kausalität. 

274. Die Erscheinungen stehen dem Wechsel 
der Accidenzen nach unter dem Gesetz der Ver- 
knüpfung durch Ursache und Wirkung. 

275. Beweis. Vorbereitung. Alle Erscheinung der 
Zeitfolge sind Veränderungen oder ein Wechsel der Acciden- 
zen (264-273). 

276. Der Beweis selbst. Ich nehme wahr, dafs Er- 
scheinungen aufeinander folgen, oder verknüpfe zwei ent- 
gegengesetzte Zustände in der Zeit. Diese Verknüpfung ist 
entweder willkürlich, d. i. es steht bei mir, welcher 
Zustand in meiner Imagination zuerst und welcher zuletzt 
kommen soll, oder sie ist notwendig, d. i. ich bin mir 
bewufst, dafs der eine Zustand immer der erste und der 
andere der letzte sein mufs, wodurch die Verbindung allein 
objektiv, d. i. in der Erscheinung ist. Notwendigkeit der 
synthetischen Einheit ist nur durch einen reinen Verstandes- 
begriff möglich (6, 116), und das ist hier der der Ursache 
und Wirkung. 

277. Die Apprehension des Mannigfaltigen ist jederzeit 235 
successiv, ob diese Succession nun aber subjektiv oder objektiv, 
blofs im Subjekt, oder auch im Objekt, d. i. ob die Ver- 
bindung der Teile willkürlich oder notwendig sei, mufs 
unterschieden werden können. 

278. Dafs etwas geschehe, kann nicht wahrgenommen 
werden, wenn nicht eine Erscheinung vorhergeht, die diesen 
neuen Zustand nicht in sich enthält. Kann ich nun die 
Ordnung in der Succession dieser beiden Zustände nicht 
willkürlich bestimmen, so ist sie notwendig. 



54 Zweiter Teil. 

279. Die Apprehension der beiden Zustände wird also 
nach einer Regel geschehen, welche macht, dafs ich sie nicht 
anders anstellen kann. 

280. Nach einer solchen Regel mufs in dem, was vor einer 
Begebenheit vorhergeht, die Bedingung zu einer Regel liegen, 
nach welcher die Begebenheit jederzeit und notwendigerweise 
folgt. 

281. Wäre das nicht, so wäre die Apprehension blofs sub- 
jektiv, ein Spiel von Vorstellungen ohne Objekt. Dann folgten 
nur zwei Apprehensionen , aber nicht zwei Zustände in den 
Erscheinungen aufeinander. 

240 282. Wenn also etwas geschieht, so setzen wir dabei 
jederzeit voraus, dafs irgend etwas vorausgehe, worauf es nach 
einer Regel folgt. 

283. Zwar scheint es, als bildeten wir uns den Begriff 
von Ursache und Wirkung aus der Erfahrung; dann hätte 
er aber weder Allgemeinheit noch Notwendigkeit (6). Wir 
können ihn aber aus der Erfahrung herausziehen, weil wir 
ihn hineingelegt haben. 

284. Ein Beispiel wird uns lehren, dafs wir nie selbst in 
der Erfahrung die Folge dem Objekt beilegen, ohne eine 
Regel, die uns dazu nötigt. 

285. Alle Vorstellungeir sind innere Bestimmungen unseres 
Gemüts, sie beziehen sich aber immer auf ein Objekt, d. h. 
auf eine notwendige Verknüpfung derselben nach einer 
Regel. 

286. In der Synthesis der Erscheinungen folgt das Mannig- 
faltige der Vorstellungen jederzeit nacheinander. Soll dadurch 
nun ein Objekt vorgestellt werden, so mufs diese Synthesis 
notwendig sein. 

287. Die Erscheinungen der vergangenen Zeit müssen 
also jedes Dasein in der folgenden bestimmen, und dadurch 
allein können wir auch nur die Kontinuität in der Zeit 
bestimmen. 

288. Zu aller Erfahrung und deren Möglichkeit gehört 
Verstand (176, 177). Er macht aber die Vorstellung eines 

f Objekts dadurch möglich, dafs er die Zeitordnung auf die 
• Erscheinungen überträgt, wodurch eben die Folge im Objekt 
bestimmt wird, die in der Apprehension war. 



Die transscendentale Logik. 55 

289. Also ist der Satz vom zureichenden Grunde 246 
der Grund von der Möglichkeit der Erfahrung, nämlich von 
der objektiven Erkenntnis der Erscheinungen, in Ansehung 
des Verhältnisses derselben, in Reihenfolge der Zeit. 

290. Momente des Beweisgrundes dieses Satzes: 1) zu 
aller Erfahrung gehört Synthesis des Mannigfaltigen durch 
die Einbildungskraft, die jederzeit successiv ist; 2) die 
Ordnung dieser successiven Synthesis in der Einbildungskraft 
mufs notwendig sein, wodurch allein ein Objekt bestimmt 
wird. 

291. Bedenklichkeit. Dieser Satz ist blofs auf die 
Reihenfolge der Erscheinungen eingeschränkt, er sollte aber 
auch darauf passen, wenn Ursache und Wirkung zugleich sind, 
z.B. ein geheizter Ofen und die Stubenwärme. Antwort: Es 
kommt hier nicht auf den Ablauf, sondern die Ordnung 
der Zeit an. Die Kugel, die auf dem Kissen liegt, und das 
Grübchen, das sie hineindrückt, sind zugleich da. Wenn ich 
die Kugel auf das Kissen lege, folgt das Grübchen, aber nicht 
umgekehrt. 

292. Demnach ist die Zeitfolge das einzige empirische 
Kriterium der Wirkung in Beziehung auf die Kausalität der 
Ursache, die vorhergeht. 

293. Diese Kausalität führt auf den Begriff der Hand- 
lung, diese auf den Begriff der Kraft und dadurch auf 
den Begriff der Substanz. 

294. Handlung ist ein hinreichendes empirisches Kri- 250 
terium der Substanz. Denn Handlung bedeutet das 
Verhältnis des Subjekts der Kausalität zur Wirkung. Weil 
nun alle Wirkung im Wandelbaren geschieht (270), so ist das 
letzte Subjekt desselben die Substanz. 

295. Das Entstehen ist blofs Veränderung, und nicht 
Ursprung aus Nichts. Wenn dieser Ursprung als Wirkung 
von einer fremden Ursache angesehen wird, so heifst er 
Schöpfung, welche als Begebenheit unter den Erscheinungen 
nicht zugelassen werden kann. 

296. Wie nun überhaupt etwas verändert werden könne, 
davon haben wir a priori nicht den mindesten Begriff, aber 
die Form kann a priori erwogen werden. 

297. Wenn eine Substanz aus einem Zustande a in einen 
andern b übergeht, so ist der Zeitpunkt des b von dem des a 



56 Zweiter Teil. 

unterschieden und folgt demselben. Ebenso ist auch der Zu- 
stand b vom Zustand a, wie b von Null unterschieden. 

298. Frage. Wie geht ein Ding aus a in & über. 
Zwischen zwei Augenblicken ist immer eine Zeit, also geschieht 
der Übergang in der Zeit. Alle Veränderung ist also nur durch 
eine kontinuierliche Handlung der Kausalität möglich. 

299. Das ist das Gesetz der Kontinuität aller Ver- 
änderung, dafs nämlich kein Unterschied des Realen in der 
Erscheinung der kleinste ist. 

300. Wie ein solcher Satz völlig a priori möglich sei, 
das erfordert noch eine Prüfung, ob wir gleich schon ein- 
gesehen haben, dafs er richtig ist. 

256 301. Aller Zuwachs des empirischen Erkenntnisses ist eine 
Erweiterung der Bestimmung des inneren Sinnes, also ein 
Fortgang in der Zeit. Die Teile desselben sind nur in der 
Zeit und durch die Synthesis derselben gegeben. Die Zeit ist 
nun eine kontinuierliche Gröfse, also mufs die Wahrnehmung, 
welche die Zeit bestimmt, auch kontinuierlich erzeugt werden. 
Dieses Gesetz der Veränderung erkennen wir a priori, weU 
wir nur unsere eigene Apprehension antizipieren, deren for- 
male Bedingung uns beiwohnt. 

302. Wie nun die Zeit die sinnliche Bedingung a priori 
von der Möglichkeit eines kontinuierlichen Fortgangs des 
Existierenden zu dem Folgenden enthält, so ist der Verstand, 
vermittelst der Einheit der Apperzeption, die Bedingung 
a priori der Möglichkeit einer kontinuierlichen Bestimmung 
aller Stellen für die Erscheinungen in dieser Zeit. 

C. Dritte Analogie. 

Grundsatz des Zugleichseins nach dem Gesetze der 
Wechselwirkung oder Gemeinschaft. 

303. Die Erscheinungen stehen als Substanzen 
in Ansehung ihrer Accidenzen in durchgängiger 
Wechselwirkung. 

304. Beweis. Sonst könnte alle subjektive Succession 
für objektiv gehalten werden. 

305. Dinge sind zugleich, wenn die Ordnung in der 
Synthesis der Apprehension des Mannigfaltigen gleich- 
gültig ist. 



Die transscendentale Logik. 57 

306. Wären in den Erscheinungen alle Substanzen isoliert, 
so könnte das Zugleichsein nicht wahrgenommen werden (304). 

307. Also mufs etwas sein, was die Ordnung in der 
Apprehension notwendig gleichgültig macht; das kann 
aber nichts anderes als ein Verstandesbegriff sein (6, 116), 
und das ist der von der Gemeinschaft der Wechsel- 
wirkung. 

308. Das Wort Gemeinschaft heifst hier nicht com- 260 
munio, sondern commercium; denn ohne das letztere kann 
communio spatii nie empirisch erkannt werden. 

309. Erläuterung. In unserem Gemüt müssen alle Er- 
scheinungen in communione apperceptionis stehen; soll das 
aber auf einem objektiven Grunde beruhen, so mufs zugleich 
ein commercium substantiarum sein, dadurch machen die Er- 
scheinungen ein compositum reale aus. 

* * 

* 

310. Diese drei Analogien sind also Grundsätze der Be- 
stimmung des Daseins der Erscheinungen nach allen drei 
Modis der Zeit. 

1) Die Analogie der Substantialität macht überhaupt 
Succession möglich; 

2) Die Analogie der Kausalität macht, dafs die objek- 
tive Succession nicht blofs für die subjektive gehalten werde; 

3) Die Analogie der Wechselwirkung macht, dafs die 
subjektive Succession nicht für objektiv gehalten werde. 

Objektiv aber ist, was nicht willkürlich, sondern notwendig 
im Bewufstsein verknüpft ist. Diese Zeitbestimmung ist durch 
und durch dynamisch. 

311. unter Natur verstehen wir den Zusammenhang der 
Erscheinungen ihrem Dasein nach, nach Gesetzen, diese sind 
unsere Analogien. 

312. Anmerkung. Diese Analogien sind also nicht dog- 
matisch, sondern dadurch bewiesen worden, dafs ohne sie keine 
Erfahrung möglich ist, und einen anderen Beweis von ihnen 
kann es nicht geben. 

4. Postulate des empirischen Denkens überhaupt. 

313. Was mit den formalen Bedingungen der 266 
Erfahrung übereinkommt, ist möglich (kann er- 
scheinen). 



58 Zweiter TeU. 

314. Was mit den materialen Bedingungen der 
Erfahrung zusammenhängt, i s t wirklich (befindet sich 
unter den Erscheinungen). 

315. Dessen Zusammenhang mit dem Wirklichen 
nach allgemeinen Bedingungen derErfahrung be- 
stimmt ist, ist notwendig (muTs sich unter den Erschei- 
nungen befinden). 

Erläuterung. 

316. Die Kategorien der Modalität vermehren den Begriff, 
dem sie beigelegt werden, nicht, sondern drücken nur das 
Verhältnis desselben zum Erkenntnisvermögen aus. 

317. Eben daher sind sie blofs Erklärungen und Restrik- 
tionen aller Kategorien auf den blofs empirischen Gebrauch. 

318. Das Postulat der Möglichkeit fordert nicht, 
dafs kein Widerspruch im Begriff sei, denn das ist eine 
logische Bedingung, sondern die objektive Realität eines 
Begriffs. 

319. Nutzen und Einflufs dieses Postulats. Nur 
daran erkennt man die objektive Realität der Katego- 
rien, dafs sie die Verhältnisse der Wahrnehmungen in jeder 
Erfahrung a priori ausdrücken. 

320. Wenn man sie aber auf Dinge anwenden wollte, zu 
welcher in der Erfahrung nicht das Beispiel gegeben ist, so 
würde man in lauter Hirngespinste geraten, deren Möglich- 
keit ganz und gar kein Kennzeichen für sich hat. 

270 321. Die Möglichkeit der Dinge durch Begriffe a priori 
kann niemals aus solchen Begriffen allein abgeleitet werden. 

322. Den Begriff eines Triangels können wir zwar kon- 
struieren, aber seine reale Möglichkeit wäre zweifelhaft, wenn 
er nicht unter lauter Bedingungen gedacht wäre, auf denen 
alle Gegenstände der Erfahrung beruhen. 

323. Das Postulat der Wirklichkeit fordert Wahr- 
nehmung, mithin Empfindung von dem Gegenstande selbst, 
oder von etwas, das damit zusammenhängt. 

324. Die Wahrnehmung ist der einzige Charakter der 
Wirklichkeit. 



Die transscendentale Logik. 59 

Widerlegung des Idealismus. 

325. Der Grund zum dogmatischen Idealismus des 
Berkeley, der das Dasein der Gegenstände im Räume für 
falsch und unmöglich erklärt, ist in der transscendentalen 
Ästhetik gehoben worden. Hier soll der problematische des 
Carte sius, der das Dasein dieser Gegenstände nur für zweifel- 
haft erklärt, widerlegt werden. 

Lehrsatz. 

326. Das blofse, aber empirisch bestimmte Be- 276 
wufstsein meines eigenen Daseins beweist das 
Dasein der Gegenstände im Baume aufser mir. 

Beweis. 

327. Das Bewufstsein meines Daseins in der Zeit mufs 
an etwas Beharrliches geknüpft werden. So etwas giebt es 
nicht in uns, also ist es nur durch etwas aufser uns möglich. 
Nun ist das erstere (in 326) wirklich, also auch das letztere. 

328. Anmerkung 1. Innere Erfahrung ist also nur 
mittelbar und nur durch äufsere möglich, die allein un- 
mittelbar ist. 

329. Anmerkung 2. Hiermit stimmt auch aller Er- 
fahrungsgebrauch unseres Erkenntnisvermögens in Bestim- 
mung der Zeit yoUkommen überein. 

330. Anmerkung 3. Ob aber diese oder jene vermeinte 
Erfahrung nicht blofse Einbildung sei, mufs nach den beson- 
deren Bestimmungen derselben und durch Zusammenhaltung 
mit den Kriterien aller wirklichen Erfahrung ausgemittelt 
werden. 

331. Das dritte Postulat fordert nicht blofs formale 280 
und logische Notwendigkeit, sondern die materiale Not- 
wendigkeit im Dasein. Diese erkennen wir nur vom Zu- 
stande der Dinge, und da ist alles, was geschieht, hypo- 
thetisch notwendig. Daher giebt es vier Naturgesetze des 
Daseins: in mundo non datur hiatus, saltus, casus, 
fatum. 

332. Anmerkung. Ob das Feld der Möglichkeit 
gröfser sei als das Feld der Wirklichkeit und dieses 



60 Zweiter Teil. 

gröfser als das Feld der Notwendigkeit, ist soviel als 
ob meine Wahrnehmungen zu mehr als einer möglichen 
Erfahrung gehören können. Andere Formen der Anschau- 
ung und des Verstandes als die unsrigen können wir uns 
nicht erdenken, und sie würden auch nicht zur Erfahrung 
gehören. Ob noch ein anderes Feld der Materie stattfinde, 
kann der Verstand nicht entscheiden. Es scheint zwar aus 
der ümkehrung des Satzes: alles Wirkliche ist möglich, 
als wenn das eine Feld gröfser wäre, das ist aber blofs 
logisch. Was über dem Möglichen noch zum Wirklichen 
hinzukommen müfste, wäre also nicht möglich oder un- 
möglich. 

333. Eigentlich ist die absolute Möglichkeit kein 
blofser VerstandesbegriflF, und kann also auch hier die Sache 
nicht völlig ins Licht gesetzt werden. 
285 334. Die Prinzipien der Modalität heifsen Postulate, 
nicht deswegen, als wenn sie ein jeder ohne Beweis 
zugeben müfste; 

335. sondern weil sie von einem Begriffe nichts anderes 
aussagen, als die Handlung des Erkenntnisvermögens, dadurch 
er erzeugt wird. 

Allgemeine Anmerkungen zum System der Grundsätze. 

290 336. Um die objektive Kealität einer Kategorie dar- 
zuthun, bedürfen wir also immer Anschauungen. 

337. Wir bedürfen sogar immer äufsere Anschauungen 
dazu, z. B. zum Begriff der Substanz das Beharrliche im 
Kaume u. s. w. 

338. Diese Bemerkung ist von gröfser Wichtigkeit, nicht 
allein um die vorhergehende Widerlegung des Idealismus 
(325 — 330) zu bestätigen, sondern vielmehr noch um die 
Schranken der Möglichkeit der Selbsterkenntnis ohne äufsere 
Anschauung zu zeigen. 

339. Die letzte Folgerung aus diesem ganzen Abschnitt 
ist also: alle Grundsätze des reinen Verstandes 
sind nichts weiter als Prinzipien a priori der 
Möglichkeit der Erfahrung. 



Die transscendentale Logik. 61 

Der Analytik der Grundsätze oder der trans- 
scendentalen Doktrin der Urteilskraft 

Drittes Hauptstück. 

Von dem Grunde der Unterscheidung aller Gegen- 
stände überhaupf in Phaenoraena und Noumena. 

340. Zwei wichtige Fragen sind noch zu beantworten, 
ehe wir zur Dialektik übergehen: 1) Ob wir mit dem, was 
die Erfahrung uns zu erkennen giebt, zufrieden sein können 
und müssen ? 2) Ob wir auch im sicheren Besitz dessen sind, 
was sie enthält, und nicht furchten müssen, es auch einmal 
falsch zu finden? 

341. Es scheint nämlich, als wäre das Resultat, dafs 295 
unsere Erkenntnis blofs auf das Feld der Erfahrung ein- 
geschränkt ist, so vieler kritischer Untersuchungen nicht 
wert-, allein ohne sie kann doch der Verstand nicht wissen, 
was er erkennen kann oder nicht, und also auch nicht des 
Besitzes seiner Erkenntnis sicher sein. 

342. Der Verstand kann von allen seinen Grundsätzen 
a priori keinen anderen als einen empirischen Gebrauch 
machen. Denn zu jedem Begriff in einem solchen Grundsatz 
gehört 1) die logische Form desselben, 2) die Möglichkeit, 
ihm einen Gegenstand zu geben. Das letztere kann nicht 
anders als in der Anschauung geschehen, welche jederzeit em- 
pirisch sein mufs, weil die reine Anschauung selbst erst durch 
die empirische objektive Gültigkeit bekommt. 

343. Dafs dies auch der Fall mit allen Kategorien und 300 
den daraus gesponnenen Grundsätzen sei, erhellt auch daraus, 
dafs wir keine einzige derselben ohne Bedingungen der Sinn- 
hchkeit real definieren können. 

344. Den Begriff der Gröfse kann niemand erklären als 
80: dafs sie die Bestimmung eines Dinges sei, dadurch, wie 
viebnal Eines in ihm gesetzt ist, gedacht werden kann ; allein 
dieses wie vielmal gründet sich auf die Zeit. Und so ist es 
mit allen Kategorien. 

345. Hieraus folgt nun unwidersprechlich : dafs die 
reinen Verstandesbegriffe jederzeit nur von em- 
pirischem Gebrauche sein können. 

346. Das Kesultat der transscendentalen Analytik ist 



62 Zweiter TeU. 

also: dafs der Verstand blofs die Form einer mög- 
lichen Erfahrung antizipieren, aber die Schran- 
ken der Sinnlichkeit nicht überschreiten kann. 

347. Das Denken ist die Handlung, gegebene Anschau- 
ungen auf einen Gegenstand zu beziehen. Die reine Kategorie 
allein drückt nur das Denken eines Objekts überhaupt aus. 
Es gehört noch dazu ein Schema, um etwas unter die Kate- 
gorie subsumieren zu können. 
*0ö 348. Die reinen Kategorien, ohne formale Bedingung 
der Sinnlichkeit, sind also blofs die reine Form des Ver- 
standesgebrauchs und drücken nur aus, wie ein Objekt ge- 
dacht wird, können aber allein kein Objekt bestimmen. 

349. Es liegt inzwischen hier eine schwer zu vermeidende 
Täuschung zu Grunde. Weil die Kategorien nicht aus 
Sinnlichkeit entspringen, so scheint ihr Gebrauch sich 
weiter als blofs auf sinnliche Gegenstände zu erstrecken. 
Allein sie sind blofs Gedanken formen. Unterscheiden 
wir indessen die Dinge, wie sie uns erscheinen (Phänomena, 
Sinnwesen), von dem, wie sie an sich sein mögen (Noumena, 
Gedanken wesen, Verstandeswesen), so ist die Frage, ob wir 
die letzteren nicht vermittelst der Kategorien 
erkennen? 

350. Gleich anfangs zeigt sich hier die Zweideutig- 
keit, welche grofsen Mifsverstand veranlassen kann: dafs, 
weil der Verstand sich aufser dem Phänomen noch eine Vor- 
stellung von einem Noumen macht, er nur das Verstandes- 
wesen überhaupt, das durch die reinen Kategorien vorgestellt 
wird, für die richtige Vorstellung jenes Noumens, als eines 
wirklich aufser unserer Sinnlichkeit existierenden Wesens, hält. 

351. Ein Ding, das nicht Objekt ujaserer sinnlichen An- 
schauung ist, kann Noumenon in negativer, und ein Ding, 
das Objekt einer nicht sinnlichen oder intellektuellen An- 
schauung wäre, Noumenon in positiver Bedeutung heifsen. 

352. Die Lehre von der Sinnlichkeit ist nun zugleich die 
Lehre von den Noumenen in negativer Bedeutung, nämlich 
dafs die Kategorien blofs auf Erscheinungen begrenzt sind 
und jene Noumenen durch sie nicht erkannt werden können. 
Zum Erkenntnis positiver Noumenen müfste den Kategorien 
eine intellektuelle Anschauung zu Grunde liegen, die wir 
nicht haben. 



^ Die transscendentale Logik. 63 

353. Wenn ich alles Denken aus einer empirischen Er- 
kenntnis wegnehme, so bleibt gar keine Erkenntnis übrig; 
nehme ich aber alle Anschauung daraus weg, so bleibt 
noch die Form des Denkens übrig. Daher erstrecken sich 
die Kategorien weiter, weil sie Objekte überhaupt denken. 
Sie haben aber darum keine gröfsere Sphäre von wirklichen 
Objekten. 

354. Der Begriff eines Noumenon ist ein durch die 3io 
Einschränkung der Sinnlichkeit notwendig gemachter Grenz - 
begriff, um die Anmafsungen der Sinnlichkeit einzu- 
schränken. 

355. Die Einteilung der Gegenstände in Phaenomena und 
Noumena, und der Welt in eine Sinnen- und Verstandes- 
welt kann daher in positiver Bedeutung gar nicht zu- 
gelassen werden, aber wohl die Einteilung " der Begriffe in 
sinnliche und intellektuelle. 

356. Versteht man, wie einige mifsbräuchlich gethan haben, 
unter mundus intelligibilis den Zusammenhang der Sinnen- 
welt nach allgemeinen Verstandesgesetzen, so giebt es eine 
solche intelligible Welt. Hier aber wird nur die Er- 
kenntnis einer solchen intelligiblen Welt, die gar nicht 
Erscheinung ist, verneint. 

357. Verstand und Sinnlichkeit können bei uns nur in 
Verbindung Gegenstände geben. Wenn wir sie trennen, 
so haben wir Anschauungen ohne Begriffe oder Begriffe ohne 
Anschauungen. 

358. Wenn jemau^d nach allen diesen Erörterungen doch 3i» 
noch Bedenken trägt, dem blofs transscendentalen Gebrauch 
der Kategorien zu entsagen, so mache er einen Versuch, mit 
ihnen allein etwas synthetisch zu behaupten, und es wird 
ihm unmöglich sein. 

Anhang. 

Von der Amphibolie der Reflexionsbegriflfe durch die 

Verwechselung des empirischen Verstandesgebrauchs 

mit dem transscendentalen. 

359. Diejenige Handlung des Gemüts, wodurch man das 
Verhältnis der Begriffe zu einander ausmacht, heifst die 
Überlegung. 



64 Zweiter Teil. 

360. Diese Überlegung ist logisch, wenn sie die Form 
der Begriflfe betrifft; kommt es aber auf den Inhalt der- 
selben an, so ist die Frage, ob die Dinge zum Verstände 
oder zur Sinnlichkeit gehören, und dann ist die Überlegung 
trän s sc en dental. 

361. Zu dieser Überlegung hat der Verstand vier Re- 
flexionsbegriffe. Diese sind nach der Tafel der Kate- 
gorien folgende: 

362. 1) Quantität. Einerleiheit und Verschie- 
denheit. Ein Ding, das der Qualität und Quantität nach 
mit einem andern einerlei ist, ist numerisch identisch, oder 
dasselbe Ding mit dem andern, wenn es ein Gegenstand des 
reinen Verstandes ist; ist es aber ein Gegenstand der Sinne, 
so kann es noch durch Zeit und Ort verschieden sein. Daher 
würde Leibnizens Principium identitatis indiscernibilium nur 
dann gelten, wenn die Dinge nicht Erscheinungen (Sensibilia), 
sondern Intelligibilia wären. 

320 363. 2) Qualität. Einstimmung und Widerstreit 
Zwischen Realitäten vor dem reinen Verstände läfst sich kein 
Widerstreit denken, aber wohl in der Erscheinung. 

364. 3) Relation. Das Innere und Äufsere. An 
einem Gegenstande des reinen Verstandes ist nur das inner- 
lich, was gar keine Beziehung auf etwas von ihm Verschie 
denes hat. In einer Erscheinung ist alles Relation. Innere 
Accidenzen kennen wir nicht, als die im Innern Sinn. Daher 
machte Leibniz aus allen Substanzen, selbst aus den Bestand- 
teilen der Materie, einfache Subjekte mit Vorstellungskräften 
(Monaden). 

365. 4) Modalität. Materie und Form. Im Begriff 
des reinen Verstandes geht die Materie der Form vor, daher 
nahm Leibniz Monaden an, um das äufsere Verhältnis darauf 
zu gründen. In der Erscheinung aber geht die Form der 
Materie vor, denn sie ist die Beschaffenheit der Sinnlichkeit. 

Anmerkung. 
Zur Amphibolie der Reflexionsbegriflfe. 

366. Man kann die Stelle, welche wir einem Begriff in 
der Sinnlichkeit oder im reinen Verstände erteilen, seinen 
tr ans Seen dentalen Ort, sowie den höheren Begriff, unter 



Die transscendentale Logik. 65 

welchem er in der logischen Stufenleiter als niederer Begriff 
gehört y seinen logischen Ort nennen. Die Beurteilung 
dieser Stellen heifst dieTopik, die also transscendental 
oder logisch ist. 

367. Die transscendentale Topik enthält nicht mehr 825 
als die (362^-365) angeführten vier Titel, die nicht wie 
die Kategorien den Gegenstand nach seinem Begriff dar- 
stellen, sondern nur die Vergleichung der Vorstellungen, 
die vor dem Begriffe von Dingen vorhergeht. 

368. Ohne die transscendentale Überlegung ge- 
braucht man die Reflexionsbegriffe zu den Gegenständen 
unsicher, und es entsteht eine transscendentale Amphi- 
bolie, d.i. Verwechselung des reinen Verstandesobjekts 
mit der Erscheinung. 

369. Leibniz verglich die Gegenstände der Sinne als 
Dinge überhaupt blofs im Verstände untereinander, 

1) sofern sie vor dem Verstände einerlei und ver- 
schieden sind; daher ist sein Gesetz des Nichtzu- 
unterscheidenden kein Gesetz der Natur, sondern eine 
analytische Regel. 

370. 2) Der Grundsatz : dafs Realitäten einander niemals 
logisch widerstreiten, ist von den Verhältnissen der Be- 
griffe richtig, aber nicht von den Phänomenen und Noumenen. 
Daher ist Leibnizens Behauptung, dafs alle Übel Negationen 
sind, durch diesen Grundsatz noch nicht bewiesen, auch nicht 
die, dafs man alle Realitäten als in einem Objekt vereinigt 
vorstellen könne. 

371. 3) Die Leibnizsche Monadologie hat gar keinen an- 330 
deren Grund, als dafs er den Unterschied des Inneren und 
Äufseren blofs im Verhältnis auf den Verstand vorstellt. 
Die Zusammensetzung ist etwas Äufseres, also mufste 
das Einfache die Grundlage des Inneren sein, und da wir 
nichts anderes Inneres kennen als den Zustand der Vor- 
stellungen, demselben Vorstellungen beigelegt werden. 

372. Eben darum mufste aber auch sein Prinzip der Ge- 
meinschaft der Substanzen eine vorherbestimmte Har- 
monie sein. 

373. 4) Der berühmte Lehrbegriff Leibnizens von Raum 
und Zeit entsprang auch aus dieser Quelle. Er hielt beide 

Mellin, Marginalien. 5 



66 Zweiter Teil. 

für die intelligible Form der Verknüpfung der Dinge 
an sich selbst, die Dinge aber für intelligible Sub- 
stanzen; die Sinne aber, meinte er, verwirren uns die Be- 
griffe unseres Verstandes von diesen Substanzen, wodurch 
diese Begriffe Erscheinungen würden. 

374. Wenn wir aber auch von Dingen an sich selbst 
etwas durch den reinen Verstand synthetisch sagen könnten, 
so würde dieses doch nicht auf Erscheinungen gezogen werden 
können. Folglich müssen wir unsere Begriffe jederzeit unter 
den Bedingungen der Sinnlichkeit vergleichen. 

375. Dieses gilt auch von allen übrigen Reflexions- 
begriffen, z. B. das Innere der Materie kann ich nur im 
Räume suchen u. s. w. 

376. Der Nutzen dieser Kritik der Schlüsse aus der Reflexion 
besteht darin, dafs sie die Nichtigkeit aller Schlüsse über 
Gegenstände, die man blofs im Verstände vergleicht, darthut. 

336 377. Wenn wir blofs logisch reflektieren, so vergleichen 
wir ganz richtig unsere Begriffe untereinander im Verstände; 
wenden wir aber diese unsere Begriffe auf einen Gegenstand 
überhaupt an, so zeigen sich sogleich Einschränkungen, welche 
allen empirischen Gebrauch derselben verkehren und dadurch 
beweisen, dafs die Vorstellung eines Gegenstandes als Dinges 
überhaupt an sich selbst widerstreitend sei, wenn man diese 
Gegenstände nicht unter Bedingungen der sinnlichen An- 
schauung denkt. 



378. Die Entwickelung der täuschenden Ursache der 
Amphibolie im Reflexionsbegriffe war nötig, da sie sogar 
einen der scharfsinnigsten unter allen Philosophen zu 
einem vermeinten System intellektueller Erkenntnis 
verleitet hat. 

379. Dieses ganze System ist auf der Verkehrung des 
Dictum de omni et nullo in den ungereimten Grundsatz: 
was dem Allgemeinen nicht zukommt, das kommt auch 
nicht dem darunter erhaltenen Besonderen zu, erbaut. 

380. Z. B.: der Satz des Nichtzuunterscheiden- 
den gründet sich darauf, dafs dasjenige, was in dem Be- 
griff von einem Dinge überhaupt nicht anzutreffen sei, sei 



Die transscendentale Logik. 67 

auch nicht in den Dingen selbst, z. B. bei zwei Kubikfüfsen 
Raum. 

381. Ebenso ist es mit der Zusammenfassung aller Reali- 340 
täten in einem Objekt, mit den Monaden und mit dem in- 
telligiblen Baume. 

382. Sind intelligible Gegenstände solche, die blofs durch 
reine Kategorien gedacht werden, so sind sie unmöglich, 
sind es aber Gegenstände einer nichtsinnUchen Anschauung, 
so sind sie problematisch und ihr Begriff mit der Ein- 
schränkung unserer Sinnlichkeit unvermeidlich verbunden. 

383. Der Verstand begrenzt demnach die Sinnlichkeit 
durch den Begriff eines Noumenon, ohne darum sein eigenes 
Feld zu erweitern. 

384. Der Fehler, der den Verstand verleitet, in i n t e 1 1 i - 346 
gible Welten auszuschweifen, liegt darin, dafs er wider seinen 
Zweck transscendental gemacht wird und seine Begriffe 
noch einen Inhalt zu haben scheinen, auch wenn ihnen die 
Anschauungen fehlen. 



385. Zur Volls tändi gkeit des Systems gehört nun noch 
der problematische Begriff vom Gegenstande überhaupt, 
von dem nach der Ordnung der Kategorien gezeigt werden 
kann, wann er etwas und wann er nichts sei. 

386. 1) Der Quantität nach ist ein Quantum etwas, 
der Begriff, so alles aufhebt, keines — nichts. Ein Ge- 
dankending. 

387. 2) Der Qualität nach ist Realität etwas, der 
Begriff von dem Mangel eines Gegenstandes, Negation 
— nichts. Eine Verneinung, z. B. der Schatten. 

388. 3) Der Relation nach ist die Substanz in der An- 
schauung etwas, die blofse Form der Anschauung, Raum 
und Zeit, als Gegenstände — nichts, Formen. 

389. 4) Der Modalität nach ist das, was erscheinen 
kann, etwas, der Gegenstand eines Begriffs, der sich selbst 
widerspricht, das Widersprechende — nichts. Ein Un- 
ding, z. B. ledernes Eisen. 

390. Tafel über etwas und nichts: 

5* 



i 



Zweiter Teil. 

Ein Gegenstand ist 

L 

In Beziehung auf die Sinnlichkeit 



1) der Quantität nach 

a 

Gegenstand mit Form 

Die Erscheinang 

ens phaenomenon 

Etwas 



3) Der Relation nach 

a 

— Form mit Gegenstand 

Die empirische Anschauung 

ens suhstantiale 

Etwas 



Gegenstand ohne Form — Form ohne Gegenstand 



Das Gedankending 




Die reine Anschauung 




ens rationis 
Nichts 




ens imaginarium 
Nichts 




n. 




' OQ 

P 


In Beziehung 


auf den Verstand 


1 


2) Der Qualität nach 




4) Der Modalität nach 




a 

Begriff mit Gegenstand 

Das Reelle 


— 


a 

Gegenstand mit Begriff 
Das Ding 




ens reale 
Etwas 




ens possihile 
Etwas 




ß 

Begriff ohne Gegenstand 

Die Verneinung 


— 


ß 

Gegenstand ohne Begriff 

Das Unding 




nihil priyatiynm 
Nichts 




nihil negatiyum 
Nichts 





391. Nr. 1, ß und Nr. 4, /9 sind durch Begriffe erdichtete 
Gegenstände, nämlich durch die Entgegensetzung gegen Nr. 1, a 
und Nr. 4, a; also geben sie leere Begriffe und können nie 
reelle Gegenstände sein. — Nr. 2,/? und Nr. 3, /9 sind 
leere Data zu Begriffen und nur durch Nr. 2, a und Nr. 3, a 
Objekte. 



Die transscendentale Logik. 69 

Der transscendentalen Logik 

Zweite Abteilung. 

Die transscendentale Dialektik. 

Einleitung. 
I. Vom transscendentalen Schein. 

392. Dialektik ist Kritik des dialektischen Scheins (98), 3öo 
das heifst nicht der Wahrscheinlicheit, denn diese ist 
Wahrheit durch unzureichende Gründe erkannt und gehört 
also in die Elementarlogik. Auch ist Erscheinung und 
Schein nicht einerlei; Wahrheit, Irrtum und Schein 
sind im Urteile, Erscheinung in den Sinnen. Die Sinne 
irren nicht, denn sie urteilen nicht, der Verstand allein irrt 
auch nicht, denn er mufs seinen Gesetzen folgen. Folglich 
entspringt der Schein nur aus dem unbemerkten Einflufs der 
Sinnlichkeit auf den Verstand. 

393. Hier soll nicht von dem empirischen, sondern 
dem' transscendentalen Schein gehandelt oder versucht 
werden, den Schein solcher (transscendenter) Grundsätze auf- 
zudecken, die die Schranken der Erfahrung zu überschreiten 
gebieten, denn die (immanenten) Grundsätze, deren Anwendung 
sich ganz und gar in den Schranken möglicher Erfahrung hält, 
verursachen keinen transscendentalen Schein. 

394. Der logische Schein entspringt aus Mangel an 
Achtsamkeit auf die logische Regel und kann weggeschafft 
werden; der transscendentale Schein hingegen ist eine 
unvermeidliche Illusion, wie der empirische Schein, 
weil in der Vernunft Grundsätze ihres Gebrauchs liegen, die 
das Ansehen objektiver Grundsätze haben. 

395. Die transscendentale Dialektik wird sich also 
damit begnügen, diese natürliche und unvermeidliche Illusion 
der menschlichen Vernunft nur aufzudecken. 

II. Von der reinen Vernunft als dem Sitze des 
transscendentalen Scheins. 

A. Allgemeiner Begriff von dem Vernunft- 
vermögen überhaupt. 

396. Die Vernunft, ihrem logischen Gebrauche nach, 355 
ist das Vermögen, mittelbar zu schliefsen (un- 



70 Zweiter Teil. 

mittelbare Schlüsse macht der Verstand); ihrem trans- 
scendentalen Grebrauche nach erzeugt sie selbst Begri£fe; 
was müssen wir uns von ihr für einen höheren Begri£f machen, 
der beide vorhergehende unter sich befasse? 

397. Sie ist das Vermögen der Prinzipien. 

398. Der Ausdruck Prinzip ist zweideutig, er bedeutet 
oft nur einen allgemeinen Satz, der als Prinzip gebraucht 
wird. 

399. Erkenntnis aus Prinzipien kann daher diejenige 
heifsen, da man das Besondere im Allgemeinen durch Begriffe 
erkennt, wie im Vernunftschlusse. So kann ein Grundsatz 
des Verstandes a priori ein Prinzip genannt werden, in- 
sofern er zum Obersatz in einem Vernunftschlusse dient. 

400. Diese Grundsätze des reinen Verstandes 
aber sind ihrem Ursprünge nach nicht Erkenntnisse aus 
Begriffen und würden ohne Anschauung a priori, oder ohne 
dafs sie Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung wären, 
nicht möglich sein. 

401. Synthetische Erkenntnisse aus Begriffen kann der 
Verstand also gar nicht verschaffen, und diese sollen allein 
Prinzipien schlechthin, jene Grundsätze des Verstandes 
aber nur komparative Prinzipien heifsen. 

402. So sucht man ein Prinzip der Gesetzgebung, und 
es ist die Frage, ob die Natur der Dinge imter Prinzipien 
stehe? Eine solche Erkenntnis aus Prinzipien beruht auf 
blofsem Denken, Verstandeserkenntnis aber bekonmit ihre 
Gültigkeit durch Anschauungen. 

403. Der Verstand mag ein Vermögen der Einheit der 
Erscheinungen durch Regeln sein; so ist die Vernunft ein 
Vermögen der Einheit der Regeln durch Prinzipien. Sie geht 
also nie auf Erfahrung, sondern auf den Verstand, um seinen 
Erkenntnissen Einheit (Vernunfteinheit) zu geben. 

B. Vom logischen Gebrauche des Vernunft- 
vermögens. 

404. Etwas wird entweder unmittelbar erkannt oder 
nur geschlossen, z. B. bei dem Betrüge der Sinne halten 
wir etwas für unmittelbar wahrgenommen, was wir doch nur 
geschlossen haben. Bei jedem Schlufs ist 1) ein Satz, der zu 



Die transscendentale Logik. 71 

Grunde liegt; 2) ein anderer, der aus jenem gezogen wird 
(Folgerung); 3) ein dritter, nach welchem die Wahrheit des 
zweiten mit der Wahrheit des ersten unausbleiblich verknüpft * 
wird (die Schlufsfolge). Liegt die Folgerung in dem ersten 
Satze so, dafs es zur Ableitung daraus keiner vermittelnden 
Vorstellung bedarf, so heifst der Schlufs unmittelbar 
(ein Verstandesschlufs), ist aber dazu noch ein vermittelndes 
Urteil nötig, so heifst der Schlufs mittelbar (ein Ver- 
nunftschlufs). 

405. In jedem Vemunftschlusse denkt man 1) eine Regel 360 
(major) durch den Verstand; 2) subsumiert man ein Er- 
kenntnis unter die Bedingung der Regel (minor) durch die 
Urteilskraft; 3) bestimmt man das Erkenntnis durch das 
Prädikat der Regel (conolusio), mithin a priori durch die Ver- 
nunft. Das Verhältnis also, welches Nr. 1 zwischen einem 
Erkenntnis und seiner Bedingung vorstellt, giebt dreierlei 
Vernunftschlüsse: 1) kategorische, 2) hypothetische 
oder 3) disjunktive, je nachdem der Obersatz kategorisch, 
hypothetisch oder disjunktiv ist. 

406. Die Vernunft sucht im Schliefsen die grofse Mannig- 
faltigkeit der Erkenntnis des Verstandes auf die kleinste Zahl 
der Prinzipien zu bringen; das lehrt eine kurze Betrachtung 
über die Natur des Vernunftschlusses. 

C. Von dem reinen Gebrauche des Vernunft- 
vermögens. 

407. Frage: Enthält die reine Vernunft a priori syn- 
thetische Grundsätze und Regeln, und worin bestehen diese 
Prinzipien? Die Vernunft wird hier also isoliert. 

408. Das formale und logische Verfahren der Vernunft in 
Vernunftschltissen giebt uns hierüber schon hinreichende An- 
leitung. 

409. 1) Es geht der Vernunftschlufs nicht auf Anschauun- 
gen, sondern auf Begriffe und Urteile. Vernunfteinheit ist 
also nicht synthetische Einheit einer möglichen Erfahrung. 

410. 2) Es sucht die Vernunft in ihrem logischen Gebrauche 
die allgemeine Bedingung ihres Urteils, von der sie durch 
einen Prosyllogismus dann wieder die Bedingung sucht; also 
ist der eigentümliche Grundsatz der Vernunft: zu dem 



72 Zweiter Teil. 

bedingten Erkenntnisse des Verstandes das Un- 
bedingte zu finden. 

411. Diese logische Maxime ist aber nur dann ein 
mögliches Prinzip der reinen Vernunft, wenn man annimmt, 
dafs, wenn das Bedingte gegeben ist, auch die 
ganze Reihe seiner einander untergeordneten 
Bedingungen, die dann nicht mehr bedingt ist, 
gegeben sei. 

412. Ein solcher Grundsatz ist aber offenbar synthetisch, 
denn das Bedingte bezieht sich analytisch auf die Bedingung, 
aber nicht auf das Unbedingte. Es müssen aber aus dem- 
selben auch verschiedene synthetische Sätze entspringen. 

365 413. Die aus diesem obersten Prinzip der reinen Vernunft 
entspringenden Grundsätze werden aber in Ansehung der Er- 
scheinungen transscendent sein. Die Verkennung der Be- 
schaffenheit dieses obersten Prinzips und die daraus entsprin- 
genden Mifsverständnisse untersucht nun die transscendentale 
Dialektik. 

Der transscendentalen Dialektik 
Erstes Buch. 

Von den Begriffen der reinen Vernunft. 

414. Die Begriffe aus reiner Vernunft sind nicht blofs 
reflektierte Begriffe oder solche, die (wie die Ver Standes- 
begriffe) die Einheit der Reflexion (359 f.) über die Erschei- 
nungen enthalten, sondern geschlossene Begriffe. 

415. Vernunftbegriffe dienen zum Begreifen, wie 
Verstandesbegriffe zum Verstehen; haben die ersteren 
objektive Gültigkeit, so können sie conceptus ratiocinati, wo 
nicht conceptus ratiocinantes genannt werden, überhaupt aber 
mögen sie transscendentale Ideen heifsen. 

Des ersten Buchs der transscendentalen Dialektik 
Erster Abschnitt. 

Von den Ideen überhaupt. 

416. Der denkende Kopf findet sich oft wegen des Aus- 
drucks verlegen, der sich seinen Begriffen genau anpasse. Neue 



Die transscendentale Logik. 73 

Worte zu schmieden ist eine Änmafsung, die selten gelingt. 
Eher ist es ratsam, das Wort dazu aus einer toten und ge- 
lehrten Sprache zu nehmen und seine ihm eigene Bedeutung 
zu befestigen. 

417. Findet sich in irgend einer Sprache nur ein einziges 
Wort, das in schon eingeführter Bedeutung genau zu einem 
Begriffe pafst, so ist es ratsam, es zu brauchen und ihm diese 
seine eigentümliche Bedeutung aufzubehalten. 

418. Plato bediente sich des Ausdrucks Idee so, dafs 370 
er darunter etwas verstand, das niemals von den Sinnen 
entlehnt wird und sogar die Begriffe des Verstandes über- 
steigt. 

419. Er bemerkt, dafs unsere Vernunft sich zu Erkennt- 
nissen aufschwinge, die viel weiter gehen, als dafs ein Er- 
fahrungsgegenstand jemals mit ihnen kongruieren könne. 

420. Er fand seine Ideen vorzüglich in allem, was prak- 
tisch ist, d, i. auf Freiheit beruht, welche ihrerseits unter 
Erkenntnissen steht, die ein eigentümliches Produkt der Ver- 
nunft sind, z. B. die Begriffe der Tugend. 

421. Die Platonische Republik ist nicht so verwerf- 
lich, als man glaubt, wenn man Plato nicht mifsversteht ; 
sie beruht auf der notwendigen Idee einer Verfassung von 
der gröfsten Freiheit nach Gesetzen, welche machen, dafs 
jedes Freiheit mit der anderen ihrer zusammen bestehen kann, 
ist also ein Ideal, nach welchem man allein den Wert einer 
jeden wirklichen Verfassung prüfen kann. 

422. Aber auch in Ansehung der Natur sieht Plato mit 
Recht deutliche Beweise ihres Ursprungs aus Ideen oder nach 
Zwecken. 

423. Hier ^oU nun der transscendentale Gebrauch der 375 
Vernunft, ihre Prinzipien und Ideen untersucht werden. Das 
Wort Idee sollte aber nur für Vernunftbegriffe, oder für Be- 
griffe aus Notionen, die die Möglichkeit der Erfahrung über- 
steigen, gebraucht werden. 



74 Zweiter Teü. 

Stufenleiter der Vorstellungen. 
Vorstellung, repraesentatlo. 

.^^■■■•■■^i™^"^^^— •M»'^*^^«^^^™^— ^^"^"^^^^^M"^— ^■^■■■V 

O Mit BewoTstsein, 

g Perception 

W Perceptio 



I 



subjektive objektive 

Empfindung Erkenntnis 



^* sensatio cognitio 



unmittelbare mittelbare 

Anschauung Begriff 

intuitus conceptus 

empirischer reiner 
aus 

reiner Sinnlichkeit, dem Verstände, der Vernunft. 
Notion. Idee. 

Des ersten Buchs der transscendentalen Dialektik 
Zweiter Abschnitt. 

Von den transscendentalen Ideen. 

424. Wir können erwarten, dafs die Form der Vemunft- 
schlüsse den Ursprung besonderer Begriffe a priori enthalten 
werde, welche wir reine Vernunftbegriffe oder trans- 
scendentale Ideen nennen können. 

425. Die Funktion der Vernunft bei ihren Schlüssen be- 
stand in der Allgemeinheit der Erkenntnis nach Begriffen, 
und der Vernunftschlufs ist selbst ein Urteil, welches 
a priori in dem ganzen Umfange seiner Bedingung 
bestimmt wird. 

426. Ein reiner Vernunftbegriff ist der Begriff des 
Unbedingten, sofern er einen Grund der Synthesis des 
Bedingten enthält; denn in dem Obersatze eines Vernunft- 
schlusses denken wir das Prädikat, das wir in der Konklusion 
auf einen gewissen Gegenstand restringieren, in seinem ganzen 
Umfange (Allgemeinheit). Dieser entspricht die Totalität der 
Bedingungen (Allheit) ; diese aber ist jederzeit unbedingt und 
wird nur durch das Unbedingte möglich gemacht. 



Die transseendent&le Logik. 75 

427. Soviel Arten des Verhältnisses es nun nach 
den Kategorien giebt, so vielerlei Arten reiner Vernunft- 
be griffe wird es auch geben, nämlich: 

1) ein Unbedingtes der kategorischen Synthesis eines 
Subjekts; 

2) ein Unbedingtes der hypothetischen Synthesis 
einer Reihe; 

3) ein Unbedingtes der disjunktiven Synthesis der 
Teile eines Systems. 

428. Es giebt nämlich ebenso viele Arten von Vemunft- 
schlüssen, deren jede durch Prosyllogismen zum Unbedingten 
fortschreitet: 

1) zum Subjekt, welches nicht mehr Prädikat ist; 

2) zur Voraussetzung, welche nichts mehr voraussetzt; 

3) zu einem Aggregat der Glieder der Einteilung, welche 
kein Glied zur Vollendung der Einteilung mehr er- 
fordert. 

Daher sind die reinen VernunftbegriflFe von der Totalität 
in der Synthesis der Bedingungen wenigstens als 
Aufgaben in der menschlichen Vernunft gegründet. 380 

429. Das Wort absolut wird jetzt öfters gebraucht, um 
blofs anzuzeigen, dafs etwas von einer Sache ohne Ver- 
gleichung (innerlich) gelte; bisweilen heifst es aber auch 
soviel als in aller Beziehung (uneingeschränkt) gültig. 

430. In dieser erweiterten Bedeutung soll das Wort hier 
gebraucht werden, im Gegensatz gegen das komparativ 
Gültige. 

431. Nun geht der transscendentale VernunftbegriflF 
jederzeit nur auf die absolute Totalität in der Synthesis 
der Bedingungen und endigt erst bei dem absolut Un- 
bedingten. Er dient, die Verstandeshandlungen (d. i. 
die Verstandeseinheit in die Anschauungen zu bringen) in ein 
absolutes Ganzes zusammenzufassen (d. h. Vernunfteinheit 
hineinzubringen). Da nun in der Erfahrung nichts unbedingt 
ist, so ist die Anwendung der reinen Vernunftbegriflfe auf die 
Anschauungen (oder ihr objektiver Gebrauch) jederzeit trans- 
scendent. 

432. Eine Idee ist ein notwendiger Vemunftbegriflf, dem 
kein kongruierender Gegenstand in den Sinnen gegeben werden 



76 Zweiter Teil. 

kann (z. B. die Weisheit), also sind die jetzt (427) eri 
wogenen reinen Yernunftbegriffe transscendentale Ideen. 
385 433. Sie können dienen, den Verstand in der Erkenntnis 
der Gegenstände besser und weiter zu leiten, und macheq 
vielleicht einen Übergang möglich von den Naturbegriffen li 
den praktischen. 

434. Jetzt mufs nun die logische Form der Vernunft] 
erkenntnis erwogen werden, um zu sehen, ob nicht die Ver 
nunft dadurch auch ein Quell von Begriffen werde, von einen] 
Gegenstande überhaupt, dadurch eine Reihe von Objekten iij 
Ansehung einer oder der anderen Funktion der Vernunft all 
bestimmt angesehen wird, z. B. die* Welt (145). 

435. Die Vernunft ist das Vermögen, zu schliefsen. Dd 
Schlufssatz ist das "Urteil, welches gefällt wird, daduril^ 
dafs man vermittelst des Untersatzes die Bedingung ii 
Untersatze (von welcher man die Regel im Obersatze ausl 
sagt) unter- die Bedingung der Regel (im Obersatze) sub 
sumiert. Im Vernunftschlufs gelangt man also durch eim 
Reihe von Bedingungen (Prämissen) zu einer Erkenntnis (Kon 
klusion), die durch die ratiocinatio polysyllogistica, per pru 
syllogismos, oder episyllogismos immer weiter fortgesetz 
werden kann. 

436. Mit der Reihe der Prosyllogismen verhält e 
sich aber ganz anders als mit der Reihe der Episyllogismei 
denn auf der Seite der Bedingungen fordert man Totaütät 
aber auf der Seite des Bedingten wird nur ein potentiaie 
Fortgang gedacht. 

390 Des ersten Buches der transscendentalen Dialektik 
Dritter Abschnitt. 

System der transscendentalen Ideen. 

437. Wir haben es hier nicht mit dem logischei 
Schein (394), sondern mit einer transscendentalen Dialekiii 
zu thun , welche völlig a priori den Ursprung gewisser Ei 
kenntnisse aus reiner Vernunft und geschlossener BegriS 
enthalten soll. Es giebt aber drei Arten dialektischer Schlii>^^ 
aus welchen sie entspringen (428). 



Die transscendentale Logik. 77 

438. Nun können sich unsere Vorstellungen beziehen 

1) auf das Subjekt, 

2) auf das Objekt, und zwar 
a) als Erscheinung oder 

ß) als Gegenstand des Denkens überhaupt. 

439. Hieraus entstehen drei Klassen der transscenden- 
talen Ideen. 

Die erste enthält die absolute Einheit des denkenden 
Subjekts 5 

die zweite enthält die absolute Einheit der Reihe der 
Bedingungen der Erscheinungen; 

die dritte enthält die absolute Einheit aller Gegen- 
stände des Denkens überhaupt. 

440. 1) Das denkende Subjekt (die Seele) ist der Gegen- 
stand der Psychologie; 2) der Inbegriff aller Erschei- 
nungen (die Welt) ist der Gegenstand der Kosmologie; 
3) die oberste Bedingung alles Denkbaren (das Wesen aller 
Wesen) ist der Gegenstand der Theologie. Dieses sind also 
ebenso viele Probleme der reinen Vernunft und die Ideen zu 
drei transscendentalen Wissenschaften. 

441. Was unter diesen drei Titeln aller transscendentalen 
Ideen für Modi der reinen Vernunftbegriffe stehen und wie 
die Vernunft lediglich durch den synthetischen Gebrauch 
ihrer Funktionen notwendigerweise auf diese Ideen kommt, 
wird in der Folge gezeigt und deutlicher werden. 

442. Von diesen transscendentalen Ideen ist eigentlich 
keine objektive Deduktion möglich, weil sie keine Beziehung 
auf ein ihnen kongruierendes Objekt haben. Daher konnten 
sie nur aus der Natur unserer Vernunft abgeleitet werden. 

443. Die Vernunft hat nur die absolute Totalität auf der 
Seite der Bedingungen (der Inhärenz, Dependenz und Kon- 
kurrenz) zur Absicht, die Vollständigkeit von Seiten des Be- 
dingten ist ein Gedanken ding und also keine transscen- 
dentale Idee. 

444. Zuletzt wird man auch gewahr, dafs die reine Ver- 
nunft vermittelst der Ideen alle ihre Erkenntnisse in ein 
System bringt. 



78 Zweiter TeiL 

395 Der transscendentalen Dialektik 

Zweites Buch. 

Von den dialektischen Schlüssen der reinen Vernunft. 

446. Vom Gegenstande einer transscendentalen Idee ist 
kein Verstandesbegriff möglich, oder wir können vom 
Objekt, welches einer Idee korrespondiert, keine Kenntnis, 
obzwar einen problematischen Begriff haben. 

446. Nun beruht die transscendentale (subjektive) Realität 
der reinen Vernunftbegriflfe darauf, dafs wir durch einen not- 
wendigen Vernunftschlufs darauf gebracht werden. Also wird 
es vernünftelnde Schlüsse oder Sophistikationen der reinen Ver- 
nunft geben, durch die wir vermittelst eines unvermeidlichen 
Scheins von etwas, das wir kennen, auf etwas anderes schliefsen, 
davon wir doch keinen Begriff haben. 

447. Solcher dialektischen Vernunftschlüsse giebt es, nach 
der Anzahl der Ideen, drei. 

1) Der Schlufs von dem transscendentalen BegriflFe des 
Subjekts, der nichts Mannigfaltiges enthält, auf die absolute 
Einheit dieses Subjekts. Er soll der transscendentale 
Paralogismus heifsen. 

2) Der Schlufs von dem Widerspruch der unbedingten 
synthetischen Einheit einer Reihe auf die Richtigkeit der be- 
dingten synthetischen Einheit derselben, die doch auch einen 
Begriff giebt. Er soll die Antinomie der reinen Ver- 
nunft heifsen. 

3) Der Schlufs von Dingen, die ich nach ihrem blofs 
transscendentalen Begriff nicht kenne (Gegenständen über- 
haupt), auf ein Wesen aller Wesen, welches ich durch einen 
transscendenten Begriff noch weniger kenne. Er soll das 
Ideal der reinen Vernunft heifsen. 

Des zweiten Buches der transscendentalen Dialektik 
Erstes Hauptstück. 

Von den Paralogismen der reinen Vernunft. 

448. Der logische Paralogismus besteht in der Falsch- 
heit eines Vernunftschlusses der Form nach. Der trans- 



Die transscendentale Logik. 79 

scendentale Paralogismus besteht in einem logischen Para- 
logismus aus einem transscendentalen Grunde und führt also 
eine unveränderliche, aber auflösliche Illusion bei sich. 

449. Das Urteil: ich denke ist das Vehikel aller Begriffe 
überhaupt und hat keinen Titel, weil es dient, alles Denken 
in das Bewufstsein aufzunehmen. Es dient aber auch dazu, 
den Gegenstand des inneren Sinnes (die Seele) vom Gegen- 
stande des äuferen Sinnes (dem Körper) zu unterscheiden. 

450. Die rationale Seelenlehre hat dieses ich denke 400 
zu ihrem Gegenstande, unabhängig von aller Erfahrung, sonst 
wäre sie empirisch. Das ich denke ist aber nicht Er- 
fahrung, sondern macht Erfahrung erst möglich. 

451. Ich denke ist also der alleinige Text der ratio- 
nalen Psychologie und kann, wenn es auf einen Gegenstand 
bezogen wird, nichts als transscendentale Prädikate haben, 
weil die Wissenschaft sonst empirisch werden würde. 

452. Die Topik der rationalen Seelenlehre ist 
daher nach dem Leitfaden der Kategorien, da hier Ich als 
denkend Wesen gegeben worden, von der Kategorie der 
Substanz an, dadurch ein Ding an sich selbst vorgestellt 
wird, rückwärts folgende: Die Seele ist 

1) der Relation nach: Substanz; 

2) der Qualität nach: einfach; 

3) der Quantität nach: Einheit (Ein Ding); 

4) der Modalität nach: Existierend, im Verhält- 
nis zu möglichen Gegenständen im Baume. 

453. Aus diesen Elementen entspringen alle Begriffe der 
reinen Seelenlehre. 

1) Die Substanz, blofs als Gegenstand des inneren 
Sinnes, giebt Immaterialität. 

2) Die Einfachheit giebt Inkorruptibilität. 

3) Die Einheit, als Intelligenz, giebt Personalität. 
Alles dreies zusammengenommen giebt Spiritualität. 

4) Die Existenz im Verhältnis zu den Körpern im 
Baume giebt das Commercium mit Körpern und 
macht eine solche Substanz zur Seele, als den Grund 
der Animalität; diese durch die Spiritualität ein- 
geschränkt giebt Immortalität. 

454. Hierauf beziehen sich nun vier Paralogismen 
einer transscendentalen Seelenlehre, der blofs die 



80 Erster Teil. 

an Inhalt gänzlich leere Vorstellung Ich (das hlofse Bewufst- 
sein) zum Grunde liegt. Durch dieses Ich (oder Er, Es, 
das Ding, welches denkt) wird blofs ein transacenden- 
tales Subjekt der Gedanken = x vorgestellt. 

455. Alles, was denkt, soll also so beschaffen sein, als es 
der Ausspruch des Selbstbewufstseins an mir aussagt: weil 
wir den Dingen a priori alle die Eigenschaften notwendig 
beilegen müssen, welche die Bedingungen ausmachen, unter 
welchen wir sie allein denken. Der Satz ich denke wird 
aber hierbei nur problematisch, nicht empirisch ge- 
nommen. 
405 456. Nehmen wir zur. reinen Vemunfterkenntnis von den- 
kenden Wesen auch die Naturgesetze zu Hilfe, die wir aus 
den Beobachtungen über das Spiel unserer Gedanken schöpfen, 
so würde empirische Psychologie entspringen. 

457. Wir wollen also den Satz: ich denke (problematisch 
genommen) durch alle Prädikamente der reinen Seelen- 
lehre kritisch verfolgen. 

458. Allgemeine Bemerkung. Ein Objekt erkenne 
ich nicht durch das blofse Denken ohne Anschauung. Also 
erkenne ich auch nicht mich selbst dadurch, dafs ich mir 
meiner als denkend bewufst bin, sondern dazu wird eine 
Anschauung erfordert, die durchs Denken bestimmt wird 
(336—338, 342, 358). 

459. 1) In allen Urteilen bin ich nun immer das be- 
stimmende Subjekt desjenigen Verhältnisses, welches 
das Urteil ausmacht (156), oder das urteilende Subjekt. 
Das gehört zur Beschaffenheit des Denkens, bedeutet aber 
darum noch nicht, dafs das Ich als Objekt Substanz sei: 
zu dieser Behauptung wird Anschauung erfordert. 

460. 2) In jedem Denken ist das Ich ein Singular: das 
gehört zur Beschaffenheit des Denkens, bedeutet aber darun] 
noch nicht, dafs das Ich eine einfache Substanz sei, denn 
zu dieser Behauptung wird Anschauung erfordert. 

461. 3) In jedem Denken ist das Ich ein und dasselbe, 
identisch; das gehört zur Beschaffenheit des Denkens, 
bedeutet aber darum noch nicht, dafs das Ich als Person 
identisch sei, denn zu dieser Behauptung wird Anschauung 
erfordert. 



Die transscendentale Logik. 81 

462. 4) In jedem Denken unterscheide ich das Ich, welches 
denkt, Ton dem, was gedacht wird, also anch von meinem 
Körper; aber das gehört zur Beschaffenheit des Denkens und 
bedeutet darum noch nicht, dafs ich als denkendes Wesen, 
ohne ein Mensch zu sein, existieren kann, denn zu dieser Be- 
hauptung wird Anschauung erfordert. 

463. Das sind also vier Bedingungen des Denkens, die 
logisch erörtert worden, aber es sind keine metaphysi- 
schen Bestimmungen des denkenden Objekts. 

464. Könnte bewiesen werden, dafs es metaphysische 
Bestimmungen aller denkenden Wesen wären, so wäre die 
Kritik umgestofsen, und wir hätten einen Schritt über die 
Sinnenwelt hinaus in das Feld der Noumenen gethan. 

465. Paralogismus der rationalen Psychologie. 4io 
Was nur als Subjekt (Substanz) gedacht (durchs Den- 
ken, als Objekt im Bewufstsein vorgestellt) werden 
kann, existiert nur als Subjekt (Substanz). 

Nun kann ein denkendes Wesen als ein solches (im 
Aktus des Denkens, nicht als Objekt, sondern als 
Subjekt des Denkens) (438) nur als Subjekt (als 
denkend, nicht als Gedanke) gedacht (im Den- 
ken als das Bewufstsein selbst vorgestellt) werden. 
Also existiert es nur als Subjekt, d. i. als Substanz. 
Ein Sophisma figurae dictionis, weil Subjekt im Obersatze 
etwas anderes (eine Kategorie) ist als im Untersatze (nämlich 
eine logische Bestimmung), und also auch das Denken 
in beiden Prämissen ganz verschiedene Bedeutung hat 

466. Es fehlt uns an einer empirischen Anschauung, um 
den Begriff der Substanz, d.i. eines für sich bestehen- 
den Subjekts auf das denkende Wesen anzuwenden. 

Widerlegung des Mendelssohnschen Beweises der 
Beharrliclikeit der Seele. 

467. Mendelssohn behauptete im Phädon (im erstenGe- 
spräche), ein einfaches Wesen könne gar nicht aufhören zu 
sein, weil es als einfach nicht allmählich verschwinden könne, 
und also auf einmal aufhören müsse; das sei aber unmöglich, 
weil sonst zwischen dem Augenblicke, da es ist, und dem, da 
es nicht mehr ist, keine Zeit sein würde. Allein, was existiert, 

M e 11 in , M*rgixuaien. Q 



82 Zweiter TeU. 

mufs doch, wenn es auch keine extensive Gröfse hat, eine 
intensive Gröfse und also einen Grad haben (denn auch 
das Selbstbewufstsein hat ihn), und dieser kann abnehmen 
und so das denkende Wesen nach und nach, durch allmäh- 
liches Nachlassen, in nichts verwandelt werden. 
416 468. Nehmen wir nun obige vier Sätze (452) im obigen 
synthetischen Zusammenhange, so dafs nicht wie (452) 
etwas Wirkliches, sondern der Begriff eines denkenden 
Wesens zu Grunde gelegt wird, so kann das denkende Wesen 
seine Existenz aus sich selbst bestimmen, und die Existenz 
der äufseren Dinge, da sie zur Bestimmung seines eigenen 
Daseins in der Zeit (327) gar nicht erforderlich ist, wird 
wenigstens problematisch. 

469. Nehmen wir die vier Sätze (452) in analytischem 
Zusammenhange, so dafs nicht der Begriff eines denkenden 
Wesens, sondern das Ich denke als ein Satz, der schon ein 
Dasein in sich schliefst, zu Grunde gelegt wird, so fangen 
die Sätze von einer Wirklichkeit an und stehen so: 

1) Modalität, Wirklichkeit, ich denke; 

2) Relation, Substanz und Accidenz, als Sub- 
jekt; 

3) Qualität, Bealität, als einfaches Subjekt; 

4) Quantität, Einheit, als identisches Subjekt. 

470. Im Räume ist nichts Reales, was einfach wäre; also 
ist es unmöglich, die Beschaffenheit des denkenden Wesens 
aus Gründen des Materialismus zu erklären. Ich denke 
heifst aber hier soviel als ich existiere denkend, und 
das ist ein empirischer Satz; ich bedarf aber etwas Be- 
harrliches, um auf diese Weise mein Dasein in der Zeit 
zu bestimmen. Dergleichen giebt es nun nicht in der inne- 
ren Anschauung, daher kann ich nicht bestimmen, ob ich als 
Substanz oder Accidenz existiere. Folglich ist es ebenso 
unmöglich, die Beschaffenheit des denkenden Wesens aus 
Gründen des Spiritualismus zu erklären. 

420 471. Und wie sollte es auch möglich sein, durch die Ein- 
heit des Bewufstseins über Erfahrung hinauszukommen? 

472. Es giebt also keine rationale Psychologie als 
Doktrin, sondern nur als Disziplin, um unsere Selbst- 
erkenntnis von der fruchtlosen überschwenglichen Spekulation 



Die transBcendentale Logik. 83 

abzuziehen und zum fruchtbaren praJrtischen Gebrauche an- 
zuwenden. 

473. Man sieht aus allen diesem, dafs ein blofser Mifs- 
verstand der rationalen Psychologie ihren Ursprung gebe. 
Die Einheit des Bewufstseins oder ein Denken wird für 
die Einheit des denkenden Subjekts genommen und für 
die Anschauung eines Objekts gehalten. 



474. So verschwindet dann die Erkenntnis des denkenden 
Wesens als eines nicht sinnlichen Objekts der Erkenntnis, 
aber zugleich macht diese Kritik es unmöglich, die Nicht- 
existenz solcher Wesen zu behaupten. 

476. Gleichwohl verliert man dadurch nichts für die An- 
nehmung eines zukünftigen Lebens. Denn der auf eine Haares- 
spitze gebaute spekulative Beweis desselben hat nie auf die 
gemeine Menschenvernunft' Einflufs gehabt. Die für die Welt 
brauchbaren Beweise aus den Zwecken und aus dem mora- 
lischen Gesetze bleiben hierbei in ihrem Werte. 

Beschlufs der Auflösung des psychologischen 425 
Paralogismus. 

476. Der dialektische Schein in der rationalen Psy- 
chologie beruht auf der Verwechslung einer Idee der Ver- 
nunft (einer reinen Intelligenz) mit dem in allen Stücken 
unbestimmten Begriffe eines denkenden Wesens überhaupt. 

477. Die Frage über die Gemeinschaft der Seele 
mit demEörper kann nach diesem Lehrbegriff auch beant- 
wortet werden. Die Schwierigkeit wegen der Ungleich- 
artigkeit der Gegenstände verschwindet, wenn man bedenkt, 
dafs das Ding an sich selbst, das beiden zu Grunde liegt, 
vielleicht nicht so ungleichartig ist. Wie aber überhaupt 
Substanzen in Gemeinschaft stehen, zu erklären, liegt aufser 
dem Felde möglicher Erkenntnis. 

Allgemeine Anmerkung, den Übergang von der ratio- 
nalen Psychologie zur Kosmologie betreflfend. 

478. Der Satz Ich denke ist empirisch. Einem solchen 
aber liegt empirische Anschauung, folglich auch das gedachte 



84 Zweiter TeU. 

Objekt als Erscheinung zu Grunde; dann wäre ja die Seele 
Erscheinung, Schein oder nichts? 

479. 1) Das Denken, für sich genommen, ist blofs 
die logische Funktion ohne alle Anschauung, wodurch ich 
mich nur als Objekt überhaupt denke, von dem mir aber 
dadurch noch keine Anschauung zum Denken gegeben ist. 

480. 2) Der Satz aber Ich denke, sofern er soviel 
sagt, als ich existiere denkend, bestimmt das Subjekt 
(welches dann zugleich Objekt ist) in Ansehung der Existenz 
und kann ohne den inneren Sinn nicht stattfinden, dessen 
Anschauung das Objekt aber nur als Erscheinung giebt. 

480 481. Fände sich in der Folge Veranlassung, uns völlig 
a priori in Ansehung unseres Daseins als gesetzgebend und 
diese Existenz auch selbst bestimmend vorauszusetzen, so wür- 
den wir im Bewufstsein etwas finden, was uns in Beziehung auf 
eine intelligible Welt bestimmen könnte. 

482. Aber dieses würde nichts desto weniger alle Ver- 
suche in der rationalen Psychologie nicht im mindesten weiter 
bringen. 

Des zweiten Buches der transscendentalen Dialektik 
Zvvreites Hauptstück. 

Die Antinomie der reinen Vernunft. 

483. Die zweite Art der vernünftelnden Schlüsse (428) der 
reinen Vernunft macht nach der Analogie der hypothetischen 
Vernunftschlüsse (427) die unbedingte Einheit der objektiven 
Bedingungen in der Erscheinung zu ihrem Inhalte (439). 

484. Es ist aber merkwürdig, dafs der transscenden- 
tale Paralogismus einen blofs einseitigen Schein be- 
wirkte-, der Vorteil ist nämlich gänzlich auf der Seite des 
Spiritualismus. 

485. Ganz anders fällt es aus, wenn wir die Vernunft auf 
die objektive Synthesis der Erscheinungen anwenden, wo sie 
ihr Prinzip der unbedingten Einheit zwar mit vielem Scheine 
geltend zu machen denkt, sich aber dabei in Widersprüche 
verwickelt. 

486. Hier zeigt sich nämlich ein neues Phänomen der mensch- 
lichen Vernunft, eine ganz natürliche Antithetik, bei der 



Die transBcendentale Logik. 85 

sie sich entweder einer skeptischen Hoffnungslosigkeit über- 
lassen oder sich trotzig auf die eine Seite schlagen mufs. 
Beides ist der Tod der gesunden Philosophie, wienfohl jener 
noch allenfalls die Euthanasie der reinen Vernunft genannt 
werden kann. 

487. Transscendentale Ideen, welche die absolute Syn- 
thesis der Erscheinungen betreffen, heifsen Weltbegriffe. 
Daher wird diese Antithetik oder Antinomie der reinen Ver- 
nunft den Grund zu einer dialektischen Kosmologie 
legen. 

Der Antinomie der reinen Vernunft 435 

Erster Abschnitt. 
System der kosmologischen Ideen. 

488. 1) Die transscendentalen kosmologischen Ideen sind 
bis zum Unbedingten erweiterte Kategorien; 2) taugen nur 
diejenigen Kategorien dazu, in welchen die Synthesis eine 
Reüie ausmacht. 

489. Die absolute Totalität der Bedingungen wird aber 
von der Vernunft nur sofern gefordert, als sie die aufsteigende 
Reihe der Bedingungen zu einem Bedingten angeht. 

490. Die Synthesis einer Reihe der Bedingungen auf der 
Seite der Bedingungen heifse die regressive, die Syn- 
thesis auf der Seite des Bedingten die progressive Syn- 



491. 1) Der Quantität nach geben Zeit und Raum 
Reihen. Die transscendentale Idee der absoluten Totalität 
geht also auf alle vergangene Zeit. Im Räume ist der Pro- 
gressus und Regressus einerlei, und da in demselben jeder 
Teil durch den folgenden begrenzt und also bedingt ist, so 
geht die transscendentale Idee der absoluten Totalität auch 
auf den Raum. 

492. 2) Der Qualität nach giebt die Realität im 440 
Räume, die Materie, ein Bedingtes, dessen innere Bedingun- 
gen seine Teile sind, also giebt es hier auch eine Reihe und 
einen Fortschritt zum Unbedingten. 

493. 3) Der Relation nach machen Substanz und 
Accidenz nicht Reihen aus, auch nicht Substanz in Ge- 



86 Zweiter TeiL 

meinschaft, weil sie nicht subordiniert, sondern koordi- 
niert sind. Nor die Kansalität giebt eine Reihe von Ur- 
sachen und Wirkungen, also einen Fortschritt zürn Un- 
bedingten. 

494. 4) Der Modalität nach führen die Begriffe des Mög- 
lichen, Wirklichen und Notwendigen auf keine Reihe 
aufser nur, sofern das Zufällige im Dasein jederzeit als 
bedingt angesehen werden muTs. 

495. Folglich giebt es nur vier kosmologische Ideen, nach 
den vier Titeln der Kategorien, nämlich 

die absolute Vollsandigkeit 

1) der Zusammensetzung des gegebenen Ganzen aller 
Erscheinungen ; 

2) der Teilung eines gegebenen Ganzen in der Er- 
scheinung; 

3) der Entstehung einer Erscheinung überhaupt; 

4) der Abhängigkeit des Daseins des Veränder- 
lichen in der Erscheinung. 

496. 1. Anmerkung. Die Idee der absoluten Totalität 
betrifft also nichts anderes als die Exposition (40) der 
Erscheinungen. 

497. 2. Anmerkung. Die Vernunft sucht das Unbedingte, 
welches jederzeit in der absoluten Totalität der Reihe ent- 
halten ist. Diese schlechthin vollendete Synthesis ist aber 
nur Idee, denn ob sie sinnlich möglich ist, das ist jetzt 
noch ein Problem. Allein diese Idee liegt doch in der Ver- 
nunft, die Yon der Idee der Totalität ausgeht, ob sie gleich 
eigentlich das Unbedingte zur Absicht hat. 

445 ' 498. Dieses Unbedingte ist nun entweder blofs in der 
ganzen Reihe, oder es ist ein Teil der Reihe. Im ersten Fall 
ist die Reihe potentialiter unendlich; im zweiten Fall giebt 
es einen Weltanfang, eine Weltgrenze, ein Einfaches, 
eine absolute Selbstthätigkeit und eine absolute 
Naturnotwendigkeit. 

499. Welt bedeutet das mathematische Ganze aller 
Erscheinungen, Natur das dynamische Ganze aller Er- 
scheinungen. Da heifst nun die unbedingte Kausalität in 
der Erscheinung Selbstthätigkeit oder Freiheit, die 
bedingte aber Naturursache; das Bedingte im Dasein 



Die transBcendentale Logik. 87 

überhaupt zufällig, das Unbedingte notwendig; die un- 
bedingte Notwendigkeit der Erscheinungen Naturnot- 
wendigkeit. 

500. Die Weltbegriffe (kosmologische Ideen) verdienen 
auch diesen Namen, weil sie die Synthesis bis auf einen Grad 
(die absolute Totalität des Inbegriffs existierender Dinge) 
treiben, der alle mögliche Erfahrung übersteigt. Indessen 
verdienen die Ideen des mathematisch Unbedingten diesen 
Namen in engerer Bedeutung, die beiden übrigen aber den 
transscendentaler Naturbegriffe. 

Der Antinomie der reinen Vernunft 
Zweiter Abschnitt. 

Antithetik der reinen Vernunft. 

501. Wenn Thetik ein jeder Inbegriff dogmatischer 
Lehren ist, so ist Antithetik der reinen Vernunft der 
Widerstreit der dem Scheine nach dogmatischen Erkenntnisse, 
ohne dafs man einer vor der anderen einen vorzüglichen An- 
spruch auf Beifall beilegt. Die transscendentale Anti- 
thetik ist nun eine Untersuchung über die Antinomie 
der reinen Vernunft. 

502. Bei einer solchen Antithetik der reinen Ver- 
nunft bieten sich drei Fragen dar: 

1) Bei welchen Sätzen eigentlich die reine Vernunft einer 
Antinomie unterworfen sei? 

2) Auf welchen Ursachen diese Antinomie beruhe? 

3) Ob und auf welche Art dennoch der Vernunft ein 
Weg zur Gewifsheit offen bleibe? 

503. Antwort auf die erste Frage. Die Sätze der 
Antithetik der reinen Vernunft müssen 

1) Fragen betreffen, auf die jede menschliche Ver- 
nunft stöfst, 

2) einen unvermeidlichen Schein bei sich führen. 450 

504. Antwort auf die zweite Frage. Die Sätze der 
Antithetik sind, wenn sie der Vernunft angemessen sind, für 
den Verstand zu grofs; oder, wenn sie dem Verstände an- 
gemessen sind, für die Vernunft zu klein. 

505. Antwort auf die dritte Frage. Der Weg zur 



88 Zweiter Teü. 

Gewifsheit ist die skeptische Methode oder die Methode, 
einem Streite der Behauptungen zuzusehen, um zu unter- 
suchen, ob der Gegenstand des Streites nicht ein bloises 
Blendwerk sei. 

506. Diese skeptische Methode ist aber nur allein 
der Transscendentalphilosophie wesentlich eigen, weil es in 
derselben sowohl an einer reinen Anschauung als an der 
Erfahrung fehlt. 

Der Antinomie der reinen Vernunft 
Erster Widerstreit der transscendentalen Ideen. 

507. Thesis. 1) Die Welt hat einen Anfang in der 
Zeit. — 2) Die Welt hat dem Räume nach Grenzen. 

508. Beweis. 1) Das Gegenteil vom ersten Satze 
setzt eine unendliche Reihe voraus, die endlich wäre. 
Denn bis zu jedem Zeitpunkt wäre eine Ewigkeit abge- 
laufen. Eine unendliche Reihe aber, die vollendet 
wäre, ist ein Widerspruch. 

509. 2) Das Gegenteil vom zweiten Satze setzt ein un- 
endliches Ganzes voraus, das endlich wäre. Denn die 
Welt wäre ein gegebenes unendliches Ganzes, dessen 
Totalität nur durch die vollendete Synthesis der Teile 
denkbar ist. Eine successive Synthesis der Teile einer un- 
endlichen Welt, die vollendet wäre, ist ein Widerspruch. 

455 510. Antithesis. 1) Die Welt hat keinen Anfang 
in der Zeit. — 2) Die Welt hat dem Räume nach keine 
Grenzen. 

511. Beweis. 1) Das Gegenteil von 510, 1 setzt eine 
leere Zeit voraus, die erfüllt wäre. Denn vor der Entstehung 
der Welt müfste eine leere Zeit vorhergegangen sein, die 
von jeder anderen leeren Zeit zu unterscheiden sein, d. i. er- 
füllt sein müfste. Das Entstehen irgend eines Dinges 
in einer leeren Zeit ist also unmöglich. 

512. 2) Das Gegenteil von 510, 2 setzt einen leeren 
Raum voraus, der doch erfüllt wäre. Denn das Verhältnis 
der Welt zum leeren Raum ist ein Verhältnis derselben zu 
keinem Gegenstande, und doch müfste sich die be- 
grenzte Welt in einem unbegrenzten leeren Räume be- 
finden. 



Die transscendentale Logik. 89 

Anmerkung zur ersten Antinomie. 

513. L Zur Thesis. Die Beweise (508, 509, 511, 512) 
sind keine Advokatenbeweise, bei denen die Fehlschlüsse der 
Dogmatiker genutzt wären. Jeder derselben ist aus der Natur 
der Sache gezogen. 

514 Sonst hätte man den fehlerhaften Begriff von der 
Unendlichkeit eines Ganzen, dafs es eine Gröfse sei, 
über die keine gröfsere möglich ist, zu einem solchen Be- 
weise benutzen können. 

515. Allein der wahre transscendentale Begriff der 
Unendlichkeit ist, dafs die successive Synthesis der Ein- 
heit in Durchmessung eines Quantums nie vollendet sein kann. 

516. Um die Totalität einer zugleich gegebenen unend- ^«o 
liehen Menge zu denken, müssen wir die Möglichkeit der- 
selben durch die successive Synthesis der Teile darthun. Diese 
Synthesis ist nun eine nie zu vollendende Reihe ; die Totalität 
setzt aber die Vollendung derselben voraus. ^ 

517. n. Zur Antithesis. Eine leere Zeit und ein leerer 
Raum können nicht Weltgrenzen sein, das behauptet schon 
die Leibnizsche Philosophie, und doch mufs man diese zwei 
Undinge annehmen, wenn man eine Weltgrenze annimmt. 

518. Man sucht zwar dieser Konsequenz dadurch auszu- 
weichen, dafs man sich statt einer Sinnenwelt eine in- 
telligible Welt und statt des ersten Anfangs ein Dasein 
überhaupt denkt. Allein in unserer Aufgabe ist von der 
Sinnenwelt die Rede. 

Der Antinomie der reinen Vernunft 
Zweiter Widerstreit der transscendentalen Ideen. 

519. Thesis« 1) Eine jede zusammengesetzte Sub- 
stanz in der Welt besteht aus einfachen Teilen. — 2) Es 
existiert nichts als das Einfache oder das daraus Zu- 
sammengesetzte. 

520. Beweis. 1) Das Gegenteil von 519, 1 setzt eine 
Substanz voraus, die nicht aus Substanzen zusammengesetzt 
und also nichts ist. Denn entweder läfst sich nicht alle 
Zusammensetzung in Gedanken aufheben, dann würde das 
Zusammengesetzte nicht aus Substanzen, sondern aus 



90 Zweiter Teü. 

Accidenzen bestehen; oder es mufs gar nichts, oder das 
Einfache übrig bleiben. 

521. 2) Das Gegenteil von 519, 2 setzt das Gegenteil 
Ton 519, 1 voraus. Also sind die Dinge der Welt insgesamt 
einfache Wesen und die Zusammensetzung nur ein äufserer 
Zustand der Elementarsubstanzen. 

522. Antlthesis. 1) Kein Zusammengesetztes in der Welt 
besteht aus einfachen Teilen. — 2) Es existiert nichts Ein- 
faches in der Welt. 

523. Beweis. 1) Das Gegenteil von 522, 1 setzt ein 
Einfaches voraus, das ein substantielles Zusammengesetztes 
ist, weil jeder Teil des Zusammengesetzten und folglich auch 
das Einfache einen Raum einnehmen mufs und also das Ein- 
fache zusammengesetzt sein müfste. 

524. 2) Das Gegenteil von 522, 2 setzt etwas Empi- 
risches voraus, das nie erfahren werden kann. Denn 522, 2 
wird behauptet, dafs das Einfache kein Gegenstand der Er- 
fahrung sei. Gesetzt nun, wir nähmen das Einfache wahr, 
so könnte doch daraus, dafs wir keine Zusammensetzung 
daran wahrnähmen, nie geschlossen werden, dafs es nicht 
zusammengesetzt sei, welches doch zur absoluten Simpli- 
zität gehört. 
466. 525. Dieser zweite Satz (522, 2) geht weiter als der erste 
(522, 1), der das Einfache nur von der Anschauung des 
Zusammengesetzten verbannt, weil dieser (522, 2) es aus 
der ganzen Natur wegschafft. 

Anmerkung zur zweiten Antinomie. 
526. I. Zur Thesis. Der Beweis gilt nur von einem 
substantiellen Ganzen, aber nicht vom Räume, von 
der Zeit, oder von Accidenzen. Denn der Raum ist kein 
Compositum, sondern ein Totum, oder allenfalls ein 
Compositum ideale, nicht reale; da er nicht aus Substanzen 
zusammengesetzt ist, so bleibt nichts übrig, wenn man die 
Zusammensetzung aufhebt. So auch die Zeit. Accidenzen 
gehören nur zum Zustand der Substanz. 
470 527. Diese Thesis kann der dialektische Grundsatz der 
Monadologie heifsen. Es ist zwar Monas eigentlich das 
Einfache, das unmittelbar als einfache Substanz gegeben ist, 



Die transscendentale Logik. 91 

allein das Wort Atomistik, das hier eher pafste, könnte 
mifsyerstanden werden. 

528. n. Zur Antithesis. Die Einwürfe der Mona- 
dist en wider diesen Beweis machen sich schon dadurch 
verdächtig, dafs sie die klarsten mathematischen Be- 
weise nicht für Einsichten in die Beschaffenheit 
des Baumes wollen gelten lassen, und beruhen darauf, dafs 
die Erscheinungen Dinge an sich sein sollen. 

529. Ein Einwurf gegen 522, 2 ist, dafs das Ich eine 
schlechthin einfache Substanz sei; allein wenn etwas blofs als 
Gegenstand gedacht wird, ohne irgend eine synthetische Be- 
stimmung seiner Anschauung hinzuzusetzen, so kann in einer 
solchen Vorstellung nichts Mannigfaltiges wahrgenommen wer- 
den. In Ansehung seiner selbst ist jeder Gegenstand ab- 
solute Einheit, er müfste aber äufserlich als ein Gegenstand 
der Anschauung betrachtet werden, um zu erfahren, ob er 
einfach oder ein Zusammengesetztes sei. 

Der Antinomie der reinen Vernunft 
Dritter Widerstreit der transscendentalen Ideen. 

530. Thesis. Die Kausalität nach Naturgesetzen erklärt 
nicht alle Erscheinungen in der Welt, es ist noch nötig, eine 
Kausalität nach Freiheitsgesetzen dazu anzunehmen. 

531. Beweis. Das Gegenteil setzt eine Kausalität ohne 
zureichenden Grund voraus , weil es dann keine Vollstän- 
digkeit der Keihe auf der Seite der voneinander abstammen- 
den Ursachen giebt und es also am zureichenden 
Grunde fehlt. 

532. Folglich mufs es eine erste Ursache geben, die nicht 
Wirkung ist, das ist eine Kausalität nach Freiheits- 
gesetzen. 

533. Antithesis. Es giebt keine Freiheit, sondern alles 
in der Welt geschieht lediglich nach Naturgesetzen. 

534. Beweis. Das Gegenteil setzt eine durch nichts 
bestimmte Kausalität voraus, denn die handelnde Ursache 
fängt die Reihe an, ohne wodurch dazu bestimmt zu werden. 

535. Freiheit ist also eine blinde Kausalität, und wir haben 476 
nichts als Natur, in welcher wir den Zusammenhang und die 
Ordnung der Weltbegebenheiten suchen müssen. 



92 Zweiter Teil. 

Anmerkung zur dritten Antinomie. 

536. I. Zur Thesis. Die Freiheit, von der hier die Rede 
ist, ist die absolute Spontaneität der Handlungen. Von dieser 
ist die Frage, ob sie angenommen werden müsse; denn wie 
sie möglich ist, kann von der Kausalität nach Naturgesetzen 
ebensowenig erkannt werden als von dieser. 

537. Di^ Vernunft bedarf sichtbar der Idee einer solchen 
Freiheit; alle Philosophen des Altertums, die Epikurische Schule 
ausgenommen, nahmen sie daher an. 

538. n. Zur Antithesis. Die transscendentalen 
Physiokraten sagen: Wenn ihr kein mathematisch Erstes der 
Zeit nach in der Welt annehmt, so habt ihr auch nicht nötig, 
ein dynamisch Erstes der Kausalität nach zu suchen. Sub- 
stanzen und also auch eine Reihe ihrer Veränderungen sind 
immer gewesen. 

539. Die Freiheit könnte auch nur aufserhalb der 
Welt stattfinden; denn hätten sie die Substanzen in der 
Welt, so fiele dadurch alle Kausalität nach Natur- 
gesetzen über den Haufen und das Spiel der Erscheinungen 
wäre dann ein blofser Traum. 

480 Der Antinomie der reinen Vernunft 

Vierter Widerstreit der transscendentalen Ideen. 

540. Thesis. Es gehört zur Welt ein schlechthin 
notwendiges Wesen als Teil oder Ursache derselben. 

541. Beweis. Denn die ganze vergangene Zeit fafst die 
ganze Reihe der Bedingungen und also auch das Unbedingte 
in sich. Dieses Unbedingte ist absolut notwendig zur 
Vollständigkeit der Reihe der Bedingungen. Dieses Notwen- 
dige gehört selber zur Sinnenwelt, sonst wäre es nicht in 
der Zeit, da es doch als der Anfang einer Reihe von Ver- 
änderungen in der Zeit sein mufs. 

542. Antithesis« Es giebt kein schlechthin notwen- 
diges Wesen, 1) nicht in der Welt; 2) nicht aufser der 
Welt als ihre Ursache. 

542. Beweis. 1) Das Gegenteil von 542, 1 würde eine 
Bedingung in der Zeit voraussetzen, die unbedingt wäre gegen 
das Gesetz der Kausalität; oder ein notwendiges Ganzes, 
das aus lauter zufälligen Teilen bestände, welches sich 
selbst widerspricht. 



Die transscendentale Logik. 93 

543. 2) Das Gegenteil von 542, 2 vrürde eine Ursache 
aufser der Welt voraussetzen", die doch in der Welt 
wäre; denn ihre Kausalität würde in die Zeit gehören. 

Anmerkung zur vierten Antinomie. 

544. I. Zur Thesis. Das Argument ist kosmologisch. 
Den Beweis aus der blofsen Idee eines obersten aller Wesen 
zu versuchen, gehört zu einem anderen Prinzip der Vernunft. 

545. Der reine kosmologische Beweis kann nicht ent- 
scheiden, ob das notwendige Wesen die Welt, oder ein von 
der Welt verschiedenes Wesen sei. 

550. Wenn man aber einmal den Beweis kosmologisch 
anfangt, so kann man nicht abspringen und auf etwas 
kommen, was gar kein Glied der Reihe ist; also mufs das 
notwendige Wesen das oberste Glied der Weltreihe sein. 

551. Gleichwohl hat man einen solchen Absprung gethan. 
Man schlofs nämlich aus den Veränderungen in der Welt auf 
die Abhängigkeit derselben von empirischen Bedingungen 
Da man aber hierin kein erstes Glied fand, so sprang man 
vermittelst der reinen Kategorie der Ursache auf eine 
intelligible Reihe über. 

552. Allein die Veränderung beweist wohl empirische 485 
Zufälligkeit, aber nicht intelligible. 

553. n. Zur Antithesis. Die Schwierigkeiten oder 
das Dasein eines schlechthin notwendigen Wesens müssen 
kosmologisch sein. Es mufs sich nämlich zeigen, dafs das 
Aufsteigen in der Reihe der Ursachen der Sinnenwelt nie bei 
einer empirisch unbedingten Bedingung endigen könne. 

554. Es zeigt sich in dieser Antinomie der Kontrast, dafs 
aus demselben Beweisgrunde in der Thesis das Dasein 
und in der Antithesis das Nichtsein des Urwesens ge- 
schlossen wird. 

Der Antinomie der reinen Vernunft 490 

Dritter Abschnitt. 

Von dem Interesse der reinen Vernunft bei diesem 
ihrem Widerstreite. 

555. Das ist nun die besondere Beschaffenheit der kosmo- 
logischen Ideen. Sie verstatten es nicht, dafs ihnen ein 



U Zweiter Teü. 

kongruierender Gegenstand in der Erfahrung gegeben werde 
und sind doch auch nicht willkürlich erdacht. 

556. Die Philosophie zeigt aber in diesem Hinaufschwingen 
von der Erfahrung zu diesen Ideen eine Würde, die den Wert 
aller anderen menschlichen Wissenschaft übertrifft. Für die 
Auflösung der Fragen, auf die sie hierdurch kommt, gäbe der 
Mathematiker gern seine ganze Wissenschaft hin. 

557. Die Ehre und Sicherheit der Vernunft erfordert nun, 
über die Beantwortung dieser Fragen mit sich einig zu 
werden. 

558. Es ist aber wichtig, vor der Untersuchung hierüber 
zu erwägen, auf welcher Seite der einander widerstreitenden 
Sätze das gröfste Interesse sei. 

559. Die Anhänger der Thesis und die Anhänger der Anti- 
thesis gehen von zwei verschiedenen Prinzipien aus; die 
ersteren haben das Prinzip des Dogmatismus, die letzteren 
das des reinen Empirismus. 

560. I. Auf der Seite des Dogmatismus in Bestimmung 
der kosmologischen Vernunftideen oder der Thesis ist: 

561. 1) ein praktisches Interesse. Dafs die Welt einen 
Anfang habe, mein denkendes Selbst unverweslich und daher 
einfach sei u.s.w., sind Stützen der Moral und Religion, die 
uns die Antithesis zu rauben scheint; 

562. 2) ein spekulatives Interesse. Nimmt man an, 
dafs die Welt einen Anfang habe u.s.w., so kann man völlig 
a priori die ganze Kette der Bedingungen fassen; die Anti- 
thesis hingegen giebt der Kette keine solche Haltung und 
Stütze in einem selbständigen Dinge als Urwesen; 

496 563. 3) der Vorzug der Popularität. Der gemeine 
Verstand findet in den Ideen des unbedingten Anfangs der 
Welt und aller Synthesis nicht die mindeste Schwierigkeit, 
aber wohl in dem rastlosen Aufsteigen vom Bedingten zur 
Bedingung ohne Ende. 

564. n. Auf der Seite des reinen Empirismus in 
Bestimmung der kosmologischen Vernunftideen oder der 
Antithesis ist: 

565. 1) kein praktisches Interesse. Vielmehr scheint 
der reine Empirismus der Moral alle Kraft und allen 



Die transscendentale Logik. 95 

Einflhifs zu benehmen, z. B. wenn es kein von der Welt unter- 
schiedenes ürwesen giebt; 

566. 2) aber ein gröfseres spekulatives Interesse. 
Der Verstand ist hier immer auf seinem eigentümlichen 
Boden, er kann hier alles in Anschauungen darstellen oder 
durch Anschauungen klar und deutlich machen. 

567. Beispiele. Der Empirist wird es niemals erlauben, 
irgend eine Epoche der Natur für die schlechthin erste an- 
zunehmen U.S.W. 

568. Sein Grundsatz ist die Maxime der gröfstmöglichen 
Erweiterung des menschlichen Verstandes durch die Erfahrung 
und zugleich die Maxime der Mäfsigung in Ansprüchen und 
der Bescheidenheit in Behauptungen. 

569. Aber nachteilig wird er, wenn er in Ansehung 
der Ideen, wie es mebrenteils geschieht, selbst dogmatisch 
wird. 

570. Daraus entstanden nun bei den Alten zwei Systeme: 
der Piatonismus, der für die Thesis oder den Dogma- 
tismus, und der Epikureismus, der für die Antithesis 
oder den reinen Empirismus war. 

571. Beide gingen zu weit, der Piatonismus schadete 500 
dem Wissen und der physischen Nachforschung 
durch seine idealischen Erklärungen der Naturerscheinun- 
gen; der Epikureismus dem vernünftigen Handeln 
oder dem Praktischen. 

572. 3) Der reine Empirismus ist der Popularität 
zuwider, denn das Transscendentale der Dogmatiker 
ist kein Bewegungsgrund, für den gemeinen Verstand den 
Empirismus anzunehmen, weil der Gelehrteste davon nichts 
mehr weifs als er. Gemächlichkeit und Eitelkeit em- 
pfehlen also den Dogmatismus sehr. Der gemeine Ver- 
stand will überdem etwas haben, womit er zuversichtlich 
anfangen kann zu erklären u.s.w. 

573. Der Dogmatismus hat überdem noch ein archi- 
tektonisches Interesse, dem der Empirismus zuwider 
ist. Der erstere kann das Gebäude seiner Erkenntnis voll- 
enden, der letztere nicht. 

574. Könnte sich der Mensch von allem Interesse los- 
machen, so würde er in einem unaufhörlich schwankenden 
Zustande sein. Heute würde es ihm überzeugend vorkommen. 



% Zweiter Teil. 

der Wille sei frei, morgen, es sei alles Natur. Beim Han- 
deln hingegen würde er wieder seine Prinzipien so wählen, 
als hätte er ein prakisches Interesse. 

Der Antinomie der reinen Vernunft 

Vierter Abschnitt. 

Von den transscendentalen Aufgaben der reinen Ver- 
nunft, insofern sie schlechterdings müssen aufgelöst 

werden. 

575. Frage: Giebt es in der Transscendentalphilo- 
sophie irgend eine unbeantwortbare Frage? 
505 576. Antwort: Nein. Denn der BegriflF, der uns in den 
Stand setzt zu fragen, mufs uns auch tüchtig machen, die 
Frage zu beantworten, indem der Gegenstand nicht in der 
Erfahrung darf aufgesucht und erforscht werden, sondern im 
Begriff selbst liegt. 

577. In der Transscendentalphilosophie sind keine 
anderen als die kosmologischen Fragen, in Ansehung 
deren man über die Beschaffenheit des Gegenstandes eine 
genugthuende Antwort fordern kann. Denn die Frage 
betrifft immer die absolute Totalität des Gegebenen; dies ist 
nun kein empirischer Gegenstand, sondern eine Idee: also 
mufs die Aufgabe aus der Idee aufgelöst werden können. 

578. Auch in den übrigen reinen Vernunftwissenschaften 
mufs daher keine Frage unbeantwortbar sein, nämlich 
in der reinen Mathematik und Moral. Dagegen giebt 
es in dör Naturkunde eine unendliche Menge von Ver- 
mutungen. 

579. Man kann also der Verbindlichkeit einer wenigstens 
kritischen Auflösung der vorgelegten Vemunftfragen nicht 
ausweichen. 

510 580. Man kann wenigstens fragen, woher kommen die 
Ideen?, denn in der Erfahrung sind sie nicht. Das All in 
der empirischen Bedeutung ist jederzeit nur komparativ, 
in den transscendentalen Vernunftfragen wird aber die Er- 
klärung vom absoluten All gefordert. 

581. Der Gegenstand dieser Fragen ist blofs in unserem Ge- 
hirn, und also mufs die Beantwortung derselben kritisch sein. 



Die transscendentale Logik. 97 

Der Antinomie der reinen Vernunft 
Fünfter Abschnitt. 

Skeptische Vorstellung der kosmologischen Fragen 
durch alle vier transscendentalen Ideen. 

582. Der grofse Nutzen der skeptischen Art, die Fragen 
zu beantworten, besteht darin, dafs wir dadurch gewahr 
werden, ob bei der Bejahung oder Verneinung nicht etwas 
Sinnleeres herauskommt: in diesem Falle haben wir nämlich 
eine Aufforderung, die Frage kritisch zu untersuchen. 

583. Eine kosmologische Idee mufs ganz leer und ohne 
Bedeutung sein, wenn ihr der Gegenstand nicht anpafst, man 
mag ihn nach derselben bequemen, wie man will. So ist es : 

584. 1) mit der Idee des Weltanfangs. Hat die Welt 
keinen Anfang, so ist sie für unseren Begriff zu grofs; 
hat sie einen Anfang, so ist sie für unseren Begriff zu 
klein. Ist nämlich das erste, so kann die verflossene Ewig- 
keit nicht erreicht werden ; ist das letzte, so frageich: was 
war vorher und warum fing sie vor 6000 Jahren an und 
nicht früher? 

585. Ebenso ist es mit der Weltgröfse. Ist die Welt 5i5 
unendlich, so ist sie für unseren empirischen Begriff zu 
grofs; ist sie endlich, zu klein. Im ersten Falle kann 
ich das Ende nie erreichen, im letzten frage ich: was 

ist jenseit der Weltgrenze und warum geht die Welt nicht 
weiter? 

586. 2) mit der Idee des Einfachen. Besteht die 
Materie aus unendlich viel Teilen, so ist der Regressus der 
Teilung für unseren empirischen Begriff zu grofs; ich kann 
ihn nicht vollenden. Hört die Teilung bei einem Gliede auf, 
so ist der Regressus für den empirischen Begriff nach der 
Idee des unbedingten zu klein; ich frage: warum kann dieses 
Glied nicht mehr geteilt werden? 

587. 3) mit der Idee der unbedingten Kausalität. 
Ist in allem, was geschieht, nichts als Erfolg nach Natur- 
gesetzen, so ist das für unseren empirischen Begriff zu grofs, 
wir können die oberste Ursache nicht erreichen. 

588. Giebt es hingegen eine Kausalität durch Freiheit, so 
verfolgt uns das Warum nach einem unvermeidlichen Natur- 

Mellln, Marginalien. 7 



98 Zweiter Teil. 

gesetze und nötigt uns, nach dem Kausalgesetze der Erfahrung 
über diesen Punkt hinauszugehen. Diese Totalität ist folghch 
für allen notwendigen empirischen BegriflF zu klein. 

589. 4) mit der Idee eines schlechthin notwen- 
digen Wesens. Nimmt man ein solches Wesen an, so setzt 
man es in eine von jedem gegebenen Zeitpunkt unendlich ent- 
fernte Zeit. Diese Idee ist für unseren empirischen Begriff 
zu grofs. 

590. Ist aber alles, was zur Welt gehört, zufällig, so 
ist jede gegebene Existenz für unseren empirischen Begrifi z u 
klein. Denn sie nötigt uns, uns immer nach einer anderen 
Existenz umzusehen, von der sie abhängt. 

591. Wir sagen aber, dafs die Weltidee zu grofs oder zu klein 
sei für den Verstandesbegriff, und nicht, dafs dieser zu klein 
oder zu grofs sei für die Weltidee, weil mögliche Erfahrung 
nur allein unseren Begriffen Realität geben kann, daher ist 
der empirische Begriff das Richtmafs der Idee. 

592. Hieraus entspringt also der gegründete Verdacht, 
dafs die kosmologischen Ideen einen leeren und blofs ein- 
gebildeten Begriff zum Grunde haben. 

Der Antinomie der reinen Vernunft 

Sechster Abschnitt. 

Der transscendentale Idealismus als der Schlüssel zur 

Auflösung der kosmologischen Dialektik. 

593. In der transscendentalen Ästhetik ist der trans- 
scendentale Idealismus bewiesen worden: nämlich dafs 
alles, was im Baume und in der Zeit angeschaut wird, nichts 
als Erscheinungen, d. i. blofse Vorstellungen sind, die 
aufser unseren Gedanken nicht wirklich oder keine an sich 
subsistierenden Dingen sind. 

594. Dieser transscendentale Idealismus mufs aber 
nicht mit dem empirischen verwechselt werden, der den 
Baum für etwas Wirkliches hält, aber das Dasein der 
ausgedehnten Wesen in demselben bezweifelt. Nach ihm giebt 
es nichts WirkUches als die Erscheinungen des inneren Sinnes, 
die das Dasein ihres Objekts beweisen sollen. 

520 595. Der transscendentale Idealismus erlaubt es da- 
gegen, dafs die Gegenstände äufserer Anschauung wirkhch 



Die transscendentftle Logik. 99 

so seien, wie sie im Räume angeschaut werden, denn es würde 
ohne sie gar keine empirische Vorstellung geben. Raum und 
Zeit aber samt allen Erscheinungen in denselben existieren 
aufser unserem Gemüt nicht. 

600- Aufser der Erfahrung existieren die Gegenstände der 
Erfahrung nicht; z.B.: Es existieren Einwohner im Monde 
heifst, wenn wir unsere Erfahrung bis zum Monde erweitern 
könnten, so würden wir sie dort finden. Aufser dieser Er- 
fahrung oder Erweiterung derselben existieren sie darum nicht. 

601. Die Erscheinungen sind als Wahrnehmungen nur in 
uns wirklich, denn sie sind keine Dinge an sich selbst, son- 
dern blofse Vorstellungen, die aufser uns nicht existieren 
können. 

602. Sie heifsen Gegenstände, sofern sie in dem reinen 
Verhältnis der Formen unserer Sinnlichkeit, in Raum und Zeit, 
nach Gesetzen der Einheit der Erfahrung verknüpft und be- 
stimmbar sind. Die nichtsinnliche Ursache dieser Vorstellun- 
gen ist uns gänzlich unbekannt, und diese können wir daher 
nicht als Objekt anschauen. Indessen können wir sie das 
transscendentale Objekt nennen und ihm allen Umfang 
und Zusammenhang unserer möglichen Wahrnehmungen zu- 
schreiben. 

603. Alle Gegenstände sind daher nichts als blofse Vor- 
stellungen und nur in der Erfahrung selbst, oder als zur 
absoluten Vollständigkeit der Erfahrung gehörig, gegeben. 
Sie existieren vor meiner Erfahrung heifst, ich mufs erst nach 
anderen Wahrnehmungen zu der Wahrnehmung derselben ge- 
langen. Die Ursache davon ist transscendental und un- 
bekannt. 

Der Antinomie der reinen Vernunft 525 

Siebenter Abschnitt. 

Kritische Entscheidung des kosmologischen Streites 
der Vernunft mit sich selbst. 

604. Die ganze Antinomie der reinen Vernunft beruht auf 
dem dialektischen Argumente: wenn das Bedingte gegeben 
ist, so ist auch die ganze Reihe aller Bedingungen gegeben, 
atqui, ergo. 

7* 



100 Zweiter Teil. 

605. Bei diesem Argumente liegt folgendes analytisches 
und logisches Postulat zu Grunde: dafs, wenn das Bedingte 
gegeben ist, uns dadurch ein Regressus in der Reihe aller 
Bedingungen aufgegeben sei. 

606. Der Regressus in der Reihe der Bedingungen ist bei 
den Dingen an sich nicht blofs aufgegeben, sondern schon 
wirklich mitgegeben, also auch das Unbedingte; bei den Er- 
scheinungen aber findet nur das erste statt. 

607. Im obigen dialektischen Argument ist also ein Sophisma 
figurae dictionis. Im Obersatze ist das Bedingte in transscen- 
dentaler Bedeutung einer reinen Kategorie, im Untersatze aber 
in empirischer Bedeutung eines auf blofse Erscheinungen an- 
gewandten Verstandesbegriffes genommen. 

608. Dadurch ist aber der Zwist beider streitender Par- 
teien noch nicht gehoben ; sie müssen auch überfährt werden, 
dafs sie um nichts streiten. Das soll nun geschehen. 



630 609. Der Eleatische Zeno hatte recht in seinen Be- 
hauptungen, ob es gleich schien, er leugne zwei einander 
widersprechende Sätze ab. Die widersprechenden Sätze, die 
er leugnete, fielen immer beide weg, weil sie eine unstatt- 
hafte Bedingung voraussetzten. 

610. Beispiele. Wenn jemand sagt: ein jeder Körper 
riecht entweder gut oder nicht gut, so kann beides falsch 
sein, weil etwas Falsches vorausgesetzt ist, nämlich dafs er 
rieche. Es ist eine blofse Entgegenstellung (per dispa- 
rata), aber keine contradiktorische Entgegensetzung. 

611. Anwendung. Sage ich demnach: die Welt ist dem 
Räume nach entweder endlich oder unendlich, so kann beides 
falsch sein, wenn nämlich die Welt gar nicht als ein Ding 
an sich betrachtet wird und ihrer Gröfse nach weder als 
endlich noch als unendlich gegeben ist. Diese Entgegen- 
setzung mag die dialektische, die des Widerspruchs, die 
logische Opposition heifsen. 

612. Sieht man die beiden vorhergehenden Sätze als 
contradiktorisch entgegengesetzt an, so nimmt man an, 
dafs die Welt ein Ding an sich sei. Nehme ich aber diese 
Voraussetzung weg, so ist es blofs eine dialektische Oppo- 



Die tranBscendentale Logik. 101 

sition. Sie ist nämlich nur im empirischen Regressus der Er- 
scheinungen und für sich gar nicht anzutreffen. 

613. Eben das gilt auch von allen übrigen kosmologischen 
Ideen. Die Reihe der Bedingungen ist nur in der regressiven 
Synthesis selbst, nicht aber an sich in der Erscheinung an- 
zutreffen. 

614. So wird die Antinomie der reinen Vernunft durch 
die transscendentale Idealität der Erscheinungen gehoben, 
und umgekehrt kann man auch die letztere durch die erste 
beweisen. 

615. Wichtigkeit dieser Anmerkung. Man sieht 635 
hieraus, dafs die obigen Beweise der vierfachen Antinomie 
gründlich waren, unter der Voraussetzung, dafs die Sinnen- 
welt ein Ding an sich selbst sei. 

Der Antinomie der reinen Vernunft 
Achter Abschnitt. 

Regulatives Prinzip der reinen Vernunft in Ansehung 
der kosmologischen Ideen. 

616. Der kosmologische Grundsatz der absolutenTota- 
lität der Reihe der Bedingungen ist ein regula- 
tives Prinzip, d. i. ein Grundsatz der gröfstmöglichen 
Fortsetzung und Erweiterung der Erfehrung. 

617. Er kann also nicht sagen, was das Objekt sei, son- 
dern wie der empirische Regressus anzustellen sei, nämlich 
so, dafs keine empirische Grenze für eine absolute gelten 
mufs, denn das schlechthin Unbedingte wird in der Erfahrung 
gar nicht angetroffen. 

618. Man bedient sich, um die Synthesis einer Reihe, die 
niemals vollständig ist, genau zu bestimmen, zweier Ausdrücke: 
nämlich progressus in infinitum und in indefinitum; den 
ersten brauchen die Mathematiker, den letzten die Philo- 
sophen. 

619. Von einer geraden Linie kann man mit Recht sagen, 
sie könne ins Unendliche und auch unbestimmbar weit ver- 
längert werden. Hier würde es eine leere Subtilität sein, 
beides zu unterscheiden , und so ist es mit jedem Progressus 
oder möglichen Fortgang von der Bedingung zum Bedingten, 
er geht ins Unendliche. 



102 Zweiter TeU. 

540 620. Bei dem Regressus oder Rückgang Yom Bedingten 
zu den Bedingungen ist der Unterschied sehr wichtig, ob ich 
nämlich sagen könne, er gehe unbestimmbar weit (in 
indefinitum), d. i. soweit ich zurückgehe, werde nie eine abso- 
lute Grenze angetroffen, oder er gehe ins Unendliche. 

621. Wenn nämlich das Ganze in der empirischen 
Anschauung gegeben worden, so geht der Regressus ins 
Unendliche, weil alle Glieder mitgegeben sind. Ist aber 
nur ein Glied der Reihe gegeben, so geht der Regressus 
unbestimmbar weit (in indefinitum), weil die Glieder erst 
durch den Regressus gegeben werden und nirgends eine abso- 
lute Grenze angetroflfen wird. 

622. Es ist hier nicht die Frage, wie grofs die Reihe der 
Bedingungen an sich selbst sei, denn es sind nicht Dinge an 
sich selbst, sondern Erscheinungen. Die Frage ist, wie weit 
der Regressus möglich sei? und da ist die Antwort: ins 
Unendliche, wenn das Ganze empirisch gegeben ist, denn 
da sind inmier mehr Glieder da, als ich durch den Regressus 
erreiche — oder, unbestimmbar weit, weil zu jedem 
Glied, das ich finde, immer noch ein neues als seine Be- 
dingung gefunden werden kann; im ersteren Falle ist ein 
Regressus ins Unendliche, im letzteren ein unendlicher 
Regressus möglich. 

623. Der folgende Abschnitt wird diese Bemerkungen durch 
ihre Anwendung in ihr gehöriges Licht setzen. 

Der Antinomie der reinen Vernunft 
Neunter Abschnitt. 

Von dem empirischen Gebrauche des regulativen 
Prinzips der Vernunft in Ansehung aller kosmologischeii 

.Ideen. 

624. Es kann nun bei dem Gebrauche eines Vemunft- 
prinzips nur noch davon die Rede sein, wie weit wir im 
empirischen Regressus, bei Zurückführung der Erfahrung auf 
ihre Bedingungen, zurückgehen sollen. 

625. Folglich bleibt uns nur noch die Gültigkeit des Ver- 
nunftprinzips als einer Regel der Fortsetzung und Gröfse 
einer mögUchen Erfahrung übrig. 



. Die transscendentale Logik. 103 

I. 

AuflösüDg der kosinologischen Idee von der Totalität der Zu- 545 
sammensetzung der Erscheinungen zu einem Weltganzen. 

626. Allgemeine Erinnerung. Bei allen kosmologischen 
Fragen ist der Grund des regulativen Prinzips der Vernunft, 
dafs im empirischen Regressus keine Erfahrung von einer 
absoluten Grenze angetroffen werde, weil sonst der Regressus 
der Wahrnehmungen hinter dieser Grenze auf nichts oder 
das Leere stofsen müfste, welches unmöglich ist. 

627. Anwendung. Dieser Satz enthält nun die Regel 
in terminis, dafs bei jeder Bedingung nach einer anderen 
gefragt werden müsse. 

628. Es ist zur Auflösung dieser ersten kosmologischen 
Aufgabe noch auszumachen, ob hier der Regressus ins un- 
endliche oder unbestimmbar weit gehe? 

629. Antwort. Es ist hier ein Regressus in indefinitum, 
der keine Gröfse im Objekt bestimmt, weil diese vom Regressus 
selbst abhängt. 

630. Von der Sinnenwelt läfst sich also nicht sagen, ob 
sie endlich oder unendlich sei, denn sie wird erst durch den 
Regressus gegeben, dieser aber geht in indefinitum, oder es 
ist ein unendlicher Regressus möglich. 

631. Die erste und negative Antwort auf die kosmo- 
logische Frage wegen der Weltgröfse ist also: die Welt 
hat weder einen Anfang der Zeit, noch eine Grenze dem 
Räume nach. 

632. Warum? Sonst würde sie durch den leeren Raum 
und die leere Zeit begrenzt werden, welches für Erscheinungen, 
die blofs in der Erfahrung existieren, schlechterdings unmög- 
lich ist. 

633. Die zweite und bejahende Antwort auf die kos- 
mologische Frage wegen der Weltgröfse ist: der Regressus 
in der Reihe der Welterscheinungen geht in indefinitum. 

634. Dadurch wird nun nicht ein bestimmter empirischer 550 
Regressus, der in einer gewissen Art von Erscheinungen ohne 
Aufhören fortginge, vorgeschrieben, sondern nur der Fortgang 
von Erscheinung zu Erscheinung, sollten sie auch zu etzt dem 
Grade nach für unser Bewufstsein zu schwach werden, um 
Erfahrung zu werden. 



104 Zweiter Teü. 

635. Die Welt ist folglich weder bedingt noch unbedingt 
begrenzt, und nur Erscheinungen in der Welt sind bedingter- 
weise begrenzt. 

636. Der BegrifiF von der Weltgröfse aber ist nur durch 
den Regressus gegeben, und dieser geht in unbestimmte Weite. 

II. 

Die Auflösung der zweiten kosmologischen Idee yod der 

Totalität der Teilung eines gegebenen Ganzen in der Anschanniig. 

637. Allgemeine Erinnerung. Die Teilung eines 
gegebenen Ganzen in der Anschauung geht ins Unendliche, 
ob man gleich nicht sagen kann, dafs das Ganze aus unend- 
lich viel Teilen bestehe. Denn die Bedingungen (die Teile) 
sind in dem Bedingten gelbst enthalten, aber die Teilung 
ist nicht gegeben. Also sind zwar die Teile gegeben, aber 
nicht als eine unendliche Reihe, diese ist successiv unendUch. 
Die Teilung geht ins Unendliche, aber es ist nicht schon eine 
unendliche Teilung da. 

638. 1. Anwendung auf den Raum. Ein jeder in 
seinen Grenzen einschlossene Raum ist ein solches Ganzes, 
dessen Teile bei aller Dekomposition immer wieder Räume 
sind, und ist daher ins Unendliche teilbar. 

639. 2. Anwendung auf die Körper. Eine jede in 
ihren Grenzen eingeschlossene Materie (Körper) ist ein aus- 
gedehntes Ganzes, dessen Teile bei aller Dekomposition immer 
wiederum Materie sind, und ist daher ins Unendliche 
teilbar. 

640. Einwurf. Aber ein Körper ist doch Substanz und 
kann mit dem Räume, in dem er vorgestellt werden mufs 
und der nicht Substanz ist, nicht gleichem Gesetz der Teil- 
barkeit unterworfen sein. Antwort. Eine Substanz in der 
Erscheinung ist nicht absolutes Subjekt, sondern nur beharr- 
liches Bild der Sinnlichkeit und nichts als Anschauung und 
enthält also nichts Unbedingtes. 

555 641. Die Teilung in infinitum gilt aber nur von einem 

quantum continuum, aber nicht von einem quantum discretum; 

im letzteren ist die Menge der Einheiten bestimmt und also 

eine Zahl. 

* * 



Die transscendentale Logik. 105 

Schlufsanmerkung zur Auflösung der matliematisch- 

transscendentalen und Vorerinnerung zur Auflösung 

der dynamiscli-transscendentalen Ideen. 

642. Das einzige Mittel, die Antinomie zu heben, bestand 
bis jetzt darin, beide entgegengesetzte Behauptungen für falsch 
zu erklären. 

643. Dieses war der Fall bei den mathematischen 
Ideen, bei denen wir keinen anderen Gegenstand als den in 
der Erscheinung hatten-, bei den dynamischen Ideen aber 
werden die entgegengesetzten Behauptungen miteinander ver- 
einigt werden. 

644. Der Verstandesbegriff, der den kosmologischen Ideen 
zu Grunde liegt, enthält entweder blofs eine Idee des Gleich- 
artigen, oder auch des Ungleichartigen. 

645. Das erste war der Fall bei den mathematischen 
Ideen, da konnten also blofs sinnliche Bedingungen in die 
Eeihe kommen; bei den dynamischen Ideen können auch 
ungleichartige Bedingungen mit der Keihe verbunden 
werden, die eigentlich nicht Teile der Reihe, sondern in- 
telligibel sind. 

646. Daher werden hier nicht beide dialektische Behaup- 
tungen für falsch erklärt, sondern, da hier nicht blofse Tota- 
lität in blofsen Erscheinungen gesucht wird, so können beide 
Vemunftsätze wahr sein. 

in. 

Auflösung der kosmologischen Ideen von der Totalität der 56o 
Ableitung der Weltbegebenheiten aus ihren Ursachen. 

647. Man kann sich nur zweierlei Kausalität in An- 
sehung dessen, was geschieht, denken. 1) Die Kausalität 
nach der Natur. Sie ist die Verknüpfung eines Zustandes 
mit einem vorigen in der Sinnenwelt, worauf jener nach einer 
Regel folgt. 

648. 2) Die Kausalität aus Freiheit im kosmologischen 
Verstände, d. i. das Vermögen, einen Zustand von selbst an- 
zufangen. Sie ist eine reine transscendentale Idee, die 

a) nichts von der Erfahrung Entlehntes enthält, 

ß) deren Gegenstand auch in keiner Erfahrung bestimmt 




Zweiter Teil. 

gegeben werden kann, weil die Kausalität nach der 
Natur (647, 1) ein allgemeines Naturge- 
setz ist. 

649. Auf diese transscendentale Idee der Freiheit gründet 
sich der praktische Begriff derselben, d. i. die Unabhängig- 
keit der Willkür von der Nötigung durch Antriebe der 
Sinnlichkeit. 

650. Wenn alle Kausalität in der Sinnenwelt blofs Natur 
wäre, so gäbe es keine praktische Freiheit. Denn diese setzt 
voraus, dafs, obgleich etwas nicht geschehen ist, es doch habe 
geschehen sollen und dafs es also, ob es gleich in der Zeit- 
ordnung nach empirischen Gesetzen bestimmt ist, dennoch 
von unserer Willkür abhing. 

651. Die Aufgabe über die Freiheit ist also, wie immer 
in dem Widerstreit einer sich über die Grenzen möglicher 
Erfahrung hinauswagenden Vernunft, transscendental und 
gehört also in die Transscendentalphilosophie. 

652. Die dynamischen Vernunftbegriffe haben es nur mit 
dem Dasein eines Gegenstandes zu thun, mithin entsteht hier 
die Frage, ob es ein richtig disjunktiver Satz sei, dafs eine 
jede Wirkung in der Welt entweder aus Natur oder aus Frei- 
heit entstehen müsse, oder ob nicht vielmehr bei einer Be- 
gebenheit beides stattfinden könne? Sind nun Erscheinungen 

565 Dinge an sich selbst, so giebt es keine Freiheit; wo nicht, 
so kann es intelligible Ursachen geben, deren Wirkungen die 
Erscheinungen sind. Die Erscheinung als Wirkung einer in- 
telligiblen Ursache kann frei, und doch zugleich als Erschei- 
nung nach Naturgesetzen notwendig sein. 

Möglichkeit der Kausalität durch Freiheit in Ver- 
einigung mit dem allgemeinen Gesetze der Natur- 
notwendigkeit 

653. Intelligibel ist das an einem Gegenstande der 
Sinne, was nicht Erscheinung ist. Nun kann man sich das 
Vermögen eines Gegenstandes der Sinne nach einer 
doppelten Seite denken; 

1) als eine Kausalität, die erscheint in ihren Wirkun- 
gen, oder als sensibel; 



Die transscendentale Logik. 107 

2) als eine Kausalität an sich, nach ihren Handlungen 
oder als intelligibel. 
Jede mufs ihren Charakter haben, oder ein Gesetz, nach 
welchem sie wirkt. Der Charakter von (1) wäre also der em- 
pirische, der Charakter von (2) der intelligible. 

654. Dieser intelligible Charakter würde nun unter keinen 
Zeitbedingungen stehen, in ihm würde keine Handlung 
entstehen oder vergehen, er könnte niemals unmittelbar ge- 
kannt werden und würde nur so dem empirischen Charakter 
gemäfs gedacht werden, wie wir den Erscheinungen einen 
transscendentalen Gegenstand zu Grunde legen müssen. 

655. Nach seinem empirischen Charakter würde dieses 
Subjekt, als Erscheinung, der Kausalverbindung unter- 
worfen sein, und alle seine Handlungen müfsten sich nach 
Naturgesetzen erklären lassen. 

656. Nach dem intelligiblen Charakter würde dasselbe 
Subjekt, als Noumenon, vo^ aller Naturnotwendigkeit frei 
und unabhängig sein. Es würde seine Wirkungen in der 
Sinnenwelt von selbst anfangen, ohne dafs die Handlung in 
ihm anfängt. So würde bei eben derselben Handlung 
Freiheit und Natur sein. 

Erläuterung der kosmologischen Idee einer Freiheit in 570 
Verbindung mit der allgemeinen Naturnotwendigkeit 

657. Jetzt sollen nun die Momente der Entscheidung die- 
ses Problems auseinandergesetzt und jedes besonders erwogen 
werden. 

658. Das Naturgesetz der Kausalität ist ein Verstandes- 
gesetz, von dem man in der Sinnenwelt nie abgehen kann, 
weil man sie sonst aufserhalb aller möglichen Erfahrung setzen 
und zu einem Hirngespinst machen würde. 

659. Die Frage ist hier nun eigentlich : ob, wenn man in 
der ganze» Reihe aller Begebenheiten lauter Naturnotwendig- 
keit anerkennt, sie doch auch ohne Widerspruch als Wir- 
kung aus Freiheit anzusehen sei? 

660. unter den Ursachen der Erscheinungen ist keine, die 
nicht wieder ihre Ursache hätte. Eine ursprüngliche Hand- 
lung ist von der Kausalverknüpfung der Erscheinungen 
nicht zu erwarten. 



108 Zweiter Teü. 

661. Frage: Kann die empirische Kausalität nicht 
die Wirkung einer intelligiblen sein, d. i. einer in An- 
sehung der Erscheinungen ursprünglichen Handlung einer in- 
telligiblen Urache? 

662. Antwort: Die Bejahung dieser Frage thut dem 
Verstandesgebrauche in Erklärung der Erscheinungen nach 
Naturbedingungen keinen Abbruch. Der Mensch ist eine von 
den Erscheinungen in der Sinnenwelt, seine Kausalität steht 
unter empirischen Gesetzen, und er hat insofern einen 
empirischen Charakter. Allein seiner Vernunft nach ist 
sich der Mensch ein intelligibler Gegenstand. 

575 663. Diese Vernunft hat eine intelligible Kausalität, das 
ist aus ihren Imperativen klar. Das Sollen drückt eine 
Art von Notwendigkeit und Verknüpfung mit Gründen aus, 
die in der ganzen Natur sonst nicht vorkommt. 

664. Dieses Sollen drückt eine mögliche Handlung aus, 
davon der Grund ein blofser Begriff ist, da er von einer 
Naturhandlung immer Erscheinung ist. Die Handlung 
mufs zwar nach Naturbedingungen möglich sein, aber diese 
betreffen nicht die Bestimmung der Willkür. Es mag das 
Angenehme oder das Gute sein, so kehrt sich die Ver- 
nunft nicht an das Empirische, sondern erklärt Handlungen 
für notwendig, die doch nicht geschehen sind und vielleicht 
nie geschehen werden. 

665. Die Vernunft mufs aber, wenn sie Kausalität in An- 
sehung der Erscheinungen hat, dennoch einen empirischen 
Charakter zeigen, d. h. sie setzt als Ursache eine Regel 
voraus, nach welcher die Erscheinungen als ihre Wirkungen 
nach einer Regel gleichförmig erfolgen. 

666. So hat denn jeder Mensch einen empirischen 
Charakter seiner Willkür, aus welchem alle seine Hand- 
lungen in der Erscheinung bestimmt sind und jn Ansehung 
desselben es also keine Freiheit giebt. 

667. Wenn wir aber eben dieselben Handlungen in Be- 
ziehung auf die Vernunft erwägen, da sollte vielleicht alles 
das nicht geschehen, was doch nach dem Naturlaufe geschehen 
ist und geschehen mufste; und bisweilen glauben wir wirk- 
lich zu finden, dafs sie durch Gründe der Vernunft bestimmt 
waren. 



Die transscendentale Logik. 109 

668. Wenn nun Vernunft Kausalität in Ansehung der Er- 
scheinungen haben kann, so ist sie ein Vermögen, durch 
welches die sinnliche Bedingung einer empirischen Reihe von 
Wirkungen zuerst anfangt, und selbt der empirische Charakter 
(die Sinnesart) der Vernunft ist in ihrem intelligiblen Cha- 
rakter (der Denkungsart) gegründet. 

669. Gleichwohl gehört doch eben dieselbe Ursache in 
einer anderen Beziehung auch zur Reihe der Erscheinungen. 
Der Mensch ist selbst Erscheinung. Seine Willkür hat einen 
empirischen Charakter, der die empirische Ursache aller seiner 
Handlungen ist. Daher kann keine, weil sie nur als Erschei- 
nung wahrgenommen werden kann, schlechthin von selbst 
anfangen. Auf die Vernunft hingegen kann das dynamische 
Gesetz der Natur nicht angewandt werden. 

670. Auflösung der Antinomie. Die Vernunft ist 
also die beharrliche Bedingung aller willkürlichen Handlungen, 
unter denen der Mensch erscheint. Jede derselben ist im 
empirischen Charakter des Menschen vorherbestimmt, ehe noch 
als sie geschieht. Aber jede derselben ist zugleich als un- 
mittelbare Wirkung im intelligiblen Charakter der reinen 
Vernunft gegründet, welche frei handelt und in der keine 
Zeit und also auch kein Vorher und Nachher ist, die 
also durch keine Kette von Naturursachen bestimmt vrird. 

671. Beispiel. Eine boshafte Lüge ist dem empirischen 
Charakter nach vielleicht in der schlechten Erziehung u.s.w. 
vollkommen gegründet, und dennoch tadelt man den Lügner, 
nämlich dem intelligiblen Charakter nach, nach welchem er 
frei war. 

672. Bei der Schätzung oder Würdigung einer Handlung 
wird also der intelligible Charakter vorausgesetzt, denn ein 
anderer intelligibler Charakter würde einen anderen empi- 
rischen gegeben haben; nach dem empirischen war sie aber 
notwendig. 

673. Folglich widerstreitet die Freiheit der Natumotwen- 585 
digkeit nicht, denn beide können unabhängig voneinander 
und durcheinander ungestört stattfinden. 



674. Hier wird aber nichts Transscendentes behauptet, 
sondern nur die Antinomie, die durch die transscenden- 



110 Zweiter Tefl. 

tale Idee der Freiheit entspringt, aufgelöst und gezeigt, 
dafs sie auf einem blofsen Scheine beruhe. 

IV. 
Auflösung der kosmoiogischen Idee von der Totalität der Ab- 
hängigkeit der Erscheinungen ihrem Dasein nach überhaupt. 

675. Jetzt soll uns die Beihe nicht zur obersten Ursache, 
die nicht mehr Wirkung ist, wie in (647 — 674), sondern zum 
obersten unbedingtenDasein, das nicht mehr zufällig ist, 
zum notwendigen Wesen leiten. Hier haben wir also nicht 
eine Reihe von Anschauungen, sondern von Begriffen. 

676. Da alles im Dasein der Erscheinungen bedingt ist, 
so kann es überall in der Beihe des abhängigen Daseins kein 
unbedingtes Glied geben, dessen Existenz schlechthin not- 
wendig wäre. 

677. Indem dynamischen Begressus darf die Bedingung 
nicht eben notwendig mit dem Bedingten eine empirische 
Beihe ausmachen. 

678. Also können alle Dinge in der Sinnenwelt durchaus 
(empirisch bedingt) zufällig sein, und es kann doch von der 
ganzen Beihe eine nicht empirische Bedingung oder das un- 
bedingt notwendige Wesen stattfinden. Bei der Freiheit ist 
die Ursache ein Phänomen und die Kausalität derselben in- 
telligibel; hier ist das notwendige Wesen aufser der Beihe 
der Sinnenwelt und blofs intelligibel. 

679. Das regulative Prinzip ist also in Ansehung dieser 
Aufgabe: dafs alles in der Sinnenwelt empirisch bedingte 
Existenz, aber nichts unbedingte Notwendigkeit habe, dafs 
aber deswegen die ganze Beihe des Zufalligen doch in irgend 
einem intelligiblen Wesen gegründet sein könne. 
590 680. Hier wird aber nichts Transscendentes behauptet, 
sondern nur die Antinomie, die durch die Idee der NotweD- 
wendigkeit entsteht, aufgelöst und gezeigt, dafs die Vernunft 
ihren Gang im empirischen und ihren besonderen Gang im 
transscendentalen Gebrauch geht. 

681. Sich einen intelligiblen Gr^^d der Sinnenwelt als 
notwendig denken , ist der durchgängigen Zufälligkeit des 
empirischen Begressus in, der Beihe der Erscheinungen nicht 
zuwider. 



Die trftnsBcendentale Logik. 111 

682. Der empirische Gebrauch der Vernunft wird durch 
die Einräumung eines blofs intelligiblen Wesens nicht affi- 
ziert; aber unser regulativer Grundsatz schliefst auch nicht 
die Annahme einer intelligiblen Ursache aus. 

Schlufsannaerkurig zur ganzen Antinomie der reinen 

Vernunft. 

683. Diese vierte kosmologische Idee drängt uns also, einen 
intelligiblen Gegenstand anzunehmen, von dem man an sich 
nicht die mindeste Kenntnis haben kann, von dem wir uns 
also blofs aus reinen Begriffen von Dingen überhaupt einigen 
Begriff machen können. Dazu soll nun jetzt der Begriff 
des schlechthin notwendigen Wesens untersucht werden. 

Des zweiten Buches der ti'ansscendentalen Dialektik 595 
Drittes Hauptstück. 
Das Ideal der reinen Vernunft. 

Erster Abschnitt. 
Von dem Ideal überhaupt. 

684. Reine Verstandesbegriffe können in concreto 
dargestellt, d. i. Erfahrungsbegriffe werden, reine 
Vernunftbegriffe nicht. Sie enthalten eine Vollständigkeit, 
zu welcher keine mögliche empirische Erkenntnis zulangt. 

685. Das Ideal, d. i. die Idee in individuo, scheint aber 
noch weiter von der Realität entfernt zu sein. 

686. Erläuterung. Die Menscheit in ihrer ganzen Voll- 
kommenheit enthält nicht nur die Erweiterung aller zu dieser 
Natur gehörigen wesentlichen Eigenschaften bis zur vollstän- 
digen Kongruenz mit ihren Zwecken, sondern auch die durch- 
gängige Bestimmung dieser Idee. Plato nennt ein solches 
Ideal eine Idee des göttlichen Verstandes. 

687. Die menschliche Vernunft enthält Ideale, d. i. Wesen, 
die blofs in Gedanken existieren, z. B. der Weise des Stoikers. 

688. Die Ideale der Sinnlichkeit, z. B. die der Maler, 
sind von diesen Idealen der Vernunft gänzlich verschieden 
und gleichsam Monogramme der Einbildungskraft, die das 



112 Zweiter Teil. 

nicht erreichbare Muster möglicher empirischer Anschauungen 
sein sollen. 

689. Das Ideal der Vernunft dagegen ist ein Gegen- 
stand, der nach Prinzipien durchgängig bestimmbar sein soll, 
obgleich die hinreichenden Bedingungen dazu in der Erfahrung 
mangeln und der Begriff transscendent ist. 

Des dritten Hauptsttickes 
Zweiter Abschnitt, 

Von dem transscendentalen Ideal. 

690. Ein jeder Begriff steht unter dem Grundsatze der 
Bestimmbarkeit, dafs nur eins von jeden zweien 
einander kontradiktorisch entgegengesetzten Prädikaten ihm 
zukommen könne. 

691. Ein jedes Ding aber steht unter dem Grundsatze 
600 der durchgängigen Bestimmung, nach welchem ihm von 

allen möglichen Prädikaten der Dinge, sofern sie mit ihren 
Gegenteilen verglichen werden, eins zukommen mufs. Das 
ist der Grundsatz der Synthesis aller Prädikate. 

692. Der Satz : alles Existierende ist durchgängig bestimmt, 
heifst nun: um ein Ding vollständig zu erkennen, mufs man 
alles Mögliche erkennen und es dadurch, es sei bejahend 
oder verneinend, bestimmen. 

693. Diese Idee von dem Inbegriff aller Möglich- 
keit ist in Ansehung der Prädikate, die denselben ausmachen, 
noch unbestimmt, stöfst aber als Urbegriff schon alle ab- 
geleiteten Prädikate und alle, die nicht nebeneinander bestehen 
können, aus. Dadurch entsteht nun der Begriff vom Ideal 
der reinen Vernunft. 

694. Eine logische Verneinung läfst allen Inhalt un- 
berührt, eine transscendentale Verneinung bedeutet da- 
gegen das Nichtsein an sich selbst, dem die transscentjen- 
tale Bejahung entgegengesetzt wird, welche Realität (Sach- 
heit) genannt wird, weil durch sie Gegenstände Etwas 
(Dinge) sind, die entgegengesetzte Negation hingegen einen 
blofsen Mangel (das Nichtsein) bedeutet. 

695. Man kann sich nie eine Verneinung bestimmt denken, 
ohne dafs man die entgegengesetzte Bejahung zu Grunde liegen 



Die transscendentale Logik. 113 

habe. Folglich enthalten die Realitäten den transscendentalen 
Inhalt zu der durchgängigen Bestimmung aller Dinge. 

696. Wenn demnach der durchgängigen Bestimmung in 
unserer Vernunft ein transscendentales Sub Stratum 
zu Grunde gelegt wird, so ist dasselbe nichts anderes als die 
Idee von einem All der KeaUtät. Alle wahren Verneinungen 
sind alsdann nichts als Schranken. 

697. Das ist der Begriff eines entis realissimi, des ein- 
zigen eigentlichen Ideals der Vernunft, weil nur in diesem ein- 
zigen Falle ein an sich allgemeiner Begriff von einem Dinge 
durch sich selbst durchgängig bestimmt und als die Vorstellung 
von einem Individuum erkannt wird. 

698. Der Gebrauch der Vernunft, durch den sie das trans- 
scendentale Ideal zum Grunde ihrer Bestimmung aller mög- 
lichen Dinge legt, ist demjenigen analogisch, nach welchem 
sie in disjunktiven Vernunftschlüssen verfährt. 

699. Die Vernunft setzt also nicht die Existenz eines 605 
solchen Ideals voraus, sondern dieses Ideal ist das Urbild 
(Prototypen) aller Dinge, welche insgesamt als mangelhafte 
Kopien (ectypa) es nie erreichen. 

700. Die Möglichkeit desjenigen Dinges (der Synthesis 
des Mannigfaltigen nach), was alle Realitäten in sich 
schliefst, wird als ursprünglich angesehen. Dieses Ideal 
ist also das Urwesen (ens originarium), und insofern es keins 
über sich hat, das höchste Wesen (ens summum), und insofern 
alles als bedingt unter ihm steht, das Wesen aller Wesen 
(ens entium). Alles dieses bedeutet aber nur die Idee zu 
Begriffen und läfst uns wegen der Existenz eines aolchen 
Wesens in völliger Unwissenheit. 

701. Das Ideal des Urwesens mufs als einfach gedacht 
werden, weil man nicht sagen kann, dafs es aus vielen ab- 
geleiteten Wesen bestehe, indem ein jedes derselben das Ur- 
wesen voraussetzt, mithin es nicht ausmachen kann. 

702. Die höchste Realität liegt daher auch der Möglich- 
keit aller Dinge als ein "Grund und nicht als ein Inbegriff 
zu Grunde, und die Mannigfaltigkeit derselben beruht 
nicht auf der Einschränkung des Urwesens selbst. 

703. Dieses Ideal ist also Gott, im transscendentalen Ver- 
stände gedacht, und so ist das Ideal der reinen Vernunft der 
Gegenstand einer transscendentalen Theologie. 

Mellin, Marginalien. g 



114 Zweiter Teil. 

Er ist nach dem Begriff der höchsten Realität einig, einfach, 
allgenugsam u.s.w. 

704. Die objektive Realität desselben ist eine blofse Er- 
dichtung, durch welche wir das Mannigfaltige unserer 
Idee in einem Ideal realisieren. 

705. Wie kommt nun die Vernunft dazu, alle Möglich- 
keit der Dinge als abgeleitet von einem ürwesen voraus- 
zusetzen ? 

706. Das entdeckt die transscendentale Analytik. Wir 
halten das empirische Prinzip unserer Begriffe der Möglich- 
keit der Dinge als Erscheinungen, durch Weglassung dieser 
Einschränkung, für ein transscendentales Prinzip der MögUch- 
keit der Dinge überhaupt. 

610 707. Dafs wir diese Idee hypostasieren, kommt daher, 
dafs wir die distributive Einheit des Erfahrungsgebrauchs 
des Verstandes in die kollektive Einheit eines Erfahrungs- 
ganzen verwandeln und an diesem Ganzen uns ein einzelnes 
Ding denken, was alle empirische Realität in sich enthält. 

Des dritten Hauptstückes 
Dritter Abschnitt. 

Von den Beweisgründen der spekulativen Vernunft, 
auf das Dasein eines höchsten Wesens zu schliefsen. 

708. Die Vernunft hat das dringende Bedürfnis, immer zu 
fragen, bis kein Warum mehr übrig ist, das ist bis zum 
Unendlichen der Realität nach. 

709. Das Argument, worauf die Vernunft ihren Fortschritt 
zum Urwesen gründet, ist: wenn etwas, was es auch sei, 
existiert, so mufs auch eingeräumt werden, dafs irgend etwas 
notwendigerweise existiere. 

710. Nun sieht sich die Vernunft nach dem Begriflfe eines 
Wesens um, das sich zu einem solchen Vorzuge der Existenz, 
als die unbedingte Notwendigkeit ist, schicke. 

711. Nun scheint dasjenige, dessen Begriflf zu allem Warum 
das Darum in sich enthält, das notwendige Wesen zu sein, 
weil es bei dem Selbstbesitze aller Bedingungen zu allem Mög- 
lichen selbst keiner Bedingung bedarf. 



Die transBcendentale Logik. 115 

712. Der BegrifiF eines Wesens von der höclisten Realität 
würde sich also zu dem Begriffe eines unbedingt notwendigen 
Wesens am besten schicken. 

713. Das ist also der natürliche Gang der menschlichen 
Vernunft: 1) überzeugt sie sich vom Dasein eines notwendigen 
Wesens (709). In diesem erkennt sie eine unbedingte Existenz; 
2) sucht sie den Begriff des Unabhängigen von aller Be- 
dingung (710) und findet ihn in dem Inbegriffe aller Realität 
(711 — 712). Diese ist absolute Einheit und einig, das höchste 
Wesen, und so schliefst sie, dafs das höchste Wesen als Ur- 
grund aller Dinge notwendigerweise da sei. 

714. Dieser Begriff hat Gründlichkeit, wenn von Ent- ^^^ 
schliefsungen die Rede ist; ist es aber blofs um Beurteilung 

zu thun, wieviel wir von dieser Aufgabe wissen, so bedarf 
er Gunst. 

715. Dieses Argument hat gar nichts geleistet, wenn man 
bedenkt, dafs der Begriff eines eingeschränkten Wesens, das 
nicht die höchste Realität hat, darum doch nicht der abso- 
luten Notwendigkeit widerspreche. 

716. Die Bedingung, unter welcher dieses Argument Wich- 
tigkeit hat, ist, dafs es Verbindlichkeiten gebe, die in der 
Idee der Vernunft ganz richtig, aber ohne alle Realität der 
Anwendung auf uns selbst, d. i. ohne Triebfedern sein 
würden, wo nicht ein höchstes Wesen vorausgesetzt würde. 

717. Dieses Argument hat Popularität. Daher sehen wir 
bei allen Völkern durch ihre blindeste Abgötterei doch einige 
Funken des Monotheismus durchschimmern. 

719. Es sind nur drei Beweisarten vom Dasein 
Gottes aus spekulativer Vernunft möglich. 

Beweis. 1) Entweder man schliefst von einer bestimm- 
ten Erfahrung auf eine höchste Ursache (der physikotheo- 
logische), oder 2) man schliefst von irgend einer unbe- 
stimmten Erfahrung auf eine höchste Ursache (der kosmo- 
logische), oder 3) man schliefst aus blofsen Begriffen a priori 
auf eine höchste Ursache (der ontologische Beweis). 

719. Es soll nun gezeigt werden, dafs sie alle drei nichts 
beweisen; weil aber der dritte den beiden ersten zu Grunde 
liegt, so wird mit ihm angefangen. 



116 Zweiter TeU. 

620 Des dritten Hauptstückes 

Vierter Abschnitt. 

Von der Unmöglichkeit eines ontologischen Beweises 
vom Dasein Gottes. 

720. Der Schlufs von einem gegebenen Dasein auf ein 
schlechthin notwendiges Dasein scheint dringend und richtig 
zu sein, und doch sind alle Bedingungen des Verstandes gänz- 
lich dawider. 

721. Es kommt nur darauf an, zu wissen, ob wir uns auch 
durch den Begriff des absolut notwendigen Wesens etwas 
denken oder nicht. Denn durch das Wort Unbedingt werfe 
ich nur alle Bedingungen weg, was bleibt dann übrig? 

722. Bisher hat alle Nachfrage wegen seiner Möglichkeit 
ganz unnötig geschienen, weil man es durch eine Menge Bei- 
spiele zu erklären geglaubt hat. 

723. Allein diese Beispiele waren nur von Urteilen her- 
genommen, und alle unbedingte Notwendigkeit der Urteile 
ist nicht eine absolute Notwendigkeit der Sachen. 

724. Ein identisches Urteil kann nicht zum Beispiel dienen, 
denn in einem solchen kann ich zwar nicht das Prädikat, aber 
wohl das ganze Urteil aufheben. 

725. Man kann auch nicht sagen: es giebt Subjekte, die 
gar nicht aufgehoben werden können, denn das hiefse: es 
giebt schlechterdings notwendige Subjekte, welches eben be- 
wiesen werden soll. 

726. Der Beweis selbst. Der Begriff des aller- 
realstenWesens ist von der Beschaffenheit, dafs sein Sub- 
jekt nicht aufgehoben werden kann, weil sein Dasein in 
seiner Möglichkeit liegt. 

625 727. Antwort. Das ist eine blofse Tautologie. Denn 
ist der Satz: dieses oder jenes Ding existiert, ana- 
lytisch, so liegt die Existenz im Dinge, und dann ist ent- 
weder der Gedanke Ding, das Ding selbst, oder das Dasein 
ist als zur Möglichkeit gehörig vorausgesetzt und dann 
wieder aus der Möglichkeit geschlossen. Ist es aber, wie man 
gestehen mufs, ein synthetischer Satz, warum sollte das 
Prädikat der Existenz sich ohne Widerspruch nicht aufheben 
lassen ? 



Die transscendentale Logik. 117 

728. Man könnte zwar diese grüblerische Argumentation 
durch folgende genaue Bestimmung des Begriffs der 
Existenz widerlegen, allein die Illusion, in Verwechslung 
eines logischen Prädikats mit der Bestimmung eines 
Dinges, schlägt beinahe alle Belehrung aus. 

729. Sein, im transscendentalen Gebrauch, ist die 
Position eines Dinges, oder gewisser Bestimmungen an 
sich selbst, im logischen die blofse Kopula des Ur- 
teils. Das Wirkliche enthält nichts mehr als das blofs 
Mögliche, nur dafs bei dem Möglichen der Gegenstand 
blofs im Begriff enthalten ist, bei dem Wirklichen noch 
aufser dem Begriff hinzukommt. 

730. Die Ursache der Schwierigkeit bei der Frage nach 
der Existenz des schlechthin notwendigen Wesens ist: dafs, 
wenn wir die Existenz durch die reine Kategorie allein 
denken, wir kein Merkmal angeben können, sie von der 
blofsen Möglichkeit zu unterscheiden. 

731. Die Existenz eines Dinges aufser dem Felde der 
Erfahrung können wir also durch nichts rechtfertigen. 

732. Leibniz hat folglich nicht die Möglichkeit 
des höchsten Wesens a priori eingesehen, wie er sich schmei- 
chelte, weil das Merkmal der Möglichkeit synthetischer 
Erkenntnisse immer nur in der Erfahrung gesucht werden 
mufs. 

733. Der ontologische Beweis vom Dasein Gottes be- 630 
weist also nichts, und es ist an ihm alle Mühe und Arbeit 
verloren. 

Des dritten Hauptstückes 
Fünfter Abschnitt. 

Von der Unmöglichkeit eines kosmologischen Bevreises 
vom Dasein Gottes. 

734. Der verunglückte ontologische Beweis entsprang 
aus dem Bedürfnis unserer Vernunft, zur Existenz über- 
haupt irgend etwas Notwendiges anzunehmen und einen Begriff 
von einem Gegenstande a priori dazu zu suchen. Diesen glaubte 
man in der Idee des allerrealsten Wesens zu finden. Nun 
kehrte man es um und fing von dem allerrealsten Wesen an, 
um davon die Notwendigkeit abzuleiten. 




118 ^^-- ■ -"^^ Zweiter Teü. 



735. Der kosmologische Beweis nun ist der, welchen 
Leibniz den Beweis a contingentia mundi nannte, und ist 
der vorige Beweis, nur umgekehrt, denn er schliefst Ton 
der unbedingten Notwendigkeit irgend eines Wesens auf dessen 
unbegrenzte Realität. 

736. Dieser Beweis selbst. Wenn etwas existiert, so 
mufs auch ein schlechterdings notwendiges Wesen existieren; 
nun existiere ich selbst, also existiert ein absolut notwendiges 
Wesen. 

737. Fortsetzung. Das notwendige Wesen mufs durch 
seinen Begriff durchgängig bestimmt sein; nun ist nur der 
Begriff des entis realissimi durch sich selbst durchgängig be- 
stimmt; also ist der Begriff des allerrealsten Wesens der ein- 
zige, dadurch ein notwendiges Wesen gedacht werden kann, 
d. h. es existiert ein höchstes Wesen notwendigerweise. 

738. Dieser kosmologische Beweis ist kein anderer als 
der ontologische (726). Denn er thut nur einen Schritt 

635 von der Erfahrung zum Dasein eines notwendigen Wesens, 
und um zu zeigen, welches dieses notwendige Wesen sei, wird 
er in der Fortsetzung der ontologische Beweis. 

739. Alle Blendwerke im Schliefsen lassen sich am leich- 
testen entdecken, wenn man sie auf schulgerechte Art yor 
Augen stellt. 

740. Schulgerechte Darstellung. Wenn der nervus 
probandi des kosmologischen Beweises: ein jedes schlechthin 
notwendige Wesen ist zugleich das allerrealste Wesen, richtig 
ist, so mufs er sich per accidens umkehren lassen. Nun ist 
aber ein ens realissimum vom andern nicht unterschieden, 
also mufs es sich auch schlechthin umkehren lassen, dann 
ist es aber der ontologische Beweis (726). 

741. Der kosmologische Beweis begeht sogar eine ignoratio 
elenchi, indem er uns einen neuen Fufssteig verheifst und uns 
auf den alten zurückbringt. 

742. Hier folgen alle dialektischen Anmafsungen in diesem 
Beweise. 

743. Es sind ihrer vier: 

1) Der transscendentale Grundsatz, vom Zufalligen 
auf eine Ursache zu schliefsen, der nur in der Sinnen- 
welt von Bedeutung ist. 



Die transscendentale Logik. 119 

2) Der Schlufs von der Unmöglichkeit einer unend- 
lichen Reihe übereinander gegebener Ursachen in der 
Sinnenwelt auf eine erste, der weder für die Erfahrung, 
noch über alle Erfahrung hinaus Gültigkeit hat. 

3) Die falsche Selbstbefriedigung der Vernunft 
dadurch, dafs man endlich alle Bedingung wegläfst 
und also nichts mehr begreifen kann und dann dieses 
für die Vollendung seines Begriffs hält. 

4) Die Verwechslung der logischen Möglichkeit 
eines Begriffes mit der transscendentalen. 

744. Der kosmologische Beweis will der Erklärung der 
Möglichkeit des notwendigen Wesens ausweichen, aber um- 
sonst, weil er der Frage wegen des Daseins desselben kein 
Genüge thut. 

745. Als Hypothese kann man das Dasein Gottes an- 64o 
nehmen, aber nicht es mit apodiktischer Gewifsheit 
behaupten, denn sonst müfste auch die Erkenntnis davon 
absolute Notwendigkeit bei sich fuhren. 

746. Die ganze Aufgabe des transscendentalen Ideals kommt 
darauf an, entweder zu der absoluten Notwendigkeit den Be- 
griff, oder zu dem Begriffe von irgend einem Dinge die ab- 
solute Notwendigkeit zu finden. Dieses ist aber für unsern 
Verstand unmöglich. 

747. Die unbedingte Notwendigkeit ist der wahre Abgrund 
für den menschlichen Verstand. Selbst die Ewigkeit macht 
lange nicht den schwindligen Eindruck auf das Gemüt als jene. 

748. Ein Ideal der reinen Vernunft kann nicht unerforsch- 
lich heifsen, weil es weiter keine Beglaubigung seiner 
Realität aufzuweisen hat, als das Bedürfnis der Vernunft, 
vermittels desselben alle synthetische Einheit zu vollenden. 

Entdeckung und Erklärung des dialektischen Scheins 

in aUen transscendentalen Beweisen vom Dasein eines 

notwendigen V^esens. 

749. Frage. Was ist nun in diesen transscendentalen 
Beweisen die Ursache des dialektischen, aber natür- 
lichen Scheins, welcher die Begriffe der Notwendigkeit und 
Realität verknüpft und eine Idee realisiert und hypo- 
stasiert? 



120 Zweiter Teil. 

750. Das Zurückgehen zu den Bedingungen kann man, ohne 
ein notwendiges Wesen anzunehmen, nicht vollenden, aber 
man kann nicht davon anfangen. 

751. Wenn ich 1) zu existierenden Dingen überhaupt etwas 
Notwendiges denken mufs; 2) kein Ding an sich selbst als 
notwendig zu denken befugt bin, können Notwendigkeit 
und Zufälligkeit nicht die Dinge selbst angehen, und diese 
Grundsätze nicht objektive, sondern nur subjektive 
Prinzipien sein, etwas zu suchen, aber nie zu hoffen, dieses 
zu Suchende jemals zu finden, d. i. nichts Empirisches als 
unbedingt anzunehmen. Das heifst, sie sind regulative 
Prinzipien, welche nichts anders sagen, als ihr sollt alles, 
was an den Dingen wahrgenommen wird, als bedingt notwendig, 
aber kein Ding als absolut notwendig betrachten. 

645 '^52. Also mufs man das absolut Notwendige aufserhalb der 
Welt annehmen, weil man alle empirischen Ursachen jederzeit 
als abgeleitet ansehen mufs. 

753. Die Materie ist nicht absolut notwendig, weil jede 
Bestimmung derselben, welche das Reale derselben ausmacht, 
eine Wirkung ist. 

754. Das Ideal des höchsten Wesens ist also ein regula- 
tives Prinzip der Vernunft, alle Verbindung in der Welt so 
anzusehen, als ob sie aus einer allgenugsamen notwendigen 
Ursache entspränge. Es ist aber der Schein unvermeidUch, 
sich dieses formale Prinzip als konstitutiv vorzustellen. Denn, 
so wie der Raum, weil er alle Gestalten, die lediglich ver- 
schiedene Einschränkungen desselben sind, ursprünglich mög- 
lich macht, unvermeidlich für einen an sich selbst gegebenen, 
für sich bestehenden Gegenstand gehalten wird, so ist es auch 
unvermeidlich, die Idee des allerrealsten Wesens, als der ober- 
sten Ursache, für einen Gegenstand an sich zu halten. 

Des dritten Hauptst ttckes 
Sechster Abschnitt. 

Von der Unmöglichkeit des physikotheologi sehen 
Beweises. 

755. Sollte nun der physikotheologische Beweis auch 
unmöglich sein, so ist überhaupt kein genugthuenderBe- 



Die transscendentale Logik. 121 

weis ans blofs spekulativer Vemunft für das Dasein 
Gottes möglich. 

756. Es kann keine Erfahrung geben, die einer Idee 
angemessen wäre, also kann uns kein Gesetz irgend einer 
empirischen Synthesis ein Beispiel vom Urwesen oder die 
mindeste Leitung dazu geben. 

757. Man kann daher auch nicht von der Erfahrung hinaus 
ins Übersinnliche eine Brücke schlagen, da alle Syn- 
thesis und Erweiterung unserer Erkenntnis auf nichts 
anderes als blofs auf Gegenstände der S innen weit gehen. 

758. Der Beweis selbst. Man schliefst von der un- 650 
aussprechlichen Mannigfaltigkeit, Ordnung, Zweck- 
mäfsigkeit und Schönheit in der Welt auf einen Ur- 
heber. 

759. Dieser Beweis verdient Achtung. Er ist der älteste, 
klarste und der gemeinen Vernunft am meisten angemessene 
und belebt das Studium der Natur. 

760. Es würde auch trostlos und umsonst sein, ihn nicht 
zu achten. Die Vernunft kann durch keine Zweifel der Speku- 
lation so niedergedrückt werden, dafs sie sich nicht wieder 
bis zu einem obersten und unbedingten Urheber so vieler 
Wunder der Natur erheben sollte. 

761. Aber dieser Beweis bedarf Gunst und gründet sich 
auf den ontologischen Beweis (726), dem er nur zur Intro- 
duktion dient. 

762. Die Hauptmomente dieses Beweises sind: 

1) In der Welt befinden sich allerwärts deutliche Zeichen 
von Absicht und Weisheit. 

2) Den Dingen der Welt ist diese zweckmäfsige Anord- 
nung ganz fremd, von selbst konnte nicht alles so zu- 
sammenstimmen , ohne ein anordnendes vernünftiges 
Prinzip. 

3) Es existiert also eine erhabene und weise Ursache, 
die als Intelligenz, durch Freiheit, die Ursache der 
Welt sein mufs. 

3) Die Einheit derselben läfst sich aus der Einheit der 
wechselseitigen Beziehung der Teile der Welt, teils 
mit Gewifsheit, teils mit Wahrscheinlichkeit schliefsen. 



122 Zweiter Teil. 

763. Dieser Beweis hat die Analogie für sich, weil zweck- 
mäXsige Erzeugungen die einzigen sind, wovon uns die Ur- 
sachen und Wirkungen yöllig bekannt sind. 

764. Er würde aber nur einen Weltbaumeister be- 
weisen, aber nicht einen Weltschöpfer, weil die Zufälligkeit 
der Materie dadurch nicht bewiesen wird, die nur aus einem 
transscendentalen Beweise folgen könnte, der aber durch 
diesen vermieden werden soll. 

655 765. Der Begriff von einem solchen Weltbaumeister mufs 
aber etwas ganz Bestimmtes von ihm zu erkennen geben, 
das ist aber nur das All der Realität. 

766. Das kann nun die Physikotheologie nicht, sie ist da- 
her zu einem Prinzip der Theologie, welches die Grundlage 
der Religion ausmachen soll, nicht tauglich. 

767. Welches Mittels bedient man sich also im physiko- 
theologischen Beweise, um über die so weite Kluft (764, 765) 
zu kommen? 

768. Er springt von der Erfahrung auf den kosmologischen 
Beweis über, und da dieser nun der versteckte ontologische 
ist, so wird ein anscheinender Erfahrungsbeweis ein verun- 
glückter Vernunftbeweis. 

769. Die Physikotheologen sind also wahre Onto- 
theologen, und dafs sie aus Erfahrung zu beweisen glauben, 
ist die Wirkung eines blofsen Scheins. 

770. Wäre also ein Beweis vom Dasein des Ideals der 
reinen Vernunft möglich, so wäre es der ontologische. 

Des dritten Hauptstückes 

Siebenter Abschnitt. 

Kritik aller spekulativen Theologie aus spekulativen 
Prinzipien der Vernunft. 

771. Expositionen. Theologie sei die Erkenntnis 
des ürwesens, so ist sie entweder die aus blofser Vernunft 
(Vernunfttheologie) oder aus Offenbarung (Offenbarungstheo- 
logie). Die erstere denkt sich ihren Gegenstand entweder 
vermittels lauter transscendentaler Begriffe (Transscendental- 
theologie) oder durch einen Begriff, den sie aus der NatuT 
(unserer Seele) entlehnt (natürliche Theologie). Der, so allein 



Die transscendentale Logik. 123 

die erste einräumt, wird De ist (Bekenner eines ürwesens), 
der, so auch die letztere annimmt, Theist (Bekenner einer 
höchsten Intelligenz) genannt. Der erste stellt sich unter dem 
ürwesen eine Weltursache, der zweite einen Welturheber 
(eine vernünftige Weltursache) vor. 

772. Die Transscendentaltheologie leitet entweder ceo 
das Dasein des Ürwesens von einer Erfahrung überhaupt ab 
(Kosmotheologie) oder glaubt es durch blofse Begriffe zu er- 
kennen (Ontotheologie). 

773. Die natürliche Theologie leitet das Dasein des 
Welturhebers von einer bestimmten physischen Erfahrung ab 
(Physikotheologie) oder von einer sittlichen Erfahrung (Moral- 
theologie). 

774. DerDeist glaubt einen Gott, der Theist aber einen 
lebendigen Gott. 

775. Unsere Erkenntnis ist theoretisch, wenn wir durch 
sie erkennen, was da ist; praktisch, wenn wir uns durch 
sie vorstellen, was da sein solle. Wenn es uns ungezweifelt 
gewifs ist, dafs etwas ist oder sein soll, aber doch nur 
bedingt, so kann eine gewisse bestimmte Bedingung dazu 
schlechthin notwendig sein, so wird sie postuliert; oder 
sie wird als zufällig vorausgesetzt, so wird sie supponiert. 
In der Kritik der praktischen Vernunft wird gezeigt, 
dafs die moralischen Gesetze das D asein des höchsten Wesens 
postulieren. 

776. Im theoretischen Erkenntnisse kann absolute Not- 
wendigkeit eines Dinges, als einer Ursache, in Beziehung auf 
ein Dasein nie erkannt werden. 

777. Eine theoretische Erkenntnis ist spekulativ, wenn 
sie auf Gegenstände oder Begriffe geht, wozu man durch keine 
Erfahrung gelangen kann, sie ist der Naturerkenntnis 
entgegengesetzt. 

778. Der Grundsatz (der Kausalität), von dem, was ge- 
schieht, als Wirkung, auf eine Ursache zu schliefsen, ist kein 
Prinzip der spekulativen Erkenntnis, denn als solches kann 
man ihn weder rechtfertigen noch begreifen. 

779. Vom Dasein der Dinge in der Welt auf ihre Ur- 
sache zu schliefsen, gehört zum spekulativen Vernunft- 
gebrauch, denn weder Materie allein, noch Form allein 



124 Zweiter Teil. 

sind Gegenstände der Erfahrung, sondern nur beides in Ver- 
bindung miteinander oder der Zustand der Dinge, und doch 
sind alle synthetischen Grundsätze des Verstandes und so 
auch der Kausalität nur von immanentem Gebrauche. 
780. Der physikotheologische Beweis 

1) kann also wohl andern Beweisen, wenn solche zu 
haben sind, Nachdruck geben; 

2) bereitet aber den Verstand mehr zur theologischen 
Erkenntnis vor, als dafs er sie verschaffte. 

665 781. Durch transscendentales Verfahren wird also in Ab- 
sicht auf eine Theologie der blofs spekulativen Vernunft nichts 
ausgerichtet. Denn alle Grundsätze des reinen Verstandes be- 
ziehen sich ledigHch auf Gegenstände empirischer Erkenntnis 
(sind nur von immanenter Gültigkeit). 

782. Wollte man aber lieber die Beweise der Analytik in 
Zweifel ziehen, als sich die bisherigen Beweisgründe für das 
Dasein Gottes rauben lassen, so zeige man, wie man alle mög- 
liche Erfahrung durch blofse Ideen überfliegen will. 

783. Der spekulative Gebrauch der Vernunft hierin hat 
aber doch den grofsen Nutzen, dafs er die Erkenntnis vom 
Urwesen, sollte sie vielleicht anderswoher geschöpft werden, 
berichtigt und reinigt. 

784 Die Transscendentaltheologie ist also von einem wich- 
tigen negativen Gebrauch, nämlich dafs sie eine beständige 
Zensur unserer Vernunft ist und alle atheistischen, deistischen 
und anthropomorphistischen Behauptungen aus dem Wege 
räumt. 

785. Der gereinigte Begriff eines höchsten Wesens, wenn 
sein Dasein anderswoher bewiesen ist, kann blofs aus der 
Transscendentaltheologie gezogen werden. 

670 Anhang zur transscendentalen Blalektik. 

Von dem regulativen Gebrauch der Ideen der reinen 

Vernunft. 

786. Die transscendentalen Ideen bewirken also einen un- 
widiörstehlichen Schein, dessen Täuschung man kaum durch 
die schärfste Kritik abhalten kann. 

787. Dennoch müssen sie ihren guten Gebrauch haben, der 
entweder überfliegend oder einheimisch sein kann. 



Die transscendentale Logik. 125 

788. Die Vernunft hat eigentlich nur den Verstand zum 
Gegenstande und vereinigt das Mannigfaltige der Begriffe 
durch Ideen, indem sie eine gewisse kollektive Einheit zum 
Ziel der Verstandeshandlungen setzt, welche sonst nur mit der 
distributiven Einheit beschäftigt sind. 

789. Versteht man nun die transscendentalen Ideen so, 
dafs sie von konstitutivem Gebrauch seien, d. i. dafs da- 
durch Begriffe gewisser Gegenstände gegeben werden, so sind 
es blofs vernünftelnde Begriffe. Dagegen aber haben sie einen 
regulativen Gebrauch, nämlich den Verstand zu einem ge- 
wissen Ziele (die Idee, focus imaginarius) zu leiten. Hieraus 
entspringt die Täuschung , als wenn die ßichtungslinien des 
Verstandes, die nach diesem Ziele zulaufen, aus diesem Punkte 
ausgeschossen wären. 

790. Die Vernunft will also durch die Ideen die Verstandes- 
erkenntnisse systematisch machen. 

791. Wenn die Vernunft das Vermögen ist, das Besondere 
aus dem Allgemeinen abzuleiten, so ist entweder das Allge- 
meine schon als gewifs gegeben, dann wird das Besondere 
durch die Urteilskraft darunter subsumiert und notwendig 
bestimmt, und das kann der apodiktische Gebrauch der 
Vernunft heifsen; oder das Allgemeine ist nur problema- 
tisch angenommen, und dann werden mehrere Fälle an dem 
problematischen Begriff, der eine Regel giebt, versucht, ob sie 
daraus fliefsen, und in diesem Fall auf die Allgemeinheit der 
Regel geschlossen, und das ist der hypothetische Gebrauch 
der Vernunft. 

792. Der hypothetische Gebrauch der Vernunft ist regula- 675 
tiv, um dadurch, soweit als es möglich ist, Einheit in die 
besondem Erkenntnisse zu bringen. 

793. Er geht also auf die systematische Einheit der Ver- 
standeserkenntnisse, diese aber ist der Probierstein der Wahr- 
heit der Regeln. 

794. Diese systematische Vemunfteinheit der Verstandes- 
erkenntnisse ist blofs logisch, um da, wo der Verstand allein 
nicht zu Regeln hinlangt, ihm durch Ideen fortzuhelfen. Ob 
aber die Vernunft diese Einheit auch von der Beschaffenheit 
der Gegenstände postulieren könne, das würde ein transscen- 
dentaler Grundsatz sein. 



126 Zweiter Teil. 

795. Beispiel. Unter die Begriflfe, welche Verstandes- 
einheit bewirken, gehört auch der der Kausalität einer Sub- 
stanz, welche Kraft heifst. Die Vernunft giebt nun die Idee 
einer Grundkraft, oder der, von welcher alle andern Kräfte 
nur als so viele Äufserungen derselben abgeleitet werden 
können. 

798. Diese Vernunfteinheit ist aber blofs hypothetis eh. 
Man behauptet nicht, dafs eine solche in der That angetroffen 
werden müsse, sondern, dafs man sie zu gunsten der Vernunft 
suchen müsse. 

799. Die Idee einer Grundkraft giebt aber objektive Realität 
vor, dadurch die systematische Einheit der mancherlei Kräfte 
postuliert (794) und ein apodiktisches Vernunftprinzip errichtet 
wird (791). 

800. Ein logisches Prinzip des Vernunftgebrauchs kann 
auch ohne ein transscendentales nicht stattfinden, durch 
welches eine solche systematische Einheit als den Objekten 
selbst anhängend angenommen wird. 

801. Beispiel. Dafs alle Mannigfaltigkeiten einzelner 
Dinge die Identität der Art nicht ausschliefsen, dafs die man- 
cherlei Arten nur verschiedene Bestimmungen von wenigen 
Gattungen, diese von höhern Geschlechtern u. s. w. sind, ist 
ein logisches Prinzip. 

680 802. Fortsetzung. Dafs aber auch in der Natur eine 
solche Einhelligkeit angetroffen wird, setzen die Philosophen 
in der bekannten Schulregel voraus: dafs man die An- 
fänge (Prinzipien) nicht ohne Not vervielfältigen 
müsse. 

803. In dem Mannigfaltigen gegebener Erfahrungen (der 
Natur) wird also Gleichartigkeit vorausgesetzt, ob wir gleich 
ihren Grad a priori nicht bestimmen können, weil ohne die- 
selbe keine Erfahrung möglich wäre. 

804. Die Vernunft zeigt aber hier ein doppeltes einander 
widerstreitendes Interesse, einerseits das Interesse des Um - 
fangs (der Allgemeinheit), anderseits das Interesse des In- 
halts (der Bestimmtheit). 

805. Dem letztem liegt auch ein logisches Prinzip zu 
Grunde, nämlich das der Verschiedenheit oder der Spe- 
zifikation, das so ausgedrückt werden könnte: dafs man 



Die transscendentale Logik. 127 

die Varietäten (Arteu) nicht ohne Not auf eine zu 
kleine Anzahl herabsetzen müsse. 

806. Und auch diesem muTs ein transscendentales Gesetz 
zu Grunde liegen, welches zwar freilich nicht von den Dingen, 
die unsere Gegenstände werden können, eine wirkliche Un- 
endlichkeit der Verschiedenheiten fordert, aber doch dem Ver- 
stände auferlegt, so zu forschen, als wäre diese Unendlichkeit 
wirklich. 

807. Dieses Gesetz ist nicht von der Erfahrung entlehnt, 6«* 
denn diese kann keine so weit gehende Eröffnungen geben. 
Die empirische Spezifikation bleibt bald stehen. 

808. Die Vernunft bereitet also dem Verstände sein Feld 
durch drei Prinzipien, nämlich 

1) durch das Prinzip der Gleichartigkeit oderHomo- 
geneität; 

2) durch das Prinzip der Varietät oder Spezifika- 
tion; 

3) durch das Prinzip der Affinität oder Kontinuität 
der Formen. 

809. Versinnlichung dieser drei logischen Prin- 
zipien. Jeder Begriff sei ein Punkt, der seinen Horizont 
(Gattung) habe. Innerhalb des Horizonts giebt es eine Menge 
Punkte ins Unendliche, deren jeder seinen eigenen, nur engeren 
Horizont (Arten) hat. Zu verschiedenen Horizonten (Gattungen) 
giebt es einen höheren Punkt, der einen weiteren Horizont 
(Geschlecht) hat, der sie alle umschliefst, so dafs man sie 
aus diesem Punkt alle übersehen kann, und so fort bis zum 
höchsten Begriff. 

810. Aus der Voraussetzung jenes allgemeinen Horizonts 
und der durchgängigen Einteilung desselben entstehen zwei 
logische Grundsätze: 

1) Es giebt nicht verschiedene ursprüngliche und erste 
Gattungen, die gleichsam isoliert und voneinander ge- 
trennt wären, sondern alle mannigfidtigen Gattungen 
sind nur Abteilungen einer einzigen und obersten 
Gattung. 

2) Alle Verschiedenheiten der Arten grenzen aneinander 
und erlauben keinen Obergang zu einander durch einen 
Sprung, sondern nur durch alle kleineren Grade des 



128 Zweiter Teü. 

Unterschiedes, dadurch man von einer zu der andern 
gelangen kann. 

811. Das Gesetz der Homogeneität verhütet die An- 
nahme vieler ursprünglichen Gattungen und empfiehlt die 
Gleichartigkeit; das Gesetz der Varietät schränkt diese 
Neigung zur Einhelligkeit ein und gebietet Unterschei- 
dung; das Gesetz der Affinität vereinigt jene beiden, in- 
dem sie durch einen stufenartigen Übergang eine Art 
von Verwandtschaft der verschiedenen Zweige erzeugt, 
insofern sie aus einem Stamm entsprossen sind. 

812. Das logische Gesetz der Kontinuität der Formen setzt 
ein Transscendentales voraus, ohne welches der Verstand viel- 
leicht einen der Natur entgegengesetzten Weg nehmen würde. 
Man sieht es diesen Gesetzen an, dafs sie 

1) die Sparsamkeit der Grundursachen, 

2) die Mannigfaltigkeit der Wirkungen, 

3) die daher rührende Verwandtschaft der Glieder der 
Natur an sich selbst für vernunftmäfsig und der Natur 
angemessen voraussetzen. 

813. Diese Kontinuität der Formen ist aber eine blofse 
Idee, der ein kongruierender Gegenstand in der Erfahrung 
gar nicht aufgewiesen werden kann. 

690 814. Die Ordnung der Prinzipien der systematischen Ein- 
heit ist diese : 1) Mannigfaltigkeit, 2) Verwandtschaft, 3) Ein- 
heit; jede derselben aber als Idee, im höchsten Grade der 
Vollständigkeit genommen. , 

815. Das Merkwürdigste bei diesen Prinzipien ist dieses: 
dafs sie transscendental zu sein scheinen und gleichwohl ob* 
jektive Gültigkeit haben, ohne dafs man doch eine transscenden- 
tale Deduktion derselben zustande bringen kann. 

816. Frage. Wenn diese Prinzipien nun nicht konstitutiv 
sind, wie können sie denn für Gegenstände der Erfahrung 
objektive Gültigkeit haben, und was kann ihr regulativer Ge- 
brauch für eine Bedeutung haben? 

817. Antwort. Der Verstand macht für die Vernunft 
ebenso einen Gegenstand aus, als die Sinnlichkeit für den 
Verstand. Da nun jeder Grundsatz, der dem Verstände durch- 
gängige Einheit seines Gebrauchs a priori festsetzt, auch in- 
direkt von Gegenständen der Erfahrung gilt, so haben die 



Die transBcendentale Logik. 129 

Grundsätze der reinen Vernunft auch in Ansehung der Er- 
fahrung objektive Gültigkeit, aber nur, um das Verfahren an- 
zuzeigen, nach welchem der empirische Erfahrungsgebrauch 
des Verstandes mit sich selbst durchgängig zusammenstimmend 
werden kann. 

818. Alle subjektiven Grundsätze der Vernunft, die vom 
Interesse der Vernunft in Ansehung einer gewissen möglichen 
Vollkommenheit der Erkenntnis dieses Objekts hergenommen 
sind, sollen Maximen der Vernunft heifsen. 

819. Regulative Grundsätze können als objektive Prinzipien 
widerstreitend sein, als Maximen sind sie es nicht, sondern 
es ist ein blofs verschiedenes Interesse der Vernunft, das die 
Trennung der Denkungsart verursacht. 

820. 1. Beispiel. Bei dem einen Vernünftler vermag 
das Interesse der Mannigfaltigkeit mehr, bei einem andern das 
Interesse der Einheit. Ein jeder gründet, ohne dafs er es 
meint, sein Urteil auf seine gröfsere Anhänglichkeit an einen 
von beiden Grundsätzen. 

821. 2. Beispiel. Die kontinuierliche Stufenleiter der 695 
Geschöpfe ist nichts als eine Befolgung des auf dem Interesse 
der Vernunft beruhenden Grundsatzes der Affinität. 

Von der Endabsicht der natürlichen Dialektik der 
menschlichen Vernunft. 

822. Die Ideen der reinen Vernunft müssen ihre Bestim- 
mung haben; sie können nimmermehr an sich selbst dialek- 
tisch sein, sondern es blofs durch Mifsbrauch werden. 

823. Es mufs durchaus eine Deduktion von ihnen möglich 
sein, wenn sie einige obwohl nur unbestimmte objektive Gül- 
tigkeit haben sollen und nicht blofs leere Gedankendinge vor- 
stellen. 

824. Diese transscendentale Deduktion aller Ideen der 
spekulativen Vernunft besteht darin, dafs gezeigt wird, es sei 
eine notwendige Maxime der Vernunft, nach den Ideen zu 
verfahren, weil alle Kegeln des empirischen Gebrauchs der 
Vernunft unter Voraussetzung eines Gegenstandes in der Idee 
(eines heuristischen, aber nicht ostensiven Begriffs) auf 
systematische Einheit führen und die Erfahrungserkenntnis 

Meli in, M*rginaUen. 9 



130 Zweiter Teil. 

jederzeit erweitern, niemals aber derselben zuwider sein 
können. 
700 825. Verdeutlichung. 1) In der Psychologie müssen 
wir also innere Erscheinungen an dem Leitfaden der Erfah- 
rung 80 verknüpfen, als ob unser Gemüt eine einfache Sub- 
stanz wäre. 2) In der Kosmologie müssen wir alle Be- 
dingungen der Erscheinungen in einer nirgend zu vollendenden 
Untersuchung verfolgen, als ob sie unendlich wäre. 3) In der 
Theologie müssen wir alles, was zur Erfahrung gehört, so 
betrachten, als ob die Erfahrung eine absolute Einheit aus- 
mache, aber auch, als ob der Inbegriff aller Erfahrung (die 
Sinnenwelt) seinen obersten Grund aufser seinem Umfange 
habe. 

826. Diese Ideen können nicht objektiv genommen werden 
(obwohl kein positives Hindernis dawider ist), weil wir 
uns durch sie blofs etwas denken, wovon wir, was es an sich 
selbst sei, gar keinen Begriff haben. Wir denken uns aber 
daran doch ein Verhältnis zu dem Inbegriff der Erscheinungen, 
das demjenigen analogisch ist, welches die Erscheinungen 
untereinander haben. 

827. Wenn wir demnach solche idealische Wesen annehmen, 
so erweitern wir nur die empirische Einheit der Erfahrung 
durch die systematische Einheit, wozu uns die Idee das Schema 
giebt, welche mithin blofs als regulatives Prinzip gilt. 

828. So ist der transscendentale Begriff von Gott deistisch, 
d. i. die Vernunft giebt dadurch uns die Idee von etwas an die 
Hand, worauf alle empirische Realität ihre höchste und not- 
wendige Einheit gründet. 

829. Daher berechtigt uns zwar das spekulative Inter- 
esse der Vernunft, von dem Begriff von Gott auszugehen, 
aber nicht die Einsicht der Vernunft. 

830. Wir haben Grund, Gott relativ, aber nicht schlecht- 
hin anzunehmen, d. h. lediglich um die Idee von Gott (als 
eines Wesens, das durch die Ideen von der gröfsten Harmonie 
und Einheit Ursache vom Weltganzen ist) zum Schema des 
regulativen Prinzips des gröfstmöglichen empirischen Gebrauchs 
der Vernunft zu machen. 

831. Es ist ein blofses Etwas in der Idee, wovon wir, was 
es an sich sei, keinen Begriff haben, so dafs wir auch von 



Die transBcendentale Logik. 131 

der absoluten Notwendigkeit eines Urwesens nie den min- 
desten Begriff haben können. 

832. Resultat der ganzen transscendentalen Dia- 
lektik: die reine Vernunft ist blofs beschäftigt, die Ver- 
standeserkenntnisse zur Einheit des Zusammenhanges in einem 
Prinzip (des Vernunftbegriffs) zu bringen, und das Prinzip 
einer solchen systematischen Einheit ist auch objektiv, aber 
auf unbestimmte Art, als regulativer Grundsatz, den em- 
pirischen Gebrauch der Vernunft ins Unendliche zu befördern. 

833. Der Gegenstand einer Idee der Vernunft ist ein Ver- 
nunftwesen und wird also nur problematisch zu Grunde 
gelegt, um alle Verknüpfung der Dinge der Sinnenwelt so an- 
zusehen, als ob sie in einem solchen Vernunftwesen ihren 
Grund hätten. 

834. Diese transscendentalen Dinge sind die Schemate der 
regulativen Prinzipe, wodurch die Vernunft, so viel an ihr ist, 
systematische Einheit über alle Erfahrung verbreitet. 

835. Das erste Objekt einer solchen Idee bin ich selbst, 7io 
als denkende Natur (Seele) betrachtet. Die Vernunft nimmt 
nämlich den Begriff der empirischen Einheit alles Denkens 
und macht dadurch, dafs sie diese Einheit unbedingt und ur- 
sprünglich denkt, aus demselben eine Idee, die also blofs 
relativ auf den systematischen Vernunftgebrauch in Ansehung 
unserer Seele gilt. Dadurch werden nun alle windigen Hypo- 
thesen abgehalten, aber auch keine vermeintliche Erkenntnis 
von einer geistigen Natur der Seele möglich gemacht. 

836. Das zweite Objekt einer solchen Idee ist die Natur 
überhaupt (die Welt) und die Vollständigkeit der Bedingungen 
in derselben. Die Vernunft denkt sich diese Vollständigkeit 
und macht daher eine Idee, die also nichts als ein regulatives 
Prinzip ist. 

837. Das dritte Objekt einer solchen Idee ist die all- 
genugsame Ursache aller kosmologischen Reihen (Gott). Die 
Vernunft macht sich diese Idee, um alle Verknüpfung der 
Welt so zu betrachten, als wäre sie aus einer einzigen Ursache 
entsprungen. Sie hat also hier blofs ihre eigene formale Regel 
in Erweiterung ihres empirischen Gebrauchs zur Absicht 

838. Die höchste Einheit der Dinge, welche allein auf Ver- 
nunftbegriffen beruht, ist ihre zweckmäfsige Einheit. Es 

9» 



132 ZMitar T«iL 

ist aber ein blofb regulatives Prinzip, nach welchem wir überall 
einen teleologischen Zusammenhang erwarten^ aber 
freilich oft nur einen mechanischen oder physischen 
finden können. 

839. Halten wir aber die Idee von Gott für ein konstitu- 
tives Prinzip, so entstehen Fehler. 

840. Der erste Fehler ist die faule Vernunft. So 
kann man jeden Grundsatz nennen, welcher macht, dafs man 
eine Naturuntersuchung für schlechthin vollendet ansieht. 

720 841. Der zweite Fehler ist die verkehrte Vernunft. 
So kann man jeden Grundsatz nennen, welcher macht, dafs 
man idealische Wesen realisiert und dadurch die Natureinheit 
zerstört, die durch die Ideen bewirkt werden soll. 

842. Das regulative Prinzip der systematischen Einheit der 
Vernunft fiir ein konstitutives zu nehmen heifst also die Ver- 
nunft verwirren, denn die Naturforschung geht ihren Gang 
ganz allein an der Kette der Naturursachen fort. 

843. Die Idee einer vollständigen zweckmäfsigen Einheit 
(Vollkommenheit) ist mit dem Wesen unserer Vernunft not- 
wendig verbunden. Sie ist also für uns gesetzgebend, und so 
ist es sehr natürlich, eine ihr korrespondierende gesetz- 
gebende Vernunft anzunehmen. 

844. Jetzt können wir nun die dem ersten Anschein nach 
kühne Behauptung bestätigen: dafs alle Fragen, welche die 
reine Vernunft aufwirft, beantwortbar sein müssen in Ansehung 
der beiden Fragen, bei denen die Vernunft das gröfste Inter- 
esse hat. 

845. Die Frage über den Welturheber mag jetzt zum Bei- 
spiel dienen, dienn die andere über die Seele wird ebenso be- 
handelt. Es giebt einen Welturheber, denn die Welt ist eine 
Summe von Erscheinungen, und also mufs ein blofs dem reinen 
Verstände denkbarer Grund derselben sein. Von diesem Wesen 
wissen wir nicht, was es an sich selbst sei, denn als ein Ding 
an sich erscheint es nicht, und die Kategorien gehen nur auf 
Erscheinungen und haben ohne Anschauung keinen Inhalt. 
Dieses Wesen dürfen wir nach einer Analogie mit den 
Gegenständen derErfahrung (sogar nach Anthro- 
pomorphismen) denken, aber nur als Idee, relativ auf den 
systematischen Gebrauch der Vernunft in Ansehung der Dinge 
in der Welt. 



Die transBcendentale Logik. 133 

846. Wir müssen einen einigen, weisen, allgewaltigen Welt- 725 
urheben voraussetzen. Diese Idee ist respektiv auf den Welt- 
gebrauch unserer Vernunft gegründet. 

847. Diesei Idee eines höchsten Wesens war von der Ver- 
nunft zu Grunde gelegt, um in der vernünftigen Weltbetrach- 
tung davon Gebrauch zu machen, und es mufs uns folglich 
einerlei sein, zu sagen, Gott hat es weislich so gewollt oder 
die Natur hat es also weislich geordnet. 

848. Also lege ich nicht das Dasein und die Kenntnis 
eines solchen Wesens, sondern nur die Idee desselben zu 
Grunde und leite also eigentlich nichts von diesem Wesen, 
sondern blofs von der Idee desselben, d. i. von der Natur der 
Dinge der Welt nach einer solchen Idee ab. 

849. So enthält die reine Vernunft, wenn wir sie recht 
verstehen, nichts als regulative Prinzipien, die, wenn man sie 
mifsversteht und für konstitutive Prinzipien hält, ewige Wider- 
sprüche und Streitigkeiten hervorbringen. 



850. So fängt denn alle menschliche Erkenntnis mit An- 730 
schauungen an, geht von da zu Begriffen und endigt mit 
Ideen, und die Kritik derselben hat uns gelehrt, dafs aufser- 
halb der Erfahrung für uns nichts als leerer Baum sei und 
dafs alle reinen Begriffe und Ideen nur objektive Gültigkeit 
für das Feld der Erfahrung haben; auch ist die Ursache des 
Scheins aufgedeckt worden, wodurch selbst der Vernünftigste 
hintergangen wird. 



n. 

Transscendentale Methodenlehre. 



735 851. Nachdem die MateriaUen in der Elementarlehre be- 
stimmt worden, so kommt es nun noch darauf an, den Plan 
zu entwerfen, nach welchem sie verarbeitet werden 'müssen. 

852. Die transscendentale Methodenlehre ist die 
Bestimmung der formalen Bedingungen eines vollständigen 
Systems der reinen Vernunft. Sie besteht aus vier Stücken : 

1) der Disziplin 

2) dem Kanon 

3) der Architektonik 

4) der Geschichte 



der reinen Vernunft. 



Der transscendentalen Methodenlehre 
Erstes Hauptstück. 

Die Disziplin der reinen Vernunft. 

853. Das dem Inhalt nach negative Urteil bedarf 
beinahe einer Apologie, um ihm Gunst und Hochschätzung zu 
verschaffen. 

854. Das eigentümliche Geschäft desselben ist, den Irrtum 
abzuhalten; daher negative Sätze vor einer Erkenntnis, bei 
der kein Irrtum möglich ist, zwar wahr, aljer leer (zweck- 
widrig) sind. 

855. Wo aber ein Irrtum möglich ist, da dienen sie zur 
Disziplin der Vernunft. Diese ist der Zwang, wodurch der 
beständige Hang, von gewissen Kegeln abzuweichen, einge- 
schränkt und endlich vertilgt wird. 



TransBcendentale Methodenlehre. 135 

856. Dafs die Vernunft einer Disziplin bedürfe, befremdet, 
und in der That ist sie auch bisher einer solchen Demütigung 
entgangen, weil bei der Feierlichkeit, womit sie auftritt, nie- 
mand argwohnte, dafs auch sie Worte für Sachen gebe. 

857. Im empirischen Gebrauche bedarf es nicht einmal 
einer Kritik der Vernunft, weil sie an der Erfahrung ihren 
Probierstein hat, allein in dem transscendentalen Gebrauche 
der Vernunft nach blofsem Begriflfe ist eine Disziplin not- 
wendig. 

858. Hier soll aber nur die Disziplin der reinen Vernunft 740 
in Ansehung der Methode der Erkenntnis aus reiner Vernunft 
abgehandelt werden, denn in Ansehung des Inhalts ist sie 
schon in der Elementarlehre abgehandelt worden. 

Der Disziplin der reinen Vernunft 

Erster Abschnitt. 

Die Disziplin der reinen Vernunft im dogmatischen 
Gebrauche. 

859. Frage: Ist die Methode, zur apodiktischen Gewifsheit 
zu gelangen, die man die mathematische nennt, mit der- 
jenigen einerlei, womit man die nämliche Gewifsheit in der 
Philosophie sucht (der dogmatischen)? 

860. Die mathematische Erkenntnis ist die Vernunft- 
erkenntnis aus der Konstruktion der Begriffe, die philo- 
sophische Erkenntnis aber ist die Vernunfterkenntnis aus 
blofsen Begriffen (ohne alle Konstruktion). 

861. Der Unterschied zwischen beiderlei Erkenntnis besteht 
darin, dafs die philosophische das Besondere nur im All- 
gemeinen, die mathematische das Allgemeine im Beson- 
deren, ja gar im Einzelnen betrachtet. • 

862. Der bisherige Unterschied, den man zwischen Mathe- 
matik und Philosophie macht, ist falsch, denn man kann auch 
über Gröfsen philosophieren, aber die philosophische Behand- 
lung derselben ist sehr verschieden von der mathematischen. 

863. Beispiel aus der Geometrie. Man gebe dem 
Philosophen den Begriff eines Triangels, er wird daraus nicht 
ausmachen können, wie sich die Summe seiner Winkel zu 
einem rechten verhalte. 



136 Transscendentale Methodenlebre. 

745 864. Beispiel aus der Arithmetik. Die Mathematik 
konstruiert aber auch die blofse Gröfse, wie in der Buch- 
stabenrechnung, wobei sie Yon der Beschaffenheit des Gegen- 
standes gänzlich abstrahiert. 

865. Die Ursache der Verschiedenheit zwischen Philosophie 
und Mathematik ist also, dafs es in der Mathematik auf syn- 
thetische Sätze a priori ankommt. 

866. Äufser der transscendentalen Synthesis aus Begriffen 
aber, wodurch Erfahrung möglich wird, ist alle Synthesis 
a priori über die Kräfte der Philosophie. 

867. Frage. Was ist nun die Ursache, die einen solchen 
zwiefachen Vemunftgebrauch notwendig macht, und an welchen 
Bedingungen erkennt man, welcher von beiden stattfinde? 

866. Antwort. Alle unsere Erkenntnis bezieht sich auf 
mögliche Anschauung, denn durch diese wird der Gegenstand 
gegeben. Nun erhält ein Begriff a priori entweder schon 
eine reine Anschauung in sich, und dann kann er konstruiert 
werden, oder er enthält nichts als die Synthesis möglicher 
Anschauungen, die a priori nicht gegeben sind, und dann 
kann man durch ihn synthetisch und a priori nach Begriffen 
urteilen. 

867. Fortsetzung: Nun ist von aller Anschauung keine 
a priori gegeben, als die blofse Form der Erscheinungen, 
Baum und Zeit, und also läfst sich ein Begriff von diesen als 
Quantis konstruieren. Die Materie der Erscheinungen aber 
kann nur a posteriori vorgestellt werden. Blofs der Begriff 
des Dinges überhaupt stellt a priori den empirischen Gehalt 
der Erscheinungen vor, aber die synthetische Erkenntnis von 
demselben a priori ist auch blofs die Kegel der Synthesis 
alles Empirischen. 

868. Transscendentale Sätze können nicht konstruiert, son- 
dern nur nach Begriffen a priori vorgestellt werden. Sie ent- 
halten blofs Regeln für die Wahrnehmungen. 

760 869. Beispiel: Den mathematischen Begriff eines Tri- 
angels kann man a priori in der Anschauung geben und 
auf diesem Wege eine synthetische, aber rationale 
(mathematische) Erkenntnis bekommen. Den empirischen Be- 
griff des Goldes kann man zergliedern und so eine ana- 
lytische, aber rationale (logische, philosophische) Erkennt- 



TransBcendentale Methodenlehre. 137 

nis erhalten. Man kann aber auch mit der Materie des Goldes 
Wahrnehmungen anstellen und dadurch eine synthetische, 
aber empirische (mechanische) Erkenntnis erlangen. Man 
kann endlich den transscendentalen Begriff der Realität durch 
Begriffe denken und so eine synthetische, aber rationale 
Erkenntnis durch Begriffe (material- philosophisch -transscen- 
dentale) erhalten. Der transscendentale Begriff einer Realität 
bezeichnet nämlich blofs dieSynthesis der empirischen An- 
schauungen, aus ihm kann also auch nur ein Grundsatz der 
Synthesis möglicher empirischer Anschauung entspringen. 

870. So giebt es denn einen doppelten Vernunftgebrauch, 
1) den nach Begriffen (der philosophische), durchweichen 
wir nichts a priori haben, als unbestimmte Begriffe der Syn^ 
thesis möglicher Empfindungen, und 2) den durch Kon- 
struktion derBegri f f e (der mathematische), durch welche 
wir uns im Raum und in der Zeit durch gleichförmige Syn- 
thesis die Gegenstände selbst schaffen, indem wir sie blofs als 
Quanta betrachten. 

871. Aus den glücklichen Fortschritten der Mathematik 
hat man nun unrichtig gefolgert, dafs es auch aufser dem 
Felde der Gröfsen gelingen werde, durch die mathematische 
Methode viel auszurichten, weil man nicht an den spezifischen 
Unterschied des einen Vernunftgebrauchs und des andern 
dachte. 

872. Daher soll nun noch gezeigt werden, dafs die Befol- 
gung der mathematischen Methode in der Philosophie nicht 
den mindesten Vorteil verschaffen kann. 

873. Die Gründlichkeit der Mathematik beruht auf Defi- 
nitionen, Axiomen und Demonstrationen. Von allen 
diesen Stücken soll gezeigt werden, dafs sie die Philosophie 
nicht liefern könne, dafs also weder mathematische Methode 
in der Philosophie, noch philosophische in der Mathematik 
möglich sei. 

874 1) Definitionen. Definieren soll heifsen, den 755 
ausführlichen Begriff eines Dinges innerhalb seiner Grenzen 
ursprünglich darstellen. Ein empirischer Begriff kann 
also nicht definiert, sondern nur expliziert werden, denn 
1) kann er nicht ausführlich, 2) nicht innerhalb seiner Grenzen 
dargestellt werden, 3) ist es auch nicht nötig, weil es genug 
ist, ihn zu bezeichnen und so das Wort zu bestimmen, das 



138 TranBBcendentftle Methodenlehre. 

ihn ausdrückt. Auch ein a priori gegebener Begriff kann 
nicht definiert, sondern nur exponiert werden, denn er kacix 
nicht ausführlich dargestellt werden; der Kritiker läfst die 
Exposition immer nur auf einen gewissen Grad gelten. Will- 
kürlich gedachte Begriffe kann ich zwar definieren, aber 
da ich nicht weifs, ob sie einen wirklichen Gegenstand haben, 
so ist es besser, man nennt das Deklarieren. Folglich 
können blofs solche Begriffe definiert werden, die eine will- 
kürliche Synthesis enthalten, welche a priori konstruiert wer- 
den kann. Da die deutsche Sprache nur das Wort Erklä- 
rung fiir alle vier Worte hat, so mag das Wort Exposition 
für alle philosophischen Erklärungen gelten. Hieraus 
folgt: 

875. a) dafs man in der Philosophie nicht die Definitionen 
voranschicken müsse, als nur etwa zum blofsen Versuche, 
denn in der Philosophie ist der Begriff gegeben, und man 
kann erst nach und nach zur vollständigen Exposition 
gelangen, in der Mathematik aber wird der Begriff durch die 
Definition gegeben; 

876. b) dafs mathematische Definitionen nie irren, 
aber wohl in der Form fehlerhaft sein können, weil der Be- 
griff durch die Definition zuerst gegeben wird, obwohl zuweilen 
nicht präzis genug. Analytische Definitionen können dagegen 
auf vielfältige Art irren, z. B. Merkmale haben, die nicht im 
Begriff liegen u. s. w. um deswillen läfst sich die Methode 
der Mathematik im Definieren nicht nachahmen. 

760 877. 2) Axiome. Diese sind synthetische Grundsätze 
a priori, sofern sie unmittelbar gewifs sind. Ein Begrijff 
aber läfst sich nicht mit einem andern unmittelbar ohne 
ein drittes vermittelndes Erkenntnis verbinden. Folglich giebt 
es in der Philosophie keine Axiome, aber wohl in der Mathe- 
matik, in der die Begriffe durch die Konstruktion in der An- 
schauung unmittelbar verknüpft werden können. Diskur- 
sive Grundsätze sind also ganz etwas anderes als Axiome, 
denn sie erfordern jederzeit noch eine Deduktion. Der Grund- 
satz der Axiome der Anschauung ist selbst diskursiv und nur 
das Prinzip der Möglichkeit der Axiome. 

878. 3) Demonstrationen. Diese sind apodiktische 
Beweise, sofern sie intuitiv sind. Erfahrung lehrt uns nie, 



Transscendentale Methodenlehre. 139 

dafs etwas nicht anders sein könne, daher können Erfahrungs- 
heweise nicht apodiktisch und also keine Demonstrationen 
sein. Aus Begriffen a priori aber kann keine intuitive Ge- 
wifsheit, d. i. Evidenz entspringen, aber wohl aus kon- 
struierten Begriffen in der Mathematik. Die Philosophie hat 
daher nur akroamatische (diskursive) Beweise. 

879. Aus allem diesen folgt nun, dafs es sich für die Natur 
der Philosophie nicht schicke, zu dogmatisieren. Das gelingt 
nie. Die Vernunft wird also in ihren transscendentalen Ver- 
suchen nicht so zuversichtlich fortschreiten können wie die 
Mathematik. 

880. Man kann alle apodiktischen Sätze in Dogmata und 
Mathemata einteilen. Die ersteren sind direkt synthetische 
Sätze aus Begriffen, die anderen aus der Konstruktion der 
Begriffe. 

881. Die ganze reine spekulative Vernunft enthält kein 
Dogma, denn durch Ideen ist sie keiner synthetischen Urteile 
fähig, und durch Kategorieen errichtet sie Grundsätze, die 
aber nur in Beziehung auf etwas Zufälliges, nämlich mögliche 
Erfahrung gültig sind. 

882. Alle dogmatische Methode im spekulativen Gebrauch 765 
der Vernunft ist folglich unschicklich; denn sie verbirgt nur 
die Fehler und Irrtümer und täuscht die Philosophie. Gleich- 
wohl kann die Methode immer systematisch sein. 

Des ersten Hauptsttickes 
Zweiter Abschnitt. 

Die Disziplin der reinen Vernunft in Ansehung ihres 
polemischen Gebrauchs. 

883. Die Vernunft mufs sich in allen ihren Unterneh- 
mungen der Kritik unterwerfen, die kein Ansehen der Person 
kennt, sondern alles prüft, es mag noch so wichtig und heilig 
sein. 

884. Die reine Vernunft im dogmatischen Gebrauch mufs 
die Kritik (den Richter) scheuen, weil sie ihre obersten Ge- 
setze nicht genau genug beobachtet. 

885. Soll sie sich aber verteidigen (gegen den Mitbürger), 
so findet hier, da der angreifende Teil ebensowohl dogmatisch 



140 Truisscendentale Methodenlehie. 

wird, obwohl im Verneinen, eine Rechtfertigung xar at^d-Qwnoy 
statt, die xar äXrjd'Har nicht hinreicht. 

886. Der polemische Gebrauch der reinen Vernunft ist die 
Verteidigung ihrer Sätze gegen die dogmatischen Verneinungen 

. derselben. 

887. Dafs es eine wirkliche Antithetik der reinen Ver- 
nunft geben sollte, wäre traurig; die obige war nur schein- 
bar, weil sie darauf beruhte, dafs man Erscheinungen für 
Dinge an sich hielt. 

888. Die Antithetik wäre wirklich, wenn es der Ver- 
stand mit Dingen an sich und nicht mit Erscheinungen zu 
thun hätte. 

889. Es kann zwar nie eine Demonstration der zwei Sätze: 
es ist ein Gott und ein zukünftiges Leben gefunden, 

770 allein das Gegenteil derselben auch nie bewiesen werden, denn 
woher wollte man die Kenntnis zur Behauptung solcher syn- 
thetischen Sätze nehmen, die alle Erfahrung übersteigen. 
Hängen aber solche Sätze mit dem spekulativen Interesse 
unserer Vernunft zusammen und sind sie die einzigen Mittel, 
dasselbe mit dem praktischen Interesse der Vernunft zu ver- 
einigen, so kann man sie ganz wohl als subjektive Maximen 
der Vernunft annehmen, ohne dafs schulgerechte Beweise da- 
für nötig sind. 

890. Auf solche Weise giebt es eigentlich gar keine (wirk- 
liche) Antithetik der reinen Vernunft, denn der einzige Kampf- 
platz fiir sie würde die reine Theologie und Psychologie sein, 
in welchen es keine objektive Erkenntnis geben kann. 

891. Aber die forschende sowohl, als pTÜfende Ver- 
nunft mufs Freiheit haben, damit sie ungehindert ihr eigenes 
Interesse besorgen kann, sowohl in der Beschränkung als Er- 
weiterung ihrer Einsichten. 

892. Es bleibt uns immer noch genug übrig, wenn auch 
das Wissen aufgegeben weräen mufs, nämlich ein fester 
Glaube, der sich vor der schärfsten Vernunft rechtfertigen 
kann. 

893. Darum müssen aber Hume imd Priestley nicht 
verdammt werden, da der erste die Absicht hatte, die Vernunft 
in der Selbsterkenntnis (ihrer Schwäche) weiter zu bringen, 
der zweite, alle Gegenstände den Gesetzen der materidllen 
Natur zu unterwerfen. 



Transscendentale Methodenlehre. 141 

894. Vielmehr kann man, wenn ein Gegner gegen solche 
Sätze auftritt, die für die Vernunft das höchste Interesse 
haben, anstatt mit dem Schwerte drein zu schlagen, dem 
Streite von dem sicheren Sitze der Kritik ruhig zusehen. 

895. Die Vernunft bedarf sogar eines solchen Streits, denn 775 
wäre er eher geführt worden, so wäre auch eine reife Kritik 
eher zustande gekommen. 

896. Es giebt eine gewisse Unlauterkeit in der mensch- 
lichen Natur, nämlich eine Neigung, seine wahren Gesinnungen 
zu verhehlen und angenommene zur Schau zu tragen. 

897. Diese Unlauterkeit findet sich auch im spekulatiyen 
Felde, und hier ist sie den Einsichten höchst nachteilig. 

898. Bei der entgegengesetzten Lauterkeit der Gesinnung 
mufs es gar keine Polemik der reinen Vernunft geben, weil 
beide über Gegenstände streiten würden, über die es keine 
objektive Erkenntnis geben kann. 

899. Man kann die Kritik der reinen Vernunft als den 
wahren Gerichtshof für alle Streitigkeiten derselben betrachten, 
denn sie ist dazu bestimmt, die Gerechtsame der Vernunft zu 
beurteilen. 

900. Vor diesem Gerichtshof mufs die Vernunft ihren Streit 
durch Prozefs und nicht durch Krieg führen. 

901. Der dogmatische Verteidiger der guten Sache verdient 780 
nicht gelesen zu werden, weil er nur Scheingründe vorbringen 
kann und ein alltäglicher Schein nicht viel Stoff zu neuen 
Bemerkungen giebt. Aber der dogmatische Gegner der guten 
Sache verdient gelesen zu werden, weil er der Kritik Be- 
schäftigung und Anlafs zu Berichtigungen giebt und seine 
Gründe als Scheingründe nicht zu fürchten sind. 

902. Einwurf. Aber die Jugend, welche dem akademischen 
Unterricht anvertraut ist, mufs doch davon abgehalten werden, 
solange die Lehre, welche in ihnen gegründet werden soll, 
noch nicht eingewurzelt ist. 

903. Antwort. Wenn nun aber in der Folge Neugierde 
oder der Modeton des Zeitalters der Jugend solche Schriften 
in die Hände spielt, wird alsdann jene jugendliche Überredung 
Stich halten? 

904. Gerade das Gegenteil von 902 mufs geschehen, aber 
freilich erst dann, wenn ein gründlicher Unterricht in der 
Kritik der reinen Vernunft vorangegangen ist. 



142 TransBcendentale Methodenlehre. 

905. So giebt es demnach keine eigentliche Polemik im 
Felde der reinen Vernunft; beide Gegner sind immer Luft- 
fechter. 
785 906. Aber es giebt auch keinen Grundsatz der Neutrali- 
tät im Felde der reinen Vernunft, nach welchem man es bei 
den Zweifeln bewenden lassen könnte, ohne den Streit zu ent- 
scheiden. 

Von der Unmöglichkeit einer skeptischen Befriedigung 
der mit sich selbst veruneinigten reinen Vernunft. 

907. Das Bewufstsein unserer Unwissenheit ist die eigent- 
liche Ursache, Untersuchungen zu erwecken, entweder nämUch 
sie aufzuheben oder ihre Quellen zu entdecken, um zu er- 
fahren, ob sie schlechterdings notwendig oder zufällig sei. 

908. Der Inbegriff aller möglichen Gegenstände für unsere 
Erkenntnis scheint uns eine Ebene zu sein, die ihren schein- 
baren Horizont hat. Diesen empirisch zu erreichen ist un- 
möglich; ihn a priori zu bestimmen, dazu waren bisher alle 
Versuche vergeblich, und doch gehen die Fragen der Vernunft 
immer auf das, was aufserhalb dieses Horizonts oder in seiner 
Grenzlinie liegen möge. 

909. David Hume war ein solcher Geograph der mensch- 
lichen Vernunft, der diese Fragen alle aufserhalb diesen Hori- 
zont verwies, den er doch nicht bestimmen konnte. 

910. Der erste Schritt in Sachen der Vernunft ist dogma- 
tisch (im Kindesalter der Vernunft); der zweite ißt skeptisch 
(der Schritt des Hume, im Jünglingsalter der Vernunft); der 
dritte ist kritisch (im gereiften männlichen Alter). 

790 911. Unsere Vernunft ist nicht eine unbestimmbar weit 
ausgebreitete Ebene, deren Schranken man nur so überhaupt 
erkennt, sondern einer Sphäre gleich, deren Halbmesser sieb 
aus der Krümmung des Bogens auf ihrer Oberfläche (der 
Natur synthetischer Sätze a priori) findet, daraus sich denn 
auch der Inhalt und die Begrenzung derselben mit Sicherheit 
angeben läfst. 

912. Wir sind im Besitz synthetischer Erkenntnis a priori. 
Kann sich jemand die Möglichkeit derselben nicht begreiflich 
machen , so mag er anfangs zweifeln , aber er darf es nicht 
dabei bewenden lassen, denn er mufs doch Rechenschaft geben 



Transscendentale Methodenlehre. 143 

können, wie die Vernunft auf den erdichteten Begriff solcher 
Erkenntnis kommt. 

913. Alles skeptische Polemisieren ist eigentlich nur wider 
den Dogmatiker gekehrt, um ihn zur Selbsterkenntnis zu 
bringen, aber dadurch, dafs man die Facta der Vernunft der 
Prüfung und dem Tadel unterwirft, welches die Zensur der 
Vernunft heifsen kann, bringt man die Streitigkeiten über 
ihre Gerechtsame nicht zu Ende. 

914. Es verlohnt sich wohl der Mühe, den Gang der Schlüsse 
des Hume zu untersuchen, da er vielleicht der geistreichste 
unter allen Skeptikern ist. 

915. Hume hatte es vielleicht in Gedanken, dafs wir in 
Urteilen von gewisser Art (synthetischen) über unseren Begriff 
vom Gegenstande hinausgehen. Nun unterschied er nicht reine 
Verstandesurteile durch Kategorieen zum Behuf der Erfahrung 
und Vernunfturteile durch Ideen zum immanenten oder trans- 
scendenten Gebrauche und verwarf daher alle synthetischen 
Urteile a priori als unmögliche und blofs eingebildete Sätze, 
die aus dem, was man in empirischen Sätzen zu finden ge- 
wohnt sei, zusammengesetzt würden und denen man daher 
eine eingebildete Notwendigkeit und Allgemeinheit beilege, 
z. B. den Satz des zureichenden Grundes. 

916. Die skeptischen Verirrungen dieses äufserst scharf- 795 
sinnigen Mannes entsprangen daraus, dafs er nicht alle Arten 
der Synthesis des Verstandes a priori systematisch übersah, 
sonst würde er dem a priori sich erweiternden Verstände und 
der reinen Vernunft bestimmte Grenzen haben vorzeichnen 
können. 

917. Da er auch zwischen den gegründeten Ansprüchen 
des Verstandes und den dialektischen Anmafsungen der Ver- 
nunft keinen Unterschied kennt, so kann die Vernunft durch 
ihn von ihren Versuchen niemals ganz abgebracht werden. 

918. Wider den unkritischen Dogmatiker aber ist der 
Skeptizismus nicht nur gefährlich, sondern ihm sogar ver- 
derblich. 

919. So wird denn also hier nicht der Skeptizismus, son- 
dern die skeptische Methode verteidigt, weil sie die Ver- 
nunft nötigt, auf gründliche Mittel zu denken, sich in ihrem 
rechtmäfsigen Besitz zu sichern. 



144 TransBcendentale Methodenlehre. 

Des ersten Hauptstückes 

Dritter Abschnitt. 

Die Disziplin der reinen Vernunft in Ansehung der 
Hypothesen, 

920. Frage. Sollte uns nicht etwa die Vernunft ein 
weites Feld zu Hypothesen eröffnen, da es wenigstens ver- 
gönnt ist, zu dichten und zu meinen, wenngleich nicht 
zu behaupten? 

921. Hypothese ist eine Meinung, die mit dem, was 
wirklich gegeben und folglich gewifs ist, als Erklärungsgrund 
in Verknüpfung gebracht wird. 

Das erste erforderliche Stück zur Annehmungswürdigkeit 
derselben ist aber die Möglichkeit des Gegenstandes. 

922. Es ist nicht erlaubt, sich gleichsam die Möglichkeit 
eines Dinges zu schaffen, weil dergleichen Begriffe ohne Gegen- 
stand sein würden, z. B. eine Substanz ohne ündurchdring- 
lichkeit im Räume. 

923. Geht man davon ab, dafs die Ideen blofs proble- 
matisch gedacht werden zu regulativen Prinzipien, so sind 
es blofse Gedankendinge, deren Möglichkeit nicht er- 
weislich ist und die daher auch nicht der Erklärung wirk- 
licher Erscheinungen durch eine Hypothese zu Grunde gelegt 
werden können. 

800 924 Eine transscendentale Hypothese ist ein 
Prinzip der faulen Vernunft (840), um in einer blofsen 
Idee, die der Vernunft sehr bequem ist, zu ruhen; überdem 
würde sie nicht zur Beförderung des Verstandesgebrauchs in 
Ansehung der Gegenstände dienen. 

925. Sie kann gar nicht verstattet werden: 

1) weil die Vernunft dadurch gar nicht weiter gebracht 
wird, sondern vielmehr den ganzen Fortgang ihres 
Gebrauches abschneidet, 

2) weil diese Lizenz sie zuletzt um alle Früchte der Er- 
fahrung bringen müfste. 

926. Das zweite erforderliche Stück zur Annehmungs- 
würdigkeit einer Hypothese ist die Zulänglichkeit der- 
selben. Wenn man zur Unterstützung einer Hj^othese neue 



Transscendentftle Methodenlehre. 145 

herbeirufen mufs, so sieht alles einer Erdichtung ähnlich. 
So bedarf die Hypothese von einer unbeschränkt yoUkommenen 
Ursache der Welt neue, um die Abweichungen und Übel zu 
erklären. 

927. Meinen ist im Felde der reinen Vernunft nicht er- 
laubt, sondern soviel, als mit Gedanken spielen, es müfste 
denn sein, dafs man von einem unsicheren Wege des Urteils 
blofs die Meinung hätte, vielleicht auf ihm die Wahrheit 
zu finden. 

928. Im polemischen Gebrauche der reinen Vernunft 
hingegen sind Hypothesen zulässig, um sich zu verteidigen, 
d. h. die Scheineinsichten des Gegners zu vereiteln, welche 
unserem behaupteten Satze Abbruch thun sollen. 

929. Dieser Gegner im Felde der reinen Vernunft ist in 80& 
uns selbst; denn spekulative Vernunft in ihrem transscenden- 
talen Gebrauche ist an sich dialektisch. Äufsere Ruhe ist 
nur scheinbar. 

930. I.Beispiel. Zur vollständigen Rüstung gegen diesen 
Gegner gehören nun auch Hypothesen, z. B. gegen die Schwierig- 
keit, dafs unsere Geisteskräfte von den Organen abzuhängen 
scheinen, die Hypothese, dafs der Körper die Fundamental- 
erscheinung sei, also nicht die Ursache, sondern blofs eine 
restringierende Bedingung des Denkens. Die Trennung vom 
Körper sei das Ende dieses sinnlichen Gebrauches unserer 
Erkenntniskraft und der Anfang des intellektuellen. 

931. 2. Beispiel. Gegen den Einwurf von der Zufällig- 
keit der Zeugungen wider die ewige Fortdauer kann man die 
transscendentale Hypothese aufbieten, dafs alles Leben eigent- 
lich nur intelligibel und den Zeitveränderungen gar nicht 
unterworfen sei. 

932. Im Ernst lassen sich solche Hypothesen nicht be- 
haupten. Alles dieses ist nicht einmal Vernunftidee; aber es 
ist doch vernunftmäfsig, so zu verfahren, um dem Gegner zu 
zeigen, dafs man blofsen Möglichkeiten immer wieder andere 
Möglichkeiten entgegensetzen könne. 

933. Nur gegen transscendentale Anmafsungen haben 
solche Hypothesen Gültigkeit. Was reine Vernunft behauptet, 
mufs notwendig sein, oder es ist gar nichts. Demnach enthält 
sie in der That gar keine Meinungen. Die gedachten Hypo- 

M e 1 1 i n , Marginalien. \Q 



146 TnmssGendentale Methodeolehre. 

thesen sind nur problematische Urteile, die weder bewiesen 
noch widerlegt werden können, und in dieser Qualität mufs 
man sie erhalten. 

810 Des ersten Hauptstückes 

Vierter Abschnitt 

Die Disziplin der reinen Vernunft in Ansehung ihrer 

Beweise. 

934. Die Beweise transscendentaler und synthetischer Sätze 
haben das Eigentümliche an sich, dafs sich die Vernunft bei 
ihnen vermittels ihrer Begriflfe nicht geradezu an den Gegen- 
stand wenden darf, sondern zuvor die objektive Gültigkeit der 
Begriflfe und die Möglichkeit der Synthesis derselben a priori 
untersuchen mufs. Diese Regel betriflft das Wesen* und die 
Möglichkeit der Beweise selbst. Der Beweis zeigt immer^ 
dafs die Erfahrung ohne eine solche Verknüpfung nicht mög- 
lich wäre. 

936. Ist aber der Satz eine Behauptung der reinen Ver- 
nunft über alle Erfahrung hinaus, so müfste er noch viel mehr 
gerechtfertigt werden, wenn er möglich sein sollte; und da 
ist es nötig, um sich vergebliche Mühe zu ersparen, zuvor zu 
überlegen, wie und mit welchem Grunde der HoflPnung man 
wohl eine solche Erweiterung durch reine Vernunft erwarten 
könne und woher man in dergleichem Falle diese Einsichten 
hernehmen wolle. 

936. Erste Kegel. Man mufs keine transscendentalen 
Beweise versuchen, ohne zuvor überlegt und sich desfalls ge- 
rechtfertigt zu haben, woher man die Grundsätze dazu nehmen 
wolle. 
816 937. Zweite Regel. Zu jedem transscendentalen Satze 
kann nur ein einziger Beweis gefunden werden. 

938. Beweis. Ein jeder transscendentale Satz geht nur 
von einem BegriflFe aus und sagt die synthetische Bedingung 
der Möglichkeit des Gegenstandes nach diesem Begriflfe. Nun 
ist aufser diesem Begriflfe nichts weiter, wodurch der Gegen- 
stand bestimmt werden könnte, folglich kann der Beweis auch 
nichts anderes, als die Bestimmung eines Gegenstandes über- 



Transscendentale Methodenlehre^ 147 

haupt nach diesem Begriffe, der auch nur ein einziger ist, 
enthalten und also der Beweis nur ein einziger sein. 

939. Hierdurch wird die Kritik der Vemunftbehauptungen 
sehr ins Kleine gebracht. 

940. Dritte Kegel. Transscendentale Beweise müssen 
niemals apagogisch, sondern jederzeit ostensiv sein. 

941. Die eigentliche Ursache des Gebrauchs apagogischer 
Beweise in verschiedenen Wissenschaften ist wohl diese, dafs, 
wenn die Gründe einer Erkenntnis zu tief verborgen liegen, 
man versucht, ob sie nicht durch die Folgen zu erreichen 
sind. Sind alle möglichen Folgen einer Erkenntnis wahr, so 
ist sie selbst wahr. Allein alle möglichen Folgen sind nicht 
zu erforschen möglich, um deswillen kann auf diesem Wege 
niemals eine Hypothese in demonstrierte Wahrheit verwandelt 
werden. Kann man aber zeigen, dafs vom Gegenteil nur eine 
einzige Folge falsch sei, so ist das Gegenteil selbst falsch. 

942. Die apagogische Beweisart aber kann nur in den 
Wissenschaften erlaubt sein, wo es unmöglich ist, das Sub- 
jektive unserer Vorstellungen dem Objektiven unterzuschieben; 
wo das aber ist, da können leicht der Satz und sein Gegen- 
satz unter einer subjektiven Bedingung, die man fälschlich 
für objektiv hält, falsch sein. 

943. In der Mathematik ist diese Subreption unmöglich, 82o 
daher ist der apagogische Beweis daselbst erlaubt; in der 
Naturwissenschaft kann jede Subreption durch viele verglichene 
Beobachtungen vermieden werden, aber der apagogische Be- 
weis ist daselbst unerheblich; in der Transscendentalphilo- 
sophie ist diese Subreption gewöhnlich und unvermeidlich, 
daher kann hier der apagogische Beweis nicht erlaubt sein. 

944. Die apagogische Beweisart ist auch das eigent- 
liche Blendwerk der Vernunft 1er. 

Der transscendentalen Methodenlehre 
Zweites Hauptstück. 

Der Kanon der reinen Vernunft. 

945. Der Nutzen aller Philosophie der reinen Vernunft ist 
negativ, weil sie nämlich nicht Wahrheit entdeckt, sondern 
nur Irrtümer verhütet. 

10* 



825 



148 TransBcendentale Methodenlehre. 

946. Indessen mufs es doch irgendwo einen Quell positiver 
Erkenntnisse für die reine Vernunft geben, vermutlich auf 
dem Wege ihres praktischen Gebrauchs. 

947. Ein Kanon ist der Inbegriff der Grundsätze a priori 
des richtigen Gebrauchs gewisser Erkenntnisvermögen über- 
haupt. Es giebt aber keinen Kanon des spekulativen Ge- 
brauchs der reinen Vernunft, wenn alle synthetischen Erkennt- 
nisse für denselben unmöglich sind. 

Des Kanons der reinen Vernunft 

Erster Abschnitt. 

Von dem letzten Zwecke des reinen Gebrauchs unserer 

Vernunft. 

948. Frage. Ist das Bestreben der Vernunft, über den 
Erfahrungsgebrauch hinauszugehen, blofs auf ihr spekula- 
tives, oder einzig und allein auf ihr praktisches Interesse ge- 
gründet? 

949. Dieses Bestreben betrifft die Aufgaben, deren Auf- 
lösung der letzte Zweck der Vernunft ist, sie mag diesen nun 
erreichen oder nicht. 

950. Solcher Aufgaben sind drei, sie betreffen 

1) die Freiheit des Willens, 

2) die Unsterblichkeit der Seele, 

3) das Dasein Gottes. 
In Ansehung aller drei ist das blofs spekulative Inter- 
esse nur gering, sie haben gar keinen immanenten Gebrauch 
und sind also, an sich betrachtet, ganz müfsige und dabei 
noch äufserst schwere Anstrengungen unserer Vernunft 

951. Sie gehen nur das Praktische an, denn zum Wissen 
sind sie uns gar nicht nötig, und dennoch werden sie uns 
durch unsere Vernunft dringend empfohlen. 

952. Praktisch ist alles, was durch Freiheit möglich ist, 
pragmatisch, was unter empirischen Bedingungen der Aus- 
übung unserer freien Willkür möglich ist, z. B zur Erreichung 
der uns von den Sinnen empfohlenen Zwecke (die Klugheits- 
lehre). Die moralischen Gesetze aber sind solche, deren Zweck 
durch die Vernunft selbst völlig a priori gegeben ist, mithin i 



Transscendentale Methodenlehre. 149 

gehören diese allein zum praktischen Gehrauch der 
Vernunft und erlauhen einen Kanon. 

953. Die letzte Ahsicht unserer Vernunft geht also auf 
das Moralische, nämlich auf unser Verhalten in Beziehung 
auf den höchsten Zweck, der durch die Vernunft seihst ge- 
geben ist. Darauf gehen auch obige drei Aufgaben (950), 
nämlich was zu thun sei, wenn der Wille frei, ein Gott 
und eine zukünftige Welt sei. 

954. Wir müssen uns aber hier so nahe als möglich am 
Transscendentalen halten und alles Psychologische und Em- 
pirische gänzlich beiseite setzen. 

955. Erklärungen. Eine Wilkür ist blofs tierisch, sao 
wenn sie nicht anders als pathologisch, frei, wenn sie 
durch vernünftige Bewegungsgründe bestimmt werden 
kann; was mit der letzteren zusammenhängt, ist praktisch. 
Die praktische Freiheit kann durch Erfahrung bewiesen werden, 
denn nicht blofs das, was reizt, bestimmt die menschliche 
Willkür, sondern auch vernünftige Bewegungsgründe. 
Die Vernunft giebt daher auch Imperative, d. i. objektive 
Gesetze der Freiheit, oder praktische Gesetze. 

956. In einem Kanon der reinen Vernunft haben wir es 
also nur mit zwei Fragen zu thun, die das praktische Inter- 
esse der reinen Vernunft angehen: 1) ist ein Gott?, 2) ist 
ein künftiges Leben? Die Frage wegen der transscenden- 
talen Freiheit betrifft blofs das spekulative Wissen und ist 
schon in der Antinomie der reinen Vernunft (647 — 674) er- 
örtert worden. 

Des Kanons der reinen Vernunft 
Zweiter Abschnitt. 

Von dem Ideal des höchsten Guts als einem 
Bestimmungsgrunde des letzten Zwecks der reinen 

Vernunft 

957. Es bleibt uns nun noch ein Versuch übrig, um zu 
der Realität der Ideen zu gelangen, welche die höchsten Zwecke 
der reinen Vernunft sind, nämlich zu untersuchen, ob nicht 
reine Vernunft vielleicht durch das praktische Interesse dahin 
führe. 



150 Transscendentale Methodenlehre. 

958. Alles Interesse der Vernunft, das spekulative so- 
wohl als das praktische, vereinigt sich in folgenden Fragen: 

1) Was kann ich wissen? 

2) Was soll ich thun? 

3) Was darf ich hoffen? 

959. Die erste Frage ist blofs spekulativ. Wir haben 
alle möglichen Beantwortungen derselben erschöpft und ge- 
funden, dafs, wenn es um das Wissen zu thun ist, wir über 
jene beiden Aufgaben (956) nichts wissen können. 

960. Die zweite Frage ist blofs praktisch. Sie kann 
als eine solche zwar der reinen Vernunft angehören, ist aber 
alsdann doch nicht transscendental und gehört also nicht 
ganz hierher. 

961. Die dritteFrage ist praktisch und theoretisch 
zugleich, so dafs das Praktische nur als Leitfaden zur Beant- 
wortung der theoretischen und, wenn diese hoch geht, speku- 
lativen Frage führt. Denn alles Hoffen geht auf Glückselig- 
keit und ist für das Praktische das, was das Wissen für das 
Theoretische ist. 

Beantwortung der zweiten Frage. 

962. Glückseligkeit ist die Befriedigung aller unserer 
Neigungen (extensive, intensive und protensive). Das prak- 
tische Gesetz aus dem Bewegungsgrunde der Glückseligkeit 
heifse pragmatisch (952) (Klugheitsregel), aus dem Be- 
wegungsgrunde der Glückseligkeit würdig zu sein, moralisch 
(Sittengesetz). Das erstere gründet sich auf empirische Prin- 
zipien, das zweite kann auf blofsen Ideen der reinen Vernunft 
beruhen und a priori erkannt werden. 

8S6 963. Die Realität der moralischen Gesetze wird hier voraus- 
gesetzt, nicht allein, weil man sich auf die Beweise der auf- 
geklärtesten Moralisten, sondern auch auf das sittliche Urteil 
eines jeden Menschen berufen kann. 

964. Die reine Vernunft enthält also in dem moralischen 
Gebrauche Prinzipien der Möglichkeit der Erfahrung, nämlich 
solcher Handlungen, die geschehen sollen, und sie müssen 
also auch geschehen können; folglich haben diese Prinzipien 
in ihrem moralischen Gebrauche objektive Realität. 

965. Die Welt, sofern sie allen sittlichen Gesetzen gemäfs 
ist, heifse die moralische Welt. Sie ist eine blofse, aber 



Transscendentale MeÖiodenlehre. 151 

doch praktische Idee, weil darin von allen Zwecken und 
aller Schwäche der menschlichen Natur als Bedingungen und 
Hindernissen der Moralität abstrahiert wird, sie hat aber 
objektive Realität, weil sie auf die Sinnenwelt geht als einen 
Gegenstand der reinen Vernunft in ihrem praktischen Ge- 
brauche. 

966. Die Antwort auf die zweite Frage ist also: thue 
das, wodurch du würdig wirst, glücklich zu sein. 

Beantwortung der dritten Frage. * 

967. So notwendig die moralischen Prinzipien nach der 
Vernunft in ihrem praktischen Gebrauche sind, so notwendig 
ist es auch, anzunehmen, dafs jedermann die Glückseligkeit 
in demselben Mafse zu hoffen Ursache habe, als er sich der- 
selben in seinem Verhalten würdig gemacht hat. 

968. Die der Sittlichkeit proportionierte Glückseligkeit kann 
aber nur unter Voraussetzung einer höchsten Vernunft, die 
als Ursache der Natur zu Grunde gelegt wird, gehofft werden, 
weil durch die Vernunft eine solche notwendige Verknüpfung 
nicht erkannt werden kann, wenn man blofs Natur zu Grunde 
legt. 

969. Die Idee einer solchen Intelligenz, in welcher der 
moralisch vollkommenste Wille mit der höchsten Seligkeit ver- 
bunden und welche die Ursache aller der Sittlichkeit pro- 
portionierter Glückseligkeit ist, heifse das Ideal des höch- 
sten Guts (Gott). Da uns die Sinnen weit nun eine solche 
Verknüpfung nicht darbietet, so müssen wir sie von einer 
künftigen Welt hoffen. Folglich sind Gott und ein künf- 
tiges Leben zwei von der Sittlichkeit nicht zu trennende 
Voraussetzungen. 

970. Die Glückseligkeit macht mit der Sittlichkeit ein 
System aus, wenn sie derselben genau angemessen ist; dieses 
ist aber nur möglich in einer intelligiblen Welt, unter einem 
weisen Urheber und Regierer. Diese müssen wir folglich an- 
nehmen, und daher sieht auch jedermann die moralischen Ge- 
setze als Gebote an. 

971. Leibniz nannte die Welt, sofern man darin nur auf 840 
die vernünftigen Wesen und ihren Zusammenhang nach mora- 
lischen Gesetzen, unter der Regierung des höchsten Guts acht 



152 Transscendentale Methodenlehre. 

' hat, das Reich der Gnaden. Sich selbst als Glied eines 
solchen Reiches ansehen, ist eine praktisch notwendige Idee 
der Vernunft. 

972. Praktische Gesetze als subjektive Grundsätze heifsen 
Maximen. Die Beurteilung der Sittlichkeit, ihrer Reinig- 
keit und Folgen nach, geschieht nach Ideen, die Befolgung 
ihrer Gesetze nach Maximen. 

973. Ohne Gott und eine zukünftige Welt sind die Ideen 
der Sittlichkeit nicht Triebfedern der Ausübung, weil sie nicht 
den ganzen Zweck vernünftiger Wesen (sittlich und glücklich 
zu werden) erfüllen. 

974. Weder Glückseligkeit noch Sittlichkeit allein ist das 
vollständige höchste Gut. Nicht Glückseligkeit allein, denn 
die Vernunft billigt sie nicht, wenn sie nicht mit der Sittlich- 
keit vereinigt ist; nicht Sittlichkeit allein, weil der, welcher 
sich der Glückseligkeit würdig findet, mufs hoffen können, 
ihrer teilhaftig zu werden. 

975. Das höchste Gut ist also Glückseligkeit in dem 
genauen Ebenmafse mit der Sittlichkeit vernünftiger Wesen, 
dadurch sie derselben würdig sind. 

976. Die Moraltheologie hat nun vor der spekulativen den 
Vorzug, dafs sie unausbleiblich auf den Begriff eines einigen 
allervoUkommensten und vernünftigen ürwesens führt. 

977. Die Welt mufs als aus einer Idee entsprungen vor- 
gestellt werden, wenn sie mit dem moralischen Vemunft- 
gebrauch, welcher durchaus auf der Idee des höchsten Guts 
(975) beruht, zusammenstimmen soll. 

978. Ohne uns Zwecke vorzusetzen, können wir keinen 
Gebrauch von unserem Verstände machen. Die höchsten 
Zwecke aber sind die der Moralität. Mit diesen können wir 
von der Kenntnis der Natur selbst keinen zweckmäfsigen Ge- 
brauch in Ansehung der Erkenntnis machen, wo die Natur 
nicht selbst zweckmäfsige Einheit hingelegt hat. Nun ist die 
zweckmäfsige Einheit bei dem Verstandesgebrauche notwendig, 
also auch die zweckmäfsige Einheit in der Natur. Folglich 
entspringt alle Zweckmäfsigkeit aus der praktischen Zweck- 
mäfsigkeit der reinen Vernunft. 

«46 979. Hiermit stimmt auch die Erfahrung überein. Ehe 
nämlich die moralischen Begriffe genugsam gereinigt und die 



Transscendentale Methodenlehre. 153 

systematische Einheit der Zwecke eingesehen war, waren die 
Begriffe von der Gottheit nur roh. 

980. Es wäre aher ein Zirkel, wenn wir nun wieder Hand- 
lungen darum für verbindlich halten wollten, weil sie Gebote 
Gottes, da wir durch die praktische Vernunft den Begriff .eines 
höchsten ürwesens erreicht haben. Die Moraltheologie ist 
also nur von immanentem Gebrauch, und wir müssen darum 
eine Handlung als von Gott geboten ansehen, weil wir dazu 
verpflichtet sind. 

Des Kanons der reinen Vernunft 
Dritter Abschnitt. 

Vom Meinen, Wissen und Glauben. 

981. Erklärungen. Das Fürwahrhalten ist eine Be- 
gebenheit in unserem Verstände, die entweder einen objek- 
tiven Grund (in der Beschaffenheit des Objekts) oder einen 
subjektiven Grund (in der Beschaffenheit des Subjekts) hat, 
im ersten Falle heif st sie Überzeugung, im zweiten Über- 
redung. 

982. Wahrheit beruht auf der Übereinstimmung mit dem 
Objekt. Der Probierstein des Fürwahrhaltens also, ob es 
nämlich Überzeugung oder Überredung sei, ist die Möglichkeit, 
dasselbe mitzuteilen, denn alsdann ist Vermutung da, diese 
Einstimmung aller Urteile werde auf dem gemeinschaftlichen 
Grunde, dem Objekte, beruhen. 

983. Überredung kann demnach von der Überzeugung 
subjektiv nicht unterschieden werden; das Mittel aber zu 
entdecken, was in unserem Urteil Überredung sei, ist immer 
der Versuch, durch unsere Gründe auch andere zu über- 
zeugen. 

984. Den Schein entblöfsen wir, wenn wir die subjektiven 
Ursachen des Urteils entwickeln und, ohne die Beschaffenheit 
des Objekts dazu nötig zu haben, das trügliche Fürwahrhalten 
erklären können. 

985. Ich kann nichts behaupten, als was Überzeugung 
wirkt. Überredung kann ich für mich behalten, kann sie aber 
und soll sie aufser mir nicht geltend machen. 



154 Transscendentale Methodenlehre. 

«50 986. Das Fürwahrhalten hat drei Stufen: 

1) ist es mit Bewufstsein subjektiv und objektiv un- 
zureichend, so heifst es Meinen; 

2) ist es subjektiv zureichend und mit Bewufstsein ob- 
jektiv unzureichend, so heifst es Glauben; 

3) ist es subjektiv und objektiv zureichend, so heifst es 
Wissen. 

Die subjektive Zulänglichkeit heifst Überzeugung, die 
objektive Gewi fs hei t. 

987. Man darf nie meinen, ohne etwas zu wissen, mit 
dem das, was man meint, nach einem sicheren Gesetz ver- 
knüpft ist. In Urteilen aus reiner Vernunft kann man gar 
nicht meinen, denn diese müssen allgemein und notwendig sein. 

988. Im transscendentalen Gebrauche der Vernunft 
ist Meinen zu wenig, Wissen zu viel, also können wir in 
spekulativer Absicht hier gar nicht urteilen. 

989. Blofs in praktischer Beziehung kann das theoretisch 
unzureichende Für wahrhalten Glauben heifsen. Die prak- 
tische Absicht ist nun entweder die der Geschicklichkeit 
(zu beliebigen und zufälligen Zwecken) oder die der Sitt- 
lichkeit (zu notwendigen Zwecken). 

990. Zu einem beliebigen Zweck sind die Bedingungen der 
Erreichung desselben (subjektiv) hypothetisch-notwendig, und 
wenn ich keine anderen Bedingungen der Erreichung desselben 
weifs, komparativ zureichend; wenn ich aber gewifs weifs, 
dafs niemand andere Bedingungen kennen könne, schlecht- 
hin zureichend. Im ersteren Falle ist das Fürwahrhalten ein 
zufälliger, im letzteren ein notwendiger Glaube. Ein 
zufälliger Glaube, der aber dem wirklichen Gebrauche der 
Mittel zu gewissen Zwecken, die man erreichen könne, zu 
Grunde liegt, heifse der pragmatische Glaube. 

991. Der pragmatische Glaube hat einen Grad, und sein 
Probierstein ist das Wetten. 

992. Es giebt aber noch ein Analogen des pragmatischen 
Glaubens, nämlich einen zufälligen Glauben, der blofs theore- 
tisch ist und auf ein Objekt geht , in Beziehung auf welches 
wir nichts unternehmen können, und den man den d ok tri- 
tt alen Glauben nennen kann. 

993. Beispiele. Die Lehre vom Dasein Gottes (einer 
höchsten Intelligenz , die alles nach den weisesten Zwecken 



Transscendentale MetlLodenlelire. 155 

geordnet hat) und vom künftigen Leben (der menschlichen 
Seele) gehört zum doktrinalen Glauben. 

994. Zwischen Hypothese und Glaube ist der Unterschied: 865 
was ich als Hypothese annehme, davon darf ich nicht den 
Begriff, sondern nur das Dasein erdichten-, der Glaube hin- 
gegen ist nur die Leitung, die mir eine Idee giebt auf etwas, 
das ich zur Beförderung meiner Vernunfthandlungen annehme, 
wovon ich aber in spekulativer Absicht schlechterdings nicht 
Rechenschaft geben kann. 

995. Der doktrinale Glaube hat etwas Wankendes. 

996. Der moralische Glaube hingegen kann durch nichts 
wankend gemacht werden, weil dadurch meine sittlichen Grund- 
sätze selbst würden umgestürzt werden. Weil da die Hand- 
lung notwendig ist, so mufs auch die einzige Bedingung der- 
selben (Gott und eine zukünftige Welt) notwendig angenommen 
werden. 

997. Wir sind also moralisch gewifs, dafs ein Gott sei, 
•d. h. der Glaube an einen Gott und eine künftige Welt ist 
mit unserer moralischen Gesinnung so verwebt, dafs wir die 
letztere verlieren müfsten, wenn der erstere in uns aufhören 
«oUte. 

998. Wollte jemand das Dasein der Moralität als eines 
Faktums leugnen und alle Handlungen für gleichgültig er- 
klären, so würde er sich doch nicht von allem Interesse dafür 
losmachen können, und da er nicht gewifs wissen kann, dafs 
es keinen Gott und kein zukünftiges Leben gebe, so 
würde er noch immer beides fürchten; ein solcher Glaube 
würde ein negativer Glaube sein. 

999. Frage. Sind denn diese beiden Glaubensartikel alles, 
was reine Vernunft ausrichtet, und hätte sie nicht auch der 
gemeine Verstand herausbringen können, ohne darüber die 
Philosophen zu Rate zu ziehen? 

1000. Antwort. Ja, die höchste Philosophie kann nichts 
weiter, als, was man ohne sie anfangs nicht vorhersehen konnte, 
entdecken, dafs sie es in Ansehung der wesentlichen Zwecke 
der menschlichen Natur nicht weiter bringen könne, als die 
Leitung, welche die Natur auch dem gemeinen Verstände hat 
angedeihen lassen. 



156 Transscendentale Methodenlehre. 

860 Der transscendentalen Methodenlehre 
Drittes Hauptstück. 

Die Architektonik der reinen Vernunft. 

1001. Architektonik ist die Kunst der Systeme; sie 
gehört notwendig zur Methodenlehre, weil sie die Lehre des 
Scienti fischen in unserer Erkenntnis ist, was gemeine Er- 
kenntnis allererst zur Wissenschaft macht. 

1002. Unter der Regierung der Vernunft müssen unsere 
Erkenntnisse ein System ausmachen, d. i. Einheit haben unter 
einer Idee, die den Zweck und die Form des Ganzen, das 
mit derselben kongruiert, enthält. Das Ganze ist also ge- 
gliedert und nicht gehäuft, es kann innerlich, aber nicht 
äufserlich wachsen. 

1003. Die Idee bedarf zur Ausführung ein Schema, d. i. 
eine a priori aus dem Prinzip des Zwecks bestimmte wesent- 
liche Mannigfaltigkeit und Ordnung der Teile oder den üm- 
rifs und die Einteilung des Ganzen in Glieder der Idee ge- 
mäfs. 

1004. Nach dieser Idee und nicht nach der Beschreibung 
des Urhebers mufs man eine Wissenschaft erklären und be- 
stimmen, denn oft hat der Urheber derselben ihre systematische 
Einheit (Artikulation) und ihre Grenzen selbst nicht bestinunen 
können. 

1005. Wenn Vernunft das ganze obere Erkenntnisver- 
mögen bedeutet, folglich das Rationale dem Empirischen ent- 
gegengesetzt wird, und man von dem Punkt anfängt, wo sich 
die allgemeine Wurzel unserer Erkenntniskraft in zwei Stämme 
teilt, davon einer eben die Vernunft ist, so entsteht folgende 
Architektonik. 

1006. Alle Erkenntnis, der Form nach, ist entweder histo- 
risch (ex datis) oder rational (ex principiis). 

£65 1007. Alle rationale Erkenntnis ist entweder philosophisch 
(aus Begriffen) oder mathematisch (aus der Konstruktion 
der Begriffe). 

1008. Das System aller philosophischen Erkenntnis ist 
Philosophie. Sie ist die blofse Idee von einer möglichen 



Transscendentale Methodenlehre. 157 

Wissenschaft, die nirgends in concreto gegeben ist. Man 
kann also nicht eigentlich Philosophie, sondern nur philo- 
sophieren lernen. 

1009. Bis dahin ist der Begriff der Philosophie nur ein 
Schulbegriff. Es giebt aber von ihr noch einen Welt- 
begriff. In dieser Absicht ist Philosophie die Wissen- 
schaft von der Beziehung aller Erkenntnis auf dife wesentlichen 
Zwecke (Teleologie) der menschlichen Vernunft. 

1010. Der Philosoph wäre in diesem Sinn ein Lehrer im 
Ideal, der Mathematik, Naturkunde und Logik als Werkzeuge 
nützt, um die wesentlichen Zwecke der menschlichen Vernunft 
zu befördern. 

1011. Der Moralist heist daher xar e^o/i^y ein Philosoph, 
weil die Moral die Philosophie über die ganze Bestimmung 
des Menschen oder seinen Endzweck ist. 

1012. Die Philosophie hat nur zwei Gegenstände, Natur 
und Freiheit. Die Philosophie der Natur geht auf alles, 
was da ist, die der Sitten nur auf das, was da sein soll. 

1013. Alle Philosophie ist entweder 

reine (Erkenntnis aus reiner Vernunft) oder 
empirische (Erkenntnis aus empirischen Prinzipien). 

1014. Die Philosophie der reinen Vernunft ist nun ent- 
weder Propädeutik (Kritik) oder die Wissenschaft selbst 
(das System der reinen Vernunft); beides zusammen heifst 
auch die Metaphysik. 

1015. Die Metaphysik teilt sich in 

die der Natur (des spekulativen Gebrauchs der reinen 

Vernunft) ^ 

und die der Sitten (des praktischen Gebrauchs der 

reinen Vernunft). 

1016. Das Isolieren der Erkenntnisse ist erheblich, denn szo 
die bisherige Unterlassung desselben hat die Metaphysik in 
Verachtung gebracht. 

1017. Die Metaphysik der Natur, die alles, sofern es ist, 
aus Begriffen a priori erwägt, wird nun auf folgende Art ein- 
geteilt. 



158 Transscendentale Methodenlehre. 

1018—1020. 



Metaphysik der Natur. 



Transscendentalphilosophie. 
(Das System der Begriffe and Grand- 
satze der reinen Vemanft, ohne Ob- 
jekte anzonehmen, sonst Onto- 
logie.) 



Rationale Physiologie. 

(Deren Objekt der Begriff einer 

Natar überhaupt ist.) 



Immanente Physio- 


Transscen 


dente Physio- 




logie. 


1 


ogie. 


(Ihr Objekt ist Katar als Gegen- (Ihr Objekt ist Natur aufser dem 


stand 


der Erfahrung.) 
Rationale 


Felde der Erfahrung.) 


Rationale 


Transscen- 


Transscen- 


Physik. 


Psychologie. 


dentale Kos- 


dentale Theo- 






mologie. 


logie. 


(Metaphysik der 


(Metaphysik der 


(Phys. durch 


(Phys. durch 


körperlichen Na- 


denkenden Na- 


innere Ver- 


äufsere Ver- 


tur.) 


tur.) 


knüpfung, ihr Ob- 


knüpfung, ihr Ob- 






jekt ist die ge- 


jekt ist der Zu- 






samte Natur.) 


sammenhang der 
Natur mit einem 
Wesen über ihr.) 



875 1021. Diese Abteilung ist architektonisch ihren wesent- 
lichen Zwecken gemäfs und nicht blofs technisch, d.i. nach 
zufällig wahrgenommenen Verwandtschaften. 

1022. Wie ist es aber möglich, nach Prinzipien a priori 
etwas zu erkennen, was a posteriori gegeben ist? Wir nehmen 
aus der Erfahrung nichts weiter, als was zu einem Objekt 
nötig ist , zur rationalen • Physik den blofsen Begriff der 
Materie und zur rationalen Psychologie den Begriff eines 
denkenden Wesens. 

1023. Wo bleibt dann aber die empirische Psychologie? 
Sie kommt dahin, wohin die eigentliche (empirische) Natur- 
lehre hingehört, in die angewandte Philosophie, und 
zwar in eine Anthropologie. 

1024. Das ist also die allgemeine Idee der Metaphysik, 
einer unentbehrlichen Wissenschaft, denn sie zügelt die Ver- 
nunft und hält durch ein scientifisches und völlig einleuchten- 
des Selbsterkenntnis die Verwüstungen ab, welche ohne sie 



Transscendentale Methodenlehre. 150 

eine gesetzlose spekulative Vernunft unfehlbar in Moral und 
Keligion anrichten würde. 

1025. Metaphysik (1014)* also macht eigentlich allein das- 
jenige aus, was wir im echten Verstände Philosophie 
nennen können. 

1026. Sie ist daher auch die unentbehrliche Vollendung 
aller Kultur der menschlichen Vernunft. 

Der transscendentalen Methodenlehre sso 
Viertes Hauptstück. 

Die Geschichte der reinen Vernunft. 

1027. Dieser Titel steht nur hier, um eine leere Stelle im 
System zu bezeichnen, die künftig ausgefüllt werden muTs. 
Hier ist ein flüchtiger Blick auf das Ganze. 

1028. Die Theologie hat die Metaphysik erzeugt, denn die 
Menschen im Kindesalter der Philosophie fingen davon an, 
zuerst die Erkenntnis Gottes und die Hoffnung und Beschaffen- 
heit der zukünftigen Welt zu studieren. 

1029. Hier soll nun nur die Verschiedenheit der Ideen 
dargestellt werden, welche die hauptsächlichsten Revolutionen 
in der Metaphysik verursachten. 

1030. 1) In Ansehung des Gegenstände» aller unserer 
Vernunfterkenntnisse waren einige blofs Sensualphilo- 
8ophen(Epikur), anderelntellektualphilosophen(Plato).- 

1031. 2) In Ansehung des Ursprungs reiner Vernunft- 
erkenntnisse waren einige Empiristen (Aristoteles, Locke),: 
andere Noologisten (Plato, Leibniz). 

1032. 3) In Ansehung der Methode waren einige Na- 
turalisten, andere Scientifiker. 

1033. Die Scientifiker waren entweder Dogmatiker 
(Wolf) oder Skeptiker (Hume). Noch gab es keinen Kri- 
tiker. 



160 



Auszug aus Mellins Berichtigungen 

fttr 

Kanfs Kritik der reinen Vernunft. 

8. 86 Z. 19, Btott: Gegenständen beschäftigt, lies: Gegenständen überhaupt, 
sofern diese a priori möglich sein soll, beschäftigt. 

„ 48 „ 18, statt: auf No. 8, lies: auf % 4, No. 8. 

„ 68 „ 9, statt : nachzusehen ist, nämlich S. 44. Es giebt n. s. w. 

„ 78 „ 5, statt: nämlich reine, lies: nämlich durch reine. 

„ 88 „ 22, statt: den falschen Schein, lies: den trUglichen Schein. 

„ 94 „ 12, statt: Erkenntnis, lies: Erkennen. 

„ 180 „ 7, statt : sinnlichen oder nicht sinnlichen, lies : empirischen odernieht 
empirischen. 

„ 159 „ 18, hinter dargethan fehlt § 10. 

„ 180 „ 20, statt: eines vierfüfsigen, lies: eines gewissen vierf üfsigen. 

„188 „ 10, statt: sondern vielmehr alle, lies: sondern ein Grundsatz viel- 
mehr aller. 

„ 189 „ 10, statt : mit der, lies : mit dem der. 

„ 104 „ 10, statt: Es ist nur ein, lies: Es giebt nur Einen. 

„ 217 „ 9, hinter abstrahiert ist zu merken , daCs die Worte antizipieren 
könne, am Ende des Absatzes, auch bei abstrahiert mitverstanden 
werden müssen. Sie gehören zu zwei Sätzen , davon der eine Z. 6 mit 
dafs und der andere Z. 10 mit wie anfängt'). 

„ 219 „ 7, hinter Anschauung fehlt ist. 

„ 219 „ 9, nach Zeit lies ein Komma*). 

„ 222 „ 14, statt: zwei, lies: drei. 

„ 222 „ 15, statt: Dritte, lies: Vierte. 

„ 286 „ 27, Statt : nicht empirisch wahrgenommen, lies : nichtwahrgenommen. 

,, 288 ,, 6, statt: wenn, lies: wo. 

„ 242 '„ 16, 17, statt: vom Gegenstand, lies: Gegenstand. 

„ 276 „ 19, mufs nach der Vorrede S. XXXIX geändert werden. 

„ 279 „ 12, nach Dasein lies: man. 

„ 818 „ 14, statt: das Verhältnis, lies: das Bewufstsein des Verhältnisses. 

,, 321 „ 13, statt: selbst ganz, lies: selbst ist ganz. 

„ 407 „ 6, statt : die des, lies : d e s. 

„ 421 „ 12 V. n., hinter Spekulation lies : abzuziehen und. 

„ 426 „ 2, statt : und sich, lies : und er sich. 

„ 470 „ 6, statt: Antithese, lies: These. 

„ 502 „ 4, 6, statt : sie, lies : e r. 

„ 612 „ 8, statt : eine, lies : keine. 

„ 645 „ 12, statt: von, lies: zu. 

„ 685 „ 9, statt : nach, lies : noch. 

„ 811 „ 16, statt : herleitet, lies : h i n 1 e i t e t. 

„ 857 „ 13, statt : erstere, lies : letztere. 

„ 857 „ 14, statt : zweite, lies : erstere. 

„ 888 „ 25, statt: curo, esse, lies: curo esse. 



1) Vgl. Kritik d. r. V. Kehrbach S. 169. Dieselbe Verbesserung wird dort aach als 
von Hartenstein und Schopenhauer herrührend vermerkt. A. d. H. 

*) Man liest vielleicht noch besser a. a. O. : .... die sie im Raum und in der Zeit 
zusammenstellt, in derselben augetroffen wird. A. d. H. 

Ergränzungr vom Herausgreber* 

8. 4 Z. 18 V. u., streiche : derselben. 
„ 125 „ 6, lies: deren für dessen. 

„ 147 „ 6 V. u., lies: der reinen Anschauung für der Anschauung. 
i, 162 „ 10, lies : Sie ist als figürlich von der intellektuellen Synthesis (ohne alle Ein- 
bildungskraft, blofs durch den Verstand) unterschieden. 
^f 284 „ 4, lies: well zu jenem noch etwas hinzukommen mufs, um dieses" anssni- 
machen. 

Bemerkungr. 

Das Marginale 272 ist von Mellln in seinem Encyklopädischen Wörterbach (I, S. 226) 
wie folgt verändert worden : 

272. Oder es müisten zwei verschiedene empirische Zeiten zugleich sein, dl^enige, 
in welcher das Dasein der Substanzen, und diejenige , in welcher das Dasein der Acci- 
denzen verflösse, welches ungereimt ist. 




Register 



zu 



Kants Kritik der reinen Vernunft. 



If ellin, Marginalien. i\ 



A. 

A posteriori 2, 60; priori 2, 60. 

Abgeleitete Begriffe 89. 

Absicht der Kritik der reinen Vernunft 26. 

Absolut 380 f.; absolute Notwendigkeit 381, 589 ; existiert 
nicht 587; Auflösung dieser Antinomie 587; absolut not- 
wendiges Wesen ist ein reiner Vernunftbegriff 620; abso- 
lute Notwendigkeit der Sachen ist unterschieden von der 
der Urteile 621; ein absolutes Ganzes 383; absolute 
Simplizität 465; Selbstthätigkeit (Freiheit) 446; absolute 
Totalität 538; des Inbegriffs existierender Dinge 447; der 
Reihe der Bedingungen 537. 

Absondern, abstrahieren, abtrennen 36, 51, 77, s. Isolieren. 

Absprung, fAkraßamg efg aXXo ylvog 486; Saltus 281. 

Accidenz 229; inneres 321; die Accidenzen wechseln 231. 

Ähnlichkeiten, nach ihnen werden Begriffe gepaart 92. 

Ästhetik 76; transscendentale 33; was sie sei 35; in ihr 
wird die reine Sinnlichkeit isoliert 36; sie enthält nicht 
mehr als zwei Elemente 58; allgemeine Anmerkungen zu 
ihr 59; lehrt, dafs alle unsere Anschauung nichts als die 
Vorstellung von Erscheinung sei 58 ; ist nicht blofs schein- 
bare Hypothese 63; Beschlufs derselben 73. 

Äufsere, das 23; äufserer Sinn 37; äufs er e Erscheinung 
38, 39. 

Affi ziert werden 33. 

Affinität 685, 689. 

Aggregat 212. 

Aggregation, Synthesis derselben 201. 

Akroamatisch 763. 

All der Eealität 656. 

Allgemeinheit, Merkmal der Urteile a priori 3; universali- 
tas 379 ; Interesse derselben in der Vernunft 682 ; kompara- 
tive 124. 

Allheit, Totalität, universitas 111, 379. 

11* 



164 Register zur Kritik. 

Alten, Sprichwort derselben über ungereimte Fragen und 
Antworten 83. 

Amphibolie, transscendentale 326. 

An sich, Dinge 307. 

Analogieen 222; der Erfahrung 218 — 265; müssen den 
Mangel der Gestalt in der Zeit ersetzen 50; mit den Gegen- 
ständen der Erfahrung 33. 

Analysis, mit derselben befafst sich die Kritik nicht 28; 
Begriff derselben 90. 

Analytik 84, 170; sie ist ein Teil der allgemeinen Logik 82; 
transscendentale 87 f.; der Begriffe 90; der Grundsätze, 
Doktrin der Urteilskraft 171. 

Analytisches Urteil 10, 11; von dem obersten Grundsatz 
aller analytischen Urteile 189, 193; analytischer 
Satz 193; bringt den Verstand nicht weiter 314; kein Satz 
der Arithmetik ist analytisch 15; kein Grundsatz der 
reinen Geometrie 16; analytische Definitionen können 
auf vielfältige Art irren 760; Verwandtschaft 315. 

Anfänge, Prinzipien 650. 

Anfang, die Welt hat einen in der Zeit 454; hat keinen 
455; Auflösung dieser Antinomie 545. 

Anfangen zu sein, schlechthin 231. 

Angenehme, das 576. 

Animalität 403. 

Annehmen, relativ und schlechthin 704. 

Anschauung 33, 41, 47, 67, 125, 132, 377; wer kein Gegen- 
stand der sinnlichen Anschauung sein kann 71 ; unser Ver- 
stand kann sie nur in den Sinnen suchen 135; nichtsinnliche 
312; unsere ist nichts als Vorstellung von Erscheinung 59; 
sinnliche 323, 326; ist ein Element unserer Erkenntnis 74; 
empirische 34, 298; reine 34; äufsere, innere 50, 51; Form 
derselben 37, 323, 347, 457; Form der äufseren, Raum 
39—45; der inneren, Zeit 46 f.; ursprüngliche und ab- 
geleitete 72; abstrahiert von ihrer subjektiven Bedingung 
giebt es keinen Baum 45 und keine Zeit 51; beide machen 
synthetische Urteile a priori möglich 73; von der anderer 
Wesen können wir nicht urteilen 43; sie verständlich 
machen 75; der Verstand ist kein Vermögen derselben 92; 
ist eine Art zu erkennen 93. 

Anschauungsart 69. 



Register zur Kritik. 165 

Anreiz, in der Sittenlehre macht, dafs sie nicht zur Trans- 

scendentalphilosophie gehört 29. 
Anthropologie 869, 876. 
Anthropomorphismen 725. 
Antinomie der reinen Vernunft 398; 

1. Antinomie 454 — 461; Auflösung 545, 548; 

2. Antinomie 462—471; Auflösung 551; 

3. Antinomie 472—479; Auflösung 560, 581; 

4. Antinomie 480—489; Auflösung 587; 
dialektisches Argument, worauf sie beruht 525. 

Antithetik 448, 768f. 

Antizipation (nQ6X7piJig) der Wahrnehmungen 206 f. 

Antworten, unnötige, wenn die Frage ungereimt ist 82. 

Anwendung der Eategorieen auf Gegenstände der Sinne 150. 

Apodiktisch 41, 101, 199; apodiktischer Gebrauch der 
Vernunft 674; Einteilung der apodiktischen Sätze 764 

Apperzeption, Bewufstsein 68, 132f., 220; hat jederzeit 
einen Grad 414. 

Apprehendieren, eine Erscheinung 202. 

Apprehension 160, 162, 219, 235. 

Architektonik 860. 

Architektonische, notwendige Einheit 27, 861; archi- 
tektonisch ist die menschliche Vernunft 502. 

Artikulation, systematische Einheit 862. 

Atomistik 470. 

Aufgabe, allgemeine der reinen Vernunft 19. 

Ausdehnung, gehört zur reinen Anschauung 35, 66. 

Ausführlichkeit 755. 

Aufser mir 38. 

Auf serhalb der Welt 479. 

Aufser der Reihe der Sinnen weit 589. 

Axiome 760 f.; der Anschauung 202. 

B- 

Bedeutung 185, 300; und Sinn 194 f. 

Bedingung, subjektive, der Anschauung 42, 50, 136; 
des Denkens 122; objektive, aller Erkenntnis 138; als 
Prinzip aller synthetischen Erkenntnis 197; absolute To- 
talität der Synthesis auf der Seite derselben 393; intelli- 
gible 558. 



166 Begister zur Kritik. 

Befugnisse, was die Rechtslehrer dabei unterscheiden 116. 

Begebenheit 243; in der Zeit 816. 

Begreifen 289, 613; dazu dienen Vemunftbegriffe 367. 

Begriff 377; empirischer 74, 89, 267; kann nicht definiert 
werden 755 f.; reiner 74, 267; rein sinnlicher 180; reiner 
Verstandesbegrifif 105, 595; reine Stammbegriffe 106, 107; 
abgeleitete 107 ; Vemunftbegriffe oder transscendentale Ideen 
378, 566 f., 620; Reflexionsbegriffe 316; sinnlicher und 
intellektueller 311; leerer 267; problematischer 310, 397; 
möglicher 624; usurpierter 117; den Begriff sinnlich machen 75; 
unter ihn werden verschiedene Vorstellungen analytisch ge- 
bracht 104; transscendentaler und empirischer Gebrauch 
desselben 298. 

Beharrlichkeit 183, 300; Grundsatz der Beharrlichkeit 
der Substanz 224—232. 

Behaupten 849. 

Bejahung, transscendentale 602. 

Belehrung, Kultur 738. 

Besitz einer reinen Erkenntnis 119. 

Bestimmbarkeit, Grundsatz derselben 599. 

Bestimmt ist die Folge 246; durchgängig ist alles Existie- 
rende 601. 

Bestimmtheit, Interesse derselben in der Vernunft 682. 

Bestimmung, des Daseins des Beharrlichen 227; des Be- 
griffs der Existenz 626; absolute und relative 42; trans- 
scendentale, Grundsatz der durchgängigen 599. 

Betrachtungen, artige, über die Tafel der Kategorieen 109. 

Betrug der Sinne 359. 

Bewegung 48; als Handlung des Subjekts 154. 

Beweise, akroamatische 763; dogmatische 228,263 
transscendentale erste Regel für sie 814, zweite 815 
dritte 817; apagogische 818; wo sie erlaubt sind 819 
wo nicht 820; sind das eigentliche Blendwerk der Ver- 
nünftler 821. 

Bewufstsein, reines und empirisches 133, 139; seiner selbst 
ist nicht Erkenntnis seiner selbst 158; seines Daseins ist 
das des Daseins äufserer Dinge 276. 

Beziehung, empirische 125. 

Bild 179 £, 181; reines aller Gröfsen 182. 



Register zur Kritik. 1617 

c. 

Cartesii problematischer Idealismus 274; cogito ergo sum 

widerlegt 422, Anm. 
Censur der Vernunft 788. 
Charakter, einer wirkenden Ursache 567; intelligibler 

567, 569; empirischer 568, 577; ihn hat jeder Mensch 

577; Spur vom intelligiblen 578. 
Communio 260. 

Commercium 260, 261; mit Körpern 403. 
Compositum reale 263, 466. 
Conceptus ratiocinati et ratiocinantes 368. 
Concreto, in 826. 
Continuum specierum, Gesetz desselben 688. 

D. 

Dasein, bestimmt erkennen 221; der Gegenstände im Baum 
wird bewiesen 275; objektive Zufälligkeit in demselben 302; 
8. Wirklichkeit. 

Dauer s. Gröfse. 

Deduktion 116; transscendentale 117, 119; der Kate- 
gorieen 116 — 169; empirische 117; objektive der Ideen 
ist nicht möglich 393, 691; subjektive 699. 

Definieren, real 300. 

Definition 755, S.Erklärung. 

Deist 659. 

Deistisch 703. 

Deklaration 757, s. Erklärung. 

Dekomposition S.Teilung. 

Demonstration 762, s. Beweis. 

Denken Vorr. XXVI, 94, 194, 304, 406; Form desselben 79, 
305, 309; durch Kategorieen giebt allein einen Gegenstand 
309; einen Gegenstand 146, 165; in verschiedener Bedeu- 
tung 411*. 

Denkungsart 579, s. Charakter. 

Dependenz 393. 

Deutlichkeit 60. 

Dialektik 85, 86, 349; ist ein Teil der allgemeinen Logik 84; 
transscendentale 88, 349, 354; Resultat derselben 707. 

Dictum de omni et nullo 337. 



168 Register zur Kritik. 

Ding 51, 145, 602; an sich selbst, Noumenon 42, 44, 307, 
308,370; Gedankending 348; ihre Urbilder beim Plato 370; 
Unding 348; ens imaginarium 348, 349; Nichtsein eines 
Dinges 621; Dasein desselben 621; Begriff a priori von 
demselben 622; das Aufheben des Daseins hebt das Ding 
selbst auf 623; dessen innere Möglichkeit 625; Bestimmung 
626; Position 626; möglicher realer Inhalt 628; an sich 
subsistierendes 519; bestimmbares 593; der Sinnenwelt 800. 

Diskursiy, s. Begriff. 

Disziplin, Zucht 737, s. Kultur. 

Dogma 764; enthält die ganze reine spekulative Vernunft 
nicht 764. 

Dogmatisch 23, 228; dogmatisches Verfahren 7; dog- 
matischer Gebrauch 22; dogmatische Methode im spe- 
kulativen Gebrauch der reinen Vernunft ist unschicklich 765. 

Dogmatismus Vorr. XXX, XXXV; in den Thesen der Anti- 
nomie 494. 

Doktrin der Urteilskraft, s. Analytik. 

Dynamisch 199; dynamische Verbindung 201; Einheit 
der Zeitbestimmung 262; Kategorieen 110; Gemeinschaft 260; 
dynamischer Gebrauch der Synthesis 199; transscen- 
dentale Ideen 556 f.; dynamische Teilung 517. 

E. 

Einbildungskraft 103, 151; reine, produktive 152; em- 
pirische, reproduktive 152. 

Einerleiheit 319. 

Einfach 446; das Einfache existiert 462 f.; existiert nicht 
463 f.; Auflösung dieser Antinomie 551 f.; Idee desselben 
515; einfache Erscheinung 800; Natur unserer denkenden 
Substanz 812; Handlung 351 f. 

Ein f Inf s, physischer 331. 

Einheimisch, immanent 671. 

Einheit, analytische 104 f., 133*; synthetische 105; trans- 
scendentale des Selbstbewufstseins, Apperzeption 132, 135, 
139; objektive und subjektive 139; dynamische 262; der 
höchsten Realität 611*; Vemunfteinheit 359; der Verstandes- 
erkenntnisse 675 ; des Vemunftbegriffs 708 ; distributive und 
kollektive 610, 672; qualitative 131; der Seele 402; Ideen 
der gröfsten 706. / 



Register zur Kritik. 169 

Einschränkung S.Limitation. 

Einstimmung 320. 

Elementarbegriffe 89. 

Elementarlehre, transscendentale 30. 

Elementarlogik 76. 

Elementarsubstanzen 464. 

Empfindung 34, 74, 209, 376. 

Empirisch 74,401; empirische Anschauung 34; Erkennt- 
nisse 3; Seelenlehre 400; empirischer Gebrauch eines 
Begriffs 298. 

Empirismus in den Antithesen der Antinomie 494; Nach- 
teil desselben 499. 

Entstehen 251. 

Epigenesis der reinen Vernunft 167. 

Epikureismus 499. 

Episyllogismen 388. 

Erfahrung 1, 147, 161, 226, 234, 277, 873; aus ihr ent- 
springt nicht alle Erkenntnis 7; Elemente derselben 118; 
die Gegenstände derselben sind niemals an sich selbst ge- 
geben 521; Analogieen derselben 218; wodurch sie nur mög- 
lich ist 218 ; weitere Erörterung derselben 218 ; innere 277, 
401; Erfahrungsbegriffe 595. 

Erkennen 146. 

Erkenntnis, a priori 2; empirische, a posteriori 2, 3; reine, 
a priori 3; spekulative 13, 661 f.; synthetische, a priori 18; 
das Vermögen derselben 137; rationale und mathematische 
749, 864 f.; historische 864; theoretische und praktische 
Vorr. X, 661 f.; zwei Grundquellen derselben 74; aus Prin- 
zipien 357. 

Erklärung des Besitzes einer reinen Erkenntnis 110; Namen- 
erklärung von einem Begriffe 620 ; idealische und physische 
der Naturerscheinungen 500. 

Erörterung, Exposition 38; metaphysische 38; transscenden- 
tale 40. 

Erscheinen 43, 69, 125. 

Erscheinung 34, 63, 225, 306, 349, 518, 527, 565; alle 
äufsere ist im Baume 51 ; alle überhaupt in der Zeit 51 ; ist 
als Wahrnehmung nur in uns wirklich 521 ; Erkenntnis der- 
selben 60; Leibniz nahm sie als Ding an sich selbst 320. 
Verwechslung des reinen Verstandesobjekts mit derselben 426. 



170 Register zur Kritik. 

Erweiterung, negative, des Verstandes 312. 

Erweiterungsurteil 10. 

Etwas 602. 

Euthanasie der reinen Vernunft 434. 

Evidenz 762. 

Ewigkeit 454. 

Existenz s. Wirklichkeit. 

Exposition, Erörterung 38, 757; vollständige 758. 

Explikation 754, 755. 

Exponent 263. 

F. 

Fähigkeit, Rezeptivität 33. 

Falsch können zwei einander entgegengesetzte urteile sein 53L 

Farbe 35. 

Fatum non datur 280. 

Faule Vernunft 717; Prinzip derselben 801. 

Fehltritte der Urteilskraft 34. 

Fliefsende Gröfsen 211. 

Folge s. Succession. 

Form 39, 322; zwei (Formen) sinnlicher Anschauung 36, 66; 
Zeit und Raum 37; aller Erscheinungen äufserer Sinne ist 
der Raum 42; des inneren Sinnes ist die Zeit 49; der Sinn- 
lichkeit 331; ihr geht im Begriflfe des reinen Verstandes 
die Materie vor 323; des Verstandes 164; einer jeden Ver- 
änderung 252. 

Formale Regeln alles Denkens Vorr. IX; formaler Idealis- 
mus 510. 

Forscher der Begriffe, Philosophen 539. 

Fragen, alle beantworten zu wollen wäre Grofssprecherei 
504; in der Erklärung der Erscheinungen der Natur mufs 
manche unauflöslich bleiben 505; nur kosmologische sind 
in der Transscendentalphilosophie 506, 507; in dem In- 
begriff einer Wissenschaft (domesticae) 508; den kosmo- 
logischen ist nicht auszuweichen 509; skeptische Vor- 
stellung derselben durch alle vier transscendentalen Ideen 
513; der intelligible Gi-und ficht die empirischen Fragen 
nicht an 573. 

Freiheit, eine unvermeidliche Aufgabe der reinen Vernunft 7; 
in kosmologischem Verstände 446, 561; Begriff der trans- 



Register zur Kritik. 171 

scendentalen 476; im praktischen Verstände 562; die Auf- 
gabe darüber ist transscendental 563; ist nicht zu retten, 
wenn die Erscheinungen Dinge an sich selbst sind 564, 565; 
Möglichkeit der Kausalität durch sie 566; Erläuterung der 
kosmologischen Idee derselben 570; was dabei eigentlich 
die Frage ist 571; widerstreitet der Naturnotwendigkeit 
nicht 585; wird als transscendentale Idee behandelt 586. 
Funktion 93. 

Gang, natürlicher, der menschlichen Vernunft zum Urgrund 
aller Dinge 614. 

Ganze, das, wenn es in der empirischen Anschauung gegeben 
worden 540, 542 ; die Bedingung desselben ist sein Teil 541 ; 
hypothetische 798; substantielle 466. 

Geben einen Gegenstand 33; einen Begriflf 195. 

Gebrauch 313; transscendentaler 81; materialer 88; trans- 
Beenden taler und empirischer eines Begriflfs 298; apodik- 
tischer der Vernunft 674. 

Gedankending 347, 348, 394, 697. 

Gegeben (datum) 540 ;gegebener Gegenstand 522 ; schlecht- 
hin und in der Idee 698. 

Gegenstand, auf ihn bezieht sich Erkenntnis 33; Wirkung 
desselben auf die Vorstellungsfähigkeit 34; Anschauung, die 
sich durch Empfindung auf ihn bezieht 34, 304; unbestimmter 
einer empirischen Anschauung 34, 236; der Sinne 35, 303, 
305, 566; die Beziehung der Vorstellungen auf ihn 137; 
transscendentaler 236; einer möglichen Wahrnehmung 258, 
262; als Ding an sich selbst 42, 306; der Erfahrung 303; 
bestimmbarer 304; angeblicher 305; durch den Verstand 
gedachter 306; der Apprehension 258; Leibniz verglich sie 
mit dem Verstände 326; durch Vernunft gedacht Vorr.XVIII. 

Gemeinschaft 106, 111; derselben Schema 183; Analogie 
256; Verhältnis 258; dynamische 259, 260; der Wechsel- 
wirkung 260; lokale und mittelbare 260; ohne sie ist jede 
Wahrnehmung von der anderen abgebrochen 260; der 
Apperzeption 261; subjektive und reale 261; Begriflf 302; 
Gemeinschaft der Substanzen 330; der Seele mit dem 
Körper 427. 

Generatio aequivoca s. Epigenesis. 



172 Register zur Kritik. 

Geometrie 16 f., 40 f.; geht ihren sicheren Schritt durch 
lauter Erkenntnisse a priori 120; ist die Mathematik der 
Ausdehnung 204. 

Gerade 16, 204. 

Geschehen 236, s. Begebenheit. 

Gesetz 263 ;Naturgesetze 198 ; besondere und allgemeinere 
678; Gesetze der Freiheit 830; auf denen eine Natur 
überhaupt beruht 165; bürgerliche 358, 373; empirisches 
524, 561, 564; unnachläfsliches 565; der Naturnotwendig- 
keit 566; dynamisches der Natur 581; der Kausalität 232, 
561, 568. 

Gestalt, gehört zur reinen Anschauung 34. 

Gemäfsheit 850; logische und moralische 857. 

Gewohnheit 127. 

Glaube 850 f.; doktrinaler 853; moralischer 856; negativer 
857; pragmatischer 852; Probierstein desselben 852; an 
Gott 661. 

Gleichartigkeit, wird in dem Mannigfaltigen gegebener 
Erfahrung vorausgesetzt 681 ; widerstreitendes Interesse der 
Vernunft bei der Gleichartigkeit und Verschiedenheit 682. 

Glückseligkeit 828 f., 834; weder sie noch Sittlichkeit 
aUein ist das vollständige Gut 841. 

Gott 608; ist eine unvermeidliche Aufgabe der reinen Ver- 
nunft 7; ist kein Gegenstand der Anschauung 71; ist das 
Ideal der reinen Vernunft 608; desselben objektive Realität 
ist eine blofse Erdichtung 608 ; Ursache dieser Eealisierung 
609; der Hypostasierung 610; es sind nur drei Beweisarten 
von seinem Dasein aus spekulativer Vernunft möglich 618; 
Unmöglichkeit eines ontologischen Beweises 620 — 630, 
eines kosmologischen Beweises 631—648, eines physiko theo- 
logischen Beweises 649 — 658; als Objekt einer Idee 713; 
wir sind moralisch gewifs, dafs er sei 856. 

Gotteserkenntnis, transscendentale 392, 874, s. Theo- 
logie. 

Grad s. Gröfse. 

Grenzen 211, 755; möglicher Erfahrung 563. 

Grenzbegriff 310. 

Gröfse 203; Kategorie 162; reines Bild derselben 182; exten- 
sive 203, 215, 226, 262, 414; intensive 207, 208, 210, 211, 
214, 414; der Realität 254; einzige Erklärung des Begriffs 



Register zur Kritik. 173 

203, 300; kontinuierliche 212, 555; quantum discretum 555; 
Gröfsen 204. 

Grundkraft 677; die Idee derselben giebt objektive Realität 
vor 678. 

Grundsätze a priori 188; Quell derselben 198; oberste der 
Möglichkeit aller Anschauung in Beziehung auf die Sinn- 
lichkeit und den Verstand 136; der notwendigen Einheit 
der Apperzeption 135; der Bestimmbarkeit und durch- 
gängigen Bestimmung 599 f.; des reinen Verstandes und 
Tafel derselben 175, 200, 357; des Nichtzuunterscheidenden 
328; oberster aller synthetischen Urteile 193 f.; dafs Reali- 
täten einander logisch niemals widerstreiten 328; sichere 
765; der Vernunft 364 f.; der Varietät des Gleichartigen 
unter niedere Arten 685 f.; immanente 352, 353; trans- 
scendentale 352; transscendente 352; der ersten Gattungen 
687; der Kontinuität der Arten 687; von der Notwendigkeit 
und Zufälligkeit sind regulative Prinzipien 648 ; sind alle nur 
von immanenter Gültigkeit 666; drei logische 686; wie die 
der reinen Vernunft für die Gegenstände der Erfahrung 
objektive Gültigkeit haben können 692; wie in ihrem mo- 
ralischen Gebrauche 835 ; der Synthesis aller Prädikate 600. 

Gunst, wenn die Beweise für das Dasein Gottes sie bedürfen 
615; der physikotheologische bedarf sie und gründet sich 
auf den ontologischen 652. 

Gute, das 576. 

Guts, von dem Ideal des höchsten 832—847. 

H. 

Handlung s. Kausalität. 

Harmonie, vorherbestimmte 331 f.; Ideen der gröfsten 706. 

Hindernisse, welche die Wahrheit lange aufhalten 695; 

positive 701. 
Historische Erkenntnis, s. Erkenntnis. 
Höchstes Wesen 606. 
Hoffnung eines künftigen Lebens, die Wegdemonstrierung 

derselben verdient gelesen zu werden 781. 
Homogeneität 686. 
Horizont unserer Erkenntnis 787. 
Hume, D., mufs nicht verdammt werden, er war gut gesinnt 

774; ein Geograph des menschlichen Verstandes 788; Unter- 



174 Register zur Kritik. 

suchung des Ganges seiner Schlüsse 792 f. ; Ursprung seiner 
Verirrung 795; hat die Vernunft wider sich 796; seine 
skeptische Methode 884. 

Hypostasieren 611*. 

Hypothesen 798; windige 711; sind sie vergönnt? 797 £; 
transscendentale ist ein Prinzip der faulen Vernunft 
800; kann nicht gestattet werden 801; Erforderliche 
Stücke ihrer Annehmungswürdigkeit: die MögUch- 
keit 798, die Zulänglichkeit 802 ; im polemischen Gebrauche 
sind sie zulässig 804. 

Hypothetischer Gebrauch der Vernunft 675, 798; er geht 
auf die systematische Einheit der Verstandeserkenntnisse 675. 

I. 

Ich 135, 400; alleiniger Text der rationalen Psychologie 401, 
712; als denkendes Wesen 402, 404; eine an Inhalt gänz- 
lich leere Vorstellung 404; wird problematisch genommen 
405; vier Paralogismen, die sich darauf beziehen 403, 406; 
der Apperzeption 407; ich denke 120, 131 f., 157, 399 f., 
400, 428 

Ideal der reinen Vernunft 398, 435, 591, 595 f.; des höchsten 
Guts 596, 832, 838 f.; ist ein regulatives Prinzip 647; Unter- 
schied desselben von dem Monogramm der Einbildungskraft 
598; Absicht der Vernunft mit demselben 599. 

Idealismus, empirischer, psychologischer Vorr. XXXIX, 274, 
519; transscendentaler 526. 

Idealistische Wesen, was es heifse, sie anzunehmen 702. 

Idealität, transscendentale, des Raums 44; der Zeit 51; 
wird durch die Antinomie bewiesen 534. 

Idee, Vernunftbegriff 370, 379, 698; transscendentale 384; 
System der transscendentalen 390 f.; focus imaginarius 672, 
711; einer moralischen Welt 836; des Reichs der Gnaden 
840; die der Sittlichkeit sind nicht Triebfedern ohne Gott 
und ein zukünftiges Leben 840; die Welt mufs als aus 
6iner Idee entsprungen vorgestellt werden 843 ; des höchsten 
Guts 844; einer Wissenschaft bedarf zur Ausführung ein 
Schema 861 ; Wissenschaften mufs man nicht nach der Be- 
schreibung ihres Urhebers, sondern nach der Idee erklären 
und bestimmen 862; welche die hauptsächlichste 
Revolution in der Metaphysik verursacht 881; iß 



Begister zur Kritik. 175 

■» 

Ansehung des Gegenstandes 881; des Ursprungs 882; der 

Methode 883. 
Identische Vorstellungen 131*. 
Identität 403; der Apperzeption 133; identitas numerica 

319; Satz der Identität meiner selbst 408 f. 
Jederzeit 241. 

Immanent 352f.; immanenter Gebrauch 664, 827; im- 
manente Physiologie 874. 
Immaterialität 403. 
Immortalität 403. 
Imperativ 830. 
Individuum 696. 

Inhaltsinteresse der reinen Vernunft 682. 
Inkorruptibilität 403. 
Innere 321; innerer Sinn 37. 
Innerlich 331; zukommen 333; an einem Gegenstande des 

reinen Verstandes 321. 
Intellektuelle Erkenntnis 312, 336; intellektuelles 

System der Welt 326. 
Intellektuieren 327. 
Intelligenz 660. 

Intelligibel 312* 313,566; intelligible Welt 837,312. 
Intensive s. Gröfse. 
Interesse der Allgemeinheit 682 f. 
Irrtum 350, 351*; ihn verhüten ist das stille Verdienst der 

Philosophie der reinen Vernunft 823, 879. 
Isolieren, die Erkenntnisse, ist erheblich 870. 

K. 

Kanon 26, 824; für den Verstand, die Urteilskraft und die 
Vernunft 170; der reinen Vernunft 823—859. 

Kategorieen 105; Tafel derselben 106 ; mathematische 110; 
dynamische 110; Erklärung derselben 128 ; Anwendung der- 
selben auf Gegenstände der Sinne 150 ; falsche Behauptung 
ihres empirischen Ursprungs 167. 

Katharktikon des gemeinen Verstandes 78. 

Kausalität nach der Natur 560; durch Freiheit 473, 516, 
561; Schema derselben 182; Grundsatz derselben 232 f.; 
Vorr. XXVII; unbedingte und bedingte 447, 587; einer in- 
telligiblen Ursache 565; inneres Prinzip derselben 446*; 



176 Register zur Kritik. 

Subjekt derselben 250; erstes 251; Naturgesetz derselben 
570; empirische 572; einer Substanz 676 f.; oberste uncr 
höchste 618. 

Kausalverknüpfung 572. 

Keines 347. 

Kennen, Kenntnis S.Erkenntnis. 

Kluft 281. 

Klugheit 828. 

Koalition, Synthesis derselben 201*. 

Körper 35; scheinen nicht blofs aufser uns zu sein 69. 

Konkurrenz 393. 

Konstitutiv 221 f.; konstitutiver Grundsatz 692; Ge- 
brauch 672; Prinzip 537. 

Konstruktion Vorr. Xu. 

Konstruieren 221, 222, 271, 741—766. 

Kontinuität 211; aller Veränderung 254; Prinzip derselben 
281 ; der Formen 686. 

Kopieen 606. 

Korrelat der Erscheinungen 45. 

Kosmologie 391, 874. 

Kosmologische Idee als Regulativ 700. 

Kosmotheologie 660. 

Kritik Vorr. XX, 869; der reinen Vernunft 24 f.; den Ur- 
sachen der Verirrungen kann durch sie abgeholfen werden 
739; ihr mufs sich die Vernunft unterwerfen 766; sie im 
dogmatischen Gebrauche scheuen 767 ; der empirischen Ver- 
nunft bedarf es nicht 738. 

Kultur, Belehrung 737 f. 

L. 

Leer 267, 348, 737. 

Lehrspruch, Dogma 764. 

Leibniz 293; Leibniz - Wolfsche Philosophie 61; nahm die 
Erscheinungen als Dinge an sich selbst an 320; machte 
aus allen Substanzen Monaden 321, 323, 330, 339, 340; 
Ursprung seines Grundsatzes des Nichtzuunter- 
scheidenden 327 ; dafs Realitäten sich nicht widerstreiten 329; 
seiner vorherbestimmten Harmonie 331; seines Lehrbegriffs 
von Raum und Zeit 331; hat nicht die Möglichkeit des 
höchsten Wesens a priori eingesehen 629; sein Gesetz der 



Register zur Kritik. 177 

^^^ kontinuierlichen Stufenleiter der Geschöpfe 690; war ein 
^ Noologist 882. 
Lernen 864. 
Limitation 106. 
Locke 127, 327, 882. 

Logik Vorr. VIII, 74—90; allgemeine 76; formale 170; 
reine 77; transscendentale 88; angewandte 77, 78; prak- 
tische 736; des Scheins 349. 
Lücke zwischen zwei Erscheinungen giebt es nicht 281. 

M. 

Mannigfaltige, das, Synthesis desselben 606; unserer 
Idee 608. 

Mannigfaltigkeit, die, der Dinge 607. 

Materialer Idealismus 519. 

Materie 322, 876; der Erkenntnis 83; in der Erscheinung 
34, 400. 

Mathema 761. 

Mathematik Vorr. Xf.; reine, wie ist sie möglich 20; ihre 
Urteile sind insgesamt synthetisch 14 ; ihre Sätze sind jeder- 
zeit Urteile a priori 15 ; ihre Grundsätze 199 ; hat Anschau- 
ungen a priori 147; falscher Unterschied zwischen ihr und 
Philosophie 742 flf.; Ursache der Verschiedenheit zwischen 
ihr und Philosophie 748; Folgerung daraus 746 ff.; falsche 
Folgerung aus den glücklichen Fortschritten derselben 752; 
in ihr ist philosophische Methode nicht brauchbar 754. 

Mathematische Kategorien 110; Antinomie 558; Grund- 
sätze 201; Erkenntnis 741; Unterschied zwischen ihr 
und philosophischer 742; mathematische Methode ist 
in der Philosophie nicht brauchbar 754; Urteile sind ins- 
gesamt synthetisch 14 f. 

Maximen der Vernunft 694, 840; logische 364. 

Meinen 850; ist im Felde der reinen Vernunft nicht er- 
laubt 803. 

Merkmale des Urteils a priori 3. 

Metaphysik Vorr. XIV, 809, 869, 871f., 873f.; soll syn- 
thetische Erkenntnisse a priori haben 13; als Natur- 
anlage 21; wie ist sie möglich 22; als Wissenschaft 
wie ist sie möglich 22; Einteilung derselben 869; der Na- 
tur 809, 873; Einteilung derselben 873; der Sitten 

M ellin, Marginalien. 12 



178 Register zur Kritik. 

Abteilung des Systems derselben 874; Notwendigkeit und 
Würde derselben 877—879. 

Metaphysische Erörterung 38. 

Methode, skeptische 451; wird verteidigt 797; mathe- 
matische 741; dogmatische 765; Verschiedenheit derselben 
unter den Philosophen 883; scientifische 884. 

Methodenlehre, transscendentale 735. 

Modalität der Urteile 99; Kategorien derselben 266. 

Möglich 265 f., 286. 

Möglichkeit, logische 101; reale 268, 284, 302, 609, 624; 
die gesamte 600; das Schema derselben 184; eines Daseins 
zu schaffen ist nicht erlaubt 798; logische Kriterien der- 
selben 115. 

Moment 210. 

Monaden 322. 

Monadologie 330. 

Monogrammen 598. 

Moral, reine 79. 

Moralische Welt 836. 

Moralität 836. 

Moraltheologie 660. 

Mystisch 882. 

- N. 
Nach einander 46. 

Nachlassung, allmähliche 414. 

Natürliche Theologie 660. 

Natur, formaliter 165, 446*; materialiter 163, 165, 263, 446* 
482, 873; geistige 712; Physiologie der gesamten 874; 
körperliche, denkende 874; Philosophie derselben 873*; 
Metaphysik derselben 874, 875. 

Naturbedingungen 572. 

Naturbegriffe, transscendentale 448. 

Naturbetrachtung, rationale 846. 

Naturgesetze 280, 830. 

Naturlehre, eigentliche (empirische) 876. 

Naturnotwendigkeit 446. 

Naturwissenschaft, reine, enthält synthetische Wissen- 
schaft a priori 17; wie ist sie möglich 20. 

Negation 182, 209, 229, 329, 602. 

Nichts 214, 346f. 



Register zur Kritik. 179 

Nichtsein eines Dinges 621: 

Noogonie 327. 

N o t i o n , Verstandesbegriff 377 . 

Notwendig 101, 168, 266. 

Notwendigkeit 111, 302; Merkmal der Urteile a priori 3; 
das Schema derselben 184; in ihrem empirischen Ge- 
brauche 266; materiale, formale oder logische 279; keine 
in der Natur ist blind 280; der Existenz 279, 280; Kriterium 
derselben 280; der Wirkungen in der Natur 280; die un- 
bedingte der Urteile ist nicht eine absolute der Sachen 621 ; 
absolute 381, 635, 640; die Grundsätze derselben sind regu- 
lative Prinzipien 644 ; die unbedingte ist der wahre Abgrund 
für den menschlichen Verstand 641. 

Noumenon 294, 306, 341, 343 f. 

0. 

Obersatz 386. 

Oberstes Gut, s. Gut. 

Objekt 137, 234 f., 267; s. Gegenstand. 

Objektiv 64, 819; objektive Gültigkeit 122; Realität 

698; Einheit 142. 
Ohngefähr, blindes 280. 
Offenbarung 659. 
Ontologie 303, 660, 873f. 
Ontologischer Beweis 620f. 
Ontotheologie 660. 
Organen 76; der reinen Vernunft 24. 
Ort, logischer 324; transscenden taler 324. 
Ostensiver Begriff 699. 

P. 

Paralogismus, logischer 399; transscendentaler 398 f. 
Pathologisch 830. 
Perception 376. 
Person 408. 

Personalität, Persönlichkeit 403, 409. 
Personifizieren 611*. 
Phänomen 306. 

Philosoph 867; der Moralist heifst xax i^oxriy so 868. 
Philosophie 866 f.; zwei Gegenstände derselben 868; Ein- 
teilung der Philosophen 868. 

12* 



180 Register zur Kritik. 

Philosophieren 806. 

Physikotheologie 660, 718. 

Physikotheologisch 648. 

Physik, rationale 874. 

Physiokraten, transscendentale 477 f. 

Physiologie der reinen Vernunft 872. 

Plato fand die Ideen vorzüglich im Praktischen 371; dafs 
die Natur aus Ideen entsprungen sei 374; sein Ausdruck 
Idee 370; seine Behauptung, dafs keine Strafen nötig sein 
würden 313; seine Republik 372. 

Piatonismus 499. 

Polemischer Gebrauch der reinen Vernunft 766 f. 

Polemisieren, skeptisches, Nutzen desselben 791. 

Postulat 285, 366. 

Postulieren 861. 

Praktisch 371, 828, 830; praktische Erkenntnis postuliert 
Gott 661. 

Prädikabilien 108. 

Prädikat 10; Verknüpfung desselben mit dem Subjekt durch 
Identität 10; thut nichts zum Begriff des Subjekts hinzu 11; 
welche ein synthetisch Urteil geben 11; nach dem Satz des 
Widerspruchs aus dem Begriff herausziehen 12. 

Pragmatisch 828, 834. 

Priestley mufs nicht verdammt werden 773. 

Principium 356f., 680; oberstes aller analytischen Er- 
kenntnis 191 ; aller synthetischen Erkenntnis 191 ; der Ana- 
logien der Erfahrung 218 ; komparatives 358; regulatives 537; 
objektives auf unbestimmte Art 708. 

Probierstein der Wahrheit der Religion 675. 

Problematisch 100. 

Progressive Synthesis 348. 

Progressus 538. 

Prosyllogismus 388. 

Psychologie 391; der reinen Vernunft 873 ; immanente 873; 
rationale 874. 

Psychologische Idee als Regulativ 700. 

Qualität 106; der Empfindung 217; einzige a priori an 
Gröfsen 218. 



Begiflter zur Eritik. 181 

Quantität 106; der Materie 215; einzige a priori an der 

Qualität 218. 
Quantum 212. 

R. 

Rationale Erkenntnis s. Erkenntnis. 

Raum, kann nicht als etwas in uns angeschaut werden 37; 
ist Anschauung und nicht Begriflf 40, 136; eine reine An- 
schauung 39, 45; metaphysische Erörterung seines Begriffs 37; 
transscendentale Erörterung seines Begriffs 37 ; ist kein em- 
pirischer Begriff 38; kein diskursiver Begriff 39; keine un- 
endliche gegebene Gröfse 39; transscendentale Erörterung 
seines Begriffs 40; hat nur drei Abmessungen 41; Schlüsse 
aus der transscendentalen Erörterung 42; aufser ihm giebt 
es keine andere auf etwas Äufseres bezogene Vorstellung, 
die a priori objektiv wäre 44; die Idealität desselben mufs 
nicht durch unzulängliche Beispiele erläutert werden 45; 
existiert nur in uns 59; leerer 457 f.; von ihm gilt nicht 
der Beweis für den dialektischen Grundsatz der Monado- 
logie 466 f.; Leibnizens Vorstellung von ihm 323, 331; 
eigene Wirklichkeit desselben 519; Substanz in ihm ohne 
Undurchdringlichkeit 798; in ihm gegenwärtig sein, ohne 
ihn zu erfüllen 270; alle Gestalten sind lediglich verschie- 
dene Einschränkungen desselben 647; die klarsten mathe- 
matischen Beweise sollen nicht Einsichten in die Beschaffen- 
heit des Raumes sein 467. 

Real 214, 217; definieren 300. 

Realität 44, 182, 209, 214, 338, 602; subjektive 242; ob- 
jektive 44, 53, 194, 269, 412, 602, 698; wenn sich kein 
Widerstreit zwischen Realitäten denken läfst 320; em- 
pirische 44, 52 f.; absolute transscendentale 52. 

Rezeptivität der Eindrücke 74. 

Reflexion, s. Überlegung. 

Reflexionsbegriffe 316. 

Regressive Synthesis 438. 

Regressus, Unterschied desselben, wenn das Ganze empirisch 
gegeben ist oder nicht 542; dafs nie davon die Rede sein 
kann, wie weit wir im Empirischen der Bedingungen zurück- 
gehen müssen 543 ; in ihm wird keine Erfahrung von einem 
absoluten Ganzen angetroffen 545; in indefinitum 546, 548 f.; 
in infinitum 549. 



182 Register zur Kritik. 

Regulatives Prinzip 537. 

Reich, das, der Gnaden ist eine Idee der Vernunft 840. 

Rein 74. 

Reine Anschauung 34; Erkenntnisse 3; Vernunft, ihre Prin- 
zipien haben im moralischen Gebrauche objektive Realität 
835; Vorstellungen 34. 

Reihe, aufsteigende 388; absteigende 388. 

Reizen 830. 

Relation 106. 

Reproduktive Einbildungskraft 152. 

Republik, Platonische 372. 

Restringieren 186. 

S. 

Satz a priori 11; empirischer 64; transscendentaler 8 10 f.; 
synthetischer 13, 18; von dem Verhältnis der Begriffe 328. 

Skeptizismus 451; zu ihm fuhrt der Dogmatismus 23. 

Skeptische Methode 451. 

Schein, Illusion 69, 349 f.; empirischer 350; logischer 353; 
transscendentaler 352. 

Schema eines reinen Verstandesbegriffs 111; aller vier Kate- 
gorien 184; der Gröfse 182; Realität, Substanz, Ursache, 
Gemeinschaft 183; Möglichkeit, Wirklichkeit, Notwendigkeit 
184; transscendentales 177; architektonisches 861. 

Schematismus des reinen Verstandes 175 — 187. 

Schlufs 359 f.; unmittelbarer 355, 360; drei Arten von dia- 
lektischen Schlüssen 390; alle erdenklichen 392; von den 
dialektischen der reinen Vernunft 396 — 398. 

Schlufsarten, dreierlei 390. 

Schlufsfolge 360. 

Schlufssatz (conclusio) 361, 386. 

Schranken, s. Limitation. 

Seele 400, 403, 710; Prüfung der Sätze, sie sei Substanz, 
einfach, eins, im Verhältnis zu möglichen Gegenständen im 
Raum 402; der Beweise ihrer Immaterialität, Substanziali- 
tat, Inkorruptibilität, Personalität, Spiritualität, ihres Com- 
merciums mit Körpern, ihrer Immortalität 403; Gemeinschaft 
der Seele mit dem Körper 427. 

Seelenlehre, eine rationale 400, 401, 403, 406; empirische 
400 ; transscendentale 391 ; vier Paralogismen derselben 403. 

Selbst, s. Ich. 



Register zur Kritik. 183 

Selbstbewufstsein, s. Apperzeption. 

Selbstthätigkeit, Freiheit 446. 

Sensible Welt 312. 

Sensifizieren 327. 

Sensitiv 312. 

Simultaneität 226. 

Sinn, äufserer 37; innerer 49, 220; etwas bleibt ohne Sinn 
299. 

Sinnenwelt 480, 562. 

Sinnenwesen 306. 

Sinnesart 579. 

Sinnlichkeit 33, 61, 68, 75, 152; nach Leibniz 326 f. 

Sinnlich machen 229. 

Sitteugesetz, s. Gesetz. 

Sittlichkeit, s. Moralität. 

Sollen 575f. 

Spezifikationsgesetz 684f. 

Spiritualität 403. 

Spontaneität der Begriflfe 74, 162*. 

Stammbegriffe 108. 

Stetigkeit, s. Kontinuität. 

Stufenleiter 696. 

Subjekt 410, 411; transscendentales 404 f.; des Urteils 412; 
für sich bestehendes 413. 

Subjektiv 230, 240. 

Subsistenz 230. 

Substanz 106, 149, 186, 227, 250, 289, 300, 331 f., 407, 
413; Schema derselben 183, 224 f.; ein Körper mufs als 
solche im Räume vorgestellt werden 553; schickt sich nicht 
zu einer transscendentalen Idee 441; ist das Substrat 
alles Realen 225; der empirischen Vorstellung der Zeit 226; 
Bestimmungen der Substanz 229; jede zusammenge- 
setzte in der Welt besteht aus einfachen Teilen 462 f.; 
nicht aus einfachen Teilen 463 f.; Auflösung dieser Anti- 
nomie 551. 

Substrat der Erscheinungen ist die Zeit 224; alles Realen 
ist die Substanz 225; der empirischen Vorstellung der Zeit 
ist die Substanz 226. 

Subsumieren 172. 

Succession 226, 233; des Mannigfaltigen nach einer Regel 183. 



184 Register zur Kritik. 

Successiv 246. 

Supponieren 661. 

Synthesis 102, 103, 130, 199, 221; der Apperzeption 162; 
reine 103 ; transscendentale 151, 747 ; der Apprehension 160 ; 
figürliche 151; mathematische, dynamische 57; progressive, 
regressive 438; der mannigfaltigen Teile des Raumes 439. 

Synthetisch 160 f., 204; synthetische Urteile 286; a priori 
12, 14, 148 ; direkt synthetischer Satz 764 ; oberster Grund- 
satz aller synthetischen Urteile 193 f.; synthetische Einheit 
364. 

System 25, 89, 860. 

Systematisch 884. 

T. 

Technisch 861. 

Teil, einfacher, zusammengesetzter 446, 462 flf.; des Raumes 
440; unendlich viel Teile 515; die Menge derselben 533. 

Teilbarkeit 554. 

Teilung 416; eines Körpers 541; der Teile 551. 

Teleologie 867. 

Theist 659. 

Theologie, aus blofser Vernunft, Oflfenbarung, natürliche 
659; transscendentale 392, 608, 659; Gegenstand derselben 
608. 

Theologische Idee als Regulativ 661. 

Thetik 448. 

Totalität in der Synthesis der Bedingungen 380; eines 
Quanti 456 f«; absolute 525; der kosmologische Grundsatz 
derselben ist ein regulatives Prinzip 536; der Ableitung der 
Weltbegebenheiten aus ihren Ursachen 560; der Abhängig- 
keit der Erscheinungen ihrem Dasein nach überhaupt 587; 
der Teilung eines gegebenen Ganzen in der Anschauung 
551; der Zusammensetzung der Erscheinungen zu einem 
Weltganzen 545. 

Transscendent 365, 671; ist nicht einerlei mit transscen- 
dental 352; transscendente Anmafsungen 809; Naturbegriffe 
448. 

Transscendental 25, 80, 602; transscendentale Ästhetik 
35; Erörterung 40; Bejahung, Verneinung 602; Erkenntnis 
25, 80; Logik 36, 81; Kritik 26ff.; Idealität 44; der 
Zeit 52; Gebrauch eines Begriffs 81, 298, 313; trans- 



Register zur Kritik. 185 

scendentaler Gegenstand 304; Schein 352; transscen- 
dentale Topik 324. 
Transscendentalphilosophie 25, 73, 873; Trieb- 
feder 617. 

U. 

Übel, nach Leibniz 350. 

Überfliegend, transscendent 671. 

Überlegung 316; logische 318; transscendentale 317, 325. 

Überredung 848. 

Überschwenglich, s. transscendent. 

Überzeugung 848, 850, 856. 

ümfangsinteresse der Vernunft 682. 

ümrifs 861. 

Umschweife 34. 

Unbedingt, dreierlei 379, schlechthin, absolut 382. 

Unbestimmbar weit 540. 

Unbestimmte objektive Gültigkeit 697; Erklärung der- 
selben 698. 

Unding 348. 

Undurchdringlichkeit 321. 

Unendlich 458; a parte priori 445; unendliche gegebene 
Gröfse 39; unendliche Welt 456; Unterschied des Unend- 
lichen und des unbestimmbar weiten Fortgangs 539; die 
Teilung geht ins Unendliche 540; unendliche Urteile 97 £ 

Unendlichkeit 459; mathematischer und transsoendentaler 
Begriff derselben 460. 

Unlauterkeit der menschlichen Natur 775 f 

Unmöglich an sich selbst 274. 

Unmöglichkeit 106; die nicht auf dem Begriffe an sich 
selbst beruht 268. 

Unsterblichkeit, eine unvermeidliche Aufgabe der reinen 
Vernunft 7. 

Untersatz 386. 

Unvermeidlich, wenn der dogmatische Idealismus es sei 
274. 

Unvermögen, ein Dasein aufser dem unsrigen durch un- 
mittelbare Erfahrung zu beweisen 275. 

Urbild 606. 

Ursache 106 ; Schema derselben 183 ; Gesetz der Verknüpfung 



186 Register zur Kritik. 

derselben mit ihrer Wirkung 232; kann mit der Wirkung 
zugleich sein 247, 248; intelligible 579; empirische 580. 

Ursprünglich 755; ursprüngliche Anschauung 72. 

Urteil 93 f., 140 ff. ; analytisches und synthetisches 10 — 14; 
synthetisch ist jedes mathematische 14; Naturwissenschaft 
enthält dergleichen 17; in der Metaphysik sind dergleichen 
enthalten 18; wie sind dergleichen a priori möglich? 19; 
von der logischen Funktion des Denkens in Urteilen 595 f.; 
einzelnes 96; in ihm ist Schein oder Wahrheit 350. 

Urteilskraft 171; Fehltritte derselben 174. 

Urwesen 606; mufs als einfach gedacht werden 607; Argu- 
ment, worauf die Vernunft ihre Fortschritte dazu gründet 
612; aus transscendentalen Begriffen 659; s. Gott. 

V. 

Verändern 213. 

Veränderung Vorr. XLI, 48, 213, 477, 488; jede geschieht 
nach dem Gesetze der Verknüpfung der Ursache und Wir- 
kung 232, 3; ist kein Datum a priori 58; Form einer jeden 
252; als Folge des absolut Notwendigen 480. 

Verbinden, das Mannigfaltige der Anschauung 153. 

Verbindung 129f., 201. 

Vergleichung 318. 

Vergleichungsbegriff 318. 

Verhältnisse, in gewisse, wird das Mannigfaltige der Er- 
scheinungen geordnet 25; ideale 265; objektive 607. 

Verknüpfung 201; metaphysische und physische 202. 

Vermögen, erzeugendes 864. 

Verneinung, s. Negation. 

Vernünftelnde Begriffe 672. 

Vernunft 863 f., 353 f., 386, Vorr. IX; reine 24; mensch- 
liche 354; an sich 363; von ihrem Gebrauche 362; apodik- 
tischer und hypothetischer Gebrauch derselben 674 f.; der- 
selben intelligible Kausalität 575; empirischer Charakter 
576; intelligibles Vermögen 579; faule 717; verkehrte 720; 
gesetzgebende 723) ist einer Sphäre gleich 790; System der 
reinen 869. 

Vernunftbegriffe, reine 595. 

Vernunfteinheit 359, 383. 



Register zur Kritik. 187 

Vernunfterkenntnisse, philosophische und mathema- 
tische 863; objektive und subjektive 864. 

Vernunftwesen 709. 

Verschiedenheit 319. 

Verstand 75, 137f., 171, 311, 359f., 575, 672; desselben 
Kanon 77; reiner 81; desselben Verrichtung 135; von seiner 
logischen Funktion 95 f.; desselben Synthesis 145. 

Verstandesbegriff 396, 106. 

Verstandeseinheit 383. 

Verstandesschlufs 360. 

Verstandesverbindung 151. 

Verstandeswesen 306. 

Verstehen 367. 

Verteidigen 804. 

Vielheit 106. 

Vollkommenheit 722. 

Vorstellung 242, 376 f.; Fähigkeit, sie zu bekommen 34; 
reine 35; deutliche dessen, was zu einem Begriff gehört 38. 

Vorübend, propädeutisch 878. 

W. 

Wachsen, äufserlich und innerlich 861. 

Wahrheit 349f., 670, 848; Form derselben 82f., 84, 296; 
allgemeines Kriterium derselben 83; materielle 85, 816; ist 
nicht im Gegenstande 350; transscendentale 185; in An- 
sehung der Folgen 114. 

Wahrnehmung 147, 207. 

Wahrscheinlichkeit 349. 

Wandelbares erleidet keine Veränderung 231. 

Wechsel der Erscheinungen 224 f. 

Wechselwirkung, s. Gemeinschaft. 

Weisheit 385. 

Welt 446 f., 483; hat einen Anfang und Grenzen 454; hat 
keinen Anfang, keine Grenzen 455; ist weder bedingt noch 
unbedingt begrenzt 550; moralische 712, 836, 843; intelli- 
gible 837; sensible 312; Reihe der Weltbedingungen 388; 
ob jede Wirkung in derselben entweder aus Natur oder aus 
Freiheit entspringen müsse 564. 

Weltanfang 446. 

Weltbaumeister 



188 Register zur Kritik. 

Weltbegriffe 434, 447, 866, 867. 

Welterkenntnis, transscendentale 392, 874. 

Weltgrenze 446. 

Weltgröfse, Idee derselben 515. 

Weltidee, ist zu grofs oder zu klein fiir den Verstandes- 
begriff 517. 

Weltschöpfer 655. 

Welturheber 

Weltursache 

Wesen aller Wesen 606; denkende 876; Idee des schlecht- 
hin notwendigen 516; Existenz desselben 606f. 

Wetten 852. 

Widerspruch, Satz desselben 190; ist das Prinzip aller 
analytischen Erkenntnis 191. 

Widerstreit 320, s. Antinomie. 

Willkür, freie und tierische 830, 562. 

Wirklich 266; Beispiel davon 521. 

Wirklichkeit der Gegenstände 272, 523; das Schema der- 
selben 184. 

Wissen 850. 

Wolf Vorr. XXXVI, 884. 

Würdigkeit 834. 

Z. 

Zahl 15, 16, 111, 182, 212. 

Zahlformeln 205. 

Zeit kann äufserlich nicht angeschaut werden 37; ist eine 
reine Anschauung 39, 50; metaphysische Erörterung 
ihres Begriffs 46; transscendentale 47f.; Schlüsse 
daraus 49; Eigenschaften derselben 50; empirische Realität 
und transscendentale Idealität derselben 52; existiert in 
uns 59; besteht aus Zeiten 211 ; ist eine Quelle synthetischer 
Erkenntnisse 55; Leibnizens Lehrbegriff davon 323, 331. 

Zeitbestimmung 184. 

Zeitfolge 50. 

Zeitinbegriff 185. 

Zeitinhalt 184. 

Zeitordnung 184. 

Zeitreihe 184. 

Zeno 530. 

Zergliedern der Begriffe 11 — 103. 



Register znr Kritik. 189 

Zucht, Disziplin 738. 

Zufällig 486; ohne Notwendiges 517; die Existenz desselben 
ist ohne Kausalität nicht zu begreifen 289. 

Zugleich 49; wenn Dinge es sind 256 f. 

Zusammenhang, mechanischer, physischer, teleologischer 
715; der Erfahrung 279; aller Erscheinungen 282; mög- 
licher Realitäten 211. 

Zusammensetzung 201, 322. 

Zweck, architektonische Verknüpfung nach demselben 375. 

Zweifel, Ursprung desselben 790. 

Zwischenempfindungen 210. 




Verlag von Leopold Voss in Hambnrg. 

Die 

WahrscheinlichMsrechnung. 

Versuch einer Kritik 



von 



Dr. Ludwig Goldscilmidt, 

niAthematlBchem Revisor der LebeuBTersicheriingsbank für DeutschlMid zu Gotha. 

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Kant und Helmholtz. 

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Dr. phil. Ludwig Goldschmidt. 

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Engelhard -Beyhenche Hofbnchdrackerei in Gotha. 



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